Bernd Hollerbach im Interview

„Ich habe immer alles gegeben“

Bernd Hollerbach war beim FC St. Pauli ein Held. Doch als er über Lautern zum HSV gewechselt war, wurden die „Ho-Ho-Hollerbach“-Rufe in „Ho-Ho-Hochverrat“ umgeschrieben. Wir sprachen mit ihm über das Sakrileg.
Heft #74 01 / 2008
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Herr Hollerbach, sie sind vom FC St. Pauli über Kaiserslautern zum HSV gewechselt. Glauben Sie, dass Sie sich damit zu einer der unbeliebtesten Personen am Millerntor gemacht haben?

Nein. Ich denke, dass sich das im Laufe der Jahre relativiert hat. Aber ein Wechsel von einem Stadtverein zum anderen ist natürlich immer schwierig. Egal, ob das jetzt von St. Pauli zum HSV oder von Sechzig zu Bayern ist.

Waren Sie denn enttäuscht, als die St. Pauli-Fans die „Ho-Ho-Hollerbach“-Rufe in „Ho-Ho-Hochverrat“ geändert haben?

Nein, da war ich nicht enttäuscht. Es war ja schön, dort Publikumsliebling zu sein. Andererseits hab’ ich das dann auch beim HSV geschafft. Von dem her muss ich mich ja ganz gut für die Vereine eingesetzt haben.

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Konnten Sie die Reaktion der St. Pauli-Fans nachvollziehen?

Ja, klar. Ich konnte gut nachvollziehen, dass sie enttäuscht waren. Aber ich wollte unbedingt international spielen. Das war mir wichtig. Ich wollte das Maximum aus meiner Karriere rausholen.

Würden Sie sich heute noch trauen, ins Millerntor-Stadion zu gehen?


Ich hab erst kürzlich beim „Tag der Legenden“ dort gespielt und bin wirklich super empfangen worden. Ich will ja nur, dass die Leute sagen: „Mensch, der hat alles für den Verein gegeben.“ Und ich glaube, so denken die St. Pauli-Fans mittlerweile.

Meinen Sie, dass Ihre Spielweise ein wenig dem Fantum von St. Pauli entspricht? Raubeinig, kompromisslos und ein wenig ungezogen.


Ich hab’ halt immer versucht, alles für meinen Verein zu geben und bis an die Grenzen zu gehen. Vielleicht ist es das.

Ist Ihnen der Wechsel damals zum HSV schwer gefallen? Und warum haben Sie sich dafür entschieden?

Klar ist mir das schwer gefallen. Ausschlaggebend war, dass ich unbedingt unter Felix Magath trainieren und international Fußball spielen wollte.

Was ist so faszinierend an Felix Magath?

Er war für mich als Spieler schon ein ganz Großer, und als Trainer ist er das auch. Es war damals schon so, dass ich meine Antennen ausgefahren und gut zugehört habe, wenn Felix Magath etwas gesagt hat. Er hat mich nach vorne gebracht. Ich glaube, ohne ihn hätte ich niemals Champions League gespielt.

Sie haben über Jahre hinweg den Mythos St. Pauli miterlebt und geprägt. Haben Sie Erinnerungen an diese Zeit, die ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Ja, klar. Der Abstieg 1991 war natürlich richtig deprimierend. Als junger Spieler, der gerade in den Verein gekommen ist, durch die Relegationsspiele den Abstieg hinnehmen zu müssen, das war schon eine schwierige Zeit. Aber umso schöner war dann wieder der Aufstieg. Das waren beides Erlebnisse, die man nicht vergisst. Besonders der Aufstieg war toll, eine schöne Erfahrung.

Aber dann haben Sie den Verein verlassen.

Ja. Das war doch ein schöner Abschluss.

Was macht für sie den Mythos St. Pauli aus? Was ist das Besondere am Verein und an den Fans?


In dem Stadion sind alle gleich. Egal, ob das jetzt ein Rektor ist oder ein Doktor oder jemand aus der Hafenstraße. Alle Schichten sind da vertreten und kommen gut zurecht. Das finde ich toll.

Wenn man als junger Spieler zu St. Pauli kommt, ist das so wie man es erwartet?

Es hat eigentlich alles übertroffen. Es war viel aufregender, als ich es mir vorgestellt habe. Diese tollen Fans, dieser Rückhalt, den sie uns zu Hause immer gegeben haben, das war für mich als junger Spieler eine super Zeit. Ich bin dem Verein auch sehr dankbar, dass ich mich dort entwickeln konnte. Ich durfte spielen, was sehr wichtig ist für einen jungen Spieler. Dafür ist der Verein einfach super.

Mussten Sie lange überlegen, als Sie ein Angebot von St. Pauli hatten?


Es hat damals auch andere Angebote gegeben. Aber ich war dann zum Probetraining da und die haben mich einfach nicht mehr weggelassen. Eigentlich wollte ich erst im Sommer wechseln, aber die Verantwortlichen haben mich sofort unter Vertrag genommen. Die haben mir eigentlich keine Chance gegeben, mich mit anderen Vereinen zu treffen.

Was sind Ihrer Meinung nach die krassesten Unterschiede zwischen dem HSV und St. Pauli?

Das lässt sich schwer vergleichen. Die HSV-Fans kommen eher aus dem Umland, wogegen die Pauli-Fans eher aus der Stadt kommen. Außerdem ist der HSV natürlich ein riesiger Traditionsverein, der auch sportlich sehr große Erfolge erzielt hat. St. Pauli lebt mehr von seinem Underdog-Image. Die Leute lieben ja meist die Underdogs.

Haben Sie das Gefühl, dass sich der Verein seit ihrer Zeit sehr verändert hat? Stichwort: Stadionbau und Kommerzialisierung.

Ich denke, dass es diesen Kult St. Pauli immer geben wird. Und ich glaube nicht, dass auf St. Pauli zu viel kommerzialisiert wird. Man muss natürlich mit der Zeit gehen, und man hat immer Auflagen vom DFB zu erfüllen, was die Sicherheit betrifft. Aber ich denke, so wie das Stadion jetzt gebaut wird, klein und englisch, werden sie es auf St. Pauli lieben. Außerdem ist der Standort am Heiligengeistfeld toll. Es ist ja nicht so, dass die Fans jetzt in die Nordbank-Arena müssen. Für den St. Pauli-Fan war immer wichtig, dass am Millerntor gespielt wird.

Die Fans wehren sich aber beispielsweise gegen die Einführung des „Millerntalers“. Zu Recht?

Ich finde, „Millerntaler“ klingt toll. Marketingtechnisch hat St. Pauli doch schon einige Erfolge gefeiert. Die sind doch dafür bekannt, dass sie sich immer was Besonderes einfallen lassen. Ich finde die Geschichte eigentlich witzig. Und wenn die Sache dann auch noch Geld bringt, damit der Verein wettbewerbsfähig ist und bleibt, dann haben doch alle was davon.

Wo sehen Sie Zukunft des Vereins?

St. Pauli hat durchaus seine Möglichkeiten. Man merkt, dass es aufwärts geht im Verein. Sie haben den Aufstieg in die Zweite Bundesliga geschafft, was sich ja lang als schwierig herausgestellt hat. Außerdem haben sie mit Holger Stanislawski einen Mann, der den Verein kennt, der weiß, was da los ist, und gute Arbeit macht. Ich könnte mir schon vorstellen, dass die irgendwann wieder erste Liga spielen können. Und für die Stadt und die Fans gäbe es, glaube ich, nichts Schöneres. Für mich als Spieler waren die Derbys immer die Highlights. Ich glaube, dass die Fans danach lechzen, wieder ein Derby in Hamburg auszutragen. Und ich drück’ den Verantwortlichen auf St. Pauli die Daumen, dass es wieder in die erste Liga geht.

Jetzt sind Sie Co-Trainer in Wolfsburg. Ist der VfL nicht das absolute Kontrastprogramm zu St. Pauli?

Schon. Beide Vereine sind auf ihre Art und Weise sehr interessant. Aber Wolfsburg ist ein ganz anders geführter Verein. Wir sind dort ja noch am Anfang der Entwicklung und versuchen, uns in der Bundesliga-Spitze zu etablieren. Aber St. Pauli in die erste Liga zu führen ist, sicherlich auch eine interessante Aufgabe. Mit den Zuschauern, mit dem Umfeld, mit der Stadt und dem ganzen Enthusiasmus im Rücken. Das ist beides hochinteressant und macht beides bestimmt viel Spaß, lässt sich aber nur schwer vergleichen.

Könnten Sie sich denn vorstellen, irgendwann mal als Trainer ans Millerntor zurückzukehren?

Die Frage stellt sich für mich nicht. Ich bin im Moment sehr glücklich.

Sie haben einmal gesagt: „An mir kommt entweder der Ball oder der Gegner vorbei, aber nie beide.“ Versuchen Sie diese Philosophie auch den Spielern zu vermitteln?


Man sagt immer das ein oder andere, wenn man jung ist. Grundsätzlich habe ich immer die Einstellung gehabt, alles für meinen Verein zu geben und bis an die Grenzen zu gehen. Aber ich war nicht nur hart zu meinen Gegenspielern, sondern auch hart zu mir selber. Das ist immer das Entscheidende.

Dick van Burik hat mal gesagt, er würde Sie auch gerne mal auf einem Amateurplatz treffen, frei nach dem Motto: Wer austeilt muss auch einstecken können. Macht Sie solch eine Bemerkung nachdenklich?

Nein, absolut nicht. Da kann ich eigentlich nur drüber lachen. Wenn es auf den Platz geht, dann geht’s halt zur Sache, aber nach dem Spiel ist alles vergessen. Ich mag auch Leute nicht, die nachtragend sind. Ich hab mich nie über jemanden beschwert. Ich glaub’, ich hab’ viel ausgeteilt, und ich hab’ auch viel eingesteckt, aber das war alles im Rahmen. Ich denke, Dick van Burik wäre froh gewesen, wenn er mit mir in einer Mannschaft gespielt hätte.

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