»Bernd Hoffmann wird es schwerer haben«

Was ist neu am HSV-Aufsichtsrat, Ronald Wulff?

Am vergangenen Sonntag wurde beim HSV ein neuer Aufsichtsrat gewählt. Ex-Präsident Ronald Wulff ist nach elf Jahren nicht mehr dabei. Wir sprachen mit ihm über einen Aufpasser für Bastian Reinhardt und die Ära Bernd Hoffmann. »Bernd Hoffmann wird es schwerer haben«

Ronald Wulff, nach elf Jahren im Aufsichtsrat des HSV sind Sie am Sonntag nicht wiedergewählt worden. Enttäuscht Sie das?

Ronald Wulff: Natürlich, keine Frage. Doch ich habe damit gerechnet. Denn die Wahl war eine Protestwahl für die schlechte Außendarstellung des HSV-Aufsichtsrates bei diversen Themen.

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Welche meinen Sie?

Ronald Wulff: Zum Beispiel die Entlassung von Dietmar Beiersdorfer, die anschließende Sportchefsuche oder der Deal mit dem Privtainvestor Klaus-Michael Kühne. Außerdem hat der Aufsichtsrat des HSV zu viele Dinge mit sich machen lassen.

Der Aufsichtsrat hat die Marschrichtung des Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann zu häufig abgenickt?

Ronald Wulff: Es ist noch nie mein Stil gewesen, über die Medien Kritk an einer Person zu üben – und das werde ich auch jetzt nicht machen. Zu der These, das abgenickt wurde: Der Aufsichtsrat des HSV besteht aus zwölf Mitgliedern und für jede Entscheidung sind zwei Drittel der Stimmen nötig. Letztlich sprechen wir also nicht von einem Abnicken, sondern von Mehrheitsentscheidungen.

In der Öffentlichkeit wirkte das Zusammenspiel zwischen Aufsichtsrat und Bernd Hoffmann dennoch häufig konzeptlos. Gerade beim Kühne-Deal.

Ronald Wulff: Für mich ist es nach wie vor ein Unding, dass ein Investor im Nachhinein an Spielern beteiligt wird, die wir gescoutet und bezahlt haben. Zwei Drittel waren aber scheinbar anderer Meinung. Und natürlich: Nach Außen wirkte diese Geschichte unschön. Darüber hinaus war auch die Sportchefsuche für die öffentliche Wahrnehmung nicht förderlich.

Seit dieser Saison ist der ehemalige Profi Bastian Reinhardt Sportchef. Aktuell wird ein Aufpasser für den Neuling gefordert. Nicht gerade ein Vertrauensbeweis.

Ronald Wulff: Der HSV hat den Anspruch, eine Spitzenposition im deutschen Fußball einzunehmen, also möchte man, dass Dietmar Beiersdorfer nahtlos ersetzt wird. Und das ist mitnichten der Fall. Dabei mache ich keine Vorwürfe, denn Reinhardt ist ein Neuling und braucht Zeit.

Bekommt er die?

Ronald Wulff: Hoffentlich. Wissen Sie, als Dietmar Beiersdorfer als Sportchef beim HSV anfing, stand er an ähnlicher Stelle wie heute Bastian Reinhardt: Er hatte – abgesehen von seiner aktiven Zeit beim HSV – nichts vorzuweisen, er lernte von der Pike auf. Und das hat er gut gemacht. Es gibt jedenfalls nur wenige Sportchefs, die in den vergangenen Jahren so viele gute Transfers abwickelten.

Beiersdorfer holte Juan-Pablo Sorin und Thiago Neves zum HSV.

Ronald Wulff: Aber er holte zu 51 Prozent gute Leute. Spieler wie Nigel de Jong oder Rafael van der Vaart. Mit Khalid Boulahrouz und Daniel van Buyten hatten wir zeitweise die beste Innenverteidigung der Liga. Die Spieler wurden dann für viel Geld verkauft.

Und gemeinhin fragte man: Wieso verkauft der HSV stets so schnell? Wieso setzt der Klub nicht mal auf Kontinuität?

Ronald Wulff: Das ist doch auch meine Frage. Die Geduld bei Spielern ist eine Grundvorausstzung, um im Fußball oben mitspielen zu können.

Trauern Sie Sidney Sam hinterher?

Ronald Wulff: Ich habe vor der Saison gesagt, dass es ein großer Fehler war, ihn an Leverkusen zu verkaufen. Sam hatte eine großartige Saison beim 1. FC Kaiserslautern gespielt.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Entwicklung von Sam?

Ronald Wulff: Ich denke, wir müssen beim HSV strategisch umdenken, wir sind gezwungen, unser Nachuchskonzept zu überdenken. Das heißt im ersten Schritt: Geduld auch mit jungen Spielern.

Werden denn die Fans des HSV warten können?

Ronald Wulff: Wir sollten ihnen schlüssig vermitteln, dass wir ohne Top-Stars ein paar Jahre auf das internationale Geschäft verzichten müssen. Ich bin mir sicher, dass sie es honorieren werden, wenn man ihnen reinen Wein einschenkt. Noch am Sonntag habe ich mich mit etlichen Hardcore-Anhängern unterhalten. Der Tenor: Wir stehen dahinter, wenn endlich mal etwas aufgebaut wird.

Für eine kontinuierliche Arbeit beim HSV wäre auch Konstanz auf dem Trainer-Stuhl wichtig. Armin Veh verkündete unlängst, dass er einen Abschied nicht ausschließe.

Ronald Wulff: Das fand ich unmöglich. Jeder Trainer muss dankbar sein, in Hamburg zu arbeiten – bei so einem tollen Verein. Wie kommt also diese Aussage zustande? Wurde sie aus der Not geboren? Aus Verzweiflung?

Armin Veh ist Medienprofi.

Ronald Wulff: Deswegen hätte er wissen müssen, welche Wellen sein Statement schlägt.

Wobei er auch gesagt hat, dass der HSV seine letzte Station in Deutschland sein wird.

Ronald Wulff: So was kann ich nicht ernst nehmen. Es ist ebenfalls eine sehr unglückliche Äußerung. Genauso die Aussage, dass er seinen Verbleib von der Personalie Hoffmann abhängig macht.

Herr Wulff, was ändert sich mit dem neuen Aufsichtsrat des HSV?

Ronald Wulff: Bernd Hoffmann wird es schwerer haben, den Aufsichtsrat zu beherrschen. Die vier Neuen – Uli Klüver, Marek Erhardt, Jürgen Hunke und Manfred Ertel – lassen sich vermutlich nicht so leicht überzeugen wie andere Mitglieder in der Vergangenheit.

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