Bernd Hölzenbein im Interview

„Die Amerikaner waren total blind“

Im 11FREUNDE-Heft # 64 blicken wir zurück auf die North American Soccer League, die sagenumwobene Operettenliga. Bernd Hölzenbein spielte ab 1981 bei den Fort Lauderdale Strikers und zieht hier noch einmal Bilanz. Imago
Heft #64 03 / 2007
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64

Bernd Hölzenbein, 1981 wechselten Sie von Eintracht Frankfurt zu den Fort Lauderdale Strikers. War es ein Kulturschock?

Das nicht, aber zwei Dinge erschwerten den Wechsel: die Bullenhitze bei den Spielen und im Training – und das Zusammenspiel innerhalb des Teams. Aus der Bundesliga war ich gewohnt, dass eine Mannschaft miteinander spielt und versucht, gemeinsam Erfolg zu haben. In Florida spielte jeder für sich.

Woran lag das?

In der NASL wurde nach jedem Spiel ein „Player of the Match“ ermittelt. Dazu gab es kompliziertes Punktesystem nach dem die Spieler bewertet wurden. Für alles gab es Punkte: Vorlagen, Blocks, Schüsse, Tore. Das führte dazu, dass einige im Team mehr an ihrer Einzelwertung interessiert waren, als an einer erfolgreichen Mannschaftsleistung.

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Trainer der Strikers war damals der Deutsche Eckhard Krautzun. Warum gelang es ihm nicht, die Spieler zu disziplinieren?

Zu dem Punktesystem kam der unglückliche Umstand, dass es gegensätzliche Spielerfraktionen im Team gab: Die Engländer verstanden sich nicht mit den Holländern. Die Südamerikaner waren neidisch auf mich, weil sie glaubten, ich gehöre zu den neuen Großverdienern im Team. Die Amerikaner im Team waren nette Kerle und pfeilschnell – aber leider total blind. Teamspirit: Fehlanzeige.

Einer Ihrer Teamkollegen war Gerd Müller. Wie kamen Sie mit ihm zurecht?

Tatsächlich standen wir beide nur zwei Mal zusammen auf dem Platz. Mal war er verletzt, dann hatte ich wieder einen Muskelfaserriss. Auch, wenn wir zusammen Weltmeister geworden sind, viel Zeit haben wir in USA nie miteinander verbracht. Die Entfernungen zwischen unseren Wohnorten waren einfach zu groß. Wir haben zusammen trainiert und ab und zu in seinem Restaurant, der „Gerd Mueller Ambry“, gegessen. Das war’s.

Inwieweit trifft das Klischee der „Operettenliga“ zu. Oder anders gefragt: Haben Sie bei den Strikers ihr Leistungsniveau aus der Bundesliga eingebüßt?

Am Tag wurde höchstens eine Stunde trainiert. Aber dieser geringe Aufwand wurde durch die vielen Spiele wettgemacht. Auf einer Auswärtsreise haben wir oft drei Spiele innerhalb von einer Woche gemacht.

Sie kamen mit Mitte 30 nach Fort Lauderdale. Wie wichtig war Ihnen der sportliche Erfolg in den USA? Oder haben Sie sich bei den Strikers lediglich den Karriereausklang vergoldet?

Das Gehalt war gut, aber auch nicht so gut, dass das Sportliche keine Rolle mehr spielte. Ich bin bis heute ein Mensch, der immer gewinnen will. Insofern war mein Ehrgeiz auch in Fort Lauderdale ungebrochen. Nur, wie ich schon sagte: Am Anfang lief es nicht, das Zusammenspiel klappte nicht, und viele Zerrungen warfen mich immer wieder zurück. Erst im zweiten Jahr schoss ich meine Tore und wurde zum besten Spieler der Saison gewählt.

Woran lag es, dass Sie gerade am Anfang so oft verletzt waren?

In der Bundesliga predigte man uns Spielern damals noch, nicht so viel zu trinken. Heute weiß jeder, dass Leistungssportler extrem viel trinken sollen. Aufgrund der Hitze in USA wirkte sich der Wassermangel auf meine Muskulatur aus. Ich erlitt eine Zerrung nach der anderen. In Deutschland war mir das nie passiert. Da bin ich manchmal ohne Aufwärmen auf den Platz und habe drauf geballert.

Sie sagen, dass es in der zweiten Saison besser für sie lief, trotzdem verließen Sie Fort Lauderdale im Jahr 1983. Warum?

Nachdem Eckhard Krautzun gefeuert wurde, teilte mir der neue Trainer David Chadwick mit, dass er mich zwar als Spieler schätze, aber nicht länger mit mir plane. Von mir aus wäre ich gerne noch geblieben.

Was sie dann auch taten, allerdings nicht in Florida.

Als ich meinen Spind geräumt hatte und mich auf den Heimweg nach Deutschland machen wollte, bekam ich ein Angebot vom Hallenliga-Team aus Memphis, wo Horst Bertl der Trainer war. Ich sagte zu und hatte einen Riesenspaß, obwohl wir am Tabellenende rumdümpelten. Nach einem weiteren Engagement in Baltimore beendete ich erst 1986 meine USA-Zeit.

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In der nächsten Folge dieser Interviewreihe: Karl-Heinz Granitza über seine Zeit bei Chicago Sting. "Gerd Müller war 'der Bomber'", erinnert er sich, "Ich war 'King Bomber Karl'".

Hier www.11freunde.de/international/100398 geht es zur ersten Folge der Interviewreihe: Gerd Müller über seine Zeit in der NASL.

In der Flimmerkiste: Schlüsselszenen aus der Geschichte des US-amerikanischen Fußballs www.11freunde.de/flimmerkiste .

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