03.05.2013

Bernardo Romeo über San Lorenzo, den HSV und Gewalt im Fußball

»Du, Ball, da rein!«

In Hamburg schwärmen die Fans heute noch von seiner Top-Torquote: 35 Treffer in 77 Partien. Mittlerweile hat Bernardo Romeo die Fußballschuhe an den Nagel gehängt und lenkt als Manager die Geschicke des argentinischen Traditionsklubs San Lorenzo. Wir trafen ihn in Buenos Aires.

Interview: Kai Behrmann Bild: Imago

Die Sonne strahlt über dem Vereinsgelände von San Lorenzo. Der argentinische Herbst zeigt sich von seiner besten Seite. Bernardo Romeo beobachtet aufmerksam, wie Trainer Juan Antonio Pizzi die Spieler über den Platz scheucht. Vor gut sechs Monaten wäre der Schweiß an einem Tag wie diesem auch bei ihm noch in Strömen geflossen. Doch die kurzen Hosen hat er mittlerweile gegen Jeans und Hemd getauscht. Abseits im Schatten berät sich Romeo mit Klubpräsident Matías Lammens.
 
Seit Oktober 2012 arbeitet der ehemalige Profi des Hamburger SV als Manager beim argentinischen Traditionsklub. Dank seiner Treffsicherheit ist der Ex-Angreifer dort zum Idol geworden. Mit 99 Treffern belegt er Platz neun der ewigen Bestenliste.
 
Das Training ist vorbei. Romeo schreitet in Richtung Büro. Sein neues Reich ist ein spartanisch eingerichteter Raum im Bauch der Haupttribüne des Stadions »Nuevo Gasómetro«. Aus dem Fenster kann der 35 Jahre alte Argentinier direkt auf den Rasen blicken. Die Spielstätte von San Lorenzo ist ein eigentümliches Konstrukt.
 
Wie aus dem Baukasten hat man vier schlichte Betontribünen um das Spielfeld gruppiert. Während der Militärdiktatur in Argentinien war San Lorenzo 1979 von seinen Wurzeln im Stadtteil Almagro der Hauptstadt Buenos Aires vertrieben worden.
 
Bernardo Romeo, gut ein halbes Jahr sind Sie nun im Amt. Wie fällt ihre Bilanz aus?
Sehr positiv. Als ich anfing, herrschte viel Unruhe und Chaos im Klub. In der Vorsaison hatten wir uns erst in der Relegation knapp den Klassenerhalt gesichert. Seitdem arbeite ich gemeinsam mit dem neuen Präsidenten Matías Lammens und Trainer Pizzi rund um die Uhr daran, das Schiff wieder flott zu kriegen. Wir haben schon einiges bewegt, aber noch liegt ein weiter Weg vor uns. Zumindest haben wir uns zuletzt ein bisschen von den unteren Tabellenregionen entfernt.
 
Für Sie persönlich war es ein Sprung ins kalte Wasser. Vom Platz direkt auf den Managerposten.
Ja, das stimmt. Am 2. Juli 2012 habe ich in der Relegation gegen Instituto de Córdoba mein letztes Spiel für San Lorenzo als Profi bestritten. Drei Monate später kam schon das Angebot, als Manager zu arbeiten. Mir hat der Gedanke gleich gefallen. Am Ende der Karriere macht man sich ja schon Gedanken, in welcher Form es weitergehen soll. Ich war mir früh klar, dass ich eher als Manager denn als Trainer arbeiten wollte. Da steht man nicht ganz so in der Schusslinie und kann etwas ruhiger arbeiten. Ich denke, das liegt mir mehr.
 
Die Aufgabe hätte aber kaum anspruchsvoller sein können. Der Klub steckt sowohl sportlich als auch finanziell in großen Problemen. Ist das nicht ein bisschen viel für einen Novizen als Manager?
San Lorenzo ist mein Klub. Da musste ich nicht lange überlegen. Ich möchte dem Verein in diesen schwierigen Zeiten helfen und Verantwortung übernehmen. Noch ist natürlich vieles neu für mich. Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss. Aber die Aufgabe macht unheimlich viel Spaß. Ich liebe die Herausforderung. Mein Vertrag läuft noch bis Dezember. Dann wird die Klubführung neu gewählt und man wird sehen, wie es anschließend weitergeht.
 
Mit vielen Spielern des aktuellen Kaders haben Sie noch zusammengespielt. Bringt der Seitenwechsel Probleme mit sich?
Die Situation ist natürlich nicht ganz einfach. Plötzlich bin ich nicht mehr der Kollege sondern der Vorgesetzte. Aber die Jungs wissen, nach welchen Maximen ich handle. Ich bin immer geradlinig. Gegenseitiger Respekt steht für mich an erster Stelle. Von daher gibt es auch keine Probleme. Wir alle wissen, in welch schwieriger Situation sich der Klub befindet. Alle müssen nun an einem Strang ziehen und persönliche Dinge hinten anstellen, damit es wieder aufwärts geht. Das ist ein langer Weg, und wir werden viel Geduld brauchen.
 
Der Managerposten an sich hat in Argentinien keine große Tradition.
Richtig. Momentan haben in der ersten Liga glaube ich nur Vélez Sársfield, Racing Club, Estudiantes de La Plata und Colón de Santa Fé einen Manager. Dabei ist für mich ein Bindeglied zwischen Mannschaft und der Klubführung unverzichtbar. Besonders als Ex-Profi mit jahrelanger Erfahrung kann man sich ganz anders einbringen und wertvolle Denkanstöße geben. Jemand, der nie selbst Fußball gespielt hat, sieht viele Dinge vielleicht anders. Den meisten Funktionären, die aus anderen Bereichen kommen, fehlt oftmals dieses Insiderwissen. Zudem sind viele ja auch weiterhin in anderen Berufen tätig und können dadurch allein schon aus Zeitgründen nicht ständig präsent sein.
 
Findet in dieser Richtung derzeit ein Strukturwandel im argentinischen Fußball statt?
Noch ist es vielleicht etwas früh, diese Frage mit Ja zu beantworten. Doch zumindest  scheinen immer mehr Klubs zu erkennen, wie wichtig ein Manager ist. Insbesondere wenn es darum geht, Strukturen im Verein von der Jugend bis zu den Profis zu ordnen und professioneller zu gestalten. In Europa ist das ja schon seit langer Zeit der Fall. Argentinien verfügt über sehr gute Spielern und Rahmenbedingungen, aber wir müssen viel professioneller werden, um das vorhandene Potenzial noch besser auszuschöpfen.

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