Bernardo Romeo über San Lorenzo, den HSV und Gewalt im Fußball

»Du, Ball, da rein!«

In Hamburg schwärmen die Fans heute noch von seiner Top-Torquote: 35 Treffer in 77 Partien. Mittlerweile hat Bernardo Romeo die Fußballschuhe an den Nagel gehängt und lenkt als Manager die Geschicke des argentinischen Traditionsklubs San Lorenzo. Wir trafen ihn in Buenos Aires.

Die Sonne strahlt über dem Vereinsgelände von San Lorenzo. Der argentinische Herbst zeigt sich von seiner besten Seite. Bernardo Romeo beobachtet aufmerksam, wie Trainer Juan Antonio Pizzi die Spieler über den Platz scheucht. Vor gut sechs Monaten wäre der Schweiß an einem Tag wie diesem auch bei ihm noch in Strömen geflossen. Doch die kurzen Hosen hat er mittlerweile gegen Jeans und Hemd getauscht. Abseits im Schatten berät sich Romeo mit Klubpräsident Matías Lammens.
 
Seit Oktober 2012 arbeitet der ehemalige Profi des Hamburger SV als Manager beim argentinischen Traditionsklub. Dank seiner Treffsicherheit ist der Ex-Angreifer dort zum Idol geworden. Mit 99 Treffern belegt er Platz neun der ewigen Bestenliste.
 
Das Training ist vorbei. Romeo schreitet in Richtung Büro. Sein neues Reich ist ein spartanisch eingerichteter Raum im Bauch der Haupttribüne des Stadions »Nuevo Gasómetro«. Aus dem Fenster kann der 35 Jahre alte Argentinier direkt auf den Rasen blicken. Die Spielstätte von San Lorenzo ist ein eigentümliches Konstrukt.
 
Wie aus dem Baukasten hat man vier schlichte Betontribünen um das Spielfeld gruppiert. Während der Militärdiktatur in Argentinien war San Lorenzo 1979 von seinen Wurzeln im Stadtteil Almagro der Hauptstadt Buenos Aires vertrieben worden.
 
Bernardo Romeo, gut ein halbes Jahr sind Sie nun im Amt. Wie fällt ihre Bilanz aus?
Sehr positiv. Als ich anfing, herrschte viel Unruhe und Chaos im Klub. In der Vorsaison hatten wir uns erst in der Relegation knapp den Klassenerhalt gesichert. Seitdem arbeite ich gemeinsam mit dem neuen Präsidenten Matías Lammens und Trainer Pizzi rund um die Uhr daran, das Schiff wieder flott zu kriegen. Wir haben schon einiges bewegt, aber noch liegt ein weiter Weg vor uns. Zumindest haben wir uns zuletzt ein bisschen von den unteren Tabellenregionen entfernt.
 
Für Sie persönlich war es ein Sprung ins kalte Wasser. Vom Platz direkt auf den Managerposten.
Ja, das stimmt. Am 2. Juli 2012 habe ich in der Relegation gegen Instituto de Córdoba mein letztes Spiel für San Lorenzo als Profi bestritten. Drei Monate später kam schon das Angebot, als Manager zu arbeiten. Mir hat der Gedanke gleich gefallen. Am Ende der Karriere macht man sich ja schon Gedanken, in welcher Form es weitergehen soll. Ich war mir früh klar, dass ich eher als Manager denn als Trainer arbeiten wollte. Da steht man nicht ganz so in der Schusslinie und kann etwas ruhiger arbeiten. Ich denke, das liegt mir mehr.
 
Die Aufgabe hätte aber kaum anspruchsvoller sein können. Der Klub steckt sowohl sportlich als auch finanziell in großen Problemen. Ist das nicht ein bisschen viel für einen Novizen als Manager?
San Lorenzo ist mein Klub. Da musste ich nicht lange überlegen. Ich möchte dem Verein in diesen schwierigen Zeiten helfen und Verantwortung übernehmen. Noch ist natürlich vieles neu für mich. Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss. Aber die Aufgabe macht unheimlich viel Spaß. Ich liebe die Herausforderung. Mein Vertrag läuft noch bis Dezember. Dann wird die Klubführung neu gewählt und man wird sehen, wie es anschließend weitergeht.
 
Mit vielen Spielern des aktuellen Kaders haben Sie noch zusammengespielt. Bringt der Seitenwechsel Probleme mit sich?
Die Situation ist natürlich nicht ganz einfach. Plötzlich bin ich nicht mehr der Kollege sondern der Vorgesetzte. Aber die Jungs wissen, nach welchen Maximen ich handle. Ich bin immer geradlinig. Gegenseitiger Respekt steht für mich an erster Stelle. Von daher gibt es auch keine Probleme. Wir alle wissen, in welch schwieriger Situation sich der Klub befindet. Alle müssen nun an einem Strang ziehen und persönliche Dinge hinten anstellen, damit es wieder aufwärts geht. Das ist ein langer Weg, und wir werden viel Geduld brauchen.
 
Der Managerposten an sich hat in Argentinien keine große Tradition.
Richtig. Momentan haben in der ersten Liga glaube ich nur Vélez Sársfield, Racing Club, Estudiantes de La Plata und Colón de Santa Fé einen Manager. Dabei ist für mich ein Bindeglied zwischen Mannschaft und der Klubführung unverzichtbar. Besonders als Ex-Profi mit jahrelanger Erfahrung kann man sich ganz anders einbringen und wertvolle Denkanstöße geben. Jemand, der nie selbst Fußball gespielt hat, sieht viele Dinge vielleicht anders. Den meisten Funktionären, die aus anderen Bereichen kommen, fehlt oftmals dieses Insiderwissen. Zudem sind viele ja auch weiterhin in anderen Berufen tätig und können dadurch allein schon aus Zeitgründen nicht ständig präsent sein.
 
Findet in dieser Richtung derzeit ein Strukturwandel im argentinischen Fußball statt?
Noch ist es vielleicht etwas früh, diese Frage mit Ja zu beantworten. Doch zumindest  scheinen immer mehr Klubs zu erkennen, wie wichtig ein Manager ist. Insbesondere wenn es darum geht, Strukturen im Verein von der Jugend bis zu den Profis zu ordnen und professioneller zu gestalten. In Europa ist das ja schon seit langer Zeit der Fall. Argentinien verfügt über sehr gute Spielern und Rahmenbedingungen, aber wir müssen viel professioneller werden, um das vorhandene Potenzial noch besser auszuschöpfen.
Sie waren dreieinhalb Jahre in der Bundesliga aktiv. Haben Sie sich da Dinge abgeschaut, die Sie nun gerne umsetzen möchte?
Auf jeden Fall. Es ist ja bekannt, wie gut organisiert alles in Deutschland ist. Und auch sportlich hat das Niveau der Bundesliga in den letzten Jahren enorm zugenommen. Das haben nicht zuletzt Bayern München und Borussia Dortmund in der Champions League eindrucksvoll demonstriert. Meine Zeit im Ausland hat meinen Horizont unheimlich erweitert. Aus den Erfahrungen schöpfe ich viele Ideen, die ich nun hier bei San Lorenzo gerne umsetzen möchte. Ein Beispiel sind die Finanzen. Bis auf wenige Ausnahmen haben die Klubs in Deutschland ihre Finanzen im Griff. Hier ist das nicht der Fall. Das erschwert die Aufgabe, sportlich etwas aufzubauen und wettbewerbsfähig zu sein.
 
Kurz nachdem Sie zum HSV gewechselt sind, kam mit Dietmar Beiersdorfer ein junger Manager. Für ihn war es damals die erste Station. Dient Beiersdorfer Ihnen möglicherweise als Vorbild?
Ein paar Parallelen sind durchaus vorhanden. Er war auch sehr jung, als er in Hamburg anfing und hatte keine vorherige Erfahrung als Manager. Insgesamt hat er großartige Arbeit abgeliefert. Auch der HSV schwamm damals nicht im Geld. Aber Beiersdorfer hat daraus eine Tugend gemacht. Mit einem guten Blick für Talente und Verhandlungsgeschick hat er Spieler geholt, die bei den großen Vereinen noch nicht ganz oben auf dem Zettel standen. Khalid Boulahrouz und Daniel van Buyten zum Beispiel. Später kamen dann Rafael van der Vaart und Nigel de Jong hinzu. Das hat mich beeindruckt und ist sicherlich ein Weg, der auch für San Lorenzo interessant sein kann.
 
Wie viel Kontakt haben Sie noch nach Hamburg?
Allzu eng ist er leider nicht mehr. Rodolfo Cardoso ist einer der wenigen, mit dem ich noch regelmäßig telefoniere. Und wenn er in Buenos Aires ist, dann treffen wir uns. Er hält mich auf dem Laufenden über den HSV. Mittlerweile ist er ja schon fast ein Deutscher (lacht). Ansonsten sind aus meiner Zeit ja keine Spieler mehr da. Barbarez, Hollerbach, Pieckenhagen und wie sie alle heißen.
 
Was bedeutet die Stadt Hamburg im Rückblick für Sie?
Mit Hamburg verbinde ich nur die besten Erinnerungen. Eine wunderbare Stadt, in der meine Familie und ich uns immer sehr wohlgefühlt haben. Von dem Schmuddelwetter reden wir an dieser Stelle mal nicht (lacht). Das war in der Tat eine Katastrophe.
 
Und der Verein HSV?
Ein Top-Verein, der mich begeistert hat. Ein tolles Stadion, immer voll. Dazu die leidenschaftlichen Fans. Nur mit der Sprache hat es nicht so gut geklappt. Ich habe mich unheimlich schwer getan, richtig Deutsch zu lernen.
 
Aber im Fußball kommt man ja auch mit wenigen Worten aus, oder?
Genau. Als ich Anfang 2002 kam, war Kurt Jara der Trainer. Aus seiner Zeit als Spieler beim FC Valencia konnte er ein bisschen Spanisch. In den Mannschaftsbesprechungen brauchte er aber nicht viele Worte. Mit beiden Händen hat er ein Rechteck in die Luft gemalt und dann mit dem Finger in die Mitte gedeutet: »Du, Ball, da rein!« Das war’s (lacht). Die Pfeile auf der Taktiktafel mit den Laufwegen waren für die anderen. Meine Aufgabe war klar: Tore schießen, egal wie.
 
Das hat ja auch ganz gut geklappt. In Hamburg schwärmen die Fans noch heute von Ihrer Torquote: 35 Treffer in 77 Partien.
Darauf bin ich sehr stolz. Es freut mich, dass die Fans sich gerne an mich erinnern. Die Quote ist in der Tat nicht übel (lacht). Das ist das beste Argument dafür, dass die Fans dich lieben. Aber ich denke auch, dass die Leute registriert haben, dass ich immer alles für ihren Klub gegeben habe und ihnen stets mit viel Respekt begegnet bin.
 
Für Ihren Landsmann Cristian Ledesma, mit dem Sie beim HSV kurz zusammengespielt haben, lief es dagegen nicht so gut. Nach nur 16 Einsätzen war für ihn Schluss.
Da war auch viel Pech im Spiel. Für ihn war das damals seine erste Auslandsstation. Ob der hohen Ablösesumme waren die Erwartungen an ihn enorm. Und dann traf er auf einen Trainer mit Kurt Jara, der nicht voll auf ihn setzte. Dass er ein hervorragender Spieler ist, hat er aber hinterher bei seinen anderen Klubs eindrucksvoll bewiesen. Derzeit ist er bei River Plate gesetzt und spielt eine tolle Saison. Das freut mich unheimlich für ihn.
 
Ihr Ende in Hamburg begann mit dem Abgang von Klaus Toppmöller im Herbst 2005. Dessen Nachfolger Thomas Doll hat nicht mehr auf Sie gesetzt - trotz Ihres Torriechers. Hat Sie das enttäuscht?
Nein, nicht wirklich. Thomas Doll hatte eben andere Vorstellungen. Er hat mit Benjamin Lauth und Emile Mpenza auf zwei schnelle, sprintstarke Stoßstürmer gesetzt. Da habe ich plötzlich nicht mehr ins Konzept gepasst. Groß erklärt hat er mir das nicht. Aber so ist das im Fußball eben. Ich saß auf der Bank, trotz meiner Top-Quote. Denn auch wenn ich reinkam, habe ich weiterhin meine Tore gemacht. Das war eine sehr unangenehme Situation für mich. Irgendwann wollte ich einfach wieder regelmäßig spielen. Schließlich kam das Angebot aus Spanien vom RCD Mallorca. Alles ist sauber gelaufen. Ich bin keinem böse.
 
Wann waren Sie denn das letzte Mal in Hamburg?
Das ist schon eine ganze Weile her. Mit Osasuna in der Champions League-Qualifikation 2006. Nach dem 0:0 im Volkspark haben wir zu Hause 1:1 gespielt und der HSV ist damals in die Gruppenphase eingezogen. Anschließend haben mich Kumpels wie David Jarolim immer mal wieder eingeladen. Aber irgendwie hat es zeitlich leider nie geklappt. Auch jetzt bin ich sehr beschäftigt. Trotzdem hoffe ich, irgendwann zurückzukehren.

Vermissen Sie manchmal die überwiegend friedliche Stimmung in den deutschen Stadien? In Argentinien scheint die Gewalt im Fußball immer extremer zu werden.
Das ist in der Tat ein trauriges Thema. Es kann nur gelöst werden, wenn alle zusammenarbeiten: Fans, Vereine und Sicherheitskräfte. Auch die Politik ist gefordert. Denn was an Gewalt in und um die Stadien passiert, ist auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. So kann es auf jeden Fall nicht weitergehen. Es muss endlich etwas passieren. Die Begeisterung für den Fußball nimmt Schaden und die Gewalt beschmutzt diesen wunderbaren Sport. Wir alle wissen, wie fußballverrückt die Argentinier sind. Davon lebt der Sport ja auch und wir alle wollen gute Stimmung in den Stadien. Letztlich ist es aber nur ein Spiel und die Euphorie darf nicht in Fanatismus umschlagen. Erst vor ein paar Tagen sind Hooligans auf dem Vereinsgelände von Zweitligist Huracán eingefallen. Das ist unfassbar.
 
In Argentinien ist vor allem der Abstiegskampf hart.
Richtig. In Europa wird das gelassener gesehen. Aber hier haftet einem Abstieg ein enormes Stigma an. Für die meisten Fans bricht eine Welt zusammen. Da ist soviel Leidenschaft im Spiel, dass diese leider häufig in Gewalt umschlägt.

Spielt der Ligamodus der Kurzturniere, den sogenannten »torneos cortos«, dabei auch eine Rolle? In Argentinien spielt man keine Saison mit Hin- und Rückrunde, sondern kürt pro Jahr praktisch zwei Meister.
Sicherlich. Dadurch bleibt den Klubs und Trainern noch weniger Zeit, als in Europa. Es ist fast unmöglich, langfristig zu planen und etwas aufzubauen. Stattdessen denkt man nur von Spiel zu Spiel. Das erzeugt einen enormen Druck, der sich von den Tribünen auf den Rasen potenziert. Eine Art permanenter Alarmzustand. Das schafft natürlich eine hitzige Atmosphäre, die sich dann leider oft in den falschen Bahnen entlädt. Ein Trainer, der drei, vier Spiele verliert, muss sofort gehen. Das ist verrückt. Aber gut, mit dieser Situation müssen wir umgehen. Hoffentlich ändert sich die Mentalität mit der. Doch die Strukturen lassen sich nur langsam verändern. Da spielen die Sponsoren, die Medien und die Verbände mit rein.
 
Abschließend noch eine Frage zu einem erfreulicheren Thema: Was hat die Papstwahl für San Lorenzo bedeutet?
Die Wahl von Jorge Bergoglio war eine großartige Geschichte für den Klub. Ein Argentinier als Papst, der dazu noch glühender Anhänger von San Lorenzo ist. Der Verein war über Nacht weltweit in den Fokus gerückt. Das öffnet uns natürlich Türen. Die Möglichkeiten müssen wir jetzt nutzen, um den Klub voranzubringen. Eine Europa-Tournee während der Vorbereitung ist zum Beispiel eine Option.

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