21.10.2008

Berkant Göktan im Interview

»Ich war ein Chaot«

Berkant Göktan ist von 1860 wegen Kokainmissbrauchs entlassen worden. Der Tiefpunkt einer Karriere, deren Verlauf schon mehrmals ganz unten angekommen war, wie unser Interview aus dem Jahre 2007 zeigt.  

Interview: 11Freunde Bild: imago
Berkant Göktan im Interview

2005 sind Sie schließlich zurück in die Bundesliga gewechselt. Doch auch in Kaiserslautern sollten Sie Pech mit einer Trainerentlassung haben.

Michael Henke hatte mich damals zurück nach Deutschland geholt. Ich kannte ihn schon als Co-Trainer von Hitzfeld aus meiner Zeit bei den Bayern. Ich habe sehr viel mit ihm geredet, und er hat auf mich gebaut. Dann musste er plötzlich gehen, und es kam ein neuer Trainer (Wolfgang Wolf, Anm der Red.). Ich war schon wieder auf dem Abstellgleis.

Wie fühlt man sich als Spieler, wenn man von einem neuen Trainer nicht berücksichtigt wird?

Mein einziger Rückhalt in dieser Zeit war meine Familie. Sie hat mich immer motiviert und mich auf den Beinen gehalten. Im April habe ich dann meinen Vertrag aufgelöst, meine Sachen gepackt und bin zurück nach München.

Und was haben Sie in München gemacht?

Ich habe mich fit gehalten. Ich wollte in Deutschland bleiben und habe mich verschiedenen Vereinen angeboten. Doch ich habe schnell gemerkt, Junge, jetzt wird`s schwierig, keiner will Dich. Kein Verein will Dich, weil Du ein schlechtes Image hast, weil Du die letzten Jahre nicht gespielt hast. Ich habe es richtig zu spüren bekommen.

Wie hält sich ein vereinsloser Fußballspieler fit?

Auf dem Kunstrasenplatz meines ersten Vereins habe ich meinen Bruder ins Tor gestellt und trainiert. Wir haben auch öfters im Englischen Garten mit anderen Multi-Kultis gekickt. Ich habe alles gemacht in dieser Zeit: Fußball gespielt, Fahrrad gefahren, Schwimmen gegangen, Joggen gegangen. Ich musste mich ja fit halten. Aber natürlich war es nicht das Gleiche wie Mannschaftstraining. Irgendwann wurde ich zu einem Probetraining bei den Amateuren von 1860 München eingeladen.

Waren Sie nervös vor diesem Training?

Nein, warum sollte ich noch nervös gewesen sein? Wenn man auf dem Nullpunkt ist, kennt man keine Nervosität mehr, da ist alles egal. Im Gegenteil, man sieht das Leben und die Situation ganz anders. Ich war glücklich über die Möglichkeit, die ich von 1860 bekommen habe.

Sie waren mittlerweile 25 Jahre alt. 1860 München sollte endlich der erste Verein sein, bei dem Sie sich durchsetzen konnten.

Ich hatte endlich einmal das Glück im Leben, dass ich in München einen Trainer erwischt habe, der auf mich gesetzt hat, der richtig mit mir umzugehen wusste und der auch lange mit mir arbeiten konnte. Davor wurden Henke entlassen, Lucescu entlassen, Terim entlassen. Ich habe immer viel Pech gehabt mit meinen Trainern. In München habe ich dann unter Marco Kurz bei den Amateuren spielen dürfen. Ich hatte lange Zeit nicht gespielt und wir beide wussten, dass ich von meiner Topform noch ein ganzes Stück entfernt war, auch vom Kopf her. Er hatte ein Händchen für mich und wusste ganz genau, wie er mich zu meiner alten Stärke zurück bringen kann. Und mein ganz großes Glück war, dass Marco schließlich Profitrainer geworden ist.

Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass Sie sich endlich auf dem richtigen Weg befinden?

Anfangs fragst du dich schon, was tust du dir an? Du hast bei so vielen großen Vereinen gespielt, und jetzt kickst Du mit 18, 19-jährigen, die gerade aus der A-Jugend kommen und nicht einmal wissen, wer Du bist? Aber die Jungs haben mich sehr gut aufgenommen, das muss ich ehrlich sagen. Ich habe in dieser Zeit viel Spaß gehabt und viel gelernt. Nach jedem guten Spiel, nach jedem Treffer kam mein altes Selbstvertrauen weiter zurück.

Wie viel Angst hatten Sie dennoch, dass Sie es auch bei den Löwen nicht schaffen?

Ich habe meine Fehler von früher nicht wiederholt. Ich war wieder erfolgreich, doch ich bin diesmal auf dem Teppich geblieben. Ich habe einen Schritt nach dem anderen gemacht. Ich habe auf die richtigen Leute gehört. Ich habe eine tolle Freundin, die mich ergänzt. Ich habe mich weiterentwickelt. Das sind alles Sachen, die mich nach vorne pushen und die ich in der Vergangenheit nicht hatte.

Nach einem kurzen Gastspiel bei den Amateuren sind Sie sehr schnell bei den Profis gelandet. In 22 Zweitligaspielen haben Sie für die Löwen aktuell 14 Tore erzielt. Haben Sie endlich das Gefühl, als Profifußballer angekommen zu sein?

In der zweiten Liga bin ich auf jeden Fall angekommen. Aber ich bin noch nicht da angekommen, wo ich ankommen will.

Wo wollen Sie ankommen?


Ich möchte das erreichen, was ich schon immer erreichen wollte. Und zwar, auf einem guten Niveau zu spielen.

Was sind die weiteren Ziele Ihrer Profilaufbahn?

Für jeden Fußballer muss das Ziel sein, erstklassig zu spielen. Das ist bei mir genau so. Ich möchte meine Leistung weiter bestätigen und Schritt für Schritt versuchen, so weit zu kommen, wie es geht.

Sie haben ihre Lektionen anscheinend gelernt. Glauben Sie, auch die Verantwortlichen des FC Bayern haben aus den Fehlern mit Ihnen gelernt? Ein Toni Kroos tritt bei Franz Beckenbauer ja gerade Ihre Nachfolge an, als das Riesentalent hochgejubelt zu werden.

Es war den Bayern damals eine Lehre mit mir. Das wird ihnen kein zweites Mal passieren. Der Junge wird seinen Weg dort gehen. Ich habe ihn ein, zwei mal gesehen, und er ist wirklich ein sehr, sehr guter Fußballer. Links, rechts, gutes Auge, reiner Zehner, guter Spielmacher. Ich kenne ihn leider nicht persönlich, aber ich denke, er wird vom Kopf her anders ticken als ich. Ich war ein Chaot.

Fühlen Sie sich von den Bayern eigentlich ein stückweit verarscht?

Nein, im Gegenteil, ich bin ihnen dankbar. Sie haben mir den Weg geebnet und mir sehr viele Dinge ermöglicht. Ich bin eigentlich ganz froh über diese Erfahrung.

Aber es hätte doch ganz anders laufen können?

Ich trage die Schuld daran. Ganz allein ich.

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