21.10.2008

Berkant Göktan im Interview

»Ich war ein Chaot«

Berkant Göktan ist von 1860 wegen Kokainmissbrauchs entlassen worden. Der Tiefpunkt einer Karriere, deren Verlauf schon mehrmals ganz unten angekommen war, wie unser Interview aus dem Jahre 2007 zeigt.  

Interview: 11Freunde Bild: imago
Berkant Göktan im Interview
Franz Beckenbauer bezeichnete Sie damals als „das größte Talent seit Jahren“. Uli Hoeneß wollte Sie nie wieder hergeben. Wie haben Sie sich gefühlt als unverkäuflicher FC Bayern-Spieler?

Wenn ein Mann wie Hoeneß so etwas sagt, ist das natürlich eine große Ehre. Er ist ist einer der Top-Manager in Europa. Leider musste ich die Leute enttäuschen, die so große Stücke auf mich gehalten haben. Schade, dass ich das nicht umsetzen konnte, das kann ich nur immer wieder sagen.

Für einen sehr jungen Menschen hatten Sie eine sehr große Zukunft vor sich. Wer durfte Ihnen denn jetzt noch etwas vorschreiben?

Leider Gottes habe ich in dieser Zeit auf niemanden hören wollen. Ich habe mir nichts gefallen lassen. Es ist ein großes Problem gewesen, dass ich zu ungeduldig war, zu impulsiv. Mir ist der Erfolg zu Kopf gestiegen. Hätte mich jemand wirklich bei der Hand genommen und mich geschüttelt, ich solle meinen Lebensstandard ändern und ruhig weiterarbeiten, dann hätte ich es vielleicht geschafft. So musste ich den schwierigeren Weg gehen.

Am 30. September 1998 haben Sie im Champions-League-Heimspiel gegen Manchester United als 17-Jähriger dann endlich Ihr Profidebüt geben dürfen. Für wen sind Sie damals ins Spiel gekommen?

Das ist eine gute Frage. Ich habe mir das doch letztens erst wieder angeschaut. Bitte sag` es mir nicht. (überlegt) Du weißt es wahrscheinlich.

Nein, tut mir leid, ich weiß es auch nicht.

Du weißt es auch nicht? (überlegt weiter) Ich möchte jetzt nichts Falsches sagen. Ich glaube, für Ali Daei oder Salihamidzic.

Wissen Sie denn noch, was Ihnen Hitzfeld kurz vor Ihrer Einwechslung gesagt hat?

Nein, ich war wie in Trance. Ich wollte nur noch aufs Spielfeld und dass es endlich mal losgeht für mich.

Was haben Sie nach dem Spiel gemacht?

Ich bin mit der U-Bahn nach Hause gefahren.

Schießen Ihnen manchmal noch Erinnerungen aus diesem Spiel in den Kopf?

Dieser Schuss mit links, der knapp rechts am Tor vorbei ging. Manchmal denke ich: Geht der rein, wäre vielleicht alles anders gekommen. Dann hätte es vielleicht jemanden gegeben, der mir wirklich auf den Kopf gehauen hätte, Junge, jetzt bleib mal auf dem Teppich, geh deinen Weg, aber konstant, ganz ruhig, einen Schritt nach dem anderen. Aber im Nachhinein weiß man immer alles besser.

Vier Tage später, am 4. Oktober 1998, haben Sie schließlich gegen Borussia Dortmund auch Ihr erstes Bundesligaspiel bestritten. In der Presse wurden damals einige Lobeshymnen auf Sie gesungen, u.a. von Hitzfeld und Beckenbauer. Was haben die beiden in dieser Zeit zu Ihnen persönlich gesagt?

Was man zu einem jungen Spieler wohl sagt, wenn er plötzlich Aufmerksamkeit erregt. Ich solle auf dem Teppich bleiben, nicht so viel auf die Medien geben, einen Schritt nach dem anderen machen. Aber diese Ratschläge habe ich nicht ernst genug genommen.

Was hat Sie in dieser Zeit außer Fußball noch interessiert?

Außer Fußball hat mich meine ehemalige Freundin interessiert. Und das ist auch der Grund gewesen, warum ich mich nicht mehr auf das Wesentliche, den Fußball, konzentrieren konnte. Ich habe mich mit anderen Problemen beschäftigt, auch mit meiner Familie. Das hat sich natürlich auf meine Leistungen ausgewirkt, und ich bin immer schlechter geworden.

In den folgenden vier Bundesligaspielen nach Ihrem Debüt wurden nur noch Ihre Sturmkonkurrenten Zickler, Jancker und sogar Bugera eingewechselt. Sie spielten in den Überlegungen von Ottmar Hitzfeld plötzlich keine Rolle mehr. Warum nur?

Ich weiss es nicht. Ich habe dafür keine Erklärung. Es wäre für mich aber vermutlich besser gewesen, wenn mir die Verantwortlichen aus dem Verein mehr eingebläut hätten, was nun der nächste richtige Schritt für mich sei. Ich wollte alles sofort erreichen. Ich habe damals gedacht, ich gehe besser nach Gladbach und schieße dort 10 Tore - und keiner hat mir Steine in den Weg gelegt. Ich würde mir wünschen, sie hätten gesagt, geh` nicht nach Gladbach, bleib hier, wir bauen dich kontinuierlich auf. Das ist der Punkt, wo ich sage, der FC Bayern hätte mir helfen können.

Wirklich niemand von Bayern hat Ihren Wechsel verhindern wollen?

Nein, niemand hat etwas dazu gesagt, sie haben mich gehen lassen. Das finde ich schade. Gewisse Leute haben immer gemeint, ich sei das Riesentalent. Aber dieses Riesentalent lässt man doch nicht einfach so ziehen. Das macht mich heute noch traurig.

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