Benny Adrion im Interview

„Da ist noch mehr als Fußball“

Imago
Heft #74 01 / 2008
Heft: #
74

Herr Adrion, reden Fußballer nur über Fußball?

Es ist schon so, dass sich viele Profis hauptsächlich mit Fußball beschäftigen – auch in ihrer Freizeit. Das heißt aber nicht, dass Fußballer dumm sind.

Der dumme Fußballer – ein überholtes Klischee?

Auf jeden Fall. Ich höre oft so Sätze wie: „Der Kevin Kuranyi ist ja total brege, wie der lispelt...“ So ein Schwachsinn! Kevin ist mit 15 Jahren nach Deutschland gekommen, spricht fehlerfreies Deutsch und noch mehrere andere Sprachen fließend. Da ist es doch absurd, sich über den Akzent lustig zu machen und zu sagen, der Kuranyi ist dumm. Und um sportlich – und besonders im Fußball – erfolgreich zu sein, musst du als Spieler auch sehr viel verstanden haben. Das fängt bei der Taktik an, geht über die Trainingslehre und hört bei der richtigen Ernährung auf. Und du musst dich ständig selbst zurücknehmen und Prioritäten setzen. Das setzt vielleicht nicht einen IQ im klassischen Sinne voraus, aber doch eine gewisse Reife.

[ad]

Reden Sie gerne über Fußball?

Ich liebe Fußball. Doch ich habe immer auch andere Interessen gehabt, ich mag Musik, und kulturelle, soziale und politische Themen interessieren mich. Als Profifußballer muss man aber wirklich aktiv versuchen, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Diese Dinge fliegen dir nicht zu, denn eigentlich wirst du schon sehr stark durch das Fußballgeschäft geprägt. Ich war immer froh, wenn ich Leute traf, die sagten: „Ach, du spielst Fußball. Tut mir leid, da kenne ich mich gar nicht mit aus.“ Ich antwortete dann: Super! Das ist doch großartig. Ich rede ich schon genug über Fußball.

Sie haben mit 25 Jahren beim FC St. Pauli Ihre Karriere beendet und sagten zuvor: „Ich möchte für keinen anderen Verein spielen!“ Wieso?

Der FC St. Pauli stellte für mich stets eine wunderbare Symbiose aus dem Zwiespalt meiner eigenen Interessen dar. Ich habe ja sehr früh angefangen, Fußball auf einem hohen Niveau zu spielen, ich war Jugendnationalspieler, in der 2. Mannschaft des VfB Stuttgart, später auch im Kader der 1. Mannschaft. Doch ich wusste immer: Da ist noch mehr als Fußball. Und beim FC St. Pauli fand ich dieses Mehr, ich fand diese Dinge, die über den Fußball hinausgehen. Insofern war der FC St. Pauli das Beste, was mir hätte passieren können.

Der FC St. Pauli ist also tatsächlich immer noch dieser „etwas andere Club“?


Ja. Ich merkte das spätestens, als ich das Projekt „Viva Con Agua de St. Pauli“ ins Leben rief. Es wurde zuvor immer davon geredet, dass der Club ein spezielles Image habe. Wir fragten uns: Was ist dieses Image überhaupt? Was begründet es? Sind es die Nutten auf der Reeperbahn? Ist es nur das Stadion? Die Stimmung? Sind es die politisch interessierten Fans? Und ist es wirklich so, dass die Fans sozial interessiert sind? Ist es wirklich so, dass die Fans nicht nur die Fußballbrille tragen? Als das Projekt so gut angenommen wurde, von vielen Fans, vom Verein und Sympathisanten unterstützt wurde, haben wir diesem schwammigen Image einen Rahmen gegeben. Wir haben gemerkt: Es ist wirklich anders auf St. Pauli. Und „Viva Con Agua de St. Pauli“ als eine Aussage, die gutgeheißen wird, ist eine Bestätigung dessen.

Für Sie gibt es demnach den gemeinen St. Pauli-Fan?

Natürlich haben die Fans nicht alle den gleichen sozialen Hintergrund und alle die gleichen Interessen und Motive, weshalb sie ans Millerntor gehen. Doch ich würde behaupten, dass die Haltung bei allen Fans eine ähnliche ist. Und diese bestimmte Haltung – die drückt sich meiner Meinung nach in einem solidarischen und sozialen Grundverständnis aus – gibt es bei anderen Clubs in dieser Art nicht.

Das heißt, kein anderer Club in Deutschland transportiert annähernd ein ähnliches Image?

Richtig. Mit Abstrichen vielleicht noch der SC Freiburg oder Mainz 05. Das sind Vereine, die eine ähnliche Art von unkomplizierter Sympathie mitbringen.

Hatten Sie beim VfB Stuttgart eigentlich ständig das Gefühl, aus diesem professionellen Gefüge ausbrechen zu müssen?

Nicht wirklich. Das lag vermutlich daran, weil der VfB mein Heimatverein war. Ich bin in Stuttgart groß geworden, mein Vater ist heute noch Trainer der 2. Mannschaft. Gelegentlich aber spielte ich schon mit den Gedanken, was ganz anderes zu machen oder ins Ausland zu gehen. Der FC St. Pauli schwirrte schon damals in meinem Kopf umher. Ich wünschte mir einfach einen Club, der mehr Raum für Individualität lässt. Dieses Gefühl kam vor allem dann, wenn ich in der Jugendnationalmannschaft spielte. Da wurde unglaublich viel wert auf Disziplin gelegt, man spielte streng auf seiner Position, lange Haare waren im Grunde verpönt. Es ging immer nur um Leistung. Das ist ja auch okay für einige. Für mich aber war das nicht so prickelnd. Ich habe häufig Lehrgänge abgesagt, weil ich einfach keine Lust darauf hatte. Als ich 17 war, hörte ich für ein Jahr auf, später habe ich dann wieder angefangen. Aber so richtige Freude am Sport bekam ich erst wieder, als ich zu St. Pauli ging.

Sie spielten in Jugendnationalmannschaften und standen beim VfB Stuttgart auf dem Sprung in die 1. Mannschaft. Bereuen Sie es eigentlich heute, dass Sie sich nicht doch mehr dem Profidasein angepasst haben?


Nein, ich bereue nichts. Wenn ich heute zurückblicke, denke ich natürlich manchmal, dass da eventuell mehr drin war, dass der Schritt zum richtigen Bundesligaprofi nur ein kleiner gewesen wäre. Und der Gedanke, dann für mich und meine Familie ausgesorgt zu haben, kommt mir auch ab und zu. Doch ich bin heute sehr glücklich, denn ich lebe genauso so, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Ich hatte schon sehr früh eine Idee von meinem eigenen Leben: Ich wollte zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Dinge machen. Brüche im Lebenslauf sind für mich kein Zeichen von Unentschlossenheit, sondern von Offenheit und Neugier. Dieser Standardentwurf des Fußballprofis, der im Trainersein kulminiert, war nicht meiner. Das wäre mir einfach zu wenig gewesen. Vielleicht hängt das auch mit meinem familiären Umfeld zusammen, denn durch meinen Vater kam ich sehr früh mit Fußball in Kontakt. Es gab immer nur Fußball. Deshalb machte ich mich bald auf die Suche nach neuen Horizonten.

Kann man sagen, dass Sie auf eine positive Art vor dem Profidasein kapituliert haben?

Kapitulation ist das falsche Wort. Ich war einfach Idealist. Und ich finde es grausam anzusehen, wenn sich Profis bis zum bitteren Ende durch dieses Geschäft quälen, mit 35 noch den Verein wechseln, obwohl es eigentlich nur noch mit Spritzen und Medikamenten weitergeht. Diese Einstellung, die sagt, dass es muss immer weiter gehen, obwohl es längst zu Ende ist, finde ich absurd. Als ich aufhörte, hatte ich keinen neuen Vertrag vom FC St. Pauli bekommen. Und für mich gab es keine andere Option. Vielleicht hätte ich noch bei einem anderen Regionalligisten spielen können und wenn es gut gelaufen wäre, hätte ich sogar noch den Sprung in die 2. Bundesliga geschafft. Doch ich wollte einfach nicht mehr. Ich habe diese mögliche Karriere für andere Sachen, die mir in dem Moment wichtiger waren, geopfert.

Sie haben das Projekt „Viva Con Agua de St. Pauli“ gegründet. Können andere Profis, die unglaublich hohe Gehälter verdienen, einen solchen Schritt nachvollziehen oder ist diesen Spielern längst für solche Realitäten abhanden gekommen?

Natürlich sind da immens hohe Summen im Umlauf. Und es kann schon sein, dass der eine oder andere den Blick für die Realität verliert. Doch ich will die Profis nicht an den Pranger stellen. Viele tun auch etwas, ohne das an die große Glocke zu hängen. Gerade die internationalen Profis in der Bundesliga: Die unterstützen ihre Familien, ihre Dörfer, ihre Communities in der Heimat. Und es gibt auch etliche deutsche Profis, die was tun, sei es ein Metzelder oder ein Sergej Barbarez, der in Hamburg sehr viele Projekte unterstützt hat. Sicherlich geht da auch noch mehr, gerade im Hinblick auf die WM 2010 in Südafrika. Da könnte der deutsche Fußball noch stärker auftreten, noch mehr eine Vorbildfunktion übernehmen.

Gab es eigentlich eine Initialzündung für „Viva Con Agua“?


Das Trainingslager mit dem FC St. Pauli auf Kuba war vielleicht keine Initialzündung, aber schon prägend. Ich war kurz zuvor mit Marcel Eger auf Jamaika, danach kurz in Miami und schließlich in Havanna. Diese Kontraste waren Augen öffnend für mich: Aus einem Quasi-Entwicklungsland, wo die Menschen trotzdem unglaublich offen und lebensfroh waren, nach Miami, wo plötzlich nur noch Strechlimos und Silikonbusen zu sehen waren und niemand angesprochen werde wollte, bis nach Kuba, wo die Kinder erkrankten, weil kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung stand. Wir haben dort zwar hauptsächlich gespielt und trainiert, doch man muss schon die Augen verschließen, um nichts von den Problemen dieses Landes mitzubekommen.

Als Sie wieder in Hamburg waren, gründeten Sie sofort „Viva Con Agua“?

Nicht sofort. Doch Kuba war einfach das Thema in den kommenden Wochen und Monaten. Ich recherchierte viel zu dem Land und schrieb schließlich die Deutsche Welthungerhilfe an, um mich zu erkundigen, was man wo tun kann. Ich wusste, dass ich diesem ersten Besuch etwas nachfolgen lassen wollte, doch ich war bei der Projektfindung auf die Expertise der Welthungerhilfe angewiesen. Nach mehreren Gesprächen entschieden wir uns, Wasserspender für über 150 Kindergärten und vier Sportstätten aufzustellen. Und dann hieß es: Leute kennen lernen. Ich war damals gerade mal ein Jahr in Hamburg, kannte noch nicht so viele Leute und war noch nicht so stark vernetzt.

Wieso entschieden Sie sich für ein Wasserprojekt?

Wasser hat zum einen diese sehr symbolische Bedeutung. Zum anderen ist Wasser einfach das Grundsätzlichste – auf Wasser basieren alle Entwicklungen.

Sie sind mit Informationsständen „Viva Con Agua“ auf vielen Veranstaltungen vertreten, die auf den ersten Blick gar nichts mit Charity zu tun haben. Wie nehmen die Besucher von Musikfestivals Ihr Projekt an?

Wir zwingen niemanden zu spenden. Und das ist eines der wichtigsten Credos von „Viva Con Agua“. Wir wollen die Leute vielmehr dazu ermutigen mitzumachen, Teil dieser Idee zu werden. „Viva Con Agua“ versteht sich als eine interaktive und sich stetig weiterentwickelnde Idee. Und das Gute ist: Die Leute, die diese Konzerte oder Festivals besuchen, sind zumeist auf einer Wellenlänge mit uns. Die können sich sehr gut mit diesem Idealismus, den wir versuchen zu verkörpern, identifizieren. Natürlich gibt es auch oft gelangweilte Blicke, vor allem, wenn man an Entscheidungsträger aus der Wirtschaft herantritt. Aber ich denke, dass wir durch die Transparenz von „Viva Con Agua“ auch sehr glaubwürdig wirken. Jeder kann nachvollziehen, wohin die Gelder fließen oder sich darüber informieren, wie der Status quo etwa eines Brunnenbaus in Äthiopien ist.

Ihre letzten drei Projekte waren Brunnenbauten und Quellbefestigungen in Äthiopien, Benin und Ruanda. Sind Sie regelmäßig in diesen Ländern vor Ort?


Ja. Das ist für mich ganz wichtig. Und ich denke, dass ist auch für alle anderen, die sich mit Viva Con Agua beschäftigen, wichtig. Sowohl die Leute, die direkt Team arbeiten, aber auch die, die als Charity-Partner oder als Spender helfen, müssen das Gefühl haben, dass wir diese Projekte leben. Das ist ja kein einfacher 9-5-Job, sondern ein 24/7-Ding. Ich lasse jedenfalls nicht um 17 Uhr den Stift fallen, „Viva Con Agua“ begleitet mich zu jeder Tageszeit.

Sie kooperieren sehr häufig mit prominenten Personen. Wie wichtig ist das für solche Projekte?

Sehr wichtig, klar. Wir versuchen aber diese Leute nicht in bestimmte Projekte zu zwängen, sondern bieten ihnen verschiedene Projekte an. Kevin Kuranyi etwa kommt aus dem brasilianischen Petrópolis. Wir überlegen dann zusammen mit der Welthungerhilfe, was dort gerade am dringendsten benötigt wird und bieten Kevin verschiedene Projekte an, die zu ihm passen würden. So wird dieser Schulterschluss zwischen Promi und Charity viel glaubwürdiger.

Welche prägende Erinnerung haben Sie nach Ihrem ersten Afrika-Aufenthalt mitgenommen?

Ich fand es sehr beeindruckend, mit welcher Würde und Tiefe die Menschen dort leben. Wir jammern, wenn der Kaffee kalt ist, und diese Menschen, vor allem die Frauen, ertragen ihr Schicksal mit einer unglaublichen Kraft.

Sie fliegen im Januar nicht nur nach Äthiopien, Ruanda und Benin, sondern auch nach Ghana zum Afrika-Cup. Was sind Ihre Erwartungen?

Ich freue mich total auf die Zeit. Ich war bereits vor einem Jahr in Addis Abeba, wo ein Turnier mit sechs Mannschaften stattfand. Wir standen beim Spiel der äthiopischen Nationalmannschaft mitten im Fanblock. Das war der Hammer! Wir werden uns auch beim Afrika-Cup unter die Fans mischen – ich habe da überhaupt keine Berührungsängste.

Gäbe es diese Reise, gäbe es „Viva Con Agua“, ohne den FC St. Pauli?

Nein. Der Club war vor allem in Anfangsphase sehr wichtig. Diese Strukturen und die Offenheit hat uns vieles ermöglicht, was bei einem anderen Club vielleicht nicht geklappt hätte. Der FC St. Pauli ist eben wirklich dieser „andere“ Club.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!