15.01.2008

Benny Adrion im Interview

„Da ist noch mehr als Fußball“

Das Talent hatte Benny Adrion. Allein, ihm fehlte der Anreiz. Wozu immer nur Fußball spielen? Beim FC St. Pauli erlebte er den Sport endlich als vollwertigen Lebensstil – und beendete seine Karriere, als er dort keinen Vertrag mehr bekam.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Herr Adrion, reden Fußballer nur über Fußball?

Es ist schon so, dass sich viele Profis hauptsächlich mit Fußball beschäftigen – auch in ihrer Freizeit. Das heißt aber nicht, dass Fußballer dumm sind.

Der dumme Fußballer – ein überholtes Klischee?

Auf jeden Fall. Ich höre oft so Sätze wie: „Der Kevin Kuranyi ist ja total brege, wie der lispelt...“ So ein Schwachsinn! Kevin ist mit 15 Jahren nach Deutschland gekommen, spricht fehlerfreies Deutsch und noch mehrere andere Sprachen fließend. Da ist es doch absurd, sich über den Akzent lustig zu machen und zu sagen, der Kuranyi ist dumm. Und um sportlich – und besonders im Fußball – erfolgreich zu sein, musst du als Spieler auch sehr viel verstanden haben. Das fängt bei der Taktik an, geht über die Trainingslehre und hört bei der richtigen Ernährung auf. Und du musst dich ständig selbst zurücknehmen und Prioritäten setzen. Das setzt vielleicht nicht einen IQ im klassischen Sinne voraus, aber doch eine gewisse Reife.



Reden Sie gerne über Fußball?

Ich liebe Fußball. Doch ich habe immer auch andere Interessen gehabt, ich mag Musik, und kulturelle, soziale und politische Themen interessieren mich. Als Profifußballer muss man aber wirklich aktiv versuchen, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Diese Dinge fliegen dir nicht zu, denn eigentlich wirst du schon sehr stark durch das Fußballgeschäft geprägt. Ich war immer froh, wenn ich Leute traf, die sagten: „Ach, du spielst Fußball. Tut mir leid, da kenne ich mich gar nicht mit aus.“ Ich antwortete dann: Super! Das ist doch großartig. Ich rede ich schon genug über Fußball.

Sie haben mit 25 Jahren beim FC St. Pauli Ihre Karriere beendet und sagten zuvor: „Ich möchte für keinen anderen Verein spielen!“ Wieso?

Der FC St. Pauli stellte für mich stets eine wunderbare Symbiose aus dem Zwiespalt meiner eigenen Interessen dar. Ich habe ja sehr früh angefangen, Fußball auf einem hohen Niveau zu spielen, ich war Jugendnationalspieler, in der 2. Mannschaft des VfB Stuttgart, später auch im Kader der 1. Mannschaft. Doch ich wusste immer: Da ist noch mehr als Fußball. Und beim FC St. Pauli fand ich dieses Mehr, ich fand diese Dinge, die über den Fußball hinausgehen. Insofern war der FC St. Pauli das Beste, was mir hätte passieren können.

Der FC St. Pauli ist also tatsächlich immer noch dieser „etwas andere Club“?


Ja. Ich merkte das spätestens, als ich das Projekt „Viva Con Agua de St. Pauli“ ins Leben rief. Es wurde zuvor immer davon geredet, dass der Club ein spezielles Image habe. Wir fragten uns: Was ist dieses Image überhaupt? Was begründet es? Sind es die Nutten auf der Reeperbahn? Ist es nur das Stadion? Die Stimmung? Sind es die politisch interessierten Fans? Und ist es wirklich so, dass die Fans sozial interessiert sind? Ist es wirklich so, dass die Fans nicht nur die Fußballbrille tragen? Als das Projekt so gut angenommen wurde, von vielen Fans, vom Verein und Sympathisanten unterstützt wurde, haben wir diesem schwammigen Image einen Rahmen gegeben. Wir haben gemerkt: Es ist wirklich anders auf St. Pauli. Und „Viva Con Agua de St. Pauli“ als eine Aussage, die gutgeheißen wird, ist eine Bestätigung dessen.

Für Sie gibt es demnach den gemeinen St. Pauli-Fan?

Natürlich haben die Fans nicht alle den gleichen sozialen Hintergrund und alle die gleichen Interessen und Motive, weshalb sie ans Millerntor gehen. Doch ich würde behaupten, dass die Haltung bei allen Fans eine ähnliche ist. Und diese bestimmte Haltung – die drückt sich meiner Meinung nach in einem solidarischen und sozialen Grundverständnis aus – gibt es bei anderen Clubs in dieser Art nicht.

Das heißt, kein anderer Club in Deutschland transportiert annähernd ein ähnliches Image?

Richtig. Mit Abstrichen vielleicht noch der SC Freiburg oder Mainz 05. Das sind Vereine, die eine ähnliche Art von unkomplizierter Sympathie mitbringen.

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