Benjamin Lauth über Heimat und Scheitern

»Der Hype war ziemlich groß«

Einst galt Benjamin Lauth als Hoffnungsträger des deutschen Fußballs. Doch weder im fernen Hamburg noch in Stuttgart wurde er glücklich. Erst seit der Rückkehr nach München spielt und trifft er wie früher. Vor dem heutigen Bayern-Derby in Ingolstadt sprachen wir mit ihm über Heimat, Hypes und den Traum vom Aufstieg.

Benjamin Lauth, was ist für Sie typisch münchnerisch?
Die Biergärten. Ob in Hamburg, Berlin oder sonstwo: Überall eröffnen die Leute heutzutage Biergärten, doch keiner erreicht nur ansatzweise die Atmosphäre der Münchner Biergärten. Diese Gemütlichkeit, diese Ruhe, diese Idylle inmitten der Großstadt – die kann es nur in München geben.

Sie sind im oberbayrischen Fischbachau aufgewachsen. Welche Bedeutung hat das Wort »Heimat« für Sie?
Heimat ist das, wo man herkommt, wo man aufwächst, wo die Familie wohnt.

Von Christian Morgenstern stammt der Satz: »Heimat ist nicht nur da, wo man seinen Wohnsitz hat, sondern wo man verstanden wird.«
Das stimmt auch. Aber bevor Sie mich fragen: Ich habe mich auch in Hamburg wohl gefühlt. Ich kann nur jedem empfehlen, die Heimat auch mal zu verlassen.

Dennoch: Ihre fußballerische Heimat war und ist 1860 München.
Klar, ich spiele mit Unterbrechungen seit 16 Jahren bei den Sechzigern. Ich habe hier so viele Veränderungen hautnah mitbekommen, vom D-Jugendlichen bis heute. Ich kenne die meisten Mitarbeiter der Geschäftsstelle und viele Spieler seit Jahren. Es ist hier alles ein Stück weit familiärer als an der Säbener Straße.

Es soll zu Ihrer Jugendzeit noch nicht mal Netze in den Toren gegeben haben.
So extrem war es nicht. Aber ich kam mir schon manchmal komisch vor, wenn ich Freunde mit zum Training nahm und die sich wunderten, dass das Trainingsgelände aussah wie der Bolzplatz von nebenan.

Können Sie denn Spieler verstehen, die sich jedes Jahr einen neuen Verein suchen?
Es ist ja nicht der Normalfall, dass man schon in der Jugend bei einem Verein spielt und diesem dann bis ins hohe Fußballalter treu bleiben kann. Fußball ist immer noch Tagesgeschäft und manchmal voller Unwägbarkeiten. Diese Woche kann es super laufen, nächste Woche schlecht. Viele Spieler kennen dieses Gefühl der Fußballheimat daher gar nicht. 

Sie haben also nicht das Gefühl, dass der heutige Fußballer zu ungeduldig ist? Manche Profis sitzen drei Spiele auf der Bank und denken öffentlich schon über einen Vereinswechsel nach.
Natürlich sollte man sich immer gut überlegen, ob man den Verein wechseln oder vielleicht auf eine neue Chance warten sollte. Oft passieren aber Dinge, die du nicht voraussehen kannst. Oder du kommst an einen Punkt, an dem du entscheiden musst, ob du dich fußballerisch weiterentwickeln oder deinem Heimatklub treu bleiben willst, auch wenn dieser gerade abgestiegen ist.

Sie sind nach dem Abstieg von 1860 München im Jahr 2004 zum HSV gewechselt. Was ist in Hamburg schief gelaufen?
Viele sagen, ich sei beim HSV gescheitert. Klar, die Erwartungen waren hoch. Auch meine eigenen. Doch gescheitert? Ich bin mit dem Hamburger SV Dritter geworden, habe in der Champions League gespielt und auch ein paar Tore gemacht.

Sie hatten zuvor mit einem »Tor des Jahres« in der Nationalelf debütiert, waren der neue Nutella-Boy und der Toptorjäger bei 1860. Zum HSV wechselten Sie für die damals sehr hohe Transfersumme von 4,1 Millionen Euro. In Hamburg erwarteten die Fans einen Wunderstürmer. 
Der Hype war ziemlich groß, das stimmt. Doch auch der war schwer zu beeinflussen. Es wurde zum Beispiel ein Image von mir kreiert, das überhaupt nicht zu mir passte. Ich bin zum Beispiel kein Typ, der gerne im Mittelpunkt steht. Doch nach meinem Wechsel war ich dauerpräsent in den Medien. Die Trainer haben oftmals versucht, einen Riegel vorzuschieben. Doch ich habe das damals mitgemacht. Vielleicht weil ich unerfahren war und die Leute nicht verärgern wollte. Dennoch: Es war alles im Rahmen. Außer in Hannover.

Dort bekamen Sie die volle Boulevard-Breitseite ab. Die »Bild« schrieb einmal: »Lauth: Auto wie 007, aber spielt wie 08/15.«
Es gab noch ein paar andere Artikel, die sehr unter der Gürtellinie und einfach nicht korrekt waren.
 
Es heißt häufig, im Fußball brauche man Ellbogen. Stimmt das überhaupt?
Klar. Und ich finde auch, dass ich die habe. Hätte ich sonst 140 Bundesligaspiele gemacht und dabei 33 Tore geschossen? In der Zweiten Liga waren es auch 136 Spiele und 53 Tore. So schlecht sind diese Quoten nicht.

Würden Sie denn in Ihrer Karriere heute etwas anders machen?
Wahrscheinlich werde ich nach meiner Karriere feststellen, dass noch viel mehr möglich gewesen wäre. Doch momentan will ich nicht zurückschauen. Ich habe noch viele Ziele.

Zum Beispiel?
Der Aufstieg, ganz klar. Das ist mein Ziel, seitdem ich nach München zurückgekehrt bin. Dieses Jahr arbeiten wir daran, dass das klappt.

Und Ihre Karriere beenden Sie in der Heimat?
Es wäre schön, wenn das klappt, ich fühle mich nach wie vor richtig wohl. Doch dazu gehören natürlich immer zwei Seiten.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!