Benjamin Kirsten über Vater und Sohn

»Kirsten ist eine Legende«

Ulf Kirsten war ein Star. Für Sohn Benjamin kein Grund, es nicht auch als Fußballer zu versuchen. Doch statt zu stürmen, stellt er sich bei Dynamo Dresden ins Tor. Wir sprachen mit ihm über den Schatten und den Schuss seines Vaters. Benjamin Kirsten über Vater und Sohnimago
Heft #91 06/2009
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Herr Kirsten, vor Kurzem haben Sie Ihr erstes Spiel für Dynamo Dresden in der dritten Bundesliga absolviert. In den Spielberichten werden Sie ausdrücklich gelobt. Sind Sie mit Ihrer Leistung zufrieden?

Ja, das bin ich. Ich habe zwar ein, zwei kleinere Fehler gemacht, aber ich denke trotzdem, dass ich das Spiel gut über die Bühne gebracht habe. Das haben mir auch meine Mannschaftskollegen bescheinigt.

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Was überwiegt, die Freude über die eigene Leistung beim Debüt oder die Enttäuschung über die Niederlage?

Natürlich die Enttäuschung. Ich hätte lieber keinen Ball auf das Tor bekommen und 0:0 gespielt, als nach einer guten Leistung zu verlieren. Ich bin nur ein Elftel der Mannschaft und stehe voll im Dienst des Teams.

Schon in Ihrer ersten Saison bei Dynamo haben Sie Marcus Hesse als Nummer Zwei abgelöst. Was haben Sie sich für nächstes Jahr vorgenommen?

Ich bin ja schon seit Oktober die Nummer Zwei in Dresden, nicht erst seit gestern. Mein Ziel für nächstes Jahr ist ganz klar, dass ich meine Position als zweiter Torhüter festigen möchte. Ich habe noch einen Lernprozess vor mir und plane deswegen nächstes Jahr noch nicht mit einem Konkurrenzkampf. Axel Keller ist ein starker Keeper, der sehr wichtig für die Mannschaft ist. Ein Konkurrenzkampf würde nur Unruhe ins Team bringen.

Neben dem Fußball absolvieren Sie eine Ausbildung, nach der schlechten Rückrunde in Mannheim haben Sie auch ein Karriereende nicht ausgeschlossen. Ist es diese Distanz, die Sie in dieser Saison so stark macht?

Das Karriereende stand zwar in Aussicht, aber der Wechsel zu Dynamo war natürlich auch ein sehr persönlicher Wechsel gewesen. Ich habe Dynamo nicht gebeten, sondern Dynamo hat mich nach der letzten Saison angesprochen, worauf ich sehr stolz war. Ich bin, seitdem ich denken kann, Dynamo-Dresden-Fan, das hat sicher den Ausschlag gegeben, meine Leistung nochmal zu erhöhen. Denn wenn man für einen Verein spielt, von dem man zu einhundert Prozent überzeugt ist, dann kann man für diesen Club einhundertzehn Prozent geben. Und zu Dynamo habe ich eine sehr persönliche Bindung, früher bin ich zu jedem Auswärtsspiel gefahren.

Ihre bisherigen Vereine gleichen fast denen Ihres Vaters. Zufall?

Nein, das ist kein Zufall. Dadurch dass wir damals nach Leverkusen gezogen sind, bin ich automatisch in den Jugendbereich von Bayer 04 gerutscht. Aber diesen Sohn-Bonus, den viele immer vermuteten, hatte ich nicht. Ich musste meine Leistung bringen, anders hätte ich das auch nicht gewollt. Ich wollte immer wegen meiner Leistung spielen und nicht wegen der meines Vaters. Hier in Dresden ist es vom Namen natürlich ein sehr heißes Pflaster. Kirsten ist eine Legende, da musste ich ein wahnsinnig großes Erbe übernehmen. Das macht es sehr schwierig für mich, aber die Fans haben mich sehr positiv aufgenommen und behandeln mich genauso wie jeden anderen auch.

Nervt es eigentlich, andauernd nach dem Vater gefragt zu werden?

Manchmal ist es einfach unangebracht. Ich erbringe eigene Leistungen, für die ich auch geschätzt werden will. Ich will nicht immer wieder hören: Super gehalten, aber dein Vater hat doch früher.... Das sind Dinge, bei denen man dann auch mal aus der Haut fährt. Aber natürlich kann ich die Fans verstehen, die mich nach meinem Vater fragen, denn er war ein Riesenfußballer.

Der Name Kirsten steht in Deutschland wie kaum ein anderer für Tore. Kein Stürmer war in den 90er Jahren erfolgreicher als Ulf Kirsten – und jetzt ist sein Sohn Torwart. Brauchte Ihr Vater jemanden, der sich bei Sonderschichten in den Kasten stellt?

Dafür war ich zu klein (lacht). Ich war ja am Anfang Stürmer und kann auch heute noch beide Positionen spielen. Auch bei unserer Zweiten musste ich schon mal als Feldspieler aushelfen. Aber ich wollte einfach Torwart sein, der Vergleich Ulf/Benni ist ja selbst dann gegeben, wenn ich im Tor stehe, da können Sie sich ausrechnen, wie es wäre, wenn ich auch noch als Stürmer spielen würde. Diese Legende Ulf Kirsten kann man nicht überbieten.

Also war es der große Erfolg des Vaters, der Sie dazu bewogen hat, etwas anderes zu machen?

Ein Stürmer, der so erfolgreich und noch dazu auch von seiner Persönlichkeit so professionell und einfach perfekt war, kann man nicht nachmachen – und den kann man auch nicht einholen. Ich war mir damals sicher, dass die Leute mich mit ihm vergleichen würden und werden. Gerade in jungen Jahren kamen alle immer zu mir und haben mich gefragt: Du willst doch bestimmt werden wie dein Vater? Willst du ein besserer Stürmer werden als dein Vater? Gerade als junger Fußballer ist das sehr schwer, auch deshalb habe ich mich für die Torwartposition entschieden.

Was hat Ihr Vater dazu gesagt?

Er hat gesagt, dass ich immer vom Kopf her ein Torhüter war, der sich lieber in den Dreck geschmissen hat, als zu laufen. Bis vor zwei Jahren hat er noch versucht, mich zum Rechtsaußen umzubauen, doch er hat dann auch eingesehen, dass das nichts bringt. Aber grundsätzlich war es ihm egal, welche Position ich spiele oder welche Sportart ich mache, Hauptsache, ich bin glücklich mit dem, was ich mache. Und ich bin sehr zufrieden mit meiner Position.

Haben Sie Ihren Namen eher als Vorteil oder eher als Bürde wahrgenommen?

Ich würde eher sagen als Bürde, weil viele in mir nicht den Fußballer oder die Persönlichkeit Benjamin Kirsten gesehen haben, sondern immer nur den Sohn von Ulf Kirsten. Alles wird irgendwie immer darauf zurückgeführt, dass Ulf Kirsten mein Vater ist, da muss man sich ziemlich anstrengen, um eigene Schlagzeilen zu schreiben. Schon zur Schulzeit war es nicht einfach. Wir haben in Bergisch Gladbach gewohnt, was zum Einzugsgebiet des 1.FC Köln liegt. Mit FC-Fans gab es des Öfteren Probleme, aber da muss man einfach durch.

Auf dem Torwart lastet der psychologisch größte Druck. Was macht für Sie den Reiz an dieser Position aus?

Unser Leverkusener Trainer Rüdiger Vollborn hat zu uns gesagt: »Fliegen ist das Schönste, was es gibt. « Genauso sehe ich das auch, und so gebe ich es auch meinen jungen Torhütern, die ich hier bei Dynamo Dresden trainiere, weiter.

Gab es einen Punkt, an dem Sie gemerkt haben, dass Ihr Vater Ihnen nicht mehr so einfach die Bälle reinhaut?


Als ich dann mit 17 oder 18 häufiger bei der Zweiten von Leverkusen mittrainiert habe, da habe ich gemerkt, dass es nicht mehr so einfach für ihn wird. Aber er hat es natürlich in jedem Trainingsspiel trotzdem versucht.

Zwei Jahre war Ihr Vater auch Ihr Trainer, dann wechselten Sie nach Mannheim. Kann man das als Flucht vor dem Ihrem Vater bezeichnen?

Eine Flucht war es nicht, dafür ist mein Vater ein viel zu guter Trainer, bei dem es richtig Spaß gemacht. Er hat mir nahe gelegt, es mal alleine zu probieren. Die Zeit in Mannheim will ich jetzt nicht kommentieren, damit habe ich abgeschlossen, aber es war gut zu wissen, wie es ist, ohne meinen Vater. Ich glaube, dass auch mein Vater nicht ewig in Leverkusen bleiben wird, denn ich bin mir sicher, dass er höherklassig sehr gut trainieren kann. 

Welche Erinnerungen haben Sie an die Karriere Ihres Vaters? Waren Sie oft mit im Stadion?

Ich habe versucht, mir jedes Spiel von ihm anzuschauen, aber oft musste ich selber spielen oder Leverkusen hat am gleichen Tag wie Dynamo gespielt.

Hat er Sie damals mit in die Entscheidung eingebunden, als er ein Angebot von Real Madrid vorliegen hatte?


Das hat er damals nicht gemacht, das ist an anderen Faktoren gescheitert. Später hat er mich mal gefragt, und da habe ich, soweit er mich erinnern kann, verneint aufgrund meiner schulischen Situation. Aber mein Vater wollte auch nicht wirklich aus Leverkusen weggehen.

»Dort, wo andere den Fuß wegziehen, geht Kirsten mit dem Kopf hin.« Das ist ein berühmtes Zitat von Ede Geyer über Ihren Vater. Könnte man das auch, leicht umformuliert, für Sie übernehmen?


Ich bin ein ähnlicher Typ wie mein Vater. In Sachen Emotionalität und Aggressivität nehmen wir uns nichts. Als Torwart bin ich gezwungen, mich in jeden Ball zu schmeißen und zur Not auch mein Gesicht zu riskieren.

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