Benedikt Höwedes über das neue Schalke

»Es war teilweise etwas merkwürdig«

Für die große Reportage in der neuen 11FREUNDE #134 reisten wir Ende November nach Gelsenkirchen und sprachen mit den Köpfen des Klubs über das neue Schalke 04. Benedikt Höwedes über singende Neuzugänge, Unsicherheiten im Kader und Rangnicks Abschiedsrede.

HINWEIS: Dieses Interview wurde bereits Ende November geführt. Die aktuellen Entwicklungen haben einige Dinge grundlegend verändert. Deswegen bitten wir dich, zur Einordnung des Gesagten vorab diesen Text zu lesen.

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Benedikt Höwedes, wie ist die gegenwärtige Stimmung im Team des FC Schalke 04?

Aktuell läuft es nicht rund, aber in der Mannschaft hat sich etwas entwickelt. Wir haben viele gute Charaktere im Team.


Zum Beispiel?
Alle Neuzugänge passen perfekt zu uns. Ibrahim Afellay, Roman Neustädter und Tranquilllo Barnetta haben sich optimal eingefügt. Das sind Charaktere, die auch bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Meines Erachtens gibt es auch nicht mehr Cliquen, wie in den Jahren zuvor. Und: Ich habe den Eindruck, alle kommen gerne zum Training.

Das war nicht immer so?
Nein.


Sie spielen auf die Zeit an, als Felix Magath die sportliche Verantwortung trug?
Das war meine Anfangszeit, insofern war es ohnehin ungewohnt. Aber der Trainer hat auf mich gebaut. Dennoch habe ich das Training als enorm hart empfunden und die Motivation lief zumeist über Druck.


Wie müssen wir uns so ein Druckszenario vorstellen?
Beispielsweise gab es unter Herrn Magath keine Trainingspläne. Spieler hatten keine Möglichkeit, das Leben abseits des Fußballs in irgendeiner Form zu planen. Ich konnte keine verbindliche Verabredungen treffen oder Arzttermine festmachen. Es war ein komisches Gefühl, morgens nicht zu wissen, ob wir an diesem Tag ein oder zweimal trainieren.


Auch Huub Stevens sagt man nach, er lege viel Wert auf Disziplin.
Tut er auch, aber die Stimmung ist viel besser. Der Umgang untereinander ist viel lockerer. 


Wie hat die Mannschaft den Rücktritt von Felix Magath im März 2011 aufgenommen?
Hinsichtlich der Trainingsintensität haben alle erst einmal durchgeatmet. Körperlich und psychisch war es eine sehr beanspruchende Zeit. Aber sowas birgt natürlich auch eine Gefahr. 


Wovon sprechen Sie?
Ein Team muss aufpassen, in solchen Situationen nicht die Spannung zu verlieren. Der VfL Wolfsburg hat nach Magaths Abgang nach der Meisterschaft auch diese Erfahrung gemacht, dass plötzlich alles auseinanderlief.


Bestand unter Magaths Nachfolger Ralf Rangnick diese Gefahr?
Rangnick ist ein Trainer, der wesentlich mehr Wert auf spielerische Elemente als auf knallharte Disziplin legt. Da besteht natürlich die Gefahr. Aber wir haben uns zusammengerauft, damit gar nicht der Verdacht aufkommt, dass wir uns hängen lassen.

Wie wichtig war gleich nach Rangnicks Amtsübernahme, dass Sie in der Champions League mit 5:2 gegen Inter Mailand gewannen?
Das erste Spiel nach Magath haben wir verloren: 0:2 in Leverkusen unter Seppo Eichkorn. Das war vielleicht der einzige Moment, in dem ich den Eindruck hatte, dass wir vielleicht etwas zu tief durchgeschnauft haben. Dann kam gleich Mailand – und damit der Beweis, dass wir unter Spannung stehen. 


Wie sehr hat es die Mannschaft belastet, dass Rangnick Topstar Raul nicht in seine Philosophie einbezog?
Man sagt Rangnick nach, er hätte ein Problem mit großen Spielern, aber das war nicht der Grund. Raul passte einfach nicht in sein System. Rangnick verlangte ein Pressing in der gegnerischen Hälfte. Rauls Qualitäten aber sind eher seine Torgefährlichkeit, er hält perfekt die Bälle und kann Pässe in die Spitze spielen. Er ist nun mal keiner, der durch seine überragende Schnelligkeit und Laufbereitschaft Pressing in der Spitze machen kann. Das hat Stevens erkannt und akzeptiert – und deshalb das Spiel wieder auf ihn umgestellt. 


Welche Rolle spielte Horst Heldt, als Magath noch auf Schalke war?
Für uns Spieler war er damals nicht so präsent, er hat mehr im Hintergrund gearbeitet. Erst als Herr Magath weg war, trat er zunehmend in den Vordergrund. 


Im September 2011 trat Rangnick wegen eines Burn-Outs zurück. Konnten Sie erkennen, wie schlecht es ihm ging?
Im Nachhinein ist sowas immer einfach zu behaupten. Natürlich habe ich hinterher öfter darüber nachgedacht, ob ihm in manchen Momenten die Kraft fehlte, die entscheidenden Worte zur Motivation zu finden. Aber ganz ehrlich: Für mich war es erst klar, dass er unter dem Burn-Out-Syndrom leidet, als er sich von der Mannschaft verabschiedete.


Rangnick hat sich der Mannschaft offenbart?
Es fiel ihm sichtlich schwer, über seine Situation zu sprechen, aber er kam vor dem Training in die Kabine und hat am Ende allen Spielern die Hand geschüttelt.


Wie hat es die Mannschaft aufgenommen?
Ein Großteil war geschockt. Aber in einer Profimannschaft gibt es natürlich immer ein paar, die von der neuen Situation profitieren. Generell finde ich, dass das Team sehr professionell reagiert hat und in dieser wahrlich nicht einfachen Situation Stärke bewiesen hat.


Sind Sie am Abend alle zusammen eine Pizza essen gegangen?
Nein, solche Ereignisse werden dann eher im kleinen Kreis diskutiert.


Was hat Rangnick in den wenigen Monaten seiner Amtszeit bewirkt?
Mit seiner offensiven Spielweise hat er uns definitiv den Spaß zurückgegeben. Anfangs konnte er sich damit allerdings nicht bei allen durchsetzen, weil er einen sehr großen Kader übernehmen musste. Wir waren damals so viele, dass es kaum möglich war, alle Spieler zu erreichen.


Wie hat sich das geäußert?
Wenn wir ein Trainingsspiel elf gegen elf machen wollten, standen immer acht bis zehn Leute draußen und mussten zuschauen. Jeder hat das Bestreben in den 18er-Kader zu kommen, aber unter solchen Voraussetzungen ist es für viele aussichtslos. So was ist auch für einen Trainer belastend. Denn jeder verarbeitet so eine Situation anders.


Nämlich?
Der eine fängt an Stunk zu machen und beschwert sich ständig, der andere zieht sich total zurück. Wie gesagt, es ist sehr schwierig mit einer so großen Gruppe zu arbeiten.


Sind Sie manchmal zum Training gekommen und haben gedacht: »Der Neue sieht aus wie Angelos Charisteas…oh…das ist er ja wirklich«?
Zugegeben, die Winterpause im zweiten Jahr unter Herrn Magath war teilweise etwas merkwürdig.


Und dann steht eines Tages Huub Stevens auf dem Platz.
Er hat sich viel Zeit mit den Spielern genommen, damit keine weitere Unsicherheit in dieser fragilen Situation aufkommt. Ich fand es gut, dass ansonsten der Trainerstab zusammengeblieben ist. Die Ansprechpartner änderten sich also nicht, was uns als Mannschaft viel Stabilität gab.


Was unterscheidet die drei Trainer Magath, Rangnick und Stevens in der täglichen Arbeit voneinander?
Jeder hatte eine ganz eigene Herangehensweise. Magath hat viel mit Druck gearbeitet. Rangnick hat sehr viel Wert auf das Spielerische gelegt. Und der Stevens legt eine Leidenschaft an den Tag, die zu Schalke passt, und er ist in der Lage, Disziplin mit Spaß zu verbinden.


Letzte Frage: Müssen sich die Neuzugänge auf Schalke wie in England mit einem Lied vor der Mannschaft vorstellen?
Wir haben mal versucht, so einen Brauch bei uns einzuführen, aber es schnell wieder sein lassen. 


Warum – weil Sie nicht jeden Tag ein neues Lied hören wollten?
Nein, das ist nicht der Grund. Aber Singen ist auch eine Frage der Mentalität. Einige haben sich getraut, die meisten haben sich eher geziert. Und ganz ehrlich – ich bin für so etwas auch nicht gemacht.



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