Bayern-Stadionsprecher Stephan Lehmann

»Wir müssen uns nicht entschuldigen«

Stephan Lehmann ist seit 1996 Stadionsprecher des FC Bayern. Am Anfang sagte er noch durch: »Der kleine Alexander sucht seine Eltern!« Heute ist er Moderator einer Mega-Show. Wir sprachen mit ihm über Scheißstimmungen, Modefans und den Neid der anderen. Bayern-Stadionsprecher Stephan Lehmann
Heft#118 09/2011
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Stephan Lehmann, Sie sind als Stadionsprecher maßgeblich für die Stimmung verantwortlich. War die denn wirklich so scheiße, damals 2007?

Stephan Lehmann: Nein, war sie nicht! Die Stimmung im Stadion ist stets ein Spiegelbild der Leistung auf dem Platz. Und bei einer Mannschaft, die viermal die Champions League gewonnen hat und 22 Mal Deutscher Meister geworden ist, liegt es in der Natur der Dinge, dass das Publikum erfolgsverwöhnt ist.

Aha! Das ist doch die Schlagzeile: »Bayern-Fans sind verwöhnt!«

Stephan Lehmann: Ja, aber das ist nichts Verwerfliches. Sie wollen tollen Fußball sehen, weil sie es nicht anders kennen. Ich bin Jahrgang 1962 und aufgewachsen mit Beckenbauer, Müller und Breitner. Das prägt. Man gibt sich nicht von heute auf morgen mit dem Mittelmaß zufrieden. Und meistens werden die Fans ja auch zufrieden gestellt: Als Franck Ribéry 2007 nach München kam und auf dem Flügel gezaubert hat, schwappte im dunkelsten November die La-Ola-Welle durchs Stadion.

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Aber was, wenn die Leistung nicht stimmt?

Stephan Lehmann: Ich gebe zu: Der Bayer ist von der Mentalität her niemand, der sich bespaßen lässt. Als Stadionsprecher könnte ich es nie so machen wie der geschätzte Kollege Norbert Dickel in Dortmund. Die Fans würden mich aus dem Stadion »fotzen«, wie man bei uns sagt. Der Bayer lässt sich nicht aufoktroyieren. Da ist er eigen.

Dann ist ein Bayern-Fan allerdings auch nicht der berühmte 12. Mann, der seine Mannschaft durch eine Krise trägt.

Stephan Lehmann: Oh doch, aber halt auf seine Art. Unser Stadion ist immer ausverkauft und das Publikum breit gefächert.

Ich schließe daraus: Die »Scheißstimmung«-Diskussion rund um die JHV 2007 hat Sie nicht persönlich getroffen.

Stephan Lehmann: Nein, ich bin letztlich nicht für die Stimmung verantwortlich. Ich sehe mich als Bindeglied zwischen dem Verein, den Interessen unserer Sponsoren und den Fans. Letztere sind es natürlich gewohnt – auch wenn sie es sich nicht bewusst machen –, dass im Umfeld eines Spiels etwas geboten wird.

Ein Event?

Stephan Lehmann: Das hat eine negative Konnotation. Dass sich das vielmehr zum Positiven gewandelt hat, stelle ich selbst fest, wenn ich meine heutige Arbeit mit den Anfängen Mitte der Neunziger vergleiche. Damals habe ich durchgesagt: »Der kleine Alexander vermisst seine Mutter«, dann kamen die Aufstellungen, und das war's. Heute treffen wir uns viereinhalb Stunden vor Spielbeginn mit 35 Mitarbeitern und besprechen das Rahmenprogramm von »Bayern-TV«. Wir haben, wenn Sie so wollen, ein »Aktuelles Sportstudio« unter Livebedingungen, mit Interaktionen, Service, mit insgesamt 80 Unterpunkten. Ich bin heute vielmehr Moderator als bloßer Stadionsprecher.

Hat sich die Atmosphäre und Unterstützungskultur durch den Umzug in die Arena merklich verändert?

Stephan Lehmann: Ja, zum Positiven – auch wenn es immer noch Fans gibt, die sagen: »Ich vermisse meine durchgehende Südkurve!« Man kann es eben nicht allen recht machen. Aus meiner Sicht ist der große Vorteil, dass wir hinter beiden Toren nunmehr unsere eigenen Fans stehen haben, das war früher nicht der Fall. Da hatte Oliver Kahn in einer Halbzeit die gegnerischen Fans im Rücken.

Der Bau der Allianz-Arena, deren Außenhülle bis in die österreichischen Alpen leuchtet, war ein Statement: Der FC Bayern will als weltweite Marke wahrgenommen werden, weniger als bloßer Fußballverein.

Stephan Lehmann: Mit Sicherheit. Bedenken Sie, was sich im Bereich des Merchandising getan hat. Früher war ich froh, wenn ich irgendwo einen Aufkleber auftreiben konnte, um ihn mir auf die Jeansjacke zu pappen. Oder man hat Oma gefragt, ob sie einem ein Emblem stickt. Heute ist von der Tasse bis zur Fußmatte alles erhältlich. Jederzeit, weltweit. Der FC Bayern hat allein bei Facebook 1,7 Millionen Fans, viele davon aus Japan und aus aller Welt. Der FC Bayern funktioniert heute global – und das ist ein Riesenunterschied zu der Zeit vor 20 Jahren.

Andererseits ist die Psychostruktur des FC Bayern immer noch zutiefst bayrisch. Auf der JHV etwa hat man sich gezofft, aber auch wieder vertragen. Andere Klubs wären zerbrochen.

Stephan Lehmann: Diese JHV hat allen gezeigt, was der FC Bayern wirklich ist. Gerade in Zeiten, in denen es nicht gut läuft und der Wind rau ist, rücken die Bayern zusammen. Und deshalb widerspreche ich der These von den Erfolgsfans ganz energisch. Ich sage sogar: Wenn der FC Bayern eines Tages absteigen würde – was ich natürlich für praktisch ausgeschlossen halte – wird nicht ein Platz in der Arena leer bleiben. Der Bayer ist zwar manchmal mürrisch und sagt: »Des stinkt mer, leckt's mi am Oarsch!« Aber er wird niemals seine Grundkonstitution verleugnen, seine Liebe zu diesem Verein.

Das Klinsmann-Experiment war sportlich desaströs. Danach lag der ehemalige Heilsbringer am Boden, aber der FC Bayern hatte auf wundersame Weise triumphiert, weil er nich interessanter war als zuvor. Sind Storys für diesen Verein mittlerweile ebenso wichtig wie Punkte?

Stephan Lehmann: Beides ist gleichermaßen wichtig. Schon in den Neunzigern, als Jürgen Klinsmann als Spieler nach München kam, war die Rede vom »FC Hollywood«. Wobei ich nicht glaube, dass diese Stories jemals vom Verein geplant waren. Niemand hat Uli Hoeneß je gefragt, ob es ihm recht wäre, wenn der FC Bayern zum Schlagzeilenproduzenten wird. Und er steht ja auch nicht mit Karl-Heinz Rummenigge am Flipchart und plant den nächsten Mediencoup. Es ist eben einfach so gekommen. Ich war gerade mit dem FC Bayern im Trainingslager in Riva del Garda. 80 akkreditierte Journalisten. 80! Ein Spiel gegen Katar, und SPORT1 überträgt live! In einer Zeit der kompletten Reizüberflutung ist der FC Bayern eine Art Leuchtturm: Für diesen Verein interessieren sich alle, ob sie ihn nun lieben oder hassen. Und ich glaube, dass Hoeneß und Rummenigge, auch wenn sie das so nicht geplant haben, darauf sehr stolz sind. Mit Recht!

Kann ein Mensch, der nicht aus Bayern kommt, diesen Verein überhaupt in seinem Wesen begreifen?

Stephan Lehmann: Natürlich kann er das – wenn er sich Mühe gibt. Wer seine Informationen ausschließlich aus den Zeitungen bezieht, dürfte sich in der Tat schwer tun. Aber ich kenne viele »Zug'reiste«, die den Verein heute ganz anders sehen als früher. Der FC Bayern steht jedem offen – wenn derjenige will. Was der FC Bayern nicht macht: sich anbiedern. Niemals! Das wird oft mit Arroganz verwechselt.

Sind Sie wegen des Arroganz-Vorwurfs extra-höflich zu gegnerischen Fans?

Stephan Lehmann: Nein. Ich sehe das sportlich. Es sind ja Gegner. Und es ist ja schön, wenn der BVB nach München kommt und wir eine tolles Fußballspiel sehen.

Sie geben also zu: Der FC Bayern braucht die anderen 17 Mannschaften, um zu existieren.

Stephan Lehmann: Absolut! Und wir gratulieren dem BVB zur Meisterschaft. Manche Leute glauben, es stehe im bayrischen Grundgesetz oder in den Vereinsstatuten, dass der FC Bayern Deutscher Meister zu werden hat. Dem ist nicht so, und das wissen wir auch ganz genau. Wir wissen: Die anderen können es auch. Und wir müssen ständig an uns arbeiten.

Gleichwohl entsteht der Eindruck, dass andere Mannschaften nur Meister werden, wenn der FC Bayern es ihnen gestattet.

Stephan Lehmann: Schauen Sie auf die letzte Saison: Wie viele Punkte der FC Bayern da hat liegen lassen! Das hätte nicht sein müssen. Natürlich ist der FC Bayern immer wieder Favorit auf den Titel. Die Gesetzmäßigkeit lautet: Wo kontinuierlich gut gearbeitet wird, ist Erfolg. Wo Erfolg ist, ist Geld. Und Geld macht unabhängig und flexibel. Der FC Bayern verbietet es aber niemandem, ebenfalls Erfolg zu haben.

Aber er kauft der Konkurrenz die besten Spieler weg.

Stephan Lehmann: Wenn ein Verein wirklich gefährlich werden will, behält er den Spieler. Basta. Uli Hoeneß wird nicht mit der Äther-Flasche anrücken, einen Spieler in einen Unterhachinger Keller pferchen und ihm dort das rote Trikot aufzwängen.

Man sagt, in Zeiten des Misserfolgs lerne man am meisten über sich selbst. So gesehen, dürften Bayern-Fans recht unreflektierte Charaktere sein.

Stephan Lehmann: Jein. Schauen Sie auf die letzte Saison – das war »a Watschn«. Ich nehme mir zum Beispiel für den Tag des DFB-Pokal-Finales nie etwas vor. Da kann ich nicht. Und dann sehe ich im Fernsehen Schalke gegen Duisburg – ja, bist du deppert!? Und jetzt gehe ich natürlich doppelt freudig in die kommende Saison.

Demut klingt anders.

Stephan Lehmann: Ich sage ihnen ganz ehrlich: Wenn wir hier einen Titel holen, dann ist das für alle Beteiligten immer noch etwas ganz Außergewöhnliches. Von Gewohnheit keine Spur!

Auch in der Magath-Ära? Das wirkte eher routiniert.

Stephan Lehmann: Das lag an der Person Felix Magath. Er ist keiner, der bei der Polonäse vorne weg läuft. Auch daraus wurde dann gleich wieder eine Story generiert, nach dem Motto: »Was liegt da im Argen?« Dass Oliver Kahn und Philipp Lahm sich zwei Meter weiter gegenseitig mit Champagner abduschten, fiel unter den Tisch. 

Abschließend, Herr Lehmann: Wer san denn jetzt mia?

Stephan Lehmann: Mia! 

Können Sie das bitte noch ausformulieren?

Stephan Lehmann: Ich übersetze es mit: Wir müssen uns nicht dafür entschuldigen, dass wir so sind, wie wir sind.

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