26.08.2011

Bayern-Stadionsprecher Stephan Lehmann

»Wir müssen uns nicht entschuldigen«

Stephan Lehmann ist seit 1996 Stadionsprecher des FC Bayern. Am Anfang sagte er noch durch: »Der kleine Alexander sucht seine Eltern!« Heute ist er Moderator einer Mega-Show. Wir sprachen mit ihm über Scheißstimmungen, Modefans und den Neid der anderen.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Stephan Lehmann, Sie sind als Stadionsprecher maßgeblich für die Stimmung verantwortlich. War die denn wirklich so scheiße, damals 2007?

Stephan Lehmann: Nein, war sie nicht! Die Stimmung im Stadion ist stets ein Spiegelbild der Leistung auf dem Platz. Und bei einer Mannschaft, die viermal die Champions League gewonnen hat und 22 Mal Deutscher Meister geworden ist, liegt es in der Natur der Dinge, dass das Publikum erfolgsverwöhnt ist.

Aha! Das ist doch die Schlagzeile: »Bayern-Fans sind verwöhnt!«

Stephan Lehmann: Ja, aber das ist nichts Verwerfliches. Sie wollen tollen Fußball sehen, weil sie es nicht anders kennen. Ich bin Jahrgang 1962 und aufgewachsen mit Beckenbauer, Müller und Breitner. Das prägt. Man gibt sich nicht von heute auf morgen mit dem Mittelmaß zufrieden. Und meistens werden die Fans ja auch zufrieden gestellt: Als Franck Ribéry 2007 nach München kam und auf dem Flügel gezaubert hat, schwappte im dunkelsten November die La-Ola-Welle durchs Stadion.



Aber was, wenn die Leistung nicht stimmt?

Stephan Lehmann: Ich gebe zu: Der Bayer ist von der Mentalität her niemand, der sich bespaßen lässt. Als Stadionsprecher könnte ich es nie so machen wie der geschätzte Kollege Norbert Dickel in Dortmund. Die Fans würden mich aus dem Stadion »fotzen«, wie man bei uns sagt. Der Bayer lässt sich nicht aufoktroyieren. Da ist er eigen.

Dann ist ein Bayern-Fan allerdings auch nicht der berühmte 12. Mann, der seine Mannschaft durch eine Krise trägt.

Stephan Lehmann: Oh doch, aber halt auf seine Art. Unser Stadion ist immer ausverkauft und das Publikum breit gefächert.

Ich schließe daraus: Die »Scheißstimmung«-Diskussion rund um die JHV 2007 hat Sie nicht persönlich getroffen.

Stephan Lehmann: Nein, ich bin letztlich nicht für die Stimmung verantwortlich. Ich sehe mich als Bindeglied zwischen dem Verein, den Interessen unserer Sponsoren und den Fans. Letztere sind es natürlich gewohnt – auch wenn sie es sich nicht bewusst machen –, dass im Umfeld eines Spiels etwas geboten wird.

Ein Event?

Stephan Lehmann: Das hat eine negative Konnotation. Dass sich das vielmehr zum Positiven gewandelt hat, stelle ich selbst fest, wenn ich meine heutige Arbeit mit den Anfängen Mitte der Neunziger vergleiche. Damals habe ich durchgesagt: »Der kleine Alexander vermisst seine Mutter«, dann kamen die Aufstellungen, und das war's. Heute treffen wir uns viereinhalb Stunden vor Spielbeginn mit 35 Mitarbeitern und besprechen das Rahmenprogramm von »Bayern-TV«. Wir haben, wenn Sie so wollen, ein »Aktuelles Sportstudio« unter Livebedingungen, mit Interaktionen, Service, mit insgesamt 80 Unterpunkten. Ich bin heute vielmehr Moderator als bloßer Stadionsprecher.

Hat sich die Atmosphäre und Unterstützungskultur durch den Umzug in die Arena merklich verändert?

Stephan Lehmann: Ja, zum Positiven – auch wenn es immer noch Fans gibt, die sagen: »Ich vermisse meine durchgehende Südkurve!« Man kann es eben nicht allen recht machen. Aus meiner Sicht ist der große Vorteil, dass wir hinter beiden Toren nunmehr unsere eigenen Fans stehen haben, das war früher nicht der Fall. Da hatte Oliver Kahn in einer Halbzeit die gegnerischen Fans im Rücken.

Der Bau der Allianz-Arena, deren Außenhülle bis in die österreichischen Alpen leuchtet, war ein Statement: Der FC Bayern will als weltweite Marke wahrgenommen werden, weniger als bloßer Fußballverein.

Stephan Lehmann: Mit Sicherheit. Bedenken Sie, was sich im Bereich des Merchandising getan hat. Früher war ich froh, wenn ich irgendwo einen Aufkleber auftreiben konnte, um ihn mir auf die Jeansjacke zu pappen. Oder man hat Oma gefragt, ob sie einem ein Emblem stickt. Heute ist von der Tasse bis zur Fußmatte alles erhältlich. Jederzeit, weltweit. Der FC Bayern hat allein bei Facebook 1,7 Millionen Fans, viele davon aus Japan und aus aller Welt. Der FC Bayern funktioniert heute global – und das ist ein Riesenunterschied zu der Zeit vor 20 Jahren.

Andererseits ist die Psychostruktur des FC Bayern immer noch zutiefst bayrisch. Auf der JHV etwa hat man sich gezofft, aber auch wieder vertragen. Andere Klubs wären zerbrochen.

Stephan Lehmann: Diese JHV hat allen gezeigt, was der FC Bayern wirklich ist. Gerade in Zeiten, in denen es nicht gut läuft und der Wind rau ist, rücken die Bayern zusammen. Und deshalb widerspreche ich der These von den Erfolgsfans ganz energisch. Ich sage sogar: Wenn der FC Bayern eines Tages absteigen würde – was ich natürlich für praktisch ausgeschlossen halte – wird nicht ein Platz in der Arena leer bleiben. Der Bayer ist zwar manchmal mürrisch und sagt: »Des stinkt mer, leckt's mi am Oarsch!« Aber er wird niemals seine Grundkonstitution verleugnen, seine Liebe zu diesem Verein.

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