26.08.2011

Bayern-Fanbeauftragter Raimond Aumann

»Heute heißt es: ›Ey, Du, unterschreib mal!‹«

Seit nunmehr 15 Jahren arbeitet Ex-Keeper Raimond Aumann als Fanbeauftragter beim FC Bayern München. Für unser Titelgeschichte in der neuen 11FREUNDE #118 sprachen wir mit ihm über veränderte Umgangsformen, Nicknames im Internet und Manuel Neuer.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Raimond Aumann, Sie sind seit 15 Jahren Fanbeauftragter des FC Bayern. Was hat sich seitdem verändert?

Raimond Aumann: Wir haben heute rund 2900 registrierte Fanclubs mit mehr als 200.000 Mitgliedern. Dazu kommen noch rund 168.000 Vereinsmitglieder. Als ich anfing, gab es um die 1000 Fanclubs mit rund 40.000 Mitgliedern. Genau kann ich es Ihnen gar nicht sagen, weil damals vieles nicht so akribisch dokumentiert wurde, wie heute.





Ab wann kann sich ein Fanclub bei Ihnen registrieren?

Raimond Aumann: Wir haben es zur Auflage gemacht, dass ein Fanclub mindestens 25 Mitglieder haben muss. Durch stichpunktartige Anschreiben versuchen wir immer wieder herauszufinden, wo es Karteileichen gibt und welche Fans tatsächlich aktiv sind. Denn eines ist angesichts der enormen Zahl klar: Meine drei Mitarbeiter und ich in der Fanbetreuung können gar nicht mehr jeden einzelnen Fan persönlich kennen.



Wann legt Bayern München besonders bei den Fans zu? In Erfolgsjahren?

Raimond Aumann: Würde man annehmen, aber gerade in der vergangenen Saison, in der wir keinen Titel geholt haben, konnten wir einen deutlichen Zuwachs verzeichnen. Der aktive Bayern-Fan ist offenbar alles andere als ein Erfolgsfan, den man uns oft nachsagt.

Woran liegt das?

Raimond Aumann: Unsere Geschichte ist gespickt mit Erfolgen, die gehören gewissermaßen dazu. Aber die Nähe zu diesem Klub ergibt sich über die Emotion – und die ist unabhängig von Titeln.



Wie genügsam ist denn der Bayern-Fan? Wird er schnell kritisch, wenn etwas nicht funktioniert?

Raimond Aumann: Kritik äußern unsere Fans immer sofort. Das Internet ist heutzutage beinahe für jeden zugänglich und dient diesbezüglich als Plattform. Und da werden Themen manchmal wochenlang diskutiert – wir fragen uns dann schon, ob das unbedingt sein muss. Wir hören uns jede Meinung genau an, was aber nicht gleichbedeutend damit ist, jede extreme Fanmeinung auch zu akzeptieren. 



Was kritisieren die Fans am meisten? Transfers? Mangelnden Erfolg? Mangelnde Fannähe?

Raimond Aumann: Das Anspruchsdenken des Bayern-Fans – mit über 20 Meisterschaften im Hinterkopf – hat natürlich, verglichen mit dem Fan eines anderen Bundeliga-Clubs, deutlich zugenommen. Aber unser mit Abstand größtes Problem sind Tickets: Wir haben zu wenig! Die Leute wollen den FC Bayern live erleben und wir können nicht allen diesen Wunsch erfüllen, weil die Nachfrage zu groß ist. 



Ist es nicht eine mittlere Katastrophe, dass der Verein sich seinen Fans nicht mehr in ausreichendem Maße präsentieren kann?

Raimond Aumann: Um diesem Problem entgegen zu wirken, vergeben wir nur 38 000 Jahreskarten. Außerdem gehen bei jedem Heimspiel 10 000 Tickets exklusiv nur an Fanclubmitglieder. Aber verglichen mit 200 000 organisierten Fans ist das natürlich sehr wenig.



Wie handhaben Sie die öffentlichen Trainings?

Raimond Aumann: Wir sind ein offener Verein. In den Ferien sind an der Säbener Straße mitunter 5000 Fans beim Training, da herrscht Volksfeststimmung. Also haben wir dafür gesorgt, dass wenigstens das Abschlusstraining für die Öffentlichkeit geschlossen ist, damit die Mannschaft in Ruhe arbeiten kann.

Tun Ihnen die Spieler angesichts dieser Nachfrage manchmal leid?

Raimond Aumann: Nein, jede Zeit ist anders, auch wir haben schon vor 2000 Leuten trainiert. Spieler müssen einem sowieso nicht leid tun. Wer heute bei Bayern München unter diesen Voraussetzungen trainieren und spielen darf, kann sich glücklich schätzen. Es gibt nichts Besseres.

Dennoch steigen die Begehrlichkeiten der Fans an die Spieler mehr und mehr.
 Geändert haben sich vor allem die Umgangsformen. Auch ich habe nach dem Training als Profi Autogramme gegeben, aber damals haben die Leute gesagt: »Entschuldigung, würden Sie hier bitte unterschreiben?«. Heute heißt es: »Ey, Du, unterschreib mal!« Wir leben in einer Gesellschaft, in der vieles zur Selbstverständlichkeit geworden ist.



Woran liegt das?

Raimond Aumann: Die Frage kann ich in der hier angebrachten Kürze leider nicht beantworten.



Fans sind heute viel besser organisiert als früher und fordern ein Mitspracherecht ein. Wo dürfen Bayern-Fans mitreden – oder wo hört der Spaß auf?

Raimond Aumann: Bei der Vereinspolitik – die macht bei uns ausschließlich der Verein, das heißt die dafür zuständigen Personen. Wenn wir anfangen würden, uns Spielertransfers von den Fans freigeben zu lassen, wird hier niemand mehr verplichtet, weil man sich nie einigen kann.

Ein bisschen gehen Ihnen diese Foren mit den Meinungen anonymer Fans schon auf die Nerven.

Ach was, es ist ein Kommunikationsweg der heutigen Zeit. Und jede sachliche Kritik ist bei uns auch willkommen. 


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