Bayer-Profi Stefan Reinartz über seinen Trainerjob

»Profis haben genügend Zeit«

Stefan Reinartz von Bayer Leverkusen könnte seine freie Zeit ja auch mit dem Ankauf hübscher neuer Uhren vertrödeln. Tut er aber nicht. Stattdessen trainiert der 23-Jährige die U-17-Auswahl seines Klubs. Ein Gespräch über Trainingsmethoden für Teenager und den negativen Einfluss von Beratern.

Stefan Reinartz, seit dieser Saison sind Sie Co-Trainer bei der B-Jugend von Bayer 04 Leverkusen. Dementsprechend sollte dieses Interview auch bei einer Trainingseinheit im Jugendleistungszentrum stattfinden. Sie haben das aber strikt abgelehnt. Wieso?
Ich möchte die Jungs so ein wenig von der medialen Beobachtung fern halten. Außerdem mache ich das doch erst seit fünf Monaten. Ich will nicht, dass das jetzt schon so dargestellt würde, als würde ich etwas ganz Tolles leisten. Das wäre mir unangenehm.

Profispieler und Jugendtrainer in einer Person, das ist eine im heutigen Profi-Fußball äußerst ungewöhnliche Konstellation. Wie kam es dazu?
Der aktuelle Cheftrainer der B-Jugend, Tom Cichon, und sein Assistent Andrzej Buncol haben vor der Saison Verstärkung für ihr Team gesucht. Es ist gar nicht so leicht, gute Trainer für den Jugendbereich zu finden. Bei der Suche hat Tom, der damals übrigens mein Co-Trainer in der A-Jugend war, irgendwann offenbar an mich gedacht und einfach mal angerufen.

Ging es dabei auch darum, dass Sie das Trainerteam durch Ihre besondere Rolle als Profi mit speziellen Einblicken bereichern könnten?
Es hat natürlich schon einen besonderen Touch, weil ich erst 23 bin und selbst in der Bayer-Jugend ausgebildet worden bin. Das sollte man aber auch nicht zu hoch hängen. Letztlich bin ich ein ganz normaler Co-Trainer.

Ist diese enge Bindung zum Jugendbereich des Vereins, bei dem Sie zum Profi gereift  sind, eine besondere Motivation? Eine Art Dankeschön?
So altruistisch sind die Beweggründe dann doch nicht. Mir macht es letztlich einfach enorm viel Spaß, außerdem ist es eine gute Chance, um die Erfahrung schon mal zu machen.

Welche Aufgaben übernehmen Sie im Trainingsbetrieb in erster Linie?
Ein bis zweimal pro Woche bin ich bin ich beim Training dabei. Dann komme ich zwei Stunden vor Trainingsbeginn und wir sprechen über einzelne Spieler, analysieren ältere Partien und überlegen uns, was wir verbessern können. Beim Training übernehme ich hin und wieder die ein oder andere Übungsform. Leider konnte ich aber bisher erst bei einem Spiel dabei sein, weil ich am Wochenende mit den Profis unterwegs bin.

Was sind Ihre ersten Eindrücke von der Arbeit als Trainer?
Mich hat überrascht, wie viele Themen anfallen, die mit dem Fußball nichts zu tun zu haben – und wie wenig du dich dadurch letzten Endes wirklich mit Fußball beschäftigst. Du hast 20 Kinder in einem schwierigen Alter, 20 Schulen, 40 Elternteile und ganz viel Organisationskram, in dem man irgendwie mit drin hängt.

In der Regel schafft nur ein Bruchteil der Spieler aus den Juniorenbundesligen den Sprung in den Profifußball. Sie haben es geschafft. Inwiefern sehen Sie sich da in der Rolle, den Nachwuchsspielern Ratschläge zu geben?
Ich denke, dass da überschätzt wird, in wie weit man wirklich Tipps geben kann. Es gehört einfach viel Glück dazu. Ich war zum Beispiel damals einfach in einem enorm starken Jahrgang, in dem wir durch die hohe Leistungsdichte gegenseitig gepusht haben. In der A-Jugend sind wir Meister geworden. Das war ein Sprungbrett, über das man es einfacher in eine Leihe bei einem Profiverein geschafft hat.

Der Altersunterschied zwischen Ihnen und den Spielern ist relativ klein. Sehen Sie trotzdem Unterschiede zu Ihrer Spielergeneration?
Es gibt neue Entwicklungen, die es für die jungen Spieler schwieriger macht, sich im Fußball zu professionalisieren. Ganztagsschulen zum Beispiel: Die Spieler haben fünf- bis sechsmal Training, dazu zwei- oder dreimal bis um 17 Uhr Schule. Das kann auf Dauer nur schwer funktionieren. Was mittlerweile ebenfalls enorm früh beginnt, ist die Sache mit den Spielerberatern.

Die B-Jugendspieler haben private Berater?
Schon sehr viele, ja. In dem Alter sind die Spieler ungemein beeinflussbar und werden auf ein sehr komplexes Spannungsfeld aus Trainer, Eltern, Berater und Schule losgelassen. Als Verein muss man da aufpassen.

Nehmen Sie die Spieler zur Seite, wenn Sie sehen, dass sie sich mit Dingen beschäftigen, mit denen sie sich noch nicht beschäftigen sollten?
Ich spreche viel mit den Spielern. Aber ich muss auch sagen, dass ich mich in der Hinsicht in den ersten Monaten noch zurückgehalten habe. Erst einmal musste ich die Jungs kennen lernen. Ich hatte lange nichts mit dem Jugendfußball zu tun. Da kann ich jetzt nicht mit Pauken und Trompeten kommen und sagen: »So wird’s gemacht, so wirst du Profi!«

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und den Spielern?
Anfangs haben mich die Spieler gesiezt. Das war völlig merkwürdig. Ich bin 23 und kann mich nicht daran erinnern, dass das jemals jemand gemacht hätte. Ich denke aber schon, dass es ein Vorteil ist, dass ich hier im Verein gleichzeitig auch Profi bin. Das ist mein Faustpfand. Da kommen die Jungs dann gerne mit vielen Fragen – auch wenn viele nicht unbedingt mit dem Fußball, sondern viel mehr mit allem zu tun haben, was im Profisport noch so drum herum passiert. Natürlich erzähle ich gerne mal die eine oder andere Geschichte – aber der Fußball muss im Mittelpunkt stehen.

Im Amateurfußball ist es Gang und Gäbe, dass ältere Spieler die jüngeren trainieren. Im Profibereich sind Sie ein Exot. Woran fehlt es bei den Kollegen? Zeit? Oder Engagement?
Zeit haben wir Profifußballer alle genug. Wenn ich ehrlich bin, denke ich, dass die meisten einfach überhaupt nicht auf die Idee kommen. Ich würde das hier vermutlich auch nicht machen, wenn ich nicht gefragt worden wäre. Dazu kommt, dass Spieler, die nicht gerade im Verein ausgebildet worden sind, einfach keinerlei Draht zur Jugendabteilung haben.

Was sagen die Kollegen denn zu Ihrer Freizeitgestaltung?
Den einen oder anderen Spruch musste ich mir schon anhören. Es war aber weder ein besonders guter dabei, noch kamen so viele blöde Kommentare wie ich es erwartet hatte. Das habe ich einfach mal so gewertet, dass es vermutlich doch gar nicht so verkehrt ist, was ich da mache. Ein Mitspieler macht sich sogar ernsthafte Gedanken, ebenfalls im Jugendbereich einzusteigen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!