Bastian Schweinsteiger über seine Karriere (2)

»Angst habe ich nie«

Im zweiten Teil unseres großen Schweinsteiger-Interviews sprachen wir mit dem Bayern-Star über seinen Respekt vor Louis van Gaal, Glück im Fußball und eine mögliche neue »Duz-Freundin«. Exklusiv für 11freunde.de-User. Bastian Schweinsteiger über seine Karriere (2)Christian Kaufmann
Heft#106 09/2010
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Bastian Schweinsteiger, Sie entstammen einer Jugendmannschaft beim FC Bayern, in der auch Spieler wie Andreas Ottl, Michael Rensing, Piotr Trochowski und Christian Lell spielten. Waren Sie damals schon der Beste?

Der Zweitbeste.

Wer war besser?

In der Jugend war Piotr Trochowski sehr angesehen. Er kam von einem kleinen Verein in Hamburg und hat immer bei den Älteren mitgespielt. Er stand immer ein Stück höher als ich oder Michael Rensing.

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Warum stehen Sie inzwischen am Kopf der Nahrungskette?

Ich versuche immer, mein Bestes zu geben. Auch wenn es stärkere Spieler gab, habe ich immer an mir gearbeitet. Wenn es mal nicht so gut lief, habe ich mich nicht unterkriegen lassen. Ich habe versucht, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und natürlich kommt auch immer ein bisschen Glück dazu.

Welches Glück hatten Sie?

Dass ich im November 2002 gegen Lens in der Champions League eingewechselt wurde, folgte daraus, dass viele Stammspieler ausgefallen waren. Hermann Gerland hätte auch einen anderen von den Amateuren auswählen können, aber er hat Philipp (Lahm; d.Red) und mich mitgeschickt. Ich habe in meiner Karriere ein ganz gutes Timing. Jedenfalls hat es in diesen 15 Minuten auf dem Platz ganz gut geklappt.

Hatten sie in den vergangenen Jahren auch mal den Eindruck, dass Ihnen das Glück abhanden kommt?

Letzte Saison habe ich mich das oft gefragt. In der Bundesliga habe ich neun Mal die Latte getroffen, aber kein Tor gemacht. Da fragte ich mich schon: »Da stimmt doch was nicht?!« Andererseits waren wir in der Champions League fast vor dem Aus und sind in der Bundesliga nicht gut gestartet, dennoch haben wir fast alle Saisonziele erreicht.

Man kann Glück auch erzwingen.

So bin ich erzogen. Dass es auch schwächere Phasen gibt, in denen es wichtig ist, nicht aufzugeben. Mit dem entsprechenden Fleiß und dem Glauben an sich, wird man sein Ziel erreichen. Das haben mir meine Eltern vorgelebt.

Louis van Gaal hat durch Ihre Umbesetzung ins zentrale Mittelfeld Ihrer Karriere einen entscheidenden Dreh gegeben. Wie müssen wir uns Ihre Zusammenarbeit vorstellen?


Er trägt den absoluten Perfektionismus in sich. Er gibt vor, wie die Mannschaftsfotos gemacht werden, genauso wie er das Trainingsspiel unterbricht, wenn ein Pass nicht genau gespielt wurde. Er erklärt uns haarklein, wie der Pass in den Lauf und auf den richtigen Fuß gespielt wird. Diese Form von Perfektion haben inzwischen viele Spieler verinnerlicht. Wir wissen: Man muss bei jeder Aktion nachdenken.

Haben Sie eine Erklärung, warum frühere Trainer Ihrem Team dies nicht verdeutlichen konnten?

Vielleicht hat das mit den Holländern zu tun. Als kleines Land sind sie gezwungen, aus begrenzten Möglichkeiten das Optimale herauszuholen. Im Fußball ist es den Holländern seit jeher gelungen, Perfektionismus und schönes Spiel zu verbinden. Ich glaube, diese Mischung tut uns beim FC Bayern richtig gut: diese schöne, perfektionistische Ausrichtung von Van Gaal und der auf Effektivität abgestellte Fußballstil der Deutschen ergänzen sich optimal.


Ottmar Hitzfeld, Felix Magath, Jürgen Klinsmann, Jogi Löw, Jupp Heynckes und nun Louis van Gaal. Können Sie zwischen Ihren Trainern Ähnlichkeiten feststellen?


Jeder denkt anders über Fußball. Aber wenn ich gezwungen wäre, Parallelen herzustellen, würde ich sagen, Jogi Löw und Louis van Gaal ähneln sich am ehesten. Beide lieben offensiven Fußball.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Van Gaal beschreiben?

Er ist sehr direkt und ehrlich. Das war bei den vorigen Trainern nicht immer der Fall. Mit seiner Art muss man lernen klarzukommen. Er ist der Dirigent, der uneingeschränkte Boss. Ein sehr spezieller Typ mit einem sehr eigenwilligen Charakter. Mit seiner Art kann er einem im ersten Augenblick fast ein bisschen Angst einjagen.

Hatten Sie Angst vor ihm?

Angst habe ich nie, aber Respekt. Schließlich muss ich als Spieler lernen, einen Trainer zu verstehen. Felix Magath war für mich am Anfang auch nicht leicht zu durchschauen.

Wie äußerte sich das?

Am ersten Tag kam ich zum Training, er schaute mich an und sagte:»Und, wer bist Du?« Also musste ich mich mit Namen bei ihm vorstellen. Anschließend war ich für eine Operation am Knie zehn Tage weg. Als ich wieder kam, guckte er mich an und fragte wieder: »Wer bist Du?«

Schikane?

Er wollte mich aus der Reserve locken, das habe ich erst im Nachhinein verstanden. Aber in dem Moment habe ich nur gedacht: »Bin ich hier im falschen Film?«

In Magaths erster Saison bei den Bayern mussten Sie die ersten Wochen bei den Amateuren spielen.

Ich war verletzt, deswegen habe ich drei Spiele bei der zweiten Mannschaft gemacht. Er wollte mit seiner Art eine Trotzreaktion bei mir hervorrufen, was offensichtlich auch geklappt hat. Jedenfalls hatte ich im weiteren Verlauf auch eine erfolgreiche Zeit mit ihm.

Sie erwähnten eben, dass nicht alle Trainer so entwaffnend ehrlich waren wie Louis van Gaal. Was meinten Sie damit?

Das meine ich jetzt nicht als Schleimspur. Sie können jeden bei Bayern fragen, wie es ist, mit ihm zu arbeiten. Jeder sagt: »Sehr, sehr gut.« Er ist ein Trainer, der klare Vorgaben äußert, an die er sich dann aber vollständig hält. Bei ihm passiert es nicht, dass sich irgendwelche Termine verändern.

Hat Van Gaal sie ähnlich gefoppt wie damals Magath?

Nein, aber er sagt mir schon klipp und klar die Meinung, wenn ich einen Fehler mache.

In welchen Situationen?

Etwa als ich den Fehler beim 1:1 für Uruguay im Spiel um den dritten Platz gemacht habe. Als ich den Ball verlor, ahnte ich bereits, dass ich, wenn ich nach München ins Training zurück kehre, einen Spruch dazu hören werde. Schon nach dem Spiel habe ich zu Mario (Gomez, d.Red.) gesagt: »Pass auf, da kommt hundertprozentig vom Trainer noch etwas.« Und gestern kam der Spruch.

Was hat er denn gesagt?

Wir gingen eine Spielsituation durch, es ging um Ballannahme. Ich hatte gegen Uruguay den Ball mit dem Blick nach vorne angenommen und dabei die Distanz zum Gegenspieler etwas unterschätzt. Van Gaal erklärte uns also, dass man die Distanz zum Gegenspieler immer genau im Auge haben muss. Und plötzlich sagt er mit Blick zu mir: »Und nicht so, wie du gegen Uruguay.« So ist er. Sehr genau, er achtet auf alles.

Haben Sie bei ihm mehr Kredit als junge Spieler wie Thomas Müller oder Holger Badstuber.

Überhaupt nicht. Er fördert jeden Spieler, aber geht mit mir genauso um, wie mit einem der erst neu hinzu gekommen ist.

Seit der WM 2006 haftet Ihnen dieses »Schweini«-Image an. Sind Sie wirklich dieser lockere Typ, der Frust einfach weglächeln kann?


Selbst wenn ich ein Trainingsspiel verliere, bin ich wütend und versuche zu vermeiden, mit Leuten zu sprechen. Aber in Gesellschaft bin ich ganz gut in der Lage, Frust weitgehend zu überspielen.

Wie dick sind Sie denn nun wirklich mit Lukas Podolski befreundet?

Gut. Als er nach München wechselte, haben wir uns schon vorher viele SMS geschickt. Vielleicht hat er in München nicht die richtige Wahl getroffen, als er sich seine Wohnung suchte. Er lebte ziemlich außerhalb am Wörthsee, auf diese Weise hat er die Münchner Mentalität nie richtig kennen gelernt. Obwohl ich nach wie vor der Meinung bin, dass er als Spieler zum FC Bayern passt.

Kann man im Fußballgeschäft gute Freunde haben?

Auf jeden Fall. Ich habe hier bei Bayern zwei, drei enge Freunde, mit denen ich auch privat sehr viel mache.

Wer ist das?

Mario Gomez, der wohnt im Gegensatz zu Lukas damals auch in der Stadt, genauso wie Holger Badstuber. Hans Jörg Butt wohnt zwar etwas außerhalb, aber den schätze ich auch sehr.


Es heißt, Sie wollen ab sofort nur noch bei Ihrem vollständigen Namen angesprochen werden. Ist »Schweini« Vergangenheit?

Mir hat der Spitzname am Anfang meiner Karriere sehr geholfen und meine Bekanntheit enorm gesteigert. Aber jeder Mensch entwickelt sich weiter. Ich bin inzwischen ein anderer. Entscheidend ist doch, dass ich authentisch bleibe.

Das heißt in Ihrem Falle?

Vielleicht ist es auf dem Platz nicht immer erkennbar, aber ich habe als Fußballer nach wie vor etwas Unbekümmertes in mir. Der Unterschied zu Mesut Özil, Marko Marin oder Thomas Müller – Spielern, denen man heute nachsagt, sie seien unbekümmert – ist lediglich, dass ich inzwischen erkenne, wann ich mit Erfahrung agieren sollte.

Sehen Sie Anlagen bei den Genannten, die darauf hinweisen, dass sie eines Tages besser sind als Sie?

Nein, kein deutscher Spieler ist annähernd so gut wie ich. (lacht.) Im Ernst: Ich denke, wir unterscheiden uns sehr stark voneinander. Wichtig ist nur, dass ich sie durch meine Fähigkeiten unterstützen kann. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie vielleicht bald in ein kleines Loch fallen. Dann werden sie zeigen müsse, wie schnell sie sich daraus wieder befreien können.

Wie können Sie dabei helfen?

Da suche gern mal ein Vier-Augen-Gespräch. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mich als Vize-Kapitän in dieser Verantwortung sehe, sondern ich bin überzeugt, dass ich ihnen mit meiner Erfahrung weiterhelfen kann.

Kein Spieler symbolisiert den FC Bayern aktuell mehr als Sie, keiner spielt länger dort. Trotzdem haben Sie mal zu Protokoll gegeben: »Ich bin nicht mit dem FC Bayern verheiratet.«


Weil sie ich gefragt wurde, ob ich mit dem Klub verheiratet sei. Da habe ich geantwortet: »Nein, bin ich nicht.«

Lässt sich die Verbundenheit zum Klub mit Ihrer Verbindung zur Nationalelf vergleichen?


Naja, mit der Nationalmannschaft bin ich auf gewisse Weise ja verheiratet. Schließlich kann ich für kein anderes Land spielen. Aber natürlich empfinde ich eine sehr große Verbundenheit zum FC Bayern. Ich glaube, dass der Klub in Zukunft einer der fünf besten Vereine der Welt sein wird. Nicht nur sportlich, auch finanziell. Man muss sich doch nur die wirtschaftlichen Probleme ansehen, die andere Top-Klubs derzeit haben. Wir haben ein neues Stadion, eine sehr gute Mannschaft und das Gesamtpaket wird in zwei, drei Jahren noch besser dastehen als jetzt.

Mit anderen Worten, Sie können sich vorstellen, in diesem Klub alt zu werden?

Ich will auf jeden Fall noch die Auslandserfahrung machen. Aber es gibt da die unterschiedlichsten Modelle, zum Beispiel wie es Thierry Henry jetzt zum Ende seiner Karriere mit seinem Wechsel nach New York gemacht hat.

Wohin könnten Sie sich denn einen Wechsel vorstellen?

Was mir immer sehr gut gefallen hat, ist die Stimmung in England. Auch wenn die Heimmannschaft dort verliert, applaudieren die Zuschauer, wenn sie sehen, dass das Team alles gegeben hat. Das würde ich mir in Deutschland auch wünschen.

Sind die deutschen Fans zu kritisch?

Schwer zu sagen, aber ich kann mich gut erinnern, wie wir beim Heimspiel gegen Girondis Bordeaux nichts als Pfiffe kassiert haben. Und was war acht Monate später? Da gab es Standing Ovations. Natürlich ist ein Team immer selbst schuld, wenn es verliert, aber dieses Zusammengehörigkeitsgefühl von Mannschaft und Anhängern ist in England einfach ausgeprägter.

Also doch demnächst ein Wechsel ins Ausland?

Ich plane nichts. Ich habe noch einen Vertrag bis 2012 beim FC Bayern und sehe die enorm positive Entwicklung des Klubs. Ich kann mich gut erinnern, als wir 2007 Vierter in der Liga wurden und im UEFA-Cup spielen mussten. Das war nicht meine Welt. Aber was wir jetzt gerade machen, das ist FC-Bayern-like. Deswegen kann es sein, dass ich noch sehr lange beim FC Bayern bleibe – und erst nach der Karriere meine Auslandserfahrung mache.

Bastian Schweinsteiger, stimmt eigentlich die Geschichte, dass Sie in Ihrem ersten Training bei den Profis vom FC Bayern Michael Ballack getunnelt haben und er Sie daraufhin umgehauen hat? Angeblich sollen Sie diese Frechheit dann gleich noch einmal probiert haben.

Stimmt nicht ganz, es war nicht das erste Training. Zugegeben, ich habe ihm einen Beinschuss gegeben, woraufhin er gesagt hat, dass er mich umhauen würde, wenn ich das nochmal versuche. Ich habe mich auch gleich entschuldigt, weil ich der Überzeugung war, ich hätte Roque Santa Cruz getunnelt, der ein Freund von mir war. Aber da hatte ich mich wohl vertan.

Duzen Sie die Kanzlerin?

Nein, soweit sind wir noch nicht. Ich sage »Sie« und »Frau Merkel«. Allerdings kam sie nach dem Spiel gegen Argentinien lustigerweise ohne Ankündigung in unsere Kabine. Wir standen alle oben ohne da, ich konnte gerade noch ein Handtuch ummachen, plötzlich stand sie da. Sie hat sich eine Bierflasche genommen, ist zu mir gekommen, hat mit mir angestoßen und mich umarmt.

Und Sie sagt auch: »Sie, Herr Schweinsteiger«?

Ja, aber vielleicht ändert sich das ja bald.

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In 11FREUNDE #106: »Der wahre Prinz« – wie aus dem unbekümmerten »Schweini« der wichtigste deutsche Spieler wurde: Bastian Schweinsteiger. Jetzt am Kiosk.

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