26.08.2010

Bastian Schweinsteiger über seine Karriere (1)

»Es kann schnell bergab gehen«

In unserer neuen Ausgabe verfolgen wir den Weg vom unbekümmerten »Schweini« zum wichtigsten deutschen Spieler: Bastian Schweinsteiger. Lest hier das Interview zur großen Reportage. Exklusiv für 11freunde.de-User.

Interview: Tim Jürgens Bild: Christian Kaufmann

Jupp Heynckes war der erste, der Sie im zentralen Mittelfeld auf der Sechserposition einsetzte. Louis van Gaal hat Sie dann zunächst wieder auf die Außenbahn beordert.

Eigentlich wollte Louis van Gaal ein anderes System spielen. Aber das klappte nicht so gut, weil Franck (Ribéry, d.Red.) lieber auf der Außenbahn spielen wollte. Also hat der Trainer sich unsere Sicht auf die Dinge angehört. Ich denke, das ist eine große Qualität von ihm, dass er unsere Ideen in seine Arbeit mit einbezieht. Auch andere Spieler wollten, dass ich zentraler spiele, also hat er sich drauf eingelassen.

Von einem Führungsspieler denkt man, dass er so eine Rolle beim Trainer auch mal einfordert.


So bin ich nicht. Wenn ein Vorgesetzter etwas sagt, hat man das aus meiner Sicht zu akzeptieren, auch wenn es schwierig ist. Für mich war es die ganzen Jahre nicht leicht, wenn der Bundestrainer sagte: »Du spielst linkes oder rechtes Mittelfeld.« Trotzdem habe ich versucht, erfolgreich für die Nationalelf zu spielen.

Wusste Joachim Löw, welche Position Sie bevorzugen?

Er wusste relativ früh, dass ich lieber auf der Sechs und der Acht spiele. Michael Henke, unser Co-Trainer bei Bayern, wusste es auch. Aber in München haben vorher Owen Hargreaves, Jens Jeremies, Michael Ballack oder davor Nico Kovac diese Position besetzt. Da kam ich als junger Spieler nicht so einfach vorbei.

Zentral können Sie nun mehr glänzen, als Sie es auf einer Außenposition können.

Auf der Außenbahn kann man genauso glänzen. Der Unterschied ist nur, dass man in der Mitte immer in der Nähe des Balles ist. Als Außenspieler ist man von Bällen aus der Mitte abhängig. Und wenn man einen Spieler wie Franck Ribery auf der Außenseite hat, den besten Spieler der Liga, versucht man ihn natürlich einzusetzen.

Sportlich könnte es derzeit nicht besser für Sie laufen. Was hat sich in Ihrem Leben verändert?

Die vergangenen drei Jahre waren eine Zäsur. Ich achte noch mehr auf Fitness, Regeneration und Ernährung als früher. Da wir bei Bayern inzwischen fast den ganzen Tag verbringen, ist es automatisch so, da wir dort frühstücken und manchmal zu Mittag essen. Das Paket um Fußball herum ist intensiver geworden.

Sie haben sich also aufgrund von vereinsinternen Auflagen diszipliniert?

Nein, keiner ist auf mich zugekommen. Ich war vorher auch keiner – auch wenn es anders in der Zeitung stand – der ständig in die Disko gelaufen ist. Aber ich habe bei Musterprofis wie Lucio oder Zé Roberto gesehen, was es bringt, wenn man neben dem Training noch viel arbeitet. Dass man es so schaffen kann, über mehrere Spiele das Niveau zu halten. Früher hatte ich nach guten Spielen auch immer wieder schlechtere. Jetzt spiele ich schon lange relativ konstant.

An welcher Stelle hat bei Ihnen dieses Umdenken eingesetzt?

Ein entscheidender Moment war die EM 2008. Vorher hatte ich immer gespielt, dann verletzte ich mich in der Vorbereitung in Kaiserslautern gegen Weißrussland an der Kapsel. Gott sei Dank nichts Schlimmeres passiert. Ich bin dann drei Tage später wieder gegen Serbien aufgelaufen, obwohl ich es hätte bleiben lassen sollen. In dem Spiel war ich schwach. Vor dem EM-Auftakt gegen Polen sagte mir der Bundestrainer daraufhin, dass er Clemens Fritz vorziehen würde. Das hat mich sehr traurig gemacht. Ich kam später noch ins Spiel, bereitete das zweite Tor mit vor und war sicher, dass ich nun im nächsten Spiel gegen Kroatien auflaufen würde. Aber auch daraus wurde nichts. Als ich dann beim Stand von 2:0 für Kroatien eingewechselt wurde, bekam ich einen Schlag auf den angeschlagenen Knöchel. Ich reagierte falsch – und wurde vom Platz gestellt.

Gegen Österreich waren Sie daraufhin gesperrt.

Wenn wir da aus dem Turnier geflogen wären, hätte ich in Deutschland ordentlich Gegenwind bekommen. Das waren bange Momente, die mich sehr in Grübeln brachten.

Gab es weitere Brüche in Ihrem Werdegang, die sie zum Grübeln brachten?

Die Jahreshauptversammlung beim FC Bayern im November 2009 hat mich emotional sehr berührt.

Wieso?

Im Rahmen der Veranstaltung wurden wir drei Kapitäne – Mark van Bommel, Philipp Lahm und ich – ausgerufen. Jeder hat Applaus bekommen, nur bei mir wurde gepfiffen. Das hat mich schwer getroffen. Jetzt jubeln mir alle zu, aber vor einem knappen Jahr wurde ich ausgepfiffen. Von den eigenen Fans, für die ich immer mein Herz geopfert habe und in jedem Spiel versucht habe, das Beste zu geben. Der Moment wird mir immer in Erinnerung bleiben, weil er mir gezeigt hat, dass man im Fußball schnell nach oben kommt, es aber sehr schnell auch wieder bergab gehen kann.

Und das war der Auslöser, noch mehr auf die Ernährung zu achten und intensiver zu trainieren?

Ein bisschen schon. Der Körper braucht einfach Pflege. Ich habe letztes Jahr mit WM und Vorbereitung fast 60 Spiele gemacht. Trotzdem hätte ich nach dem Uruguay-Spiel gleich wieder auflaufen können. Ich kann mich noch an die Jahre zuvor erinnern. Da saß ich am 30. Spieltag in der Kabine und war einfach nur müde. Das passiert mir jetzt nicht mehr.

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