Bastian Schweinsteiger über seine Karriere (1)

»Es kann schnell bergab gehen«

In unserer neuen Ausgabe verfolgen wir den Weg vom unbekümmerten »Schweini« zum wichtigsten deutschen Spieler: Bastian Schweinsteiger. Lest hier das Interview zur großen Reportage. Exklusiv für 11freunde.de-User. Bastian Schweinsteiger über seine Karriere (1)Christian Kaufmann
Heft#106 09/2010
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Bastian Schweinsteiger, wie war Ihr Urlaub?

Gut und nach so einer langen Saison auch mehr als nötig.

Mussten Sie viel an Fußball denken?

Ich habe versucht, es zu vermeiden. Aber natürlich plant man innerlich und überlegt sich, wie die nächste Saison laufen sollte.

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Wo waren Sie?

In Thailand. Ich dachte, dass die Leute dort nicht so viel mit der WM am Hut haben. Aber die Mitarbeiter im Hotel haben alle nach Autogrammen gefragt. Dort ist die englische Liga Nummer eins, aber die meisten haben mir gesagt, dass ihnen bei der WM der deutsche Fußball am besten gefallen hat.

In Südafrika war die deutsche Elf im Verlaufe des Turniers auch der größte gemeinsame Nenner in der Bevölkerung. Woran lag das Ihrer Meinung nach?

Der große Unterschied zu früheren Turnieren ist, dass wir sehr viel aufgeholt haben. Wir spielen einen Fußball, an dem die Zuschauer Gefallen finden. Unser Spiel hat Hand und Fuß und es ist kein Glücksspiel mehr. Schneller Fußball nach vorne – das kommt einfach an.

Wie hat die WM Ihnen persönlich gefallen?

Auch sehr gut. Keiner hätte gedacht, dass wir mit einer so jungen Mannschaft so weit kommen. Aber ich bin schon mal Dritter bei einer WM geworden, deswegen war ich nicht ganz so euphorisiert. Langsam wird es Zeit für mich, auch internationale Titel zu gewinnen.

Nach dem EM-Finale 2008 haben Sie gesagt, Sie wünschten, Sie könnten das Spiel gegen Spanien noch einmal machen. Die Chance hatten Sie jetzt – erneut ohne Erfolg.

Wir waren näher dran als 2008, aber wir haben uns die Niederlage selbst zugeführt.

Was meinen Sie damit?

Wir haben nicht den Level wie in den Spielen zuvor erreicht. Ich glaube immer noch, dass Spanien bezwingbar ist. Aber ich will so ein Spiel nicht so gewinnen, wie es die Schweiz in der Vorrunde gemacht hat…

Die Spanien 90 Minuten unterlegen war und glücklich mit 1:0 gewann.

Ich will gewinnen, indem wir gleichwertig sind und in den letzten zwanzig Minuten einen Tick besser. Klar haben wir mehr Druck als 2008 gemacht, aber letztlich muss gegen Spanien jeder Spieler auf dem Platz genau wissen, was zu tun ist.

Was aber nicht der Fall war. Haben Sie die Defizite im Spiel während des Urlaubs noch einmal rekapituliert?

Nein, dazu hatte ich während des Rückflugs von Südafrika genügend Zeit. Ich versuche solche Niederlagen zügig abzuhaken, zumal ich relativ schnell wusste, an was es gelegen hat.

Sie gelten als sehr analytischer Spieler. Wie bereiten Sie sich auf ein Halbfinale gegen Spanien vor?


Ich will viel über den Gegner wissen. Wie spielt er? Was sind seine Stärken und Schwächen? Der Rest liegt an mir selbst: Habe ich den Glauben an die eigene Stärke?

Über welche Rituale gelangen Sie zu diesem Bewusstsein?

Persönlich habe ich da einen gewissen Ablauf, der bei jedem Spiel derselbe ist: Bei der Nationalmannschaft gehe ich immer als letzter aus dem Bus. In der Kabine bilden wir kurz vor dem Rausgehen noch einen Kreis und auf dem Spielfeld dann noch einmal.

Es fällt auf, dass Sie inzwischen einer der Spieler sind, die in diesen Kreisen die Ansprachen halten.

Bei Bayern macht das auch der Mark (van Bommel, d.Red.). Mir geht es in diesen Momenten darum, den anderen nochmal die Wichtigkeit des Spiels zu verdeutlichen und in wenigen Sätzen klar zu machen, was auf dem Spiel steht. Wir hatten gerade bei dieser WM viele junge Spieler, die diese Unterstützung brauchten.

Was sagen Sie denn zu den Anderen?

Das gehört nicht an die Öffentlichkeit.

Sind es Schlachtrufe und ritualisierte Anfeuerungen oder individuelle Ansprachen.


Es ist nicht immer das Gleiche. Jeder Gegner spielt anders, deswegen ist es auch von der Situation abhängig, was ich da sage.

Ab wann war es klar, dass Sie diese Ansprachen halten? Seit Sie bei Bayern auf die zentrale Position versetzt wurden?

Ich plane so etwas nicht. Aber bei konstant guten Leistungen kann man Verantwortung übernehmen. Ist es nicht in jedem Beruf so, dass es nach ein paar Jahren leichter wird, Erfahrungen weiterzugeben? Natürlich wurde bei mir die Sache auch dadurch beschleunigt, dass mein Trainer bei Bayern mich zum ersten Mal dort aufgestellt hat, wo ich am besten bin. Dazu kam, dass ich dritter Kapitän bei Bayern und Vize-Kapitän in der Nationalelf geworden bin.


Jupp Heynckes war der erste, der Sie im zentralen Mittelfeld auf der Sechserposition einsetzte. Louis van Gaal hat Sie dann zunächst wieder auf die Außenbahn beordert.

Eigentlich wollte Louis van Gaal ein anderes System spielen. Aber das klappte nicht so gut, weil Franck (Ribéry, d.Red.) lieber auf der Außenbahn spielen wollte. Also hat der Trainer sich unsere Sicht auf die Dinge angehört. Ich denke, das ist eine große Qualität von ihm, dass er unsere Ideen in seine Arbeit mit einbezieht. Auch andere Spieler wollten, dass ich zentraler spiele, also hat er sich drauf eingelassen.

Von einem Führungsspieler denkt man, dass er so eine Rolle beim Trainer auch mal einfordert.


So bin ich nicht. Wenn ein Vorgesetzter etwas sagt, hat man das aus meiner Sicht zu akzeptieren, auch wenn es schwierig ist. Für mich war es die ganzen Jahre nicht leicht, wenn der Bundestrainer sagte: »Du spielst linkes oder rechtes Mittelfeld.« Trotzdem habe ich versucht, erfolgreich für die Nationalelf zu spielen.

Wusste Joachim Löw, welche Position Sie bevorzugen?

Er wusste relativ früh, dass ich lieber auf der Sechs und der Acht spiele. Michael Henke, unser Co-Trainer bei Bayern, wusste es auch. Aber in München haben vorher Owen Hargreaves, Jens Jeremies, Michael Ballack oder davor Nico Kovac diese Position besetzt. Da kam ich als junger Spieler nicht so einfach vorbei.

Zentral können Sie nun mehr glänzen, als Sie es auf einer Außenposition können.

Auf der Außenbahn kann man genauso glänzen. Der Unterschied ist nur, dass man in der Mitte immer in der Nähe des Balles ist. Als Außenspieler ist man von Bällen aus der Mitte abhängig. Und wenn man einen Spieler wie Franck Ribery auf der Außenseite hat, den besten Spieler der Liga, versucht man ihn natürlich einzusetzen.

Sportlich könnte es derzeit nicht besser für Sie laufen. Was hat sich in Ihrem Leben verändert?

Die vergangenen drei Jahre waren eine Zäsur. Ich achte noch mehr auf Fitness, Regeneration und Ernährung als früher. Da wir bei Bayern inzwischen fast den ganzen Tag verbringen, ist es automatisch so, da wir dort frühstücken und manchmal zu Mittag essen. Das Paket um Fußball herum ist intensiver geworden.

Sie haben sich also aufgrund von vereinsinternen Auflagen diszipliniert?

Nein, keiner ist auf mich zugekommen. Ich war vorher auch keiner – auch wenn es anders in der Zeitung stand – der ständig in die Disko gelaufen ist. Aber ich habe bei Musterprofis wie Lucio oder Zé Roberto gesehen, was es bringt, wenn man neben dem Training noch viel arbeitet. Dass man es so schaffen kann, über mehrere Spiele das Niveau zu halten. Früher hatte ich nach guten Spielen auch immer wieder schlechtere. Jetzt spiele ich schon lange relativ konstant.

An welcher Stelle hat bei Ihnen dieses Umdenken eingesetzt?

Ein entscheidender Moment war die EM 2008. Vorher hatte ich immer gespielt, dann verletzte ich mich in der Vorbereitung in Kaiserslautern gegen Weißrussland an der Kapsel. Gott sei Dank nichts Schlimmeres passiert. Ich bin dann drei Tage später wieder gegen Serbien aufgelaufen, obwohl ich es hätte bleiben lassen sollen. In dem Spiel war ich schwach. Vor dem EM-Auftakt gegen Polen sagte mir der Bundestrainer daraufhin, dass er Clemens Fritz vorziehen würde. Das hat mich sehr traurig gemacht. Ich kam später noch ins Spiel, bereitete das zweite Tor mit vor und war sicher, dass ich nun im nächsten Spiel gegen Kroatien auflaufen würde. Aber auch daraus wurde nichts. Als ich dann beim Stand von 2:0 für Kroatien eingewechselt wurde, bekam ich einen Schlag auf den angeschlagenen Knöchel. Ich reagierte falsch – und wurde vom Platz gestellt.

Gegen Österreich waren Sie daraufhin gesperrt.

Wenn wir da aus dem Turnier geflogen wären, hätte ich in Deutschland ordentlich Gegenwind bekommen. Das waren bange Momente, die mich sehr in Grübeln brachten.

Gab es weitere Brüche in Ihrem Werdegang, die sie zum Grübeln brachten?

Die Jahreshauptversammlung beim FC Bayern im November 2009 hat mich emotional sehr berührt.

Wieso?

Im Rahmen der Veranstaltung wurden wir drei Kapitäne – Mark van Bommel, Philipp Lahm und ich – ausgerufen. Jeder hat Applaus bekommen, nur bei mir wurde gepfiffen. Das hat mich schwer getroffen. Jetzt jubeln mir alle zu, aber vor einem knappen Jahr wurde ich ausgepfiffen. Von den eigenen Fans, für die ich immer mein Herz geopfert habe und in jedem Spiel versucht habe, das Beste zu geben. Der Moment wird mir immer in Erinnerung bleiben, weil er mir gezeigt hat, dass man im Fußball schnell nach oben kommt, es aber sehr schnell auch wieder bergab gehen kann.

Und das war der Auslöser, noch mehr auf die Ernährung zu achten und intensiver zu trainieren?

Ein bisschen schon. Der Körper braucht einfach Pflege. Ich habe letztes Jahr mit WM und Vorbereitung fast 60 Spiele gemacht. Trotzdem hätte ich nach dem Uruguay-Spiel gleich wieder auflaufen können. Ich kann mich noch an die Jahre zuvor erinnern. Da saß ich am 30. Spieltag in der Kabine und war einfach nur müde. Das passiert mir jetzt nicht mehr.


Oliver Kahn hat über den Sekundentod im Champions-League-Finale 1999 gesagt, er habe vorher noch nie eine derartige Leere in sich gespürt. Er habe zwei Jahre gebraucht, um diese Niederlage aufzuarbeiten. Kennen Sie auch solche Frustmomente?

Natürlich, wenn auch nicht so ausgeprägt wie er. Da ist er schon etwas anders als ich. Aber wenn du ein Champions-League-Finale verlierst und so knapp dran bist am internationalen Titel, tut es schon wahnsinnig weh. Ich habe fünf Doubles gewonnen, aber ich will nicht zwanzig Doubles gewinnen und nachher ohne internationalen Titel abtreten. Das will ich nicht.

Ihr Bruder Tobias hat vor einigen Jahren mit dem Auto ein 13-jähriges Mädchen angefahren, das hinterher seinen Verletzungen erlag. Ihn traf keine Schuld. Wie sehr verblassen Frustmomente im Sport, wenn Sie sich in seine Lage versetzen?

Das ist sehr schwierig für mich, denn Fußball ist mein Leben. Natürlich weiß ich, dass eine Niederlage nicht damit zu vergleichen ist, was meinem Bruder passiert ist. Aber auch ich kenne Momente der Ohnmacht. Zum Beispiel, als damals geschrieben wurde, dass ich wetten und Spiele manipulieren würde. Dinge, die völlig aus der Luft gegriffen waren. Natürlich habe ich im Urlaub ein paar Tage, in denen ich ausblenden kann, welche Rolle Fußball in meinem Leben spielt. Aber im Grunde lebe ich mit und für den Fußball – und werde es voraussichtlich auch über die nächsten zehn Jahre hinaus tun.

Gibt es nichts, bei dem Sie völlig vom Fußball abschalten können?

Nein.

Fehlt Ihnen im eng getackteten Profialltag die Zeit, andere Interessen auszubilden?

Nein, aber ich bin der Meinung, dass ich aus dem, was ich am besten kann, das Maximale herausholen sollte. Viele studieren neben dem Fußball. Die haben auch recht, aber ich habe keine Zeit für so etwas. Ich habe normalerweise mittwochs und samstags Spiele und versuche, die Zeit dazwischen effektiv zu nutzen, um meinem eigenen Wunsch von einem internationalen Titel näher zu kommen.

Sie sollen ja auch eher ungern zur Schule gegangen sein.

Ich war jedenfalls sehr froh, als es vorbei war. Ich habe die Mittlere Reife geschafft – das war auch mein Ziel.

Als Jugendlicher war Lothar Matthäus Ihr großes Vorbild, einer der Spieler, die stellvertretend für eine ganze Ära beim FC Bayern stehen. Nach der Karriere hat er große Probleme, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Glauben Sie, dass es Ihnen einst leichter fallen wird?

Das ist Kopfsache. Ich denke, Lothar Matthäus hatte die außergewöhnliche Gabe zu erkennen, wie es im Fußball für ihn laufen sollte. Inwieweit er diese Gabe auch im privaten Leben hat, kann ich nicht beurteilen und es steht mir auch nicht zu. Ich glaube nicht, dass ich so bin wie er. Ich bin ein Spieler, der nebenbei ein gewöhnliches Leben führt, der ganz normal in ein Café geht. München ist eine Stadt, die einen in Ruhe lässt. Die Bedienungen in einem Café behandeln mich ganz normal, okay vielleicht nur ein ganz klein wenig anders. Ich spiele ab und zu im Englischen Garten Fußball, weil ich es mag, normale Dinge mit meinen Freunden zu machen.

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Morgen auf 11freunde.de:
Bastian Schweinsteiger spricht im zweiten Teil des Interviews über Bietrinken mit Angela Merkel, seine Freundschaft zu Lukas Podolski und einen möglichen Wechsel im Ausland.

In 11FREUNDE #106: »Der wahre Prinz« – wie aus dem unbekümmerten »Schweini« der wichtigste deutsche Spieler wurde: Bastian Schweinsteiger. Jetzt am Kiosk.

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