Bastian Schweinsteiger im Interview

»Schweini passt nicht mehr«

Bastian Schweinsteiger ist erwachsen geworden. Auf dem Platz und auch daneben. Wir sprachen mit ihm über sein Boygroup-Image, sein Verhältnis zu Kanzlerín Angela Merkel und das Länderspiel gegen England. Bastian Schweinsteiger im InterviewImago

Herr Schweinsteiger, neuerdings wird in den Medien überaus positiv über Sie berichtet. Was läuft da schief?

Schief läuft gar nichts. Ich glaube nur, dass ich jetzt nach meinen objektiven Leistungen beurteilt werde, nicht nach den allgemeinen Erwartungen.

[ad]

Wie meinen Sie das?

Man hat mich immer etwas anders, strenger gesehen als andere junge Spieler. Lukas Podolski geht es doch genauso. Bei uns sind die Erwartungen von außen immer noch ein Stückchen größer, und es ist nicht immer leicht, dem gerecht zu werden. Umgekehrt erhöht das den Reiz, bessere Leistungen zu bringen.

Haben Sie dieses Poldi-Schweini-Image manchmal als Fluch empfunden?

Fluch ist vielleicht das falsche Wort, aber wir waren für die Medien wahrscheinlich ein gefundenes Fressen: Wir waren jung, als wir 2004 vor der EM zur Nationalmannschaft gekommen sind, hatten fast den gleichen Werdegang. Dabei sind wir unterschiedliche Typen und müssten eigentlich auch unterschiedlich bewertet werden. Die Leistung des einen wurde aber immer mit der des anderen verbunden. Das hat uns beiden nicht so gefallen.

Sie standen sinnbildlich für einen Erneuerungsprozess im deutschen Fußball.

Das war uns anfangs nicht bewusst. Wir waren einfach nur glücklich, als wir im letzten Vorbereitungsspiel vor der EM 2004 gegen Ungarn von Rudi Völler eingewechselt wurden und mitspielen durften. Ich war total überrascht, dass es so schnell ging. Dann kam das neue Trainergespann Klinsmann/Löw, und wir waren die Symbolfiguren für den Umschwung. Irgendwie standen Poldi und ich für den Neuanfang mit vielen jungen Spielern. Wir waren ja auch wirklich die Ersten.

Hat es Sie geärgert, dass Ihnen nie das Privileg der Jugend zugestanden wurde, auch mal Fehler machen zu dürfen?

Ich wollte nie nach meinem Alter beurteilt werden, sondern nach meiner Leistung. Wenn früher jemand zu mir gesagt hat, du bist ja noch jung, hat mich das nie interessiert. Es ist doch egal, ob du 18 oder 28 bist, es zählt nur die Leistung.

Jetzt sind Sie 24 und verkehren regelmäßig mit der Bundeskanzlerin. Haben Sie eine besondere Beziehung zu Angela Merkel?

Was verstehen Sie unter besonderer Beziehung? Unsere zwei, drei Zusammenkünfte waren ja fast immer Zufälle, im Sommer bei der EM zum Beispiel. Nach der Roten Karte gegen Kroatien saß ich beim Spiel gegen Österreich oben auf der Tribüne. In der Halbzeit will ich runter zu den Jungs in die Kabine, und plötzlich steht da die Frau Bundeskanzlerin und streckt mir die Hand entgegen.

Sie hat Sie aufgehalten?

Sie stand plötzlich vor mir. Da bleibt man halt stehen, sagt freundlich Hallo und redet mit ihr. Was ich faszinierend finde: Sie hat wirklich Ahnung vom Fußball, sie hat unser Spiel gegen Österreich absolut treffend analysiert: Wieso spielen wir denn nicht mehr über die linke Seite, da ist doch so viel Platz für den Herrn Lahm? Genau das Gleiche habe ich auf der Tribüne auch gedacht. Der Philipp hatte wirklich sehr viel Platz, wir hatten ihn ein wenig vergessen.

Und dann sind Sie in die Kabine und haben gesagt: Hört mal, die Bundeskanzlerin hat gesagt …


Nein, natürlich nicht.

Sie haben Merkels Beobachtung als Ihre eigene ausgegeben.

Genau!

Wie treten Sie denn der Bundeskanzlerin entgegen: Wie ein alter Bekannter, oder haben Sie noch eine gewisse Scheu?

Natürlich ist es etwas Besonderes, aber ich versuche, so zu bleiben, wie ich bin. Ich spreche ganz normal mit ihr. Ich glaube, sie will es auch nicht, dass man sich etepetete benimmt. So bin ich ja auch nicht. Sonst müsste ich mich verstellen. Das will ich nicht.

Wie sind Sie denn?

Ich glaube, ich bin von Natur aus ein ganz normaler Typ wie jeder andere, ich lebe mein Leben. Meine Eltern haben mir das mitgegeben. Ich nehme manchmal auch nicht alles so wichtig.

Wie wichtig ist Ihnen Ihr Image?


Ich habe keinen Plan von mir, den ich aus Imagegründen verfolge. Ich versuche immer so zu sein, wie ich bin. Ich möchte mein Image auch nicht ändern. Natürlich bin ich erwachsener geworden. Ich sehe Dinge jetzt anders als mit 18.

Zum Beispiel?

Um mal auf den Fußball zu kommen: Ich schätze es heute viel mehr, Fußballprofi und Nationalspieler zu sein. Früher bin ich oft nur zum Training gefahren und danach gleich wieder nach Hause. Jetzt komme ich später heim, lasse mich vorher behandeln, mache vieles extra, um mich zu verbessern. Ich habe einfach mehr Sinn für meine Arbeit entwickelt. Ich weiß mein Talent heute mehr zu wertschätzen.

Glauben Sie, dass Sie das Ärgste hinter sich haben?

Schwierige Frage. In meiner Karriere ist schon ziemlich viel passiert. Es gab viele Aufs und Abs. In diesem Jahr bin ich mal so richtig konstant. Es ist mein bestes Jahr bis jetzt. Aber du kannst halt nicht wissen, was noch kommt. Nehmen Sie den Wettskandal. Auf einmal behauptet eine Zeitung, dass ich darin verwickelt bin. Plötzlich stand ich, völlig zu Unrecht, am Pranger und wurde von den Fans beschimpft. Oder dass jemand aus meinem früheren Umfeld meinen Vertrag an die Sportbild verkauft und die ihn dann abdruckt. Das sind Dinge, die zeigen, wie hart es in unserem Geschäft zugeht und einen ins Grübeln bringen. Seitdem weiß ich, dass immer noch was kommen kann, auch unberechtigt. Wenn ich mir anschaue, was Oliver Kahn alles erlebt und mitgemacht hat, dann habe ich noch einiges vor mir.

Aber Kahn hat auch gespielt, bis er 39 war.

Ich weiß, und ich bin erst 24. In diesem Fall: leider erst 24!

Dafür haben Sie das bisher erstaunlich gut weggesteckt.

Ich versuche die Dinge so schnell wie möglich zu verarbeiten und sie dann auch wegzulegen. Ich will nicht in die Zukunft gehen, wenn mich irgendwas belastet. Wenn ich mich mit allem beschäftigen müsste, was über mich geschrieben wird, würde ich innerlich ein bisschen kaputt gehen. Für mich ist es ganz wichtig: Wenn ich nach Hause komme, komme ich in eine andere Welt, dann kann ich den Fußball auch ein bisschen vergessen. Wenn ich meine Wohnungstür hinter mir zugemacht habe, bin ich nicht mehr der Fußballer Basti, dann bin ich der Mensch Basti. Das ist eigentlich ein sehr schönes Gefühl.

Und das gelingt Ihnen?

Das gelingt mir ganz gut.

Haben Sie als Fußballer auch einen großen Plan für Ihre Karriere?

Ich versuche immer, mich weiterzuentwickeln. Ich glaube, das habe ich in den Jahren von 2004 bis jetzt auch getan. Die Medien haben oft behauptet, dass ich stagniere, aber das habe ich nicht so empfunden. Wenn ich daran zurückdenke, wie ich vor vier Jahren war, als Persönlichkeit und auch als Fußballer, und das mit heute vergleiche, dann habe ich mich gut entwickelt. Jetzt ist es an mir, die Welle oben zu halten. Ich weiß, dass es wieder Rückschläge geben wird, im Allgemeinen aber muss es nach oben gehen. Das war bei mir bis jetzt so.

Hat man Sie unterschätzt?

Dieses Gefühl hatte ich lange, ja. Aber jetzt glaube ich nicht mehr, dass ich unterschätzt werde. Nicht mehr nach der Europameisterschaft und den letzten Erfolgen.

Trotzdem werden Sie in der Mannschaft immer noch Schweini genannt.


Das hat sich leider so eingebürgert. Der Spitzname hat mir nie besonders gefallen. Wahrscheinlich hatte ich damals schon die Nase dafür, dass Schweini nicht mehr passt, wenn ich mal älter bin. Irgendwann bist du einfach raus aus diesem Boygroup-Ding mit Poldi und Schweini. Wenn du 30 bist und drei Kinder hast wie der Poldi, kannst du doch nicht mehr Poldi genannt werden. Ich hoffe, das legt sich demnächst.

Herr Schweinsteiger, was verstehen Sie unter einem Führungsspieler?

Ein Führungsspieler muss sich zeigen, wenn es nicht so gut läuft. Er muss so geschaffen sein, dass er die Mannschaft auch in gewissen Drang- und Drucksituationen mitreißen kann. Nicht dass Sie denken, ich wollte so werden wie Zinedine Zidane, das geht gar nicht. Aber Zidane hat seine Mannschaft durch seine Präsenz geführt, durch seine Spielweise – ohne auf dem Platz groß zu reden. Das hat mich fasziniert. Ich durfte Gott sei Dank noch ein Spiel gegen ihn spielen, mit Bayern gegen Real Madrid. Das war Wahnsinn. Es gibt Spieler wie Effenberg oder Matthäus, die viel geredet und dirigiert haben. Aber Zidane war nicht so. Er war eher …

… ein Schweiger?


Ja, Schweiger, vielleicht. Er hat die Mannschaft durch sein Genie geführt. Er musste nicht reden, er hat gezeigt: Du kannst deine Mitspieler führen durch die Art und Weise, wie du dich verhältst und spielst. Das gefällt mir.

Bei der EM hatte man das Gefühl, den Franzosen hat genau diese Figur gefehlt. Wahrscheinlich hätte Zidane einfach nur auf dem Platz stehen müssen.

Wenn er gestanden hätte, hätte er seine Qualität nicht zeigen können. Bei Effenberg wäre das so gewesen. Nehmen Sie das Champions-League-Finale von 2001, Bayern gegen Valencia. Das habe ich mir tausendmal angeschaut. Owen Hargreaves hat da neben Effenberg gespielt. Er ist gerannt wie ein Wiesel, der Stefan stand in der Mitte und hat die Bälle schön verteilt. Er hatte das Spiel aber komplett im Griff. Das war seine Art, Zidane hatte eine andere, aber beide haben den Job des Führungsspielers perfekt ausgefüllt.

Zidane, Effenberg, Matthäus – ist das die Kategorie an der Sie sich orientieren? Wenn Sie so weitermachen, werden Sie Matthäus eines Tages als Rekordnationalspieler ablösen.

Das stimmt, ich habe für mein Alter wirklich schon viele Länderspiele bestritten, weil ich Gott sei dank keine größeren Verletzungen hatte. Ich hoffe, das bleibt so. Ob ich den Rekord von Lothar Matthäus schaffe, weiß ich nicht. Ich will mit der Nationalmannschaft einen Titel holen. Was habe ich davon, Rekordnationalspieler zu sein, wenn ich keinen einzigen Titel gewonnen habe?

Sie wollen uns aber nicht erzählen, dass Sie nicht schon mal gerechnet haben …


Ja, ich weiß, theoretisch könnte es gehen.

Englands bester Spieler, Frank Lampard, hat vier Länderspiele mehr als Sie, ist aber sechs Jahre älter.


Vielleicht liegt das daran, dass die Engländer bei den großen Turnieren nicht immer dabei sind – oder zumindest nicht besonders lange.

Was bedeutet Ihnen das Spiel gegen England?

Es ist mein erstes Mal, schon deshalb ist es was Besonderes. Für mich ist dieses Spiel ein Derby, auch wenn England kein Nachbarland ist. Ich freue mich auf das ganze Drumherum, aufs Stadion, auf die Hymnen. Leider fehlen bei den Engländern wichtige Spieler genauso wie bei uns, so dass nicht die beiden Topteams aufeinander treffen. Trotzdem werden wir die Angelegenheit sehr ernst nehmen und richtig heiß in das Spiel gehen. Im Moment ist England eine der stärksten Mannschaften in Europa. Die Engländer haben seit der EM alle Spiele gewonnen, viele Tore gemacht. Man merkt schon den Capello-Effekt. Die Spieler nehmen die Sache jetzt ernster, sie wollen zur WM, und sie wollen da auch etwas erreichen. Von daher bin ich sehr gespannt.

Bei beiden Mannschaften fehlen viele Stammspieler, bei den Deutschen auch Michael Ballack. Wie haben Sie das Theater um den Mannschaftskapitän erlebt?

Es geht natürlich nicht, den Bundestrainer öffentlich zu kritisieren. Das weiß Michael auch. Der Weg über die Zeitung ist der falsche Weg. Aber der Bundestrainer hat es jetzt geregelt. Damit ist das Thema für mich erledigt.

Ehrt es Sie, dass Sie immer mehr in die Rolle des Kronprinzen geraten, der einmal das Erbe von Michael Ballack antreten soll?

Ich bin keiner, der sagt, ich will Kapitän werden. Das wird alles zur rechten Zeit kommen oder entschieden. Ich will auch nicht die Kopie von Michael Ballack sein oder ihn nachahmen. Ich lass das eher laufen. Ich will sehen, wie ich mich entwickle und wie es für mich weitergeht.

Im Grunde müssen Sie nur abwarten, dann werden Sie automatisch Kapitän – als Spieler mit den meisten Länderspielen.

Abwarten. Ich lass das auf mich zukommen. Natürlich habe ich einen Plan für mich, wo ich mich in den nächsten Jahren sehe, in welchem Verein ich spiele und wie meine Positionierung aussehen soll.

Wie sieht der Plan aus?

Solche Dinge sollte man für sich behalten, sonst gehen sie nicht in Erfüllung.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!