Bastian Reinhardt über die drei Hochzeiten

»Wir zahlten Lehrgeld«

Nach seinem Mittelfußbruch muss HSV-Verteidiger Bastian Reinhardt momentan tatenlos dem Saisonendspurt zusehen. Wir sprachen mit ihm über seine Genesung, den Unterschied zwischen Jol und Stevens und die Ziele in dieser Saison. Bastian Reinhardt über die drei HochzeitenImago

Bastian Reinhardt, wie geht es Ihnen?

Es geht soweit ganz gut. Der Gips ist jetzt seit ungefähr vier Wochen ab. Nach der OP habe ich eine Schiene bekommen, wie man sie auch bei Bänderrissen trägt. Die trage ich momentan. Nach Angaben der Ärzte verheilt mein Bruch gut,

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Wie sieht Ihr Alltag momentan aus?

Ich bin eigentlich jeden Tag am Stadion und durchlaufe die ganz normale Behandlung bei unseren Medizinern. Danach gehe ich den Kraftraum und trainiere alles, bei dem ich meinen rechten Fuß nicht belasten muss. Ich bin also gut ausgelastet.  

Die Saison geht auf die Zielgerade zu. Läuft man in einer so wichtigen Phase nicht Gefahr, in der Reha zu schnell zu viel zu wollen?  

Die Gefahr besteht natürlich. Aber ich habe in meiner Vergangenheit schon einige Male die Erfahrung machen müssen, dass ich zu früh wieder anfangen wollte und die alte Verletzung wieder aufgebrochen ist. Diesen Fehler will ich nicht noch einmal machen. Deswegen versuche ich, mich komplett raus zu halten. Das nimmt etwas Druck von mir. Momentan bin eher in der Rolle des Beobachters.  

Sie rechnen also in dieser Saison mit mehr mit einer Rückkehr.

Ob es in dieser Saison noch für einen Einsatz reicht, kann man in der momentanen Situation nicht sagen. Ich muss erst einmal schauen, wie sich der Fuß unter Belastung verhält. Gerade bei einem Mittelfußbruch muss man da vorsichtig sein und nicht zu früh anfangen. Da verpasse ich lieber noch fünf Spiele, bevor ich das Ganze noch einmal von vorne machen muss.

Dabei könnte Ihre Mannschaft Sie momentan gut gebrauchen, denn nach Michael Graavgaards Fingerbruch fällt ausgerechnet Ihr Nachfolger in der Innenverteidigung aus. Können Sie in Ihrer momentanen Situation ihrer Mannschaft überhaupt helfen?  

So richtig helfen kann ich ihnen nicht. Natürlich spreche ich viel mit meinen Mitspieler, aber momentan habe ich keinen Einfluss auf die Leistung der Mannschaft. Da mache ich mir auch keine Illusionen.  

In dieser Saison geht es bisher drunter und drüber: Jeder schlägt jeden, mit einer Mini-Serie könnte man sich nach oben absetzen. War es jemals so leicht, Meister zu werden, wie in diesem Jahr?  

Meister zu werden ist nie leicht, aber zumindest ist es in dieser Saison mal möglich für uns. Wir sind gut im Rennen, aber wir stehen damit nicht allein da. Inwiefern ein Titel überhaupt machbar ist, werden wir erst in den nächsten Wochen sehen. Dass wir aber überhaupt die Möglichkeit haben, etwas zu gewinnen, ist schon ein Erfolg.  

Die Mannschaft ist momentan vom Verletzungspech verfolgt und steht jetzt vor knallharten Wochen. Könnte die Teilnahme an allen drei Wettbewerben am Ende ein Nachteil im Meisterschaftskampf werden?

Das könnte zum Nachteil werden, aber ich persönlich glaube, dass es ein Vorteil ist. In der letzten Saison standen wir auch so lange gut da, wie wir in allen drei Wettbewerben vertreten waren. Dann kam das Aus im UEFA-Cup, dann im Pokal, und in der Meisterschaft haben wir dann auch ein bisschen den Dampf verloren. Daher sehe ich es eher positiv, dass wir noch in allen drei Wettbewerben vertreten sind. Wenn es noch um viel geht, bleibt man einfach mehr unter Strom.

Welche Spiele werden Ihrer Mannschaft mehr Probleme bereiten: die kommenden Partien gegen Gladbach und Cottbus oder eher Gegner wie Hoffenheim, Schalke und Stuttgart?

Ich glaube, dass uns alle Mannschaften vor Probleme stellen werden, die wir erst einmal lösen müssen. Gladbach steht mit dem Rücken zur Wand. Die werden alles versuchen und tief stehen. Das gilt genauso für Cottbus. Hoffenheim und Stuttgart sind eher Mannschaften, die das Spiel in die Hand nehmen. Da kann man selbst mehr aus der Konterstellung kommen, was durchaus ein Vorteil sein kann. Aber momentan geht es in der Bundesliga einfach zu eng zu. Jeder kann jeden schlagen.  

Die Mannschaft hat zusammen mit Martin Jol viele Spieler in kürzester Zeit integriert. Welchen Anteil haben Sie als erfahrener Spieler daran?

Ich denke, dass der HSV als Verein zusammen mit dem Trainerstab eine Atmosphäre geschaffen hat, in die sich neue Spieler leicht integrieren lassen. Wir sind eine Mannschaft mit guten Charakteren, die eben auch gewillt sind, den neuen Spieler die Hand zu reichen. Wir helfen uns gegenseitig, weil wir gemeinsam etwas erreichen wollen. Das ist die Stärke jedes Einzelnen, aber auch die Stärke des gesamten Vereins.

Wie sieht die Integration konkret aus? Laden Sie einen neuen Spieler zum Essen ein? Zeigen Sie sich gegenseitig die Stadt?

Dafür bleibt leider kaum Zeit. Es ist vielmehr der Umgang miteinander, sei es in der Kabine oder auf dem Platz. Man muss einem neuen Spieler schnell zeigen, dass er willkommen ist und dass auf ihn gebaut wird. Es ist wichtig, dass jeder seinen Platz in der Mannschaft findet. Es ist es wichtig, dass so etwas schnell geht, denn wenn man einige Ausfälle hat, wie wir momentan, dann müssen diese Jungs schnell parat stehen. 

Der Verein musste vor und während der Saison wichtige Abgänge verkraften. Haben Sie nach dem Weggang von van der Vaart, Kompany und de Jong angefangen, daran zu zweifeln, ob die Mannschaft ihre Ziele noch erreichen kann?  

Nein, Zweifel gab es keine. Bisher haben wir den Verlust von van der Vaart und de Jong auch sehr gut aufgefangen. Natürlich muss man am Ende der Saison schauen, was unterm Strich herausgekommen ist. Insgesamt sieht man aber, dass wir eine charakterstarke, ausgeglichene Mannschaft sind, die solche Spieler ersetzen kann. Die Last, die beispielsweise Rafael van der Vaart alleine geschultert hat, wird jetzt eben auf mehrere Schultern verteilt. Das hat bisher sehr gut funktioniert, und ich bin zuversichtlich, dass das auch in Zukunft so bleiben wird.    

Welchen Anteil hat der Trainer an der momentanen Situation? Was macht Martin Jol anders als Stevens?  

Es gibt keine größeren Veränderungen in der täglichen Arbeit. Vielmehr wurden Kleinigkeiten optimiert. Es gibt ein paar andere Trainingsformen, im taktischen Bereich wurden Dinge umgestellt, und auch in der Personenführung wurden ein paar kleinere Dinge verändert. Das sind kleine Bausteine, die sich zu einem großen Ganzen fügen. Vieles hat unter Stevens schon gut funktioniert, und Martin Jol setzt diese Arbeit logisch fort. Wir wollen uns weiterentwickeln, und hoffen am Ende besser da zu stehen, als nach der letzten Saison.

Martin Jol  lässt wesentlich offensiver spielen als Huub Stevens in der letzten Saison. Ist das eher belastend für einen Verteidiger – oder sehen Sie das als Herausforderung?  

Es bringt natürlich mehr Druck auf die Defensivreihen. Wie man bei den Bayern sieht, kann so eine Ausrichtung auch den Gesamterfolg gefährden. Bei uns hat es das zum Glück nicht getan. Die offensivere Ausrichtung haben wir bis jetzt auch sehr erfolgreich umgesetzt, aber es kann jederzeit auch in die andere Richtung gehen. Wir haben es als Herausforderung angenommen, und wie der momentane Erfolg der Mannschaft beweist, hat uns die Umstellung gut getan. Aber natürlich mussten auch wir uns erst einmal an das erhöhte Risiko gewöhnen. Bei so manchem Auswärtsspiel haben wir dafür unser Lehrgeld zahlen müssen.   

Ihre Mannschaft zeigt sich momentan recht konstant. Was ist Ihrer Meinung nach die größte Stärke der Mannschaft?  

Das ist ganz klar unser Teamgeist. Unsere Mannschaft tritt unheimlich geschlossen auf, und trotzdem haben wir ein paar Einzelspieler in unseren Reihen, die ein Spiel allein für uns entscheiden können. Das macht uns so stark.   

Und am Ende der Saison? Mit wie vielen Titeln steht der HSV im Mai da?  

Ob es schlussendlich für einen Titel reicht, muss man sehen. Wir alle hoffen, dass wir bis zum Ende bei möglichst vielen Entscheidungen ein Wörtchen mitreden können. Wenn man etwas gewinnen will, braucht man aber immer ein Quäntchen Glück. Und Glück lässt sich leider nicht erzwingen. Wir müssen nicht unbedingt einen Titel holen, aber wir werden uns ganz bestimmt auch nicht dagegen wehren.

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