Basels Trainer Murat Yakin über Schalke, Mourinho und einen Trikottausch

»Der Gegner war regelrecht geschockt«

Der FC Basel hat am ersten Champions-League-Spieltag 2:1 beim FC Chelsea gewonnen. Vor der Partie gegen Schalke sprachen wir mit Trainer Murat Yakin über seine Bundesliga-Karriere, einen Handschlag mit José Mourinho und hohe Erwartungshaltungen.

Murat Yakin, Sie haben mit Ihrem Team beim Champions League-Auftakt auswärts den FC Chelsea besiegt. Was hatten Sie denn Ihren Spielern auf den Weg gegeben? Es heißt, Sie hätten die Fähigkeit, eine Mannschaft perfekt auf den Gegner einzustellen.
Wer hat das gesagt?
 
Bernhard Heusler, der Präsident des FC Basel.
Das ist schönes Kompliment von Herrn Heusler. Was ich der Mannschaft gesagt habe? Das war ein Mix. Ich habe an das Europa League-Halbfinale der Vorsaison erinnert, wo wir gegen den FC Chelsea ausgeschieden sind. Und ich habe den Spielern gesagt, dass das ein Spiel ist, wo sie nur gewinnen können. Das erste Vorrundenspiel in der Champions League, in London, gegen den großen FC Chelsea – das ist doch eine Riesenmotivation für jeden Spieler eines Schweizer Klubs.
 
Herr Heuslers Worte hatten so geklungen, als wären Sie ein Genie in der Gegneranalyse.
Natürlich ist es wichtig, die Stärken und Schwächen der gegnerischen Mannschaft zu studieren, optimal vorbereitet zu sein. Das gehört heute zum Fußball. Aber man darf nicht den Fehler machen, nur auf den Gegner zu schauen, sondern muss letztlich auf die eigenen Fähigkeiten bauen, sie ausspielen – auch als vermeintlich schwächere Mannschaft. Und die Stärke meiner Mannschaft liegt in der Offensive. Unsere Spieler haben zudem auf nationaler Ebene genügend Erfolge gefeiert, um mit dem nötigen Selbstvertrauen in so einer Partie auftreten zu können.
 
Was hat Ihr Kollege Mourinho an jenem Abend – beziehungsweise in der Vorbereitung darauf – falsch gemacht?
Es steht mir nicht zu, seine Arbeit zu beurteilen. Vielleicht wurden wir als kleine Mannschaft aus der Schweiz gesehen – ich weiß es nicht.
 
Es muss ein schönes Gefühl sein, nach so einem Spiel als Trainer der siegreichen Mannschaft dem »Special One« zu begegnen. Wie war das?
Es war nur ein kurzer Kontakt. José Mourinho hat mir gratuliert, mehr nicht. Es ist ja auch nicht zu erwarten, dass er mir in einer solchen Situation um den Hals fallen würde.
 
Sie haben sich dafür nach dem Schlusspfiff von Chelsea-Verteidiger David Luiz das Trikot geholt, was für einen Trainer sehr ungewöhnlich ist.
In meiner Zeit als Spieler sammelte ich ja Trikots. Aber als Trainer habe ich so etwas tatsächlich das erste Mal gemacht. David Luiz ist mir zufällig über den Weg gelaufen – (lacht) na ja, vielleicht war es auch nicht ganz so zufällig. Er hatte einfach in den beiden Europa League-Spielen gegen uns überragend gespielt und als Abwehrspieler auch noch zwei Tore gemacht. Ich war damals von seiner Leistung sehr beeindruckt.
 
Spurs-Trainer Andre Villas-Boas hat in der Vorsaison nach dem Ausscheiden in der Europa League gegen Ihr Team gesagt, er habe noch nie eine so starke Mannschaft wie den FC Basel gesehen – hat er da vielleicht nicht doch ein bisschen übertrieben?
Die erste Halbzeit in London war wirklich sensationell. So etwas habe ich selten gesehen – von daher hat Villas-Boas nicht übertrieben. Man hat gespürt, dass der Gegner regelrecht geschockt war.
 
Waren Sie selbst von Ihrem Team überrascht?
Überrascht ist das falsche Wort. Ich war beeindruckt, wie sie das spielerisch gelöst hat und dass sie das Tempo über 90 Minuten hat so hoch halten können.
 
Schalke dürfte nach den Basler-Auftritten in London gewarnt sein. Und weil auch der eigene Anhang diesmal einen Sieg von ihrem Team erwartet, sind die Vorzeichen ganz anders als beim Champions League-Auftakt gegen Chelsea.
Die Erwartungshaltung ist in der Tat diesmal anders. Das wird eine harte Prüfung. Schalke hat klasse Spieler, die den Unterschied ausmachen können.
 
Der FC Basel dagegen verliert Jahr für Jahr seine Leistungsträger – auch an Bundesliga-Klubs. Wird der FCB auf Dauer ein Ausbildungsklub für Vereine aus den europäischen Topligen sein?
Der FC Basel ist mittlerweile so gut aufgestellt, dass er nicht mehr einfach so einen Spieler ziehen lässt. Trotzdem müssen wir akzeptieren, dass wir auch in dieser Saison Spieler an größere Klubs in Europa verloren haben. Aber man muss als Spieler auch die sportliche Seite sehen: beim FC Basel hat man die Chancen Meister zu werden, in der Champions oder Europa League zu spielen und einen Klub wie den FC Chelsea zu schlagen.
 
Was sagen Sie als Fachmann aus der neutralen Schweiz: ist die Bundesliga inzwischen stärker als die Premier League?
Das ist nicht einfach zu beantworten. In der Premier League sind immer dieselben vier Teams vorne. Ich denke, dass die Bundesliga ausgeglichener ist. Aber mit dieser Meinung stehe ich ja nicht alleine da.
 
Reizt Sie selbst die Bundesliga? Ist der FC Basel auch für Sie ein Sprungbrett für ein Trainer-Engagement bei einem deutschen Klub?
Klar, die Bundesliga ist immer reizvoll. Aber ich weiß, was ich am FC Basel habe. Ich finde hier ein optimales Umfeld und kann eine Mannschaft trainieren, die das Potenzial dazu hat, Spiele und Meisterschaften zu gewinnen und mit der man die großen Klubs in Europa ärgern kann.
 
Bedauern Sie, dass der Fußball in der Schweiz eine geringere Rolle spielt als im Nachbarland Deutschland?
Auch in der Schweiz gewinnt der Fußball eine immer größere Bedeutung. Aber diese absolute Akzeptanz, wie man sie in Deutschland findet, fehlt hier natürlich. Das kann man nicht miteinander vergleichen. Aber dafür gibt es andere Vorzeige in der Schweiz: Dass man als Fußballer oder Trainer auch mal in Ruhe gelassen wird.
Als Spieler durften Sie schon Bundesliga-Erfahrung sammeln – doch sowohl das Gastspiel beim VfB Stuttgart als auch jenes beim 1. FC Kaiserslautern waren nur von kurzer Dauer. Warum?
Das muss man differenziert sehen. Im ersten Jahr beim VfB hat es absolut gepasst. Ich stand mit VfB im Finale des Europapokals der Pokalsieger, das wir unglücklich mit 0:1 gegen Chelsea verloren haben. Und im DFB-Pokal sind wir bis ins Halbfinale gekommen, wo gegen den FC Bayern Endstation war. Das war in der Zeit unter Jogi Löw, von dem ich als Trainer damals schon sehr viel gehalten habe. Nach seinem Aus beim VfB folgte ich ihm zu Fenerbahce. Was Kaiserslautern angeht: Da wollte mich Otto Rehhagel unbedingt haben. Doch dann war der schon kurz nach meinem Wechsel weg. Es kam ein anderer Trainer mit anderen Ideen.
 
Andreas Brehme...
(lacht) den Namen wollte ich nicht erwähnen.
 
Sie galten als bequemer Spieler und sollen mal in einem Interview auf die Frage nach Ihrem größten Fehler gesagt haben: »Ich bin grausam faul.«
Das ist übertrieben. War ich wirklich trainingsfaul? Das ist zu hart. (lacht) Ich hatte halt woanders meine Stärken...
 
Kann man sagen, Sie hatten eine  ökonomische Herangehensweise beim Verrichten der täglichen Trainingsarbeit?
Ja, das ist gut ausgedrückt. Aber glauben Sie mir, sobald der Schiedsrichter ein Spiel angepfiffen hatte, war ich total ehrgeizig und wollte unbedingt gewinnen – immer. Trotzdem hatte ich als Spieler das Image, nicht fleißig zu sein. Ich konnte damit leben. Es gibt genug Trainingsweltmeister, die das große Nervenflattern bekommen, sobald sie vor 30.000 Zuschauern in einem Stadion spielen sollen.
 
Was hätte der Trainer Murat Yakin mit dem Spieler Murat Yakin gemacht?
Oh, das kann ich nicht sagen.
 
Anders gefragt, wie gehen Sie mit Spielern um, die auf dem Trainingsplatz eine etwas laschere Arbeitsauffassung zeigen?
Gibt es solche Spieler überhaupt noch?
 
Vermutlich schon.
Ich habe so einen Spieler als Trainer noch nie gesehen (lacht). Sicher, es gibt Dinge bei einem Spieler, die man nicht steuern kann, die ich akzeptiere, wenn ich weiß, dass uns dieser Mann am Wochenende womöglich das Spiel gewinnt. Man muss als Trainer seinen Leuten auch Freiräume geben und selbst authentisch sein. Aber es gibt auch bestimmte Regeln die eingehalten werden müssen. Für mich gilt: Ich brauche die Freude, verbunden mit Ernsthaftigkeit, um den Jungs meine Ideen vermitteln zu können. Ich habe das als Spieler auch schon so erlebt, dass man für den Erfolg nicht immer nur malochen muss. Freude ist die Basis des Selbstvertrauens.
 
Der Trainerjob gilt als knochenhart. Bei Ihnen hört sich das ein bisschen anders an.
Nein, knochenhart ist nicht das richtige Wort dafür. Wir haben doch alle als Kinder mit dem Fußballspielen begonnen, weil es uns Spaß gemacht hat, weil es unser Hobby war. Und den Spaß habe ich am Fußball bis heute nicht verloren. Natürlich muss man sich für den Trainerjob viel Zeit nehmen. Aber ich brauche doch nicht um sieben Uhr morgens der erste im Büro sein und bis spät abends bleiben. Fußball funktioniert anders. Ich lebe als Trainer auch vom Bauchgefühl und meiner Erfahrung. Ich muss mich ja im Fußball nicht acht Stunden lang mit etwas beschäftigen, wenn ich es in fünf Minuten begriffen habe. Am Ende entscheidet nicht die Quantität der Arbeit über den Erfolg.

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