BAP-Sänger Wolfgang Niedecken über Hymnen und seine Liebe zum FC

»Wie Tarzan und Elvis in einer Person«

Der Musik-Leidenschaft von BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken kommt höchstens noch sein Herzblut für den FC gleich. Ergänzend zum 11FREUNDE Sonderheft »Fußball & Pop« sprachen wir mit der Kölschrock-Legende über Vereinshymnen und die Essenz des Kölner Fanlebens: Selbstironie.

Privatarchiv Niedecken
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Spezial Nr. 4

Schön, dass wir uns sprechen, Wolfgang Niedecken. So richtig wissen wir allerdings nicht, wie 50 Jahre FC-Fantum im Rahmen eines Interviews erfüllend abgehandelt werden können.
Erfüllend? Mit dem FC kann man ganze Enzyklopädien füllen. Wo fangen wir an? Bei Adam und Eva? Oder beim letzten Spiel?

Gern beim Ursprung.
Ich bin FC-Fan seit frühester Kindheit. Das war gottgegeben. Ich saß bei uns im Wohnzimmer auf dem Teppich und spielte mit meinen Matchbox-Autos, mein großer Bruder und mein Vater verfolgten die Spiele im Radio.

Klingen bestimmte Ton-Ausschnitte bis heute nach?
Der Name Hans Schäfer. Für mich stand seit Anbeginn die Gleichung »Hans Schäfer = Fußball = FC«. Das war meine Dreieinigkeit!

Ihre Altersgenossen nennen als Idole Pelé oder Franz Beckenbauer, Sie Hans Schäfer. Warum?
Schäfer war wie Tarzan und Elvis in einer Person. Ich wollte gar nicht glauben, dass er überhaupt aus Fleisch und Blut bestand. Von ihm holte holte ich mein erstes Autogramm überhaupt, viele kamen bis heute nicht dazu: Chuck Berry, Keith Richards, Bob Dylan, Neil Young – und Hans Schäfer.

Wie steht es heutzutage um die Schäfer-Schwärmerei?
Sie ist eine andere, denn wir sind Freunde geworden. Er lud mich letztens zu seinem 80. Geburtstag (Foto) ein, der in ganz kleinem Kreis gefeiert wurde – eine große Ehre!



Während Sie sich mit Hans Schäfer anfreundeten und deutsche Rockgeschichte schrieben, sank der FC vom Spitzen- zum Fahrstuhlklub.
Das ist bedauerlich, aber ich hole mir meine Erfolgserlebnisse nicht im Stadion ab. Das kann ich trennen. Trotzdem kann ich die Leute verstehen, die sich komplett über ihren Lieblingsklub definieren.

Drei Dinge im Leben könne man sich schließlich nicht aussuchen, stellen Sie in »Warum tu ich mir das eigentlich an« fest.
Vater, Mutter und den Klub, mit dem du leiden musst. Ich kann das selbst nicht mehr hören, aber es ist Fakt. Dieser eine Verein findet dich. Und man bleibt ihm – bei allem Leid – treu. Wenn der FC spielt, ist Ruhe, dann braucht mir keiner mit irgendwas zu kommen. Selbst wenn ich Gott weiß wo in der Welt unterwegs bin, muss ich zumindest mitlesen in diesem ... (Pause) ... Wie heißt das?

Sie meinen einen Liveticker?
Genau. Ich saß in Afrika und habe nur auf mein Handy gestarrt, weil mir jemand aus dem Müngersdorfer Stadion die Zwischenstände gesimst hat.

Ein Band-Alltag lässt sich sicher auch nur schwerlich mit dem Spielplan vereinbaren.
Wir versuchen es. Und wenn wir mal ein Konzert parallel zum FC-Spiel haben, weiß ich zumindest, wie es steht: Die Zwischenstände lassen wir uns anzeigen.

Was dazu führt, dass Konzerte mitunter stimmungsmäßig abfallen?
Das nicht. Aber es führt zu seltsamen Situationen: Man spielt ein unglaublich trauriges Lied und von der Seite blendet jemand das Ergebnis ein: 3:0! Da muss man erstmal ernst bleiben.

Wenn Sie es doch vor den Fernseher schaffen: Wie dürfen wir uns Wolfgang Niedecken vorstellen? Bange? Impulsiv? Kühl-analysierend?
Der Horror ist, während des Spiels irgendjemandem das passive Abseits erklären zu müssen. Da werd' ich wahnsinnig. Gott sei Dank haben die Damen der Familie meine kleinen Kurse genossen: Dann werden Mensch-ärger-dich-nicht-Figürchen auf einem imaginären Spielfeld herumgeschoben.

Didaktisch wertvoll!
Einmal erklärt, dann muss das sitzen. Ich könnte auch nie mit Leuten gucken, die die ganze Zeit labern. Ich möchte das Spiel wirklich verfolgen. Genausowenig bin ich ein Typ für die Fankurve. Ich bewundere die Menschen dort, aber ich würde nicht darauf achten wollen, was der Mann mit dem Megafon von mir möchte, wenn das Spiel läuft. Ungeachtet dessen gehöre ich mit meinen 62 Jahren nicht in die Südkurve. Apropos...

Ja?
Da hatte ich ein emotionales Erlebnis: Nach meinem Schlaganfall (November 2011, d. Red.) hat die Kurve ein Banner entrollt: »Werd schnell wieder gesund, Wolfgang«. Das habe ich vom Krankenbett aus gesehen. Man, hatte ich einen Kloß im Hals – das hat geflext!

Hat diese Zeit Dinge wie den Fußball relativiert?
Total. Ich bekam ein halbes Jahr Auftrittsverbot, mein Sprachzentrum war angegriffen, ich hatte Lähmungserscheinungen und Wortfindungsstörungen. Beim Scrabble-Spielen konnte ich aus »R«, »U« und »H« nach sechs Minuten Bedenkzeit kein Wort legen. Man darf nie vergessen, dass es sich beim Fußball einfach nur um die schönste Nebensache der Welt handelt. Sobald da der Humor flöten geht, bin ich nicht mehr dabei.

Beherzigen das die FC-Fans?
Wenn der gegnerische Block zur Melodie von Guantanamera »Hauptstadt der Schwulen, Ihr seid die Hauptstadt der Schwulen!« singt – Was wird da geantwortet? »Hauptstadt der Schwulen, wir sind die Hauptstadt der Schwulen!« Diese Selbstironie mag ich sehr. Unsere Südkurve lebte eigentlich nie von blödem Fanatismus, sondern von beseelter und sinniger Fankultur, bei der man denkt: »Doch, in dieser Stadt lebe ich eigentlich ganz gern.«

Droht der FC seinen Humor einzubüßen?
In der letzten Abstiegssaison (Platz 17 in der Saison 2011/12, d. Red.) wurden im Heimspiel gegen die Bayern Rauchbomben abgebrannt. Einfach, weil da einige nicht verlieren konnten. Das gehört zum Wichtigsten, was man seinen Kindern mit auf den Weg gibt: Mit Anstand verlieren. Und ausgerechnet bei meinem FC sollte plötzlich der Humor verloren gegangen sein? Das hat mich abgestoßen. Denn wir gehören nicht in die Erste Liga.

Im Selbstverständnis des FC schon.
Man hat sich dafür zu qualifizieren. Der 1. FC Köln spielt nicht per se erstklassig, weil es da einen Dom und einen Geißbock gibt. Ein bisschen Sport gehört ja auch noch dazu.


In Köln »gehen die Fußballuhren anders als im Rest der Republik«, schreiben Sie in Ihrer Hymne »FC, gib Gas«.
Das greift dieses Anspruchsdenken auf. Die erste Version entstand im Abstiegsjahr 1998. Auf dem Weg zu einer Bandprobe rief mich mein Kumpel Toni Polster an: »Du Wolferl, wir ham's nimmer 'packt.« Ich schrieb den Text des Originaltitels »Für ne Moment« um. Aus Angst, dass jetzt alle von der Fahne gehen, dass mein FC – der aus meinen Matchbox-Tagen – durchgereicht wird. Glücklicherweise scheinen diese Sorgen heute unbegründet, denn die Kölner lieben ihren Verein, egal was kommt.

Genauso wie Ihren Song »Warum tu ich mir das eigentlich an«.
Der erzählt von einem Typen, der einen Katastrophensamstag erlebt: Er geht ins Stadion und erlebt eine weitere Pleite des FC. Abends muss er sich noch mit seiner Freundin einen Hugh-Grant-Film anschauen.

Ein gebrauchter Tag.
Tja, er hat keine Wahl. Und rettet sich in Sarkasmus, was einem in der Situation schon mal passieren kann. Die Freundin ist er somit auch los. Zwei Wochen später geht er ins Stadion, obwohl er natürlich geschworen hatte, nie wieder zu gehen.

Und sieht die nächste Niederlage. Was macht diese Songs zu stilvollen Hymnen?
Die halten sich mit Treueschwüren und Klischees weitesgehend zurück. Man muss klar diffenzieren zwischen Liedern, die sich zur Hymne entwickelt haben und Auftragsarbeiten. Zweitere werden auch mit Inbrust gesungen, setzen sich aber oft dem Verdacht des Ranschmeißens aus. Da gibt es einfach bessere Ideen. »Highway to hell« beim Einlaufen auf St. Pauli zu spielen ist der Hammer, »Bochum« von Herbert (Grönemeyer, d. Red.) sehr authentisch und »You'll never walk alone« natürlich der Klassiker unter den Hymnen.

Welchen Spieler hätten Sie gern mal besungen?
Den einzigen Mann, der mit gebrochenem Wadenbein gespielt hat: Wolfgang Weber. Hans Schäfer war der Held meiner Kindheit, Weber der meiner Jugend. Oder Heinz Flohe, der leider mittlerweile verstorben ist (im Juni 2013, d. Red.). Das war der begnadetste Spieler, den der FC jemals in seinen Reihen hatte. Heute würde der lange bei Real Madrid spielen. Ein Genie, ein Künstler!

Gutes Stichwort. Sie sind studierter Kunstgeschichtler. Sehen Sie Schnittmengen zwischen Kunst und Fußball?
Sagen wir mal: Je höher eine Mannschaft spielt, desto schöner ist das meist anzusehen. Die Champions League ist oft ein ästhetisches Erlebnis. Ich bin ja den FC gewohnt, bei dem es in manchen Spielen eher nach Schulhof aussieht: Lange Bälle – und dann bestenfalls noch Stefan Maierhofer vorne drin!


Kennen Sie das Maierhofer-Best-Of 2013? Fünf heroische Sekunden, in denen er den Ball einmal mit der Brust weiterleitet...
(lacht) Der Maierhofer sollte die Mannschaft anscheinend motivieren. Das funktioniert natürlich nicht, wenn es ein Hauen und Stechen um die Stammplätze gibt und einer aufläuft, der nachweislich nicht Fußball spielen kann. Aber diese Kölner Selbstironie imponiert mir wieder.

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