Ballack und Frings im Interview

»Wir sind nicht wie Lothar«

Michael Ballack und Torsten Frings sind zwei Führungsspieler, die sich perfekt ergänzen - auf dem Platz, aber inzwischen auch daneben. Hier sprechen sie über ihre erste Begegnung in der U21, die EM und ihre alten Knochen. Ballack und Frings im Interviewimago

Herr Ballack, Herr Frings, wie lange kennen Sie sich eigentlich?

Torsten Frings: Wir haben mal in der U21 zusammengespielt. Wann war das genau?

Michael Ballack: Der Torsten kam ein bisschen später dazu als ich. Ich war damals ja schon ein gestandener Spieler in der U21, Torsten war noch ein Jungspund.

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Frings: Von wegen, ich hab’ im Gegensatz zu dir schon Bundesliga gespielt...

Ballack:...ja, Bundesliga, aber eben nicht in der Auswahl.

Frings: Ich bin als junger Spieler halt verkannt worden.

Ballack: Aber du hast doch auch nicht erste Liga gespielt damals.

Frings: Wieso hab’ ich nicht erste Liga gespielt?

Ballack: War Alemannia Aachen vielleicht in der ersten Liga?

Frings: Wieso Aachen? Ich war da schon in Bremen! Ich habe Bundesliga gespielt, da warst du noch mit Chemnitz in der Regionalliga.

Ballack: Ich war da schon Meister.

Frings: Mit der Jugend, oder was?

Ballack: Nein, mit Kaiserslautern, aber das war später (1998; Anm. d. Red.), da hast du recht.

Brauchen Sie uns noch? Wir können auch gehen.

Ballack: Sie können ruhig dableiben. Aber das würde mich jetzt schon noch mal interessieren, warum der Fringser am Anfang kein U21-Nationalspieler war.

Frings: Ich hatte schon 50 Bundesligaspiele, bevor ich berufen wurde. Ich glaube, der Hannes Löhr (Trainer der U21) wusste damals gar nicht, dass ich noch U21 spielen durfte.

Welche Position haben Sie damals gespielt?

Frings: Im Verein oft Stürmer, in der U21 rechter Verteidiger. Der Balle war damals schon im offensiven Mittelfeld.

Ballack: Nein, das stimmt ja gar nicht. Ich hab in meinem ersten U21-Spiel Libero gespielt.

Wie? Den gab's da noch?

Ballack: Ja, wir haben in Regensburg gespielt, 0:0 ging’s aus, und ich war Libero. In Chemnitz hab ich das damals auch oft gespielt und bin dann immer während des Spiels auf die Zehner-Position gewechselt. Ja, und weil wir in meinem U21-Spiel kein Tor gemacht haben, durfte ich danach immer im Mittelfeld spielen. Ich wurde da gebraucht.

Frings: Haha. Guter Witz.

Stimmt es, dass Sie in Ihrer Chemnitzer Zeit mal ein Angebot von Werder Bremen hatten?

Ballack: Das stimmt.

Dann hätten Sie viel früher mit Torsten Frings zusammenspielen können.

Frings: Da war der Willi Lemke (damaliger Werder-Manager) wieder zu geizig.

Später sind Sie doch noch Vereinskollegen geworden, beim FC Bayern München, für ein Jahr. Da sind Sie sich dann auch persönlich nähergekommen, Sie waren zum Beispiel fast Nachbarn.


Ballack: Der Torsten hat damals als einer der wenigen außer mir die Vorzüge des Starnberger Sees erkannt.

Heute wohnen da ganz schön viele: Oliver Bierhoff, Jens Lehmann, Lukas Podolski am See um die Ecke...

Ballack: Ja, jetzt kommen sie alle langsam drauf.

Frings: Ich hab mich damals beim Balle erkundigt, wo man schön und ruhig wohnen kann.

Es heißt, Sie hätten sogar eine Fahrgemeinschaft gebildet.

Ballack: Ich hab ihn mal gefragt, ob er mich mitnimmt, aber das hat sich dann schnell zerschlagen.

Warum das denn?

Ballack: Ich war ja immer viel früher beim Training, der Torsten kam immer ziemlich spät.

Frings: Ich hatte einfach keine Lust, den mitzunehmen. Ich hatte keine Lust auf sein Gelaber. So, jetzt hab ich’s dir aber gegeben.

Noch eine Gemeinsamkeit: Nach Ihrem Abschied beim FC Bayern ist nicht nur gut über Sie beide geredet worden.

Ballack: Für mich zählt nur der sportliche Erfolg. Ich war vier Jahre da und hab’ drei Doubles geholt - und der Torsten ist nach ’nem Jahr wieder abgehauen.

Frings: Ich hatte halt ein paar Probleme mit Felix Magath.

Ballack: Als ich ging, war halt ein bisschen Theater in den Boulevardzeitungen, so ist einfach das Spiel heute - aber das hat ja nichts mit meinem Stellenwert beim FC Bayern zu tun gehabt oder mit dem, was ich da erreicht habe. Sag ich jetzt einfach mal so.

Worauf wir hinauswollten: Die Wahrnehmung der wichtigen Spieler bei den Bayern wird über all die Jahre von den Platzhirschen geprägt: Von Beckenbauer über Breitner bis Matthäus, Effenberg oder Kahn. Sie beide fallen charakterlich aus dieser Reihe raus - haben Sie das zu spüren bekommen?


Frings: Ich weniger. Ich hab’ mich einfach nicht wohlgefühlt bei den Bayern, das hab’ ich dem Balle schon nach drei Wochen gesagt. Mir hat’s einfach keinen Spaß gemacht. Für Michael war es ganz anders: Er war voll anerkannt. Ich musste direkt gegen Vorbehalte des Trainers ankämpfen. Ich habe den Vertrag unterschrieben, als Hitzfeld noch Trainer war. Trotzdem war’s ein schönes Jahr. Ich habe das Double geholt und mit Super-Spielern zusammengespielt.

Aber auch mit Michael Ballack.

Frings: Ja, eigentlich hab ich mich gewundert, dass man mit dem überhaupt was gewinnen kann.

Ballack: Ich habe dich das Siegen gelehrt.

Stimmt es, dass Torsten Frings Sie nach dem verlorenen ChampionsLeague-Finale mit dem FC Chelsea gegen Manchester angerufen hat?

Frings: Nein. Ich glaube, ein Spieler kann nach so einem Spiel nichts weniger gebrauchen, als wenn er hundert Anrufe kriegt und alle sagen: Ach, du armer Kerl, das tut mir aber leid. Das wollte ich ihm nicht antun, und da muss man als Spieler auch selber durch.

Ballack: Das stimmt, selbst ganz enge Freunde haben mich in Ruhe gelassen.

Sie beide sind ja fast schon Dinos in dieser jungen Nationalelf. Wie äußerst sich ihr gehobener Stellenwert?

Ballack: Es ist klar, dass wir eine Führungsrolle spielen, aber es ist ja nicht so, dass wir wie die Lehrer in der Schule überwachen, ob die Jungen auch brav ihre Aufgaben erfüllen.

Auffällig ist aber schon, dass Sie beide nicht so demonstrativ die Platzhirsch-Rolle reklamieren wie früher ein Lothar Matthäus.

Ballack: Wir sind andere Typen als der Lothar, aber auch die Zeiten sind anders. Wir haben ja keine Nationalelf wie 1990, in der acht oder neun gestandene Auslandsprofis waren. Da gab’s sicher mehr Ellbogen, mehr Positionskämpfe als heute, und da wurde das zum Teil auch über die Medien ausgetragen. Das passiert in der heutigen Truppe fast gar nicht, auch wenn die Presse sich das manchmal wünschen würde. Lautsprecherei gibt’s bei uns kaum, aber das liegt nicht daran, dass wir Alten die Jungen erziehen. Das ist einfach eine andere Generation.

Frings: Aber wir achten schon darauf, dass wir interne Dinge diskret behandeln. Es ist viel besser, wenn man Dinge unter vier Augen regelt. Wenn man es öffentlich macht, schaltet der andere auf stur, und irgendwann nutzt er die Gelegenheit, sich öffentlich zu revanchieren. Und so geht’s dann immer weiter.

Ballack: Und da haben wir Älteren eben die Verantwortung, weil wir die Umgangsformen im Team vorgeben. Als Kind schaut man ja auch, wie die Eltern sich benehmen, was sie für ein Vokabular haben - in einem Team ist das zwar anders als in einer Familie, trotzdem geben die Älteren den Stil vor.

Auf dem Feld sind Sie beide als sogenannte Doppel-Sechs die Autoritäten. Als Geburtsstunde dieses Spielsystems gilt das Japan-Spiel direkt vor der WM 2006, als Michael Ballack forderte, dass die ganze Elf und auch Torsten Frings defensiver spielen müssen. Mussten Sie Torsten sehr überzeugen?

Ballack: Nein, der Torsten hat ja immer den defensiven Part gespielt. Es ging mehr darum, dass ich weiter hinten spiele, weil wir sonst gegen richtige gute Gegner zu offen, zu anfällig gewesen wären. Bei einer WM kannst du auf Teams treffen, die in der Offensive noch mehr Qualitäten haben als wir, und da bedarf es absoluter Kompaktheit. Wir hatten einfach zu viele Gegentore bekommen. Man hätte auch sagen können: Wir spielen mit einer Doppel-Sechs und ich spiele davor, aber ich wollte schon selber Verantwortung übernehmen.

Zitat ihres Klubtrainers Thomas Schaaf: "Torsten Frings stellt sich in den Dienst der Mannschaft, und mit dieser Einstellung reißt er alle mit." Richtig?

Frings: Da stimme ich zu. Für mich steht immer die Mannschaft im Vordergrund, das ist nicht nur ein Spruch. Ich bin überzeugt, dass sich das auch bei diesem Turnier zeigen wird: Man redet immer von irgendwelchen Superstars, aber ohne eine Mannschaft im Rücken kannst du alles vergessen. Der Balle stellt sich ja auch in den Dienst der Mannschaft, obwohl er ein sehr torgefährlicher Spieler ist, der durch unser System ein bisschen von seiner Torgefahr verliert. Aber er weiß, dass die Mannschaft, wenn sie stabil stehen will, ihn weiter hinten braucht. Das nenne ich Vorbildfunktion! Wir als Team haben dann die Pflicht, ihm was zurückzugeben und ihn so oft wie möglich nach vorn zu bringen.

Zitat Reiner Calmund: »Michael Ballack hat sich selbst die undankbarste Rolle zugeteilt.« Gutes Zitat?

Ballack: Ach, undankbar würde ich nicht sagen. Ich bin nicht mehr 22, ich muss nicht mehr zeigen, dass ich torgefährlich bin. Ich habe meine Qualitäten schon bewiesen, und jetzt, mit 31, will ich mit der Nationalelf auch mal einen Titel gewinnen. Da schaut man natürlich erst recht, was das Beste fürs Team ist.

Frings: Im modernen Fußball muss man persönlichen Eitelkeiten auch mal hinten anstellen. Michael verzichtet für die Mannschaft auf einen Teil seiner Stärken, aber wenn wir am Ende Erfolg haben, war alles richtig.

Ballack: Bei der EM 2004 hab’ ich viel weiter vorne gespielt, und was hat’s gebracht? Im heutigen Fußball ist der Zehner praktisch ausgestorben, es gibt kaum mehr Spieler, die nicht oder nur wenig nach hinten arbeiten müssen. Und wenn, sind das Außenspieler wie Cristiano Ronaldo. Im Zentrum musst du defensiv mitmachen, das geht gar nicht anders. Aber wir können schon auch mal vorne mit ’reingehen, der Fringser war gegen Polen sogar mal im gegnerischen Strafraum!

Frings: Aber dann musste ich direkt wieder nach hinten.

Ballack: Wir können diese Rolle interpretieren. Das ist besser, als wenn man einen reinen Spezialisten hat und um ihn herum die Mannschaft basteln muss.

Wie verständigen Sie sich über ihre Wege? Wer gibt die Kommandos?

Ballack: Ich sehe doch, wenn er mit dem Ball durch die Mitte losgeht. Dann weiß ich: Ich kann da nicht mitgehen, denn wenn er den Ball verliert - das geht halt einfach nicht. Und genauso ist es umgedreht, wobei es bei mir natürlich öfter vorkommt, dass ich nach vorn gehe.

Frings: Ich versuche, ihm zu ermöglichen, dass er ohne Angst im Hinterkopf nach vorne marschieren kann, weil er weiß, dass ich die Lücke hinter ihm zumache. Wir verstehen uns schon richtig gut: Da reicht manchmal nur ein Blick, um zu wissen, was der andere will.

Ballack: Man sieht ja, was der andere macht. Man hat dann einfach die Verantwortung zurückzubleiben. Geht der zweite Mann dann auch noch mit, sind wir offen - und dann gibt’s ’nen Anschiss.

Von wem? Von Torsten Frings für Michael Ballack oder umgekehrt?


Ballack: Vom Trainer.

Uns ist aufgefallen, Herr Frings, dass Sie im Spiel gegen Polen öfter aus der Mitte nach links gerutscht sind, besonders, wenn Lukas Podolski nicht so ganz klar kam mit den Räumen.


Frings: Das ist ja immer das Problem, wenn du einen Stürmer ins Mittelfeld stellst. Poldi denkt natürlich in erster Linie offensiv, das mit dem Reinschieben, das kann er noch nicht so gut. Klar, dass ich dann ein bisschen aufpassen muss. Ich versuche natürlich in erster Linie, das Zentrum zuzuhalten, aber wenn Balle über rechts mitgeht, dann verschiebe ich mich ein bisschen nach links. Wenn er über links kommt, dann gehe ich rechts raus. Damit immer beide Positionen besetzt sind, das geht bei uns ganz automatisch. Und das ist eben ein ganz wichtiger Faktor für unsere Mannschaft, um stabil zu stehen.

Herr Ballack, ärgert es Sie, wenn es heißt: Ballack hat wieder kein Tor geschossen und keinen tollen Pass gespielt?


Frings: Ich glaube, aus dem Alter ist er raus, dass ihm das wichtig ist.

Ballack: Wenn es mich so sehr ärgern würde, dann könnte ich ja sagen, dass ich weiter vorn spielen will. Und ich kann ja trotzdem ab und zu mitgehen, auch wenn es sehr, sehr schwer ist, das läuferisch zu bewältigen.

Kennen Sie ihre Laufleistungen nach den Spielen? Neuerdings werden diese Werte im Fernsehen eingeblendet
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Ballack: Mir ist das egal. Ich bin sowieso immer der, der am meisten läuft.

Frings: Du zählst ja auch immer den Weg zur Trinkflasche draußen mit.

Ballack: Ist ja klar: Wenn du mehr rennst, musst du mehr schwitzen und dann auch mehr trinken. Deswegen rennt man zur Flasche.

Frings: Wenn ich bedenke, wie viel ich laufe, kannst du nur den Hut vor mir ziehen.

Sieht man das Sechser-Duo Frings&Ballack auch bei der WM 2010?


Ballack: Ich habe vor, weiterzumachen. Die WM 2010 zu spielen, ist auf jeden Fall mein Ziel. Aber ob Torsten dann noch kann oder ob er schon zu alt ist ...

Frings: Wenn ich gesund bleibe, dann möchte ich schon so lange wie möglich bei der Nationalmannschaft spielen.

Spüren Sie den Verschleiß der vielen Jahre im Fußball?


Ballack: Wir sind doch erst 31, das ist heute kein Alter mehr im Fußball. Also, ich spüre keinen Verschleiß.

Frings: Ich fühl mich zwar nicht mehr wie mit 20. Aber ich kann morgens noch ohne Probleme aufstehen.

Ballack: Dass du das so genau weißt - ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie ich mich mit 20 gefühlt habe.

Frings: Ich bin auf den Platz gekommen, hab’ die Kugel genommen und sie aus 30 Metern in den Winkel geschossen - heute muss ich mich erst warm laufen.

Ballack: Aber du hast doch heute mehr Kraft als früher, oder?

Frings: Das schon. Aber trotzdem spürst du die Jahre und die Wehwehchen.

Ballack: Ich merke: Es geht dem Ende entgegen. Das ist ja das, was ich an dir mag: dass du dich ehrlich einschätzen kannst, die Qualität haben wenige, dass sie vorausschauend erkennen: Hier und jetzt ist Schluss.

Frings: Jetzt spielen wir erst mal die EM, und dann frag’ ich dich mal, wie’s dir geht. Und vor der WM 2010 reden wir dann noch mal drüber.

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