13.12.2013

Babak Rafati über seinen Weg aus der Depression

»Ich wurde seelisch gefoltert«

Am 19. November 2011 sollte Babak Rafati ein Bundesligaspiel pfeifen. Weil er schwer krank war, wollte er sich das Leben zu nehmen. Er wurde gerettet und begab sich in Behandlung. Von seiner Depression ist er inzwischen geheilt und hat ein Buch über seine Leidensgeschichte geschrieben. Ein Interview über die Folgen seines »Coming outs« und ein neues Leben.

Interview: Alex Raack Bild: Imago


Babak Rafati, naheliegende erste Frage: Wie geht es Ihnen?
Danke, gut. Die Klinik habe ich im Februar 2012 verlassen, im September 2012 dann die Medikamente abgesetzt. Seitdem bin ich nicht mehr in Therapie gewesen – nach eineinhalb Jahren Behandlung wurde ich als vollständig geheilt entlassen.

Fühlen Sie sich heute, nach überstandener Depression, stärker oder schwächer als noch vor ein paar Jahren?
Ob stärker oder schwächer ist schwer zu beurteilen – welchen Maßstab kann es dafür geben? Ich weiß nur, dass ich mich quasi neu erfunden habe. Meine Werte und Prinzipien sind die gleichen geblieben, aber ich habe auch deshalb so hart an mir gearbeitet, um die Welt heute anders zu betrachten und die Geschehnisse für mich anders einzuordnen. Alte Dinge mit neuen Augen zu betrachten – das ist, grob zusammengefasst, mein Schlüssel zum Erfolg.

Was machen Sie heute besser als früher?
Ein Fehler war, dass ich Werte, die ich für mich als wesentlich betrachte – Respekt, Ehrlichkeit, Anstand – immer auch bei meinen Mitmenschen vorausgesetzt habe. Und ich habe auch keinen Unterschied gemacht, ob es Freunde oder Kollegen waren. Das war falsch. Ein zweiter entscheidender Fehler, den ich heute nicht mehr begehen möchte: Dem, was andere Menschen über mich denken könnten, zu viel Bedeutung zuzumessen. Das war mir früher extrem wichtig und hat mich entsprechend unter Druck gesetzt. Was halten meine Vorgesetzten von mir, meine Kollegen? Lachen die über mich, halten die mich für unqualifiziert oder finden mich einfach unsympathisch? Dieses Denken habe ich abgestellt.

Wie macht man das?
Das habe ich in der Therapie gelernt. Mein Therapeut fragte mich irgendwann: »Was glauben Sie denn, was passiert, wenn ihr Gegenüber Sie nicht mag, oder Sie für unfähig hält? Welche Auswirkungen hat das in diesem Moment?« Und ich musste eingestehen, dass überhaupt nichts passieren würde. Gar nichts. Wenn Sie in diesem Interview denken würden: »Der Rafati ist aber ein Idiot!« – würden mir dann die Haare ausfallen oder bekäme ich Kopfschmerzen? Nein! Es wäre Ihr Problem, nicht meins.

Der Weg in die Depression, die bei Ihnen schließlich in einen Suizidversuch und psychatrische Behandlung gipfelte, soll in Ihrem Fall allerdings nicht nur durch das negative Denken anderer verursacht worden sein, sondern durch gezieltes Mobbing des Vorsitzenden der DFB-Schiedsrichterkommisson Herbert Fandel und DFL-Schiedsrichter-Experte Hellmut Krug. Dieses Verhalten beschreiben Sie sehr genau in Ihrem Buch. Wie würden Sie heute damit umgehen?
Ich würde alles daran setzen, dass man mich nicht mehr so menschenunwürdig behandelt, mich seelisch foltert. Mir wurde ja von vielen meiner damaligen Schiedsrichterkollegen bestätigt, dass man mich gezielt abschießen wollte. Dagegen habe ich damals brutal angekämpft, schließlich wollte ich meine Leidenschaft, die Schiedsrichterei, und auch die damit verbundenen Annehmlichkeiten unter keinen Umständen verlieren. Nur: Wenn ich Wahl habe zwischen der Leidenschaft und meinem Leben, dann würde ich mich heute immer für das Leben entscheiden. Dann würde ich versuchen, meine Vorgesetzten zu einem klärenden Gespräch zu bewegen.

Und wenn Sie dann immer noch keine Chance auf eine Zukunft ohne Mobbing sehen würden?
Arschlecken, tschüss.

Sind Sie heute noch wütend auf Fandel und Krug?
Nein. Ich kann diese Menschen sowieso nicht ändern. Vor einem halben Jahr habe ich sicherlich noch anders gedacht. Das Verhalten der beiden Personen hat bei mir damals ein Trauma ausgelöst, von dem ich mich fast nicht erholt hätte. Und es ist mir wichtig zu betonen, dass nicht die Fans, Spieler, Trainer oder der Fußball für dieses Trauma verantwortlich waren. Sondern das Mobbing und meine Reaktion darauf.

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»Schiedsrichter sind heute nicht mehr unabhängig«, betont Babak Rafati mit Nachdruck, während seine Frau den Wagen über die Autobahn steuert. Eigentlich ist nur ein Mann für Ansetzungen und Beurteilung der deutschen Schiedsrichter zuständig: Der Vorsitzende der Schiedsrichter-Kommission, angestellt beim DFB. Gegenwärtig ist das Herbert Fandel. Dessen Vorgänger Volker Roth gehörte zu den Förderern von Rafati, das Verhältnis von Fandel und Roth, so beschreibt es Rafati, war hingegen merklich angekratzt. Eine wesentlich bessere Beziehung pflegt Fandel allerdings zu Hellmut Krug, der ebenfalls lange Zeit für den DFB arbeitete, den Verband allerdings verließ, als er damit scheiterte, Volker Roth durch Lutz-Michael Fröhlich zu ersetzen. Krug wurde stattdessen von der DFL als Schiedsrichter-Experte eingestellt. Obwohl ihm das offiziell untersagt ist, soll Krug nach Rafatis Darstellungen aktiv Einfluss auf die Entscheidungen von Herbert Fandel nehmen und dafür sorgen, dass von bestimmtem Klubs unbeliebte Schiedsrichter nicht wieder auf Partien dieser Vereine angesetzt werden. In seinem Buch zitiert Rafati aus einer E-Mail eines ungenannten Schiedsrichterkollegen, die die Situation Rafatis treffend zusammenfasst: »Ich bin sehr geschockt darüber, wie mit Dir umgegangen wird. Das hätte es bei Volker (Roth, d. Red.) nicht gegeben… Ich kann mir ziemlich genau vorstellen, wie Deine Gefühlslage aussieht, aber da musst Du durch. Eine fiese Zeit: keine Rückendeckung, kein Kontakt, kein Vertrauen. Aber aufgeben kann jeder! Ich hoffe, Du hast die Kraft, noch weiter durchzuhalten.«

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