13.12.2013

Babak Rafati über seinen Weg aus der Depression

»Ich wurde seelisch gefoltert«

Am 19. November 2011 sollte Babak Rafati ein Bundesligaspiel pfeifen. Weil er schwer krank war, wollte er sich das Leben zu nehmen. Er wurde gerettet und begab sich in Behandlung. Von seiner Depression ist er inzwischen geheilt und hat ein Buch über seine Leidensgeschichte geschrieben. Ein Interview über die Folgen seines »Coming outs« und ein neues Leben.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

19. November 2011 / 6:20 Uhr

Ich habe unbemerkt die absolut letzte Eskalationsstufe erreicht. Ich knie vor der Minibar und trinke sehr hektisch hintereinander die restlichen Flaschen hochprozentigen Alkohols aus, so dass ich exzessiv betrunken bin. Ich lasse parallel Badewasser einlaufen. Mit dem Alkohol spüle ich die hundert Baldriantabletten herunter, die ich mir gestern am Bahnhof gekauft habe […]. Gleichzeitig krakle ich alkoholzittrige Notizen auf einen Hotelblock, verabschiede mich von meiner Familie, von Rouja, ritze lautlos meine Schreie, meine Angst mit tiefen Kerben ins Papier. […] Ich reiße mir intuitiv die Kleider vom Leib, um in die Badewanne steigen zu können. Jetzt. Mein Adrenalin steigt ins Unermessliche an und ich spüre eine Riesenflamme in meinem Körper aufsteigen, die durch nichts mehr zu löschen ist. Ich werde verbrennen. Ich will nicht mehr existent sein. […] Der Entschluss, es zu tun, ist für mich die Befreiung, endlich bin ich Handelnder und nicht mehr Leidender. […] Ich werde mich jetzt selbst erlösen, diesem miesen Film, der in meinem Kopf tobt, ein Ende setzen.


Die Zeilen stammen aus dem Buch »Ich pfeife auf den Tod!«. Geschrieben hat es Babak Rafati. Es ist die Geschichte seines Aufstiegs, seines schleichenden Untergangs, seines Beinahe-Endes und seiner Auferstehung. Rafati war bis zu jenem 19. November 2011 Bundesliga-Schiedsrichter, jahrelang Teil der Elite von Fifa-Schiedsrichtern, einer der Besten seines Fachs. Abteilungsleiter einer großen Bank in Hannover. Ein Erfolgsmensch. Wie es wirklich um ihn stand, erfuhr die Öffentlichkeit erst in seinem Buch, das im März 2013 auf den Markt kam. Darin beschreibt Rafati eindringlich, wie er von Herbert Fandel, dem Vorsitzenden der Schiedsrichter-Kommission und damit seinem Chef, ein Jahr lang gezielt gemobbt oder, wie es Rafati beschreibt, »seelisch gefoltert« wurde. Ein »menschenverachtendes Verhalten« (Zitat Rafati), das den so selbstbewussten Schiedsrichter nach und nach in seinen Grundfesten erschütterte und schließlich in immer größere Selbstzweifel stürzte. Am 19. November 2011 sollte Rafati das Bundesliga-Spiel 1. FC Köln gegen FSV Mainz 05 leiten. Am frühen Morgen des 19. November versuchte sich der Schiedsrichter umzubringen. Nur weil ihn seine Schiedsrichterkollegen rechtzeitig fanden, blieb Rafati am Leben. Ärzte und Psychologen diagnostizierten eine schwere Depression. Rafati musste zunächst zu einer Behandlung gezwungen werden, ehe er schließlich selbstbestimmt den schweren Gang der Heilung antrat.

Sein Buch erzählt diese Geschichte. Es ist schockierend zu erfahren, in welchem Teufelskreis sich Rafati verloren hatte. Wie sich die Verantwortlichen im deutschen Schiedsrichterwesen hinter verschlossenen Türen verhalten. In was für eine Knochenmühle sich der deutsche Fußball verwandelt hat. Welche Reaktionen negative Presse oder wütende Fans auslösen können. Mit welcher Ignoranz der DFB die Problemfälle in seinem Zuständigkeitsbereich behandelt.

Es gibt viele Dinge in Rafatis Geschichte, die man zunächst nicht glauben möchte. Aber es ist die Wahrheit, sagt er selbst. »Sonst wären die angeklagten Personen längst juristisch gegen das Buch vorgegangen.«

Seit der Veröffentlichung seines Buches ist Babak Rafati viel unterwegs, er gibt Lesungen, hält Vorträge, nimmt an Diskussionen teil. Er ist ein begehrter Gesprächspartner wenn es um das Thema Depression geht, eines der vielen Tabuthemen im deutschen Fußball. Auf der Fahrt von Hannover nach Göttingen findet dieses Gespräch statt. Am Steuer sitzt seine Frau Rouja, ohne die er, so Rafati, die Behandlung seiner Krankheit vielleicht nicht durchgestanden hätte. Rafati sieht gut aus, im Wagen trägt er eine Trainingsjacke, auf der Bühne wird er später im Anzug sitzen. Seine Karriere als Schiedsrichter ist beendet, auch wenn er gerne wieder pfeifen würde. Gerne auch im Ausland. Und wenn das nicht klappt, sein Wissen und seine Erfahrungen als TV-Experte weitergeben. Vielleicht gehe da ja mal was. So lange ist Rafati auf einer Mission. Er möchte den Zuhörern seine Geschichte erzählen und dabei gleichzeitig über die Volkskrankheit Depression aufklären. Eigentlich sollte jeder Mensch zweimal im Jahr prophylaktisch zum Therapeuten gehen, sagt er. Und irgendwo zwischen Hannover und Göttingen hat er die Idee, solche Behandlungen in den Bonusheftchen der Krankenkassen anzubieten. Später, im »Stadion an der Speckstraße«, dem Veranstaltungsort in Göttingen, wird er diese Idee wiederholen.

Die Gäste werden beeindruckt sein von seiner schonungslosen Offenheit. Von den Ereignissen hinter den Kulissen des großen DFB. Von seiner Geschichte.

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