Aue-Trainer Falko Götz über den Wandel des Trainerberufs

»Christoph Daum hielt einen Medizinball mit den Füßen hoch«

Einst führte Falko Götz Hertha BSC in den Europapokal, heute kämpft er mit Erzgebirge Aue für den Klassenerhalt in der Zweiten Liga. Ein Gespräch über veränderte Ansprüche an Trainer, die Philosophie im Erzgebirge und seine alte Liebe Hertha.

Falko Götz, Sie haben 1998 an der Sporthochschule Köln Ihren DFB-Trainerschein gemacht - wie hat sich der Trainerberuf seitdem verändert?
Der Job ist vielfältiger geworden. Das liegt zum Teil auch an den Medien, die inzwischen eine entscheidende Rolle spielen. Die Presseanfragen sind deutlich gestiegen, ein Trainer muss den Journalisten viel mehr Zeit einräumen als früher. Man spürt im Alltag beinahe an jeder Ecke, welch hohen Stellenwert der Fußball in unserer Gesellschaft einnimmt. Hinzu kommt, dass wir es heutzutage mit einer Spielergeneration zu tun haben, die sich von der damaligen unterscheidet.

Und worin?
Die Ansprüche sind gestiegen, die meisten Talente gehen das Thema Profifußball viel professioneller an – die bekannte Laisse-faire-Haltung ist out. Wer es heutzutage nach oben schaffen will, kann es sich nicht erlauben, Kompromisse einzugehen. Das heißt aber auch, dass man die Spieler intensiver betreuen und besser fördern muss. Der Trainerstab ist beispielsweise deutlich größer, es gibt Experten für jedes Detail. Ein Cheftrainer ist heutzutage eine Art Teammanager.

Über welche Lerninhalte von früher können Sie heute nur noch schmunzeln?
Ich denke da zum Beispiel an ein Buch von Gero Bisanz aus dem Jahr 1974 (Bisanz leitete von 1971 bis 2000 die DFB-Trainerausbildung, d. Red.). Das Teil ist inzwischen aus dem Lehrplan verschwunden. Christoph Daum, damaliger Amateurspieler des 1. FC Köln, hält mit den Füßen einen Medizinball hoch – das hatte was!

Wie jeder Spieler durchläuft auch ein Trainer eine Entwicklung – welche Trainingsübungen oder Motivationstricks haben Sie im Laufe Ihrer Karriere in den Papierkorb geworfen?
Grundsätzlich hat sich meine Philosophie vom Fußballspiel nicht geändert. Und das ist entscheidend. Es ist schon immer mein Anspruch gewesen, meine Spieler so zu behandeln, wie ich als Spieler von meinen Trainern gern behandelt worden wäre. Dass das Training mittlerweile moderner abläuft, ist ohnehin klar - neue Erkenntnisse führen zu neuen Methoden.

Wie würden Sie die Philosophie des FC Erzgebirge Aue beschreiben?
Aue kommt traditionell über den Kampf, man wollte schon immer ein unangenehmer Gegner sein und aggressiven Fußball spielen. Oder andersherum: Die spielerische Note konnte stets ein wenig vernachlässigt werden, um es mal dezent auszudrücken. Plakativ formuliert: Hier wird seit jeher gekämpft, gekratzt, gebissen. Dafür steht der Klub. Ich wäre nicht gut beraten, würde ich dieses Markenzeichen auf Spiels setzen und der Mannschaft eine neue Philosophie einimpfen.

Sie haben 1997 bis 2002 die Hertha-Jugend und -Amateure trainiert und zu jener Zeit viele Talente an die erste Mannschaft herangeführt– wie wichtig ist es Ihnen heute, Talente nach oben zu bringen?
Für uns ist es das Wichtigste, die Klasse zu halten. Diesem Ziel ordnen wir alles unter. Aber selbstverständlich wollen wir hier in Aue auch Werte schaffen, sprich: Spieler hochziehen. Gerade deshalb betone ich so oft, wie wichtig ein funktionierendes Scouting-System ist. Wir haben zurzeit mit Jakub Sylvestr, Rico Benatelli, Dorian Diring und auch Arvydas Novikovas Spieler mit Perspektive, Jungs, die den nächsten Schritt machen wollen.

In Ihrem derzeitigen Kader sind acht Spieler 30 Jahre oder älter. Ist das Zufall?
Auch wir sind an Verträge gebunden. Man kann nicht von heute auf morgen den kompletten Kader durcheinanderwirbeln. Viele dieser Verträge wurden vor meiner Zeit abgeschlossen. Und da Fairness für uns keine Sprachhülse ist, stehen wir zu den Vereinbarungen. Außerdem brauchen wir erfahrene Profis, um unsere Ziele zu erreichen. Es ist es keine Floskel, dass die Jungen von den Alten profitieren.

Sie sagten mal, drei Dinge seien im Profifußball entscheidend: Disziplin, Fitness und ein guter Teamspirit – in welchem dieser Punkte hat Aue zurzeit Nachholbedarf?
Das sind die Säulen meiner Arbeit, richtig. Ich weiß, dass ich in keinem dieser Punkte jemals hundert Prozent erreichen werde.

Aber?
Bei uns gibt es klare Regeln, die jeder zu befolgen hat. Da wir eine große Gruppe sind, die beinahe das komplette Jahr zusammen ist, halte ich es für unheimlich wichtig, dass wir uns gegenseitig respektieren. In diesem Punkt gibt es wenig Spielraum. Dass gerade für uns die Fitness eine entscheidende Rolle spielt, muss ich niemandem erklären. Es wird in der Liga immer spielstärkere Teams geben, unser Plus muss die Power, Leidenschaft und Aggressivität sein. Es darf niemals eine Partie geben, in der wir in Sachen Fitness nicht mithalten können.
Wie kann ein Trainer den Teamspirit verbessern, ohne sich dabei abzunutzen?
Das ist in der Tat eine Gratwanderung. Bleiben die positiven Resultate aus, wird man schnell in eine Negativspirale hineingezogen. Jeder Trainer ist in solchen Momenten abhängig von den Charakteren in der Mannschaft. Es gibt daher auch keinen Königsweg, wie man eine Mannschaft perfekt motiviert, sie erfolgreich führt und sich dabei nicht irgendwann abnutzt.

Mit anderen Worten: Eine ständige Suche?
Unter meiner Führung wird es definitiv nicht in jeder Woche eine Teambuilding-Maßnahme geben, so was wäre Blödsinn. Ob Einzelgespräche oder Diskussionen mit dem Mannschaftsrat - ich versuche stets, nah an die Mannschaft heranzukommen. Manchmal ist es jedoch sinnvoller, wenn meine Assistenten sich mit einigen Jungs unterhalten. Ich will nicht immer die Hauptperson sein.

Gehören Sie zu den Trainern, die behaupten: »Meine Spieler können auch mit privaten Problemen zu mir kommen«?
Ich denke schon, ja. Hat ein Spieler einen Todesfall zu beklagen, ist es selbstverständlich, dass er zur Beerdigung geht. Wird ein Spieler zum ersten Mal Vater, erlauben wir ihm, bei der Geburt dabei zu sein. Ist allerdings die Oma vierten Grades gestorben, muss zumindest eine gewisse Diskussionsgrundlage da sein. (lacht)

Aber welcher Spieler weiht seinen Vorgesetzten schon in brisante private Angelegenheiten ein?
Jeder Spieler geht anders damit um, klar. Es gibt Profis, die sagen dir schon vor dem Training Sätze wie »Mensch, meine Tochter hat ihren ersten Zahn bekommen« oder »Hey, mein Junge hat heute seinen ersten Schultag«. Diese Kandidaten hätten vermutlich auch keine Scheu, mir ihre privaten Probleme zu erzählen. Andere wiederum sind komplett verschlossen und sprechen nie über Privates. Wichtig ist mir nur eins: Meine Spieler sollen wissen, dass sie auch mit Sorgen zu mir kommen können. Leidet die Leistung unter diesen Problemen, erwarte ich sogar von ihnen, dass sie zu mir kommen.

Man hört häufig den Satz, ein Profitrainer denke rund um die Uhr an Fußball, 14, 15 Stunden am Tag – alles Blödsinn?
Ich finde solche Sätze übertrieben. Natürlich denke ich oft an Fußball, allerdings möchte ich das nicht in Stunden messen. Wenn du Cheftrainer einer Bundesligamannschaft bist, hast du an sieben Tagen der Woche mit Fußball zu tun. Mal eben so einen Tag abschalten? Das ist nicht drin. Allerdings kennt auch jeder Trainer die Phasen, in denen er arbeitslos ist und das Tagesgeschäft eine Weile beiseite schieben kann. Man sollte sich also nicht beschweren, Bundesligatrainer sind schließlich privilegiert.

Haben Sie einen Ausgleich?
Ich bin leidenschaftlicher Golfer. Wenn ich es tatsächlich mal schaffe, mir drei Stunden freizuschaufeln, genieße ich es, auf der Driving Range Abschläge zu machen und eine 9-Loch-Runde zu spielen. Stehe ich auf dem Golfplatz, denke ich an nichts anderes als den nächsten Schlag.

Eine 18-Loch-Runde ist während einer Saison nicht drin?
Auf keinen Fall! Das schaffe ich höchstens im Urlaub.

Sie sagten zu Beginn Ihrer Zeit bei Holstein Kiel »Ich möchte Strukturen entwickeln, Talente ausbilden und nicht permanent auf irgendeinem Schleudersitz sitzen.« Wie würden Sie den Sitz bezeichnen auf dem Sie zurzeit sitzen?
Das Kapitel Holstein Kiel war für mich eine der größten Enttäuschungen meiner Karriere. Glücklicherweise habe ich daraus einiges gelernt. Inzwischen gehe ich nicht mehr mit derart großen Ambitionen an eine Sache heran. Hier in Aue versuche ich in Absprache mit dem Verein die Dinge weiterentwickeln, die auch der Klub weiterentwickeln möchte.

Welche Grenzen sind Aue gesetzt?
Wir befinden uns in einer Region des Ostens, die mit einer hohen Arbeitslosigkeit und immensen Abwanderungsrate zu kämpfen hat. Auch deshalb wäre es unrealistisch, würde ich behaupten, unser Ziel sei es, die Mitgliederzahl mittelfristig zu verdoppeln. Wir wollen als Klub wachsen, wir wollen ein fester Bestandteil der Zweiten Liga werden. Hierfür wäre es hilfreich, die Infrastruktur weiter zu verbessern, ich nenne nur das Thema Stadionausbau.

Sie haben Hertha BSC Berlin dreimal in den Europapokal geführt – sehnen Sie sich als Trainer nach solchen Momenten?
Für mich zählt zurzeit nur das Tagesgeschäft. Ich habe mir abgewöhnt, langfristig zu planen. In über 30 Jahren Profifußball habe ich bisher 80 Prozent meiner Entscheidungen richtig getroffen. Ich bin ein glücklicher Mensch, auch weil ich einen Job habe und spüre, dass der Verein meine Erfahrung schätzt. Wir ziehen hier in Aue an einem Strang. Wer weiß schon, was in fünf Jahren ist?

Hat es Sie eigentlich genervt, dass Sie in den Jahren nach Ihrer Tätigkeit bei Hertha BSC Berlin ständig als Trainer bei diversen Bundesligaklubs gehandelt wurden?
Es hat ja nichts geklappt! Und entscheidend sind immer noch Fakten, sprich: Verträge. Mir ist schon immer vollkommen wurscht gewesen, wo ich gehandelt werde. Jeder Manager, der einen neuen Trainer sucht, freut sich doch, wenn in den Medien irgendwelche Namen kursieren, denn so kann er ungestört mit seinem Kandidaten verhandeln. So läuft das Geschäft.

Falko Götz, es wäre merkwürdig, würden wir Sie jetzt nicht auf die Bundesligarückkehr von Hertha BSC Berlin ansprechen...
.Erst mal freue ich mich nicht nur für Hertha BSC, sondern auch für meinen Trainerkollegen Jos Luhukay, der exzellente Arbeit leistet. Die Truppe hat einen super Start hingelegt.

Sie sind Vereinsmitglied, richtig?
Na klar! Ich bin in Berlin aufgewachsen. Hertha ist mein Verein. Ich wünsche dem Klub stets das Beste. Der folgende Satz wird Sie daher nicht sonderlich überraschen: Ich werde für immer Hertha-Fan bleiben. (lacht)

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