16.08.2013

Aue-Trainer Falko Götz über den Wandel des Trainerberufs

»Christoph Daum hielt einen Medizinball mit den Füßen hoch«

Einst führte Falko Götz Hertha BSC in den Europapokal, heute kämpft er mit Erzgebirge Aue für den Klassenerhalt in der Zweiten Liga. Ein Gespräch über veränderte Ansprüche an Trainer, die Philosophie im Erzgebirge und seine alte Liebe Hertha.

Interview: Manuel Schumann Bild: Imago

Falko Götz, Sie haben 1998 an der Sporthochschule Köln Ihren DFB-Trainerschein gemacht - wie hat sich der Trainerberuf seitdem verändert?
Der Job ist vielfältiger geworden. Das liegt zum Teil auch an den Medien, die inzwischen eine entscheidende Rolle spielen. Die Presseanfragen sind deutlich gestiegen, ein Trainer muss den Journalisten viel mehr Zeit einräumen als früher. Man spürt im Alltag beinahe an jeder Ecke, welch hohen Stellenwert der Fußball in unserer Gesellschaft einnimmt. Hinzu kommt, dass wir es heutzutage mit einer Spielergeneration zu tun haben, die sich von der damaligen unterscheidet.

Und worin?
Die Ansprüche sind gestiegen, die meisten Talente gehen das Thema Profifußball viel professioneller an – die bekannte Laisse-faire-Haltung ist out. Wer es heutzutage nach oben schaffen will, kann es sich nicht erlauben, Kompromisse einzugehen. Das heißt aber auch, dass man die Spieler intensiver betreuen und besser fördern muss. Der Trainerstab ist beispielsweise deutlich größer, es gibt Experten für jedes Detail. Ein Cheftrainer ist heutzutage eine Art Teammanager.

Über welche Lerninhalte von früher können Sie heute nur noch schmunzeln?
Ich denke da zum Beispiel an ein Buch von Gero Bisanz aus dem Jahr 1974 (Bisanz leitete von 1971 bis 2000 die DFB-Trainerausbildung, d. Red.). Das Teil ist inzwischen aus dem Lehrplan verschwunden. Christoph Daum, damaliger Amateurspieler des 1. FC Köln, hält mit den Füßen einen Medizinball hoch – das hatte was!

Wie jeder Spieler durchläuft auch ein Trainer eine Entwicklung – welche Trainingsübungen oder Motivationstricks haben Sie im Laufe Ihrer Karriere in den Papierkorb geworfen?
Grundsätzlich hat sich meine Philosophie vom Fußballspiel nicht geändert. Und das ist entscheidend. Es ist schon immer mein Anspruch gewesen, meine Spieler so zu behandeln, wie ich als Spieler von meinen Trainern gern behandelt worden wäre. Dass das Training mittlerweile moderner abläuft, ist ohnehin klar - neue Erkenntnisse führen zu neuen Methoden.

Wie würden Sie die Philosophie des FC Erzgebirge Aue beschreiben?
Aue kommt traditionell über den Kampf, man wollte schon immer ein unangenehmer Gegner sein und aggressiven Fußball spielen. Oder andersherum: Die spielerische Note konnte stets ein wenig vernachlässigt werden, um es mal dezent auszudrücken. Plakativ formuliert: Hier wird seit jeher gekämpft, gekratzt, gebissen. Dafür steht der Klub. Ich wäre nicht gut beraten, würde ich dieses Markenzeichen auf Spiels setzen und der Mannschaft eine neue Philosophie einimpfen.

Sie haben 1997 bis 2002 die Hertha-Jugend und -Amateure trainiert und zu jener Zeit viele Talente an die erste Mannschaft herangeführt– wie wichtig ist es Ihnen heute, Talente nach oben zu bringen?
Für uns ist es das Wichtigste, die Klasse zu halten. Diesem Ziel ordnen wir alles unter. Aber selbstverständlich wollen wir hier in Aue auch Werte schaffen, sprich: Spieler hochziehen. Gerade deshalb betone ich so oft, wie wichtig ein funktionierendes Scouting-System ist. Wir haben zurzeit mit Jakub Sylvestr, Rico Benatelli, Dorian Diring und auch Arvydas Novikovas Spieler mit Perspektive, Jungs, die den nächsten Schritt machen wollen.

In Ihrem derzeitigen Kader sind acht Spieler 30 Jahre oder älter. Ist das Zufall?
Auch wir sind an Verträge gebunden. Man kann nicht von heute auf morgen den kompletten Kader durcheinanderwirbeln. Viele dieser Verträge wurden vor meiner Zeit abgeschlossen. Und da Fairness für uns keine Sprachhülse ist, stehen wir zu den Vereinbarungen. Außerdem brauchen wir erfahrene Profis, um unsere Ziele zu erreichen. Es ist es keine Floskel, dass die Jungen von den Alten profitieren.

Sie sagten mal, drei Dinge seien im Profifußball entscheidend: Disziplin, Fitness und ein guter Teamspirit – in welchem dieser Punkte hat Aue zurzeit Nachholbedarf?
Das sind die Säulen meiner Arbeit, richtig. Ich weiß, dass ich in keinem dieser Punkte jemals hundert Prozent erreichen werde.

Aber?
Bei uns gibt es klare Regeln, die jeder zu befolgen hat. Da wir eine große Gruppe sind, die beinahe das komplette Jahr zusammen ist, halte ich es für unheimlich wichtig, dass wir uns gegenseitig respektieren. In diesem Punkt gibt es wenig Spielraum. Dass gerade für uns die Fitness eine entscheidende Rolle spielt, muss ich niemandem erklären. Es wird in der Liga immer spielstärkere Teams geben, unser Plus muss die Power, Leidenschaft und Aggressivität sein. Es darf niemals eine Partie geben, in der wir in Sachen Fitness nicht mithalten können.

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