30.01.2014

»Atom-Otto« Luttrop über Merkels Affären und Gehirnerschütterungen

»Lecken Sie mich am Arsch!«

Er ist Träger des vielleicht schönsten Spitznamens im deutschen Fußball, geigte Max Merkel seine Meinung und fand durch eine Zeitungsannonce einen Arbeitsplatz in der 2. Bundesliga. »Atom-Otto« Luttrop im Karriere-Interview.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Otto Luttrop, wollen wir gleich am Anfang über Ihren wunderbaren Spitznamen »Atom-Otto« sprechen?
Alles zu seiner Zeit, junger Mann!

Na gut. Dann müssen Sie mir erklären, was Sie 1963 dazu bewogen hat, als Kind des Ruhrgebiets von Westfalia Herne ausgerechnet zu den »Löwen« von 1860 München zu wechseln?
Die Bundesliga! Als ich hörte, dass Westfalia nicht in die neu gegründete Liga aufgenommen werden würde, suchte ich nach neuen Klubs. Schalke und Dortmund machten mir ein Angebot. Aber über einen Bekannten – heute würde man sagen: Spielervermittler – hörte ich, dass 1860-Trainer Max Merkel sehr an mir interessiert sei. Was er mir erzählte, gefiel mir. Drei Tage vor Transferschluss unterschrieb ich bei den »Löwen« einen Vertrag über 16.000 DM Gehalt pro Jahr.

Waren Sie Ihr Geld wert?
Ich hoffe doch! In meiner ersten Saison schoss ich als Mittelfeldspieler fünf Tore, darunter zwei Treffer gegen Schalke 04. Sie müssen wissen, dass ich nie der große Ballstreichler war. Wenn sich die Gelegenheit bot, dann Volldampf drauf! Am nächsten Tag nannte mich eine Tageszeitung »Münchens neue Schuss-Kanone!«.

Aber »Atom-Otto«…
…kommt später.

Ok. Lassen Sie uns über Ihren Trainer in München sprechen. Was für ein Mensch war Max Merkel?
Ein richtiger Scharfmacher. Der konnte uns so dermaßen motivieren, dass wir bereit waren, die Gegenspieler in Stücke zu reißen. Merkel selbst stand ständig unter Strom. In jedem Training hat er irgendwen zusammengeschissen, darin war er ein Meister. Da fällt mir ein: In den Trainingslagern hatte er stets einen Assistenten an der Seite, dessen Aufgabe es war, Frauen für den Chef zu finden. Wir nannten ihn den »Treiber-Fritz«. Wenn es dann beim Trainer rund ging, lagen wir längst in den Betten – um 20 Uhr war nämlich Nachtruhe.

Stimmt es, dass die Trainingseinheiten unter Merkel besonders hart waren?
Eine seiner liebsten »Aufwärmübungen« war der 400-Meter-Lauf. Mit zwei Medizinbällen unterm Arm. Aber ich war in dieser Hinsicht abgehärtet. 1959 hatte ich meinen Heimatklub VfL Altenbögge verlassen, um bei Westfalia Herne anzuheuern. Dort wartete schon Trainer Fritz Langner, genannt: der »Eiserne Fritz«, sehnsüchtig auf seine Neuzugänge. Runde um Runde scheuchte er uns um den Platz, er wollte, dass wir an unsere Grenzen stießen. Das war so eine Art Aufnahmeritual bei ihm. Ich lief mit zwei anderen Neulingen. Einer brach irgendwann zusammen, der andere musste sich übergeben.

Und Sie?
Ich hab dem »Eisernen« was geschissen! Wissen Sie, wenn ich was konnte, dann schießen und laufen. Ich drehte so viele Runden, bis es ihm irgendwann zu langweilig wurde und er das Training beendete. Merkels Medizinball-Einheiten waren ein Klacks dagegen! (lacht)

In Ihrem ersten Jahr in München gewannen Sie den DFB-Pokal, in der Folgesaison schaffte Ihre Mannschaft sogar den Sprung ins Finale im Europapokal der Pokalsieger. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Spiele?
Wir schmissen nacheinander Sportive Luxemburg, den FC Porto und Legia Warschau aus dem Wettbewerb. Im Halbfinale wartete der AC Turin. Die hatten mit Lido Vieri den damaligen italienischen Nationaltorwart zwischen den Pfosten und doch gelangen mir in allen Partien Tore. Im Hinspiel war es allerdings ein Eigentor (lacht)! Wir verloren mit 0:2 und waren eigentlich schon ausgeschieden. Doch im Rückspiel gelangen mir zwei Treffer – ins richtige Tor. Wir gewannen mit 3:1 und erzwangen ein Entscheidungsspiel, das wir schließlich mit 2:0 für uns entscheiden konnten. Wieder schoss ich ein Tor. Und soll ich Ihnen etwas verraten?

Das wird doch wohl nichts mit Ihrem Spitznamen zu tun haben?
Allerdings. Gegen die Turiner versenkte einen Freistoß und einen Elfmeter, selbstverständlich mit Volldampf getreten. Die Presse gab mir einen neuen Namen: »Atom-Otto«. Der wäre heute vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß, aber damals gefiel er mir.

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