02.03.2010

Atli Edvaldsson über Island

»Wir sind anders«

Atli Edvaldsson, einst Sturmtank in der Bundesliga, ist eine Ikone der isländischen Fußballkultur. Wir sprachen mit ihm über Fußball unter der Mitternachtssonne, Udo Lattek und den Eismeer-Zico.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago
Sie selbst kamen erst mit 23 Jahren nach Europa.

Es gab schon vorher Anfragen aus Belgien und Holland, ich wollte aber erst meine Ausbildung zum Diplom-Sportlehrer beenden. Trotzdem wusste ich schon, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ich ins Profigeschäft einsteigen würde.

1980 war es soweit, Sie gingen zu Borussia Dortmund. Wie war der Kontakt zustande gekommen?

Durch den Spielerberater Willy Reinke, der auch schon Kalle Rummenigge nach München vermittelt hatte. Er sah mich 1978 bei einem Länderspiel gegen Deutschland und ein Jahr später bei einem Europapokalspiel gegen den HSV. In beiden Spielen schoss ich je ein Tor und spielte ziemlich gut. Also lud mich Reinke nach Dortmund ein. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar wegen des dunklen Winters auf Island seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr gegen den Ball getreten und mich nur mit Volleyball fit gehalten, aber das Probetraining lief trotzdem perfekt. Udo Lattek fragte mich hinterher: „Wenn du jetzt nicht fit bist, wie bist du dann, wenn du fit bist?“ (lacht) Kurz danach habe ich meinen Vertrag unterzeichnet.

Udo Lattek war damals schon einer der erfolgreichsten Trainer der Welt.


Ah, Udo Lattek war einmalig! Wie er mit den Spielern umging, mit ihnen sprach, wie er sie motivierte! Am Spieltag hatte man keine Geduld, auf den Anpfiff zu warten, man wäre am liebsten zum Stadion gelaufen, so motiviert war man. Fantastisch, dieser Udo Lattek!

Sie waren der erste Isländer in der Bundesliga. Waren Sie ein Exot?

In gewisser Weise schon. Mein Vater schenkte mir damals zum Abschied ein Riesengemälde von einem isländischen Künstler. Es heißt „Die Invasion Germanias“ und zeigt einen Wikinger mit Helm, Rüstung und allem. So ungefähr sah ich auch aus, als ich nach Deutschland kam (lacht).

Was kam Ihnen andersherum an Deutschland exotisch vor?


Oh, es war alles so groß! Die Innenstädte, die Stadien – ich war überwältigt. Aber ich war nie nervös, wenn ich im Westfalenstadion spielte. Die Leute haben mich so toll empfangen und immer unterstützt. Vom Anpfiff bis zum Abpfiff habe ich nie Erschöpfung verspürt. Außerdem hatte ich mit Manfred Burgsmüller den besten Sturmpartner, den ich mir wünschen konnte: Ein Kämpfer, immer hungrig, auch im Training. Er hat mir geholfen und mir viel beigebracht.

Hatten Sie dennoch manchmal Heimweh?

Ehrlich gesagt nicht. Ich arbeite heute für ein deutsches Versicherungsunternehmen in Reykjavik, und wenn ich dienstlich nach Deutschland komme, dann bin ich zu Hause (seufzt). Ich vermisse Deutschland sehr.

Haben Sie damals die Winterpause in Island verbracht, oder sind Sie lieber in den warmen Süden geflogen?


Nichts gegen Spanien, aber die Weihnachtstage sind herrlich in Island, das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Haben Sie Ihre Mannschaftskollegen auch einmal nach Island eingeladen?

Hin und wieder kommt einmal ein ehemaliger Mitspieler nach Island. Dann ist es in diesem kleinen Land ganz einfach, er braucht nur zu fragen: „Wo ist denn der Atli?“, und schon weist ihm jemand den Weg (lacht).

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