02.03.2010

Atli Edvaldsson über Island

»Wir sind anders«

Atli Edvaldsson, einst Sturmtank in der Bundesliga, ist eine Ikone der isländischen Fußballkultur. Wir sprachen mit ihm über Fußball unter der Mitternachtssonne, Udo Lattek und den Eismeer-Zico.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago

Atli Edvaldsson, in Deutschland glaubt man gemeinhin, Island sei ein Fußballzwerg. Bei einer Einwohnerzahl von 312.000, vergleichbar mit Bonn, hat das Land jedoch erstaunlich viele gute Fußballer hervorgebracht. Wie kommt das?

Das kommt da her, dass wir hier exzessiv Fußball spielen – wie die Verrückten! Im Sommer, wenn die Mitternachtssonne am Himmel steht, spielen die Kinder, bis sie vor Erschöpfung umfallen. Früher wurden sie im Winter in ihrer Leistungsstärke zurückgeworfen, weil sie nicht trainieren konnten. Aber mittlerweile haben wir hier genug Sporthallen, damit auch in der kalten Jahreszeit gekickt werden kann. Heute ist Fußball mit Abstand die wichtigste und beliebteste Sportart hier bei uns in Island

Es gibt auch einen biologischen Erklärungsansatz: In abgeschlossenen Lebensräumen sind die Kreaturen besonders stark und widerstandsfähig. Wissenschaftler nennen es das „Inselphänomen“.

Ich habe noch nie von diesem Phänomen gehört, aber es klingt plausibel. Ich würde noch einen historischen Aspekt ergänzen: Vor mehr als 1000 Jahren kamen die Wikinger hierher. Sie waren kleine Könige, groß und stark. Die Lebensbedingungen hier waren hart, so dass sie ihre Stärke ständig gefordert war. Ohne ihre Widerstandsfähigkeit gäbe es heute wahrscheinlich keine Zivilisation auf Island. Auf diese Leute reichen die Wurzeln aller Isländer zurück.

Entwickelt sich aus dieser Tradition auch ein gewisser Stolz?

Ja, natürlich! Wir sind eine sehr stolze Nation. Wir messen uns mit den Besten der Welt, mit England, Deutschland, Tschechien – und sind sehr geknickt, wenn wir verlieren. Echte Wikinger eben!



Wann wurde Ihnen erstmals bewusst, dass Sie auf einer Insel leben, die anders ist als der Rest der Welt?


Damit wird man spätestens in der Schule konfrontiert – vor allem mit unserer Geschichte, die ich eben erwähnte. Zudem merkt man allein an unserer Sprache, die sehr eigen ist, dass wir ein bisschen anders sind als der Rest (lacht). Aber wir sind zum Glück nicht isoliert, sondern sehr lernfähig – und das müssen wir auch sein, um aus unserer kleinen Gesellschaft heraus eine Brücke in die Welt zu schlagen.

Für Sie war der Fußball diese Brücke. Wie kamen Sie zum Sport?


Schon meine Eltern waren Sportler. Meine Mutter war eine sehr gute Handballerin, mein Vater in Estland sogar Fußballnationalspieler. Auch mein älterer Bruder war ein sehr guter Fußballer, er ging 1974 zu Celtic Glasgow. Ich war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt, und spätestens da war klar: In diese Richtung will ich auch gehen.

Das war vor mehr als 30 Jahren. Damals war Island noch ein Fußballentwicklungsland.

Ja, das stimmt. Wir hatten so gut wie keine Hallen, und wenn, dann waren sie gerade groß genug für ein Spiel Vier gegen Vier. Wir standen mit 60, 70 Jungs in der Halle – Sie können sich also ausrechnen, wie oft man da an den Ball kam (lacht)! Zum Glück ist der Winter durch den Golfstrom hier nicht so hart, wie Sie in Deutschland sich das vielleicht vorstellen. Wir konnten also ab und zu auch mal raus und dort Fußball spielen, meistens auf der Straße.

Libuda, Seeler, Müller – das waren die Helden der Straßenfußballer in Deutschland. Welchen Idolen haben Sie damals nachgeeifert?

Vor allem Hermann Gunnarsson. Er war eines unserer größten Talente, ein wahrer Alleskönner. Er war nicht nur Fußball-, sondern auch Basketball- und Handballnationalspieler. Er war ein Riesenvorbild für uns alle.

Nahmen Sie auch die Stars vom europäischen Festland wahr, etwa George Best, Franz Beckenbauer oder Eusebio?


Na, klar! 1966 war Eusebio der große Star der WM in England, und kurz darauf spielte Valur Reykjavik im Europapokal gegen Benfica Lissabon. Alle waren in heller Aufregung. Im Stadion, das eigentlich nur 5.000 Zuschauer fasst, waren plötzlich viermal so viele (lacht)!

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