Arsenal-Legende Tony Woodcock über Podolski, Wenger und Deutschland

»Lukas muss sich steigern«

Tony Woodcock holte mit Nottingham den Europapokal der Landesmeister und wurde danach beim 1. FC Köln und bei Arsenal zur Legende. Vor dem Spiel seines FC Arsenal bei Schalke 04 spricht er über Lukas Podolski, den Trend zu deutschen Talenten und sein Leben als Außerirdischer in Köln.

Tony Woodcock, als Lukas Podolski im Sommer vom 1. FC Köln zu Arsenal wechselte, gab es in Deutschland Zweifel, ob das gut gehen würde. Die Meldungen, die bislang aus England gekommen sind, legen den Schluss nahe, dass die Vorbehalte unberechtigt waren.
Bis jetzt ist es für Lukas eigentlich ganz gut gelaufen. Für einen Spieler, der aus dem Ausland zu einem neuen Verein gekommen ist, war der Start ordentlich. Aber es muss noch etwas mehr kommen, es reicht nicht, einfach nur mitzuspielen – und das weiß Lukas auch. Er darf sich nicht zurücklehnen und sagen, ich habe es schon geschafft. Es ist noch ganz früh und man muss abwarten, wie sich Lukas weiter entwickelt. Es stellt sich auch die Frage, auf welcher Position Arsene Wenger Lukas Podolski dauerhaft einsetzen wird. Bis jetzt hat er ein bisschen mehr links gespielt. Doch für einen Spieler, der Tore schießen will, ist das nicht ganz die ideale Position. Aber ein richtiger Mittelstürmer ist Lukas ja auch wieder nicht. Mal schauen, was Arsene Wenger mit ihm vorhat.

Hatten Sie selbst auch Zweifel, ob Lukas Podolski zum FC Arsenal passt und sich hier durchsetzen kann?
Warum? Er ist stark, hat einen sehr guten linken Fuß und die richtige Einstellung. Vielleicht wird Lukas in Deutschland ein bisschen unterschätzt. Er bringt viel Erfahrung mit. Beim FC Bayern hatte er immer die  Chance Titel zu gewinnen. Man erlebt viel mit so einem Klub und lernt dabei, mit dem Druck umgehen zu können, erfolgreich sein zu müssen. Und dann ist er nach Köln zurückgegangen, so wie ich das auch gemacht habe. Dabei sagen viele Leute, dass das nicht gut ist, nochmals bei dem Verein anzufangen, bei dem man früher erfolgreich war und gefeiert wurde. Bei Lukas und mir ist das gut gegangen.

Nach seiner Rückkehr spielte Podolski mit Köln gegen den Abstieg.
Aus jeder schlechten Situation kannst du etwas Gutes mitnehmen. Wenn du gegen den Abstieg spielst, musst du lernen zu kämpfen. Ich denke, der Wechsel zu Arsenal kam genau zum richtigen Zeitpunkt.

Man hat den Eindruck, als hätte sich Podolski jetzt schon in die Herzen der Arsenal-Fans gespielt.
In England ist es sehr einfach, die Herzen der Fans zu gewinnen. Du musst die richtige Einstellung mitbringen, rennen und kämpfen. Das hat Lukas bislang getan, er hat auch Defensivarbeit verrichtet. Die Leute fragen sich bei einem neuen Spieler aber auch: Ist der Typ überheblich oder unantastbar? Lukas Podolski ist das nicht. Die Leute haben gleich festgestellt: Das ist ein ganz normaler Junge, ohne Allüren. Und da gibt es noch einen Aspekt. Der FC Arsenal hat Robin van Persie verloren. Lukas ist bei den Fans ein bisschen der Ersatz für ihn, er soll van Persie vergessen machen. Ich will ja nicht zu negativ sein, aber um wirklich bei Arsenal eine Ikone zu werden, muss sich Lukas steigern. Er muss sich sagen: Ich will hier etwas bewegen und das auch umsetzen.

Haben Sie sich in London schon einmal getroffen?
Nein, bislang leider noch nicht.

Böse Menschen in Deutschland haben sich schon auf das erste Podolski-Interview in Englisch gefreut. Podolski hat diese Leute jedoch enttäuscht. Grammatikalisch war nicht alles korrekt, aber er hat sich keineswegs mit seinem Englisch blamiert…
Warum sind diese Leute überrascht? Der Transfer kam ja nicht von einem Tag auf den anderen. Lukas hatte eine gewisse Zeit, um sich auf die neue Lebenssituation gut vorzubereiten. Und dazu gehört auch, Englisch zu lernen.

Wie war das bei Ihnen, hatten Sie Angst, als Sie 1979 von Nottingham Forest zum 1. FC Köln wechselten?
Angst ist das falsche Wort, aber ein bisschen Respekt hatte ich schon. Es gab ja damals keine englischen Spieler, die im Ausland spielten – bis auf Kevin Keagan. Als ich nach Deutschland wechselte, war das also so, als würde ich auf einen anderen Planeten gehen.

Warum gerade Deutschland?
Es gab auch Angebote aus Italien und Spanien. Doch die Bundesliga war damals die beste Liga der Welt. Das war die Liga, wo man spielten sollte. Aber man muss das auch wollen, das ist heute nicht anders, wenn ein Spieler ins Ausland geht, auch wenn inzwischen vieles anders und einfacher ist. Allein schon weil solche Wechsel an der Tagesordnung sind.

Fiel Ihnen die Umstellung damals schwer?
Auf dem Fußballplatz war das nicht so das Problem. Die Mentalität, wie Fußball gespielt wird, war und ist in England und Deutschland ähnlich. Aber das mit der Sprache ist nicht zu unterschätzen. Du findest Briefe in deinem Briefkasten und kannst nichts davon lesen. Andererseits gab es damals schon viele Menschen in Deutschland die Englisch sprachen. Das hat es mir wiederum es bisschen schwer gemacht, Deutsch zu lernen. Du kommst in den Supermarkt und willst die Frau in der Gemüseabteilung etwas auf Deutsch fragen und sie antwortet gleich auf Englisch…
Arsenal hat mittlerweile mit Per Mertesacker, Lukas Podolski sowie den Nachwuchsleuten Serge Gnabry und Thomas Eisfeld vier Deutsche in seinem Kader. Kann man daraus schon einen Trend bei den Gunners ablesen, verstärkt auf dem deutschen Transfermarkt tätig zu werden?
Arsenal ist bekannt für sein gutes Scouting-System und hat seine Scouts über die ganze Welt verteilt. Aber es ist keine Überraschung, dass derzeit gleich mehrere deutsche Spieler in den Reihen von Arsenal stehen. Das ist ein Kompliment an die deutsche Bundesligavereine und deren Ausbildung von jungen Spielern. Die Verantwortlichen bei Arsenal sind sehr gut informiert. Gleichzeitig ist der FC Arsenal ein Platz, wo man den Beruf des Fußballspielers sehr gut lernen kann. Hier lernt man als junger Spieler viel und kommt vorwärts – so etwas spricht sich auch herum.

Sind Sie selbst noch als Spielervermittler tätig?
Nein, schon lange nicht mehr. Ich hatte mal eine Agentur gegründet, weil es damals so etwas in England noch nicht gab. Aber die habe ich wieder verkauft. Dann habe ich fürs Fernsehen gearbeitet. Heute bin ich im Finanzgeschäft tätig und mache außerdem viele Vorträge zum Thema Teambildung und Motivation – auch in Deutschland. Und ich habe die Tzu Chu Biz-Foundation ins Leben gerufen, die jungen Menschen beim Einstieg ins Geschäftsleben unterstützt. Aber natürlich pflege ich noch die Kontakte zur Fußballwelt, die ja ziemlich klein ist. Erst letzte Woche bin ich von einem Verein gefragt worden, was ich über einen bestimmten deutschen Spieler denke. Meine Verbindungen nach Deutschland sind immer noch gut und daher komme ich ziemlich schnell an bestimmte Informationen ran. Aber das sind keine offiziellen Aufträge.

Sie deuteten vorher an, dass sich Arsenal zur Topadresse unter den europäischen Ausbildungsvereinen entwickelt hat. Aber Titel gewinnt man damit nicht.
Es stimmt, wir haben seit sieben Jahren keinen Titel mehr gewonnen. Aber wir sind nicht weit weg davon. Und wir spielen immer in der Champions League. Ich hoffe, dass die Mannschaft in dieser Saison den Liga-Pokal holt und damit ein bisschen Ruhe einkehrt. Der FC Arsenal ist ein sehr gut geführter Verein, mit Leuten an der Spitze, die verantwortungsvoll handeln. Einer davon war mein Freund Danny Fiszman, der leider im vergangenen Jahr viel zu früh starb. Danny Fiszman war Direktor bei Arsenal und hat immer gesagt: »Du kannst nicht einfach immer nur Geld in den Verein reinschmeißen, er muss von selbst leben können.«

Die Zahl der Topspieler, die den Unterschied ausmachen, ist klein…
… und entsprechend hoch ist der Preis für solche Leute, ich weiß. Trotzdem darf sich der Klub nicht selbst kaputt machen. Mit Arsene Wenger hat der FC Arsenal einen Trainer, der hinter der Vereinspolitik steht und der keine Lust darauf hat, überbezahlte Spieler in seinen Reihen zu haben. So etwas bringt ja auch Unruhe in eine Mannschaft. Man muss stark genug sein, um nein sagen zu können – auch wenn man dann Spieler an Manchester City verliert, wo die Scheichs einen Scheck nach dem anderen unterschreiben.

Arsenal geht einen anderen Weg.
Und Arsene Wenger ist eben der passende Trainer dafür. Er hat mal erzählt, wie sich die Zeiten geändert hätten. Als noch Tony Adams und andere Spieler der alten Schule für Arsenal aufliefen, sei die Zeit zwischen den Spielen anstrengend gewesen, so Wenger, weil er immer schauen musste, was ist mit dem oder dem los, wie man die Jungs im Training bei Laune halten konnte. Am Wochenende war er dagegen entspannt, weil die alten Haudegen das Ding selbst in die Hand nahmen. Heute ist das genau anders herum. Wenger meint, jetzt ist unter der Woche alles bestens, weil die jungen Spieler im Training voll bei der Sache sind, aber am Spieltag wird es umso stressiger.

Kommt die Vereinspolitik, die sich grundlegend von der des FC Chelsea, Manchester City und United unterscheidet, bei den Arsenal-Fans an?
Bei vielen schon, aber nicht bei allen. Der neue Arsenal-Direktor hat kürzlich einen unzufriedenen Fan persönlich zu sich eingeladen. Einen, der immer wieder teure Verstärkungen forderte. »Wir können Messi kaufen«, hat er dem Fan gesagt. »Aber dann kostet deine Dauerkarte 25.000 Pfund pro Saison.« Es gab ja auch einige Fans, die gemeint haben, Robin van Persie müsse auf jeden Fall gehalten werden. Van Persie spielte in der Tat eine super Saison. Aber er ist immerhin schon 29 Jahre alt und wollte unbedingt einen Vier-Jahres-Vertrag haben. Arsenal bot ihm einen Zwei-Jahres-Vertrag mit einem guten Gehalt an. Bei Manchester United hat van Persie tatsächlich einen Vier-Jahres-Vertrag bekommen. Und nach acht Jahren bei Arsenal war er weg. Das muss man akzeptieren.

Durch die Niederlage gegen Manchester hat Arsenal in der Meisterschaft den Anschluss verloren. Und in der Champions League gab es zuletzt ein 0:2 gegen den FC Schalke. Das Arsenal-Team steht vor dem Rückspiel in Gelsenkirchen unter Druck.
Arsenal war gegen Schalke sicher nicht in Topform und die Schalker haben andererseits sehr gut gespielt. Ich weiß nicht, wer diesmal gewinnen wird. Aber ich bin mir sicher, dass wir im Rückspiel einen ganz anderen FC Arsenal sehen werden.

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