Arne Friedrich über Chicago und das Beinahe-Karriereende

»Ich hatte meine Fußballschuhe schon entsorgt«

Im Frühjahr 2012 hatte Arne Friedrich seine Fußballschuhe nicht an den Nagel gehängt, sondern gleich entsorgt. Er dachte über ein Karriereende nach. Dann kam das Angebot von Chicago Fire und Friedrich sagte zu. Ein Gespräch über Heimat, Wehmut und Fahrradfahren in der Stadt.

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Arne Friedrich, stimmt es, dass Sie sich vor Ihrem ersten Spiel für Chicago Fire neue Fußballschuhe kaufen mussten?
Nun, kaufen ist das falsche Wort. Mein Sponsor hat mir neue Schuhe zur Verfügung gestellt.
 
Wie kam es denn dazu?
Ich fasste Anfang dieses Jahres den Entschluss, nicht mehr in der Bundesliga oder irgendwo anders in Europa zu spielen. Kurzzeitig stand auch ein Karriereende zur Diskussion. Als ich schließlich bei Chicago Fire unterschrieb, hatte ich meine Schuhe bereits entsorgt.
 
Schon früher haben Sie häufig von Ihrem Lieblings-Urlaubsziel USA gesprochen. Was fasziniert Sie so an dem Land?
Ich war in der Vergangenheit etliche Male hier, in San Francisco, in New York oder in Miami. Vielen Europäern ist es geraden in den US-amerikanischen Großstädten eine Nummer zu groß und zu laut, doch ich mag das. Und von meiner Wohnung aus blicke ich nun endlich auf etwas, das ich in Berlin stets ein wenig vermisste: Auf eine Skyline.
 
Sie wohnen nicht in einem Suburb?
Nein, ich wohne mitten in der City und trotzdem direkt am Wasser. Der Stadtstrand ist quasi vor der Tür. Und alles, was ich erreichen möchte, liegt in Fuß- oder Fahrradnähe. Nur zum Stadion muss ich das Auto nehmen.
 
Sie fahren mit dem Fahrrad durch Chicago?
Klar, wieso denn nicht?
 
Klingt ungewöhnlich für einen Fußballprofi.
Ich bin auch in Berlin oft mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Für mich ist das normal.
 
In Berlin wurden Sie vermutlich an jeder Ampel angesprochen. Wie ist das in Chicago?
Hier erkennen mich höchstens die deutschen Touristen oder die fußballverrückten Südamerikaner. Sonst ist es sehr viel anonymer. Ich genieße das.
 
Fußball in den USA ist trotz Stars wie David Beckham, Thierry Henry oder Rafael Marquez also immer noch eine Randsportart?
Absolut. Exemplarisch dafür steht ein Werbeclip des großen lokalen Sport-Senders. Er benutzt da vier Logos: Das der Chicago Bulls (Basketball, d. Red.), der Cubs (Baseball, d. Red.), der White Sox (Baseball, d. Red.) und den Bears (American Football, d. Red.) – das von Chicago Fire taucht nicht auf. Doch man muss bedenken, dass es die MLS erst seit 1996 gibt. Hier ist vieles noch im Aufbau.
 
Schauen Sie sich denn Baseball oder Football an?
Die Bulls habe ich leider nicht gesehen, ein Bears-Spiel werde ich hoffentlich im September besuchen, wenn die NFL-Saison losgeht. Ich war aber schon bei den Cubs, und letztes Jahr habe ich das NBA-Finale mit Dirk Nowitzki gesehen.
 
Während eines Cubs-Spiels sollen Sie auf dem Feld ein Lied gesungen haben. Stimmt das?
Dass andere Sportler oder Prominente in den Pausen singen, hat hier Tradition. Sogar Barack Obama hat mal bei einem Spiel der White Sox gesungen. Ich wurde offiziell vom Verein angefragt und habe sofort zugesagt. Zunächst durfte ich den »First Pitch« im Spiel gegen die New York Mets werfen. Im siebten Inning habe ich dann mit zwei Teamkollegen das berühmte Lied »Take me out to the ball game« gesungen. Das war eine große Ehre.
 
Sie langweilt Baseball nicht?
Im Fernsehen kann Baseball manchmal ein wenig anstrengend sein, schließlich dauert ein Spiel drei Stunden und es passiert nicht sonderlich viel. Im Stadion ist das ganz anders: Ein großes Familienevent, ein großes Spektakel.
 
Inwiefern unterscheidet sich ein Fußballspiel in Chicago von einem in Wolfsburg oder Berlin?
Auch Fußball ist hier Spektakel. Vor dem Spiel fliegen schon mal Kampfjets über das Stadion, während am Himmel ein riesiges Feuerwerk explodiert. Es ist alles sehr amerikanisch. Mir macht das aber Spaß. Und den Fans scheinbar auch.
 
Chicago Fire hat für US-amerikanische Verhältnisse eine große Fan- und Ultra-Bewegung.
Das stimmt. Es gibt sogar eine polnische oder hispanische Gruppierung. Sie sind alle vereinigt in der Supporters' Association »Section 8«. Die geben echt richtig Gas und sind bei jedem Auswärtsspiel dabei. Das bedeutet manchmal große Strapazen, die Entfernungen zwischen den Spielorten sind ja nicht vergleichbar mit Deutschland.
 
Wie groß sind die Unterschiede im Spiel?
Physisch sind die Jungs mitunter besser drauf als in Europa. Die gute alte amerikanische Fitnessschule. Taktisch und technisch besteht allerdings noch Nachholbedarf.
 
Wie zeigt sich das?
Ein Beispiel: Wenn ein Ball in der eigenen Hälfte gewonnen wird, zirkuliert er nicht in der Defensivreihe, sondern wird prompt wieder nach vorne gespielt. So geht es die ganze Zeit auf und ab. Ich denke aber, dass die Fußballer hier in den vergangenen Jahren dazugelernt haben. Auch, weil viele Europäer in der MLS spielen, Man kann nur hoffen, dass die Liga in naher Zukunft auch für europäische Trainer interessant wird.
 
Sie spielen mit dem ehemaligen Stuttgarter Pavel Pardo zusammen. Wie wichtig war es, ein bekanntes Gesicht im Team zu haben?
Pavel ist ein guter Typ und es ist schön, dass er auch hier ist. Doch das war nicht ausschlaggebend für meinen Wechsel. Ich bin jemand, der offen für neue Leute ist.
 
Hatten Sie denn vor Ihrem Wechsel Kontakt zu anderen Deutschen in der MLS? Zu Frank Rost oder Torsten Frings?
Mit Frank habe ich ein paar Mal telefoniert, er hat mir nur Positives von der Liga, vom Fußball und den Gewohnheiten berichtet.
 
Übers Wetter haben Sie nicht gesprochen?
Nein.
 
Umso schockierter mussten Sie bei Ihrem Debüt gegen Houston Dynamo gewesen sein.
So was hatte ich bis dahin tatsächlich noch nicht erlebt. Den ganzen Tag über fegte ein rieisges Unwetter über Chicago. Wir mussten uns dreimal aufwärmen. Schließlich pfiff der Schiedsrichter doch an. Zweimal hat er danach die Partie wegen Blitzeinschlägen unterbrochen. In der 66. Minute hatte er genug und brach das Spiel endgültig ab. Es wurde nicht wiederholt, sondern 1:1 gewertet.
 
Das Wetter ist mittlerweile besser, Sie leben in Ihrem Traumland und haben mit Chicago Fire gute Chancen, in die Playoffs einzuziehen. Warum haben Sie eigentlich nur einen Einjahresvertrag unterschrieben?
Der Verein bot mir ein weiteres Jahr an, doch ich wollte erst einmal sehen, wie es läuft. Momentan kann ich mir durchaus vorstellen, dass es weitergeht. Konkretes werde ich aber erst im Herbst sagen, wenn die Saison vorbei ist. Ich kann mir auch vorstellen, dann wieder in mein geliebtes Berlin zurückzukehren.
 
Vor wenigen Wochen ist die EM zu Ende gegangen. Es war das erste Turnier seit 2002, bei dem Se nicht dabei waren. Hat Sie das wehmütig gemacht?
Während des Turniers war es manchmal ungewohnt, nicht dabei zu sein. Doch es fühlte sich nicht falsch an, schließlich war der Wechsel in die USA ja meine Entscheidung. Und ich wusste, dass ich damit nicht mehr in der Nationalelf spielen würde.
 
Sie machen also niemandem einen Vorwurf, dass Sie Ihre Karriere in Deutschland beendeten? Felix Magath zum Beispiel?
Alles lange her, alles vergessen und nicht wert, drüber zu reden. Ich wollte das Abenteuer USA immer machen – und jetzt mache ich es.

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