Arnd Zeigler über Schaaf, Dutt und Werders Zukunft

»Es fühlt sich an wie das Ende einer Beziehung«

Schaaf weg, Dutt da. Und doch bleibt die Frage: Was wird nun aus dem SV Werder? Wo ist die neue Integrationsfigur? Kehrt der Erfolg zurück? Oder droht eine neuerliche Aad-de-Mos-Depression? Ein Gespräch mit dem Werder-Stadionsprecher Arnd Zeigler.

Arnd Zeigler, wie hat Thomas Schaaf sich von Ihnen verabschiedet?
Wir haben uns beim letzten Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt im Stadion begrüßt, aber da war es bekanntlich noch kein Abschied, zumindest für mich nicht. Inwiefern er schon etwas von den Ereignissen der kommende Tage ahnte, darüber gibt es verschiedene Vermutungen. Ich habe dann am Tag der Trennung lange überlegt, ob ich ihm eine SMS schreiben soll, weil ich mir sehr gut vorstellen kann, dass ich da eventuell nicht der einzige war. Habe ich dann aber doch getan, und am nächsten Tag hat Thomas sehr nett geantwortet.

Thomas Schaaf stand bei Ihnen im Garten am Grill, Sie haben ihm ein historisches Wolfgang-Rolff-Puzzle geschenkt, sogar bei ihm ein Privattraining absolviert. Mussten Sie weinen, als er nach 14 Jahren den Verein verließ?
Beinah – und zwar, als ich am Tag nach dem Entschluss sein Abschiedsvideo an die Fans gesehen habe. Das war sehr emotional, tief und anrührend. Und da konnte man einfach nochmal in zwei Minuten sehen, was ihn für uns Bremer so besonders gemacht hat und weshalb wir ihn als Menschen vermissen werden.

Sie sind nicht als Schaaf-Kritiker berüchtigt. Können Sie dennoch Fehler benennen, die er gemacht hat? 
Ich tue mich generell schwer damit, Trainern fachliche Fehler vorzuwerfen. Ich habe keinen Trainerschein, sondern nur eine bescheidene Fan-Sicht. Ich würde auch keinem Gefäßchirurgen sagen, wie er zu operieren hat, und keinem Gourmet-Koch, wie er Boeuf Stroganoff würzen muss. Alle Entscheidungen, die ein Trainer trifft, trifft er vor allem deshalb so, weil er die Spieler weitaus öfter sieht, als ich es von außen tue. Und jeder Trainer ist mindestens genauso am Erfolg der Mannschaft interessiert, wie ich es als Fan bin. Ich denke zwar auch über taktische Feinheiten und Aufstellungen nach, finde aber dieses dumpfe »Der Idiot von Trainer muss doch sehen, dass Spieler XY besser ist und spielen muss!«-Gebashe grundsätzlich recht anmaßend. Nicht nur bezogen auf Thomas Schaaf. Ein gar nicht mal kleiner Teil der öffentlichen Kritik an ihm basierte auf einer »Naja, irgendwas MUSS man ja ändern«-Grundlage. Auch das hat sich für mich nicht richtig angefühlt.

Er wollte mit Arnautovic, Elia und de Bruyne an die Tage des Bremer Offensivspektakels anknüpfen. Hat er es unterschätzt, was es bedeutet, mit diesen Jungs in die Abstiegszone zu geraten? 
Da haben wir vielleicht den ganz großen Fehler, für den Schaaf aber sehr wenig konnte: Werder hat in der Vorrunde bewiesen, dass die Mannschaft auf hohem Niveau Fußball spielen kann. Sie war oftmals gegen starke Gegner die bessere Mannschaft, in Dortmund, auch auf Schalke. Die Spieler waren also nicht die Falschen. Aber die Mannschaftsstruktur hatte nichts Gewachsenes. Es wurde erzwungenermaßen zuviel auf einmal geändert. Werder hat in gut zwei Jahren Persönlichkeiten wie Wiese, Mertesacker, Naldo, Marin, Frings, Borowski, Özil, Pizarro und Almeida verloren und durch junge Spieler ersetzt, die teilweise bei ihren früheren Clubs vornehmlich auf der Bank saßen, ihre erste Bundesligasaison überhaupt spielten oder für den nächsten Entwicklungsschritt gestandenere Nebenleute gebraucht hätten. Diese Spieler waren rar, und deshalb ist die Mannschaft in der Rückrunde in einen Negativ-Sog geraten, aus dem sie sich mangels Führungspersönlichkeiten nicht mehr befreien konnte. Kapitän Clemens Fritz hat alles versucht, war aber als einziger langjähriger, erfahrener Spieler um die 30 auf verlorenem Posten.

Es heißt ja oft, ein Trainer erreiche seine Spieler nicht mehr. Das wollen wir Schaaf nicht unterstellen – aber wie erreicht man eigentlich zwei Typen, die sich vor dem Spiel gegen Leverkusen nachts um drei auf der Autobahn blitzen lassen?
Dieses »Er erreicht die Spieler nicht mehr«-Gefasel ist ein großes Ärgernis. Das kann niemand von außen beurteilen, und es ist im Grunde nichts als ein Hausfrauenpsychologie-Scheinargument, um eine Misere zu erklären, für die man keine besseren Erklärungen hat. Im Fußball möchte man als Fan einfache Lösungen haben, wenn es nicht läuft. Oft sind sie aber kompliziert, leider. Ich weiß aus Werders Mannschaft, dass sicher nicht jeder ein enger persönlicher Freund des Trainers war, aber Schaaf hatte bis zuletzt den Rückhalt, den man braucht. Werders Niederlagen und Rückschläge basierten in den letzten Monaten eher nicht auf taktischen Fehlern oder falschen Aufstellungen, sondern auf haarsträubenden Fehlern einzelner Spieler. So etwas hat nichts damit zu tun, dass ein Trainer irgendjemanden nicht mehr erreicht. Die Sache mit Arnautovic und Elia war eine große Enttäuschung, zumal in dieser kritischen Saisonphase. Aber sowas passiert in allen Vereinen und hat nie was mit der Autorität des Trainers zu tun. Bei Real Madrid gab es unter Mourinho auch Skandalnudeln, die nächtens Autos demoliert haben. Oder nehmen wir die berühmte »Pizza-Affäre« bei den Bayern, als Sven Scheuer und Mario Basler zu vorgerückter Stunde unangenehm aufgefallen sind. Das geschah unter Ottmar Hitzfeld, und der hat die Mannschaft zu jeder Zeit ziemlich gut erreicht, das lassen die Resultate zumindest vermuten.

Was mag es für Schaaf bedeutet haben, dass sein Kompagnon Klaus Allofs im Herbst zum VfL Wolfsburg wechselte?
Man hat Schaaf und Allofs öffentlich immer wie siamesische Zwillinge wahrgenommen. Das trifft sicher auf Bereiche der Zusammenarbeit zu, aber letztlich war jeder sein eigener Herr. Und Allofs hat diese Entscheidung für sich so getroffen. Thomas Schaaf hat das akzeptiert. Gefreut haben dürfte es ihn nicht.

Seit wann haben Sie geahnt, dass Schaafs Tage gezählt waren? Gab es einen speziellen Moment?
Nein, der Abschied kam für mich sehr überraschend. Natürlich ist eine Trennung unter derartigen tabellarischen Umständen im Grunde keine Sensation. Ich habe aber gehofft, dass die Mannschaft sich fängt und alle gemeinsam die Kurve kriegen. Der Schulterschluss zwischen Fans, Team und Trainer nach der Niederlage in Leverkusen war so etwas wie ein Highlight der Saison. Danach haben in zwei denkwürdigen Heimspielen alle Beteiligten gemerkt, was man als Fan positiv bewegen kann, wenn man eine Mannschaft bedingungslos unterstützt. Das war für jeden, der an dieser Stimmung mitwirkte, eine Erfahrung, die er in dieser Wucht noch nie gemacht hatte. Die Spieler wurden getragen, und ich hatte damals die vielleicht etwas romantische Hoffnung, dass dadurch die Mannschaft insgesamt so befreit aufspielt, dass alles ein gutes Ende nimmt. Mit Thomas Schaaf.

Schaaf wurde Amtsmüdigkeit nachgesagt. Wie wirkte er in den vergangenen Monaten auf Sie?
Niemand von uns kann sagen, wie es genau in Thomas Schaaf aussah. Ich glaube nicht, dass seine Persönlichkeitsstruktur den Faktor »Amtsmüdigkeit« vorgesehen hat. Ich hätte aber in den letzten Wochen mit ihm nicht tauschen wollen. Er hat sich vermutlich mehr Gedanken über den Erfolg dieses Vereins gemacht als jeder andere Mensch auf der Welt, Tag und Nacht. Und die Kritik an ihm war zwar nachvollziehbar, weil üblich. Die Art und Weise aber ließ oft jeglichen Respekt und Anstand vermissen. Und das hatte Thomas Schaaf nicht verdient. Deshalb: Ich weiß nicht, ob er amtsmüde war. Aber wenn, hätte ich es gut verstehen können.

War die Trennung von Schaaf schlichtweg notwendig, damit sich Thomas Eichin als neuer Manager profilieren und einen Neubeginn initiieren kann? 
Ich bin mir sehr sicher, dass die Trennung nicht dazu da war, Thomas Eichin als Manager zu profilieren. Es war ja auch kein Alleingang von ihm. Eine Trennung ist immer ein Risiko und eine Chance zugleich. Man kann Bewährtes unwiederbringlich verlieren und von einer schlechten in eine sehr schlechte Situation abrutschen. Dafür gibt es genug Beispiele. Man kann aber im positiven Fall auch ein Klima der Erneuerung schaffen, das eine Aufbruchstimmung erzeugt und die Versteinerung löst, die eine lange Phase des Misserfolgs bei jedem einzelnen Beteiligten wachsen ließ. Darauf hoffe ich sehr.

Kann ein gebürtiger Freiburger, der bei Gladbach gespielt hat und dann Manager bei einem Eishockeyclub war, verstehen, was genau der SV Werder ist? 
Ich hoffe es und traue es Eichin ohne jede Einschränkung zu. Er ist jetzt etwas über 100 Tage im Amt. Für jemanden, der von außen kam und ganz frisch in einen Traditionsverein mit gewachsenen Strukturen hineingeriet, in dem er vom ersten Tag an eine Position ausfüllen musste, die Kompetenz und Autorität verlangt, hat er bereits sehr viel erreicht und hinterlässt einen tollen Anfangseindruck. Die Diskussion um seine Eishockey-Vergangenheit ist in meinen Augen völliger Unsinn. Andere Persönlichkeiten in vergleichbaren Jobs sind ganz ohne vergleichbare Erfahrung in der Bundesliga Manager geworden, haben in manchen Fällen sogar selbst nie gespielt und machen dennoch einen hervorragenden Job. Und die Sache mit dem Stallgeruch halte ich auch für einen schönen Gedanken, aber für nicht sehr realistisch. Bei der Besetzung eines entsprechenden Postens hat man als Fan immer die Sehnsucht nach ehemaligen Spielern. In den Wochen der Sportdirektor-Suche fiel etwa der Name Rune Bratseth. Für jeden betagteren Werder-Fan wie mich ist Rune eine gottgleiche Person, aber wäre er wirklich automatisch ein guter Sportdirektor? Bei ihm hätte niemand vermutet, er könne »zu weit weg sein«, aber ist er nach zwanzig Jahren im gemütlichen Norwegen nicht viel weiter von Werder Bremen entfernt als jemand, der in Köln als Sportmanager und langjähriger Bundesligaprofi auf lange Sicht bewiesen hat, erfolgreich arbeiten zu können?

Erklären Sie es uns noch mal: Was genau ist denn der SV Werder?
Ein Traditionsverein, der unabhängig von Erfolgen bundesweit einen seriösen, guten Namen hat. Das merke ich immer wieder, wenn ich beruflich im Land unterwegs bin, und das bin ich oft. Der Verein steht für fußballerische Werte, für hanseatisch-durchdachtes Handeln mit Augenmaß, das von außen manchmal als Zauderei missverstanden wird. Er hat es bisher hervorragend verstanden, sich auch in einer radikal ändernden Bundesliga-Szene treu zu bleiben. Wir hatten gerade eine 14-jährige Trainer-Ära, unser Stadion heißt noch Weser-Stadion, Werder hat keine Schulden und wirtschaftet nicht auf Pump. Das ist nicht so gut wie ein Champions League-Sieg, fühlt sich aber auch gut an und ist ein Grund, immer ein wenig stolz zu sein.

Was macht Schaaf derzeit? Steht er aus alter Gewohnheit vor dem Fernseher und macht Kurbelbewegungen, um seine Mannschaft anzufeuern?
Ich hoffe absolut, dass er jetzt erstmal runterkommt und sich die Erholung genehmigt, die er 14 Jahre lang nicht hatte und die er sich mehr als verdient hat.

Glauben Sie, dass er eines Tages zurückkehren wird?
Ich wünsche es mir. Ihn jetzt auf Bildern zu sehen fühlt sich für mich an wie nach dem Ende einer Beziehung alte Fotos anzuschauen. Er war immer ein Teil von Werder Bremen und wird das auch bleiben. Und es wäre irgendwann vielleicht eine folgerichtige Entwicklung, wenn er in anderer Rolle in den Verein zurückkehrt. Ich kenne keinen hier, der sich das nicht sehr wünschen würde.

Man wird ihm doch wohl nicht die Schlüssel abgenommen haben?
Jeder Bremer hat seinen Schlüssel. Immer. Den tragen wir im Stadtwappen.

Schaaf besitzt ein Ferienhaus in Salzburg. Die Nähe zum Klub eines Brausefabrikanten löst bei manchen Albträume aus. 
Schaaf wird bestimmt mal etwas Neues machen, aber im Moment ist das alles noch sehr frisch und wir können ihn uns nicht woanders auf der Bank vorstellen. Unser alter Trainer im Klub des Brausefabrikanten ist sicher eine schreckliche Vorstellung, aber Thomas Schaaf auf der Bank des 1. FC Kaiserslautern oder bei Hannover 96 würde für Werder-Fans momentan kaum weniger absurd aussehen.

Beim letzten Spiel in Nürnberg bedankte sich die Mannschaft auf eigens angefertigten T-Shirts beim Coach – doch der war gar nicht mehr da
Ein ganz besonderer Moment. Schaafs Platz auf der Trainerbank blieb ja auch demonstrativ leer, weil Wolfgang Rolff und Matthias Hönerbach ihm seinen Stuhl freigehalten haben. Hätten auch noch Blumen auf dem Stuhl gelegen, hätte es wie nach einem plötzlichen Todesfall ausgesehen. So aber war es ein sehr respektvoller, vielleicht sogar liebevoller Abschied von jemandem, ohne den dieser Verein nie das geworden wäre, was er heute ist. Und anders als bei Rehhagels Abschied 1995 geht mit Thomas Schaaf jemand, der zu 100 Prozent Werder Bremen verkörpert. Das macht diese Zäsur noch einmal drastischer.

Hätten Sie sich gewünscht, dass Schaaf erst nach der Saison aufhört? 
Natürlich! Aber ich habe auch allergrößtes Verständnis dafür, dass er sich das Blitzlichtgewitter und die klassischen Fragen rund um dieses Spiel einfach nicht mehr antun mochte, zumal es ja auch um nichts mehr ging.

Schön wäre es doch gewesen, wenn er noch einmal in einer OLT-Maschine in Bremen landet, so wie 2004 nach der gewonnenen Meisterschaft. 
Die OLT ist seit Januar pleite. Auch das noch. Im Gegensatz zu dieser Fluggesellschaft hat Thomas Schaaf sicher eine schönere Zukunft. Er ist ja immer noch jung.

Was bleibt von Schaaf? 
Seine Art, seine Aura, viele Erinnerungen. Ein toller Mann, ein großer Bremer. Jemand, der unsere Stadt verkörpert hat und uns deshalb so nahe war. Und jemand, der uns emotional berührt hat, aber gleichzeitig Autorität ausstrahlte. Man hätte ihn sich als besten Kumpel ebenso vorstellen können wie als gerechten, strengen Klassenlehrer. Und vielleicht ist das sein Geheimnis: Verbindlichkeit, Herz und Nähe, gepaart mit Charakterfestigkeit, notwendiger Härte und dieser unnachahmlichen Knorrigkeit, auf die er sicher ein Patent angemeldet hat.

Schaaf war die große Identifikationsfigur. Wer kann die Lücke füllen?
Identifikationsfiguren müssen wachsen. Schaaf war weder als Spieler noch als Trainer von Anfang an eine Identifikationsfigur. Er ist es geworden. Und niemand von uns weiß, ob nicht Robin Dutt, Özkan Yildirim oder Nils Petersen irgendwann einmal auf ihre Art auch Identifikationsfiguren sein werden. Nebenbei bemerkt: Nils Petersen ist auf einem sehr guten Weg dorthin. Er hat sich in schweren Zeiten immer sehr klug und dezidiert zum Verein geäußert, obwohl er nur ausgeliehen war. Er hat sehr viel soziale Kompetenz in seinen Aussagen, lässt eine riesige Identifikation durchblicken und hat ungewöhnlicherweise in Zeiten seiner unklaren sportlichen Zukunft immer gesagt, nur bei Werder bleiben zu wollen, obwohl er hätte pokern und sich andere Angebote anhören können. Klasse!

Noch aber sticht aus der Mannschaft niemand recht hervor. Wo sind Männer wie Micoud, Ismael, Mertesacker, Frings? 
Als Thomas Schaaf kam, hatte Werder keinen Micoud und keinen Ismael oder Mertesacker, sondern brave Spieler wie Benken, Trares oder Flock. Das war damals eine graue Maus, viel grauer als wir es uns heute noch vorstellen können. Identifikationsfiguren kann man nicht züchten oder gezielt einkaufen. Siehe das Stanislawski-Experiment in Hoffenheim. Identifikationsfiguren müssen wachsen und Raum haben, sich zu entwickeln. Micoud war in Bordeaux oder Parma ein guter Spieler, aber kein Held. Das wurde er erst bei uns. Werder muss sich erst einmal als Mannschaft neu finden und festigen. Mit dem Erfolg kommen dann auch die Helden.

Haben Sie Angst, dass – wie nach dem dem Ende der Amtszeit Otto Rehhagels – sich nun auch wieder die Trainer die Klinke in die Hand geben?
Das möge Gott verhüten. In der Ära nach Rehhagel ist unheimlich viel falsch gelaufen, bedingt auch durch ein viel zu großes Vakuum, das sein Abschied hinterlassen hat. Er hatte hinter sich Willi Lemke als pfiffigen Marketing-Mann, aber keinen Sportmanager im heutigen Sinne. Mit Thomas Eichin und Robin Dutt ist Werder nun gut aufgestellt, könnte ich mir vorstellen.

Ist es Ihnen damals, in der Ära de Mos/Sidka/Dörner/Magath schwerer gefallen, Werder zu lieben?
Ich habe gelitten wie ein Hund. Das halbe Jahr unter Aad de Mos 1995 war ganz schlimm. Ein Ekelpaket von Mensch, der den hässlichsten Fußball spielen ließ, den ich je gesehen habe. Werder hatte pro Heimspiel zwei Torchancen. Wenn der Gegner in Führung ging, wusste man: Das war's jetzt wieder. Starr, langweilig, statisch. Und das, obwohl Werder damals großartige Fußballer wie Baiano, Cardoso, Bode und Basler in seinen Reihen hatte. Aber die Liebe zum Verein wird dadurch nicht kleiner. Deshalb tun solche Phasen ja so weh. Ich bin genau in dieser Phase Werder-Mitglied geworden. So!

Wenn Spieler und Trainer kommen und gehen: Was unterscheidet den SV Werder dann noch vom VfB Stuttgart oder gar vom HSV?
Das ist eine böse, aber auch interessante Fragestellung. Zwischen dem VfB und Werder gab es immer schon gewisse Parallelen, auch wenn Werder etwas häufiger in der Liga ganz oben mitgespielt hat. Die größten Unterschiede sieht man aber in der mangelnden Kontinuität, wenn wir mal den HSV nehmen. Der hatte zeitgleich zu Werders Schaaf-Ära 14 Trainer, wenn man die Interimstrainer mitzählt und ich richtig gezählt habe. Die Sportdirektoren und Manager seit Günter Netzer kriege ich nicht mehr zusammen, und wie genau der Verein strukturiert ist, das wirkt auf uns Bremer manchmal sehr abenteuerlich. Davon sind wir weit entfernt und bleiben es hoffentlich auch in Zukunft.

In den Tage nach der Entlassung wurden illustre Namen gehandelt, Wollitz, Scholl, sogar Effenberg. Wie kann es denn sein, dass der jahrelang so ruhige Verein über Nacht zum Gegenstand wildester Gerüchte wurde?
Für die Gerüchte kann der Verein ja nichts. In Zeiten von Facebook und Twitter kann man jedes noch so dusselige Gerücht wider jede Vernunft am Leben erhalten. Bei Mehmet Scholl wurde das zu einem Running Gag, zu einer wahren Neurose. Selbst vermeintlich seriöse Menschen überboten sich mit dem weiteren Ausschmücken eines Nonsens-Hoaxes. Am Ende hatte Scholl acht Häuser in verschiedenen Stadtteilen gemietet und gekauft, selbst Makler prahlten damit, für ihn eine Wohnung zu suchen. Er wurde beim Anmelden seiner Kinder im Kindergarten beobachtet, es wurde getuschelt, welche Firma ihm soeben die Einrichtung geliefert habe. Ein großartiges Trash-Happening der Phantasie. Ich finde es, nebenbei bemerkt, sehr kindisch und respektlos, solchen Mist mitzumachen. Wer immer in den letzten Wochen Freude an der Weiterverbreitung der von Anfang an absurden Scholl-Räuberpistole hatte, sollte sich vielleicht ein schönes Hobby suchen und was Sinnvolles tun.

Nur mal ein Gedankenspiel: Wenn Effe tatsächlich Werder-Trainer geworden wäre, dann...
... hätten wir wenigstens nicht Matthäus auf der Bank gehabt.

Kann Robin Dutt, der am Mittwoch vorgestellt wurde, nun der neue Papa der Werder-Familie werden?
Ich wünsche es mir. Ich muss gestehen, dass ich ihn vorher nur aus dem Fernsehen kannte und eher als unnahbar und kühl empfunden habe. Das wäre nach Thomas Schaaf ein absolutes Kontrastprogramm gewesen. Aber bei seiner Vorstellung hat er einen tollen Einstand gehabt, sich sehr gut verkauft und ist sympathisch rübergekommen. Seitdem habe ich ein sehr gutes Gefühl mit ihm.

Was wird er ändern, was wird er beibehalten?
Fragen Sie ihn selbst. Der schon erwähnte Aad de Mos wollte 1995 nach eigener Aussage im Vergleich zu Rehhagel nur wenig ändern und ganz viel beibehalten, hat dann aber das genaue Gegenteil getan. Das richtige Maß ist wichtig. Es werden sich Dinge ändern müssen, aber es gibt auch Stärken, die man ausbauen kann. Er wird da schon seine Vorstellungen haben.

Welche Ziele sind für Werder in den kommenden Jahren erreichbar?
Die Mannschaft muss sich jetzt erstmal finden und stabilisieren. Es werden ein paar neue Spieler kommen müssen, und vorhandene Spieler werden sich weiter verbessern. Ich glaube, dass die Eigengewächse wie Mielitz, Kroos, Yildirim oder Füllkrug sehr viel Potenzial haben. Wenn alle jungen Spieler einen Schritt nach vorne machen, die Neueinkäufe passen und der Trainer in Bremen funktioniert, dann sollte die obere Tabellenhälfte das Nahziel sein. Dazu kommen Spieler, die zuletzt weit unter ihren Möglichkeiten gespielt haben. Das muss ja nicht so bleiben. Werder sortiert sich hinter Bayern, dem BVB, Leverkusen und Schalke mit ein. Und wirtschaftlich gehört der VfL Wolfsburg dort oben unerreichbar mit hin. Wenn es perfekt läuft kann Werder also Fünfter werden, so wie wir das in der abgelaufenen Saison in Frankfurt und Freiburg beobachten konnten.

Aber wird die Schale je wieder nach Bremen kommen? 
Als ich Werder-Fan wurde, landete das Team jedes Jahr ganz knapp vor den Abstiegsplätzen, und ich hätte mir nie vorstellen können, jemals einen Meistertitel zu feiern. Dann sind wir abgestiegen und haben gegen Bocholt, Erkenschwick und Union Solingen um Punkte gespielt. Die Rehhagel-Ära ließ dann Träume wahrwerden, die vorher unvorstellbar waren. Unter de Mos, Dörner oder Sidka waren Titelgewinne dann wieder Lichtjahre entfernt, bis Thomas Schaaf kam. Man weiß nie, was passiert. Im Augenblick ist ein anderer Meister als Bayern München erst einmal ohnehin nicht vorstellbar. Warten wir es ab. Es geht im Fußball immer um langfristige Entwicklungen und um Richtungen, die eingeschlagen werden. Manchmal dauert ein solcher Weg lange, und man braucht einen langen Atem. Bis dahin habe ich übrigens eine Bananenschale anzubieten, die ich Jürgen Klopp 2011 verliehen habe und die seitdem in meinem Tiefkühlfach liegt.

Ist auch Dutt einer, mit dem man im Garten grillen kann? 
Da bin ich mir sehr sicher. Man kann mit ihm aber bestimmt auch gut ein Tandoori Chicken essen. Sein Vater ist ja Inder. Ich bin da für alles offen.

Müssen Sie aufpassen, dass Sie ihn nicht mit »Thomas« ansprechen? 
Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Mein Traum wäre übrigens: Robin Dutt kommt hier blendend klar, wir lieben ihn schon nach wenigen Spielen, und er wird in Bremen rasch heimisch, um dann 14 Jahre zu bleiben. Und bei jedem Heimspiel feiern die Werder-Fans aus alter Gewohnheit Thomas Schaaf. Meinetwegen immer in der 14. Spielminute, wegen der 14 Jahre. Darüber sollten wir mal nachdenken.

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