30.05.2013

Arnd Zeigler über Schaaf, Dutt und Werders Zukunft

»Es fühlt sich an wie das Ende einer Beziehung«

Schaaf weg, Dutt da. Und doch bleibt die Frage: Was wird nun aus dem SV Werder? Wo ist die neue Integrationsfigur? Kehrt der Erfolg zurück? Oder droht eine neuerliche Aad-de-Mos-Depression? Ein Gespräch mit dem Werder-Stadionsprecher Arnd Zeigler.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago

Arnd Zeigler, wie hat Thomas Schaaf sich von Ihnen verabschiedet?
Wir haben uns beim letzten Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt im Stadion begrüßt, aber da war es bekanntlich noch kein Abschied, zumindest für mich nicht. Inwiefern er schon etwas von den Ereignissen der kommende Tage ahnte, darüber gibt es verschiedene Vermutungen. Ich habe dann am Tag der Trennung lange überlegt, ob ich ihm eine SMS schreiben soll, weil ich mir sehr gut vorstellen kann, dass ich da eventuell nicht der einzige war. Habe ich dann aber doch getan, und am nächsten Tag hat Thomas sehr nett geantwortet.

Thomas Schaaf stand bei Ihnen im Garten am Grill, Sie haben ihm ein historisches Wolfgang-Rolff-Puzzle geschenkt, sogar bei ihm ein Privattraining absolviert. Mussten Sie weinen, als er nach 14 Jahren den Verein verließ?
Beinah – und zwar, als ich am Tag nach dem Entschluss sein Abschiedsvideo an die Fans gesehen habe. Das war sehr emotional, tief und anrührend. Und da konnte man einfach nochmal in zwei Minuten sehen, was ihn für uns Bremer so besonders gemacht hat und weshalb wir ihn als Menschen vermissen werden.

Sie sind nicht als Schaaf-Kritiker berüchtigt. Können Sie dennoch Fehler benennen, die er gemacht hat? 
Ich tue mich generell schwer damit, Trainern fachliche Fehler vorzuwerfen. Ich habe keinen Trainerschein, sondern nur eine bescheidene Fan-Sicht. Ich würde auch keinem Gefäßchirurgen sagen, wie er zu operieren hat, und keinem Gourmet-Koch, wie er Boeuf Stroganoff würzen muss. Alle Entscheidungen, die ein Trainer trifft, trifft er vor allem deshalb so, weil er die Spieler weitaus öfter sieht, als ich es von außen tue. Und jeder Trainer ist mindestens genauso am Erfolg der Mannschaft interessiert, wie ich es als Fan bin. Ich denke zwar auch über taktische Feinheiten und Aufstellungen nach, finde aber dieses dumpfe »Der Idiot von Trainer muss doch sehen, dass Spieler XY besser ist und spielen muss!«-Gebashe grundsätzlich recht anmaßend. Nicht nur bezogen auf Thomas Schaaf. Ein gar nicht mal kleiner Teil der öffentlichen Kritik an ihm basierte auf einer »Naja, irgendwas MUSS man ja ändern«-Grundlage. Auch das hat sich für mich nicht richtig angefühlt.

Er wollte mit Arnautovic, Elia und de Bruyne an die Tage des Bremer Offensivspektakels anknüpfen. Hat er es unterschätzt, was es bedeutet, mit diesen Jungs in die Abstiegszone zu geraten? 
Da haben wir vielleicht den ganz großen Fehler, für den Schaaf aber sehr wenig konnte: Werder hat in der Vorrunde bewiesen, dass die Mannschaft auf hohem Niveau Fußball spielen kann. Sie war oftmals gegen starke Gegner die bessere Mannschaft, in Dortmund, auch auf Schalke. Die Spieler waren also nicht die Falschen. Aber die Mannschaftsstruktur hatte nichts Gewachsenes. Es wurde erzwungenermaßen zuviel auf einmal geändert. Werder hat in gut zwei Jahren Persönlichkeiten wie Wiese, Mertesacker, Naldo, Marin, Frings, Borowski, Özil, Pizarro und Almeida verloren und durch junge Spieler ersetzt, die teilweise bei ihren früheren Clubs vornehmlich auf der Bank saßen, ihre erste Bundesligasaison überhaupt spielten oder für den nächsten Entwicklungsschritt gestandenere Nebenleute gebraucht hätten. Diese Spieler waren rar, und deshalb ist die Mannschaft in der Rückrunde in einen Negativ-Sog geraten, aus dem sie sich mangels Führungspersönlichkeiten nicht mehr befreien konnte. Kapitän Clemens Fritz hat alles versucht, war aber als einziger langjähriger, erfahrener Spieler um die 30 auf verlorenem Posten.

Es heißt ja oft, ein Trainer erreiche seine Spieler nicht mehr. Das wollen wir Schaaf nicht unterstellen – aber wie erreicht man eigentlich zwei Typen, die sich vor dem Spiel gegen Leverkusen nachts um drei auf der Autobahn blitzen lassen?
Dieses »Er erreicht die Spieler nicht mehr«-Gefasel ist ein großes Ärgernis. Das kann niemand von außen beurteilen, und es ist im Grunde nichts als ein Hausfrauenpsychologie-Scheinargument, um eine Misere zu erklären, für die man keine besseren Erklärungen hat. Im Fußball möchte man als Fan einfache Lösungen haben, wenn es nicht läuft. Oft sind sie aber kompliziert, leider. Ich weiß aus Werders Mannschaft, dass sicher nicht jeder ein enger persönlicher Freund des Trainers war, aber Schaaf hatte bis zuletzt den Rückhalt, den man braucht. Werders Niederlagen und Rückschläge basierten in den letzten Monaten eher nicht auf taktischen Fehlern oder falschen Aufstellungen, sondern auf haarsträubenden Fehlern einzelner Spieler. So etwas hat nichts damit zu tun, dass ein Trainer irgendjemanden nicht mehr erreicht. Die Sache mit Arnautovic und Elia war eine große Enttäuschung, zumal in dieser kritischen Saisonphase. Aber sowas passiert in allen Vereinen und hat nie was mit der Autorität des Trainers zu tun. Bei Real Madrid gab es unter Mourinho auch Skandalnudeln, die nächtens Autos demoliert haben. Oder nehmen wir die berühmte »Pizza-Affäre« bei den Bayern, als Sven Scheuer und Mario Basler zu vorgerückter Stunde unangenehm aufgefallen sind. Das geschah unter Ottmar Hitzfeld, und der hat die Mannschaft zu jeder Zeit ziemlich gut erreicht, das lassen die Resultate zumindest vermuten.

Was mag es für Schaaf bedeutet haben, dass sein Kompagnon Klaus Allofs im Herbst zum VfL Wolfsburg wechselte?
Man hat Schaaf und Allofs öffentlich immer wie siamesische Zwillinge wahrgenommen. Das trifft sicher auf Bereiche der Zusammenarbeit zu, aber letztlich war jeder sein eigener Herr. Und Allofs hat diese Entscheidung für sich so getroffen. Thomas Schaaf hat das akzeptiert. Gefreut haben dürfte es ihn nicht.

Seit wann haben Sie geahnt, dass Schaafs Tage gezählt waren? Gab es einen speziellen Moment?
Nein, der Abschied kam für mich sehr überraschend. Natürlich ist eine Trennung unter derartigen tabellarischen Umständen im Grunde keine Sensation. Ich habe aber gehofft, dass die Mannschaft sich fängt und alle gemeinsam die Kurve kriegen. Der Schulterschluss zwischen Fans, Team und Trainer nach der Niederlage in Leverkusen war so etwas wie ein Highlight der Saison. Danach haben in zwei denkwürdigen Heimspielen alle Beteiligten gemerkt, was man als Fan positiv bewegen kann, wenn man eine Mannschaft bedingungslos unterstützt. Das war für jeden, der an dieser Stimmung mitwirkte, eine Erfahrung, die er in dieser Wucht noch nie gemacht hatte. Die Spieler wurden getragen, und ich hatte damals die vielleicht etwas romantische Hoffnung, dass dadurch die Mannschaft insgesamt so befreit aufspielt, dass alles ein gutes Ende nimmt. Mit Thomas Schaaf.

Schaaf wurde Amtsmüdigkeit nachgesagt. Wie wirkte er in den vergangenen Monaten auf Sie?
Niemand von uns kann sagen, wie es genau in Thomas Schaaf aussah. Ich glaube nicht, dass seine Persönlichkeitsstruktur den Faktor »Amtsmüdigkeit« vorgesehen hat. Ich hätte aber in den letzten Wochen mit ihm nicht tauschen wollen. Er hat sich vermutlich mehr Gedanken über den Erfolg dieses Vereins gemacht als jeder andere Mensch auf der Welt, Tag und Nacht. Und die Kritik an ihm war zwar nachvollziehbar, weil üblich. Die Art und Weise aber ließ oft jeglichen Respekt und Anstand vermissen. Und das hatte Thomas Schaaf nicht verdient. Deshalb: Ich weiß nicht, ob er amtsmüde war. Aber wenn, hätte ich es gut verstehen können.

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