Armin Veh und Horst Heldt im Interview

„Ich will immer gewinnen“

Der VfB Stuttgart ist Deutscher Meister. Zur Feier des Tages hier noch einmal das Interview, das wir im Januar mit Trainer Armin Veh und Manager Horst Heldt führten. Es offenbart: Man hätte diesen Überraschungstriumph ahnen können. Maks Richter

Horst Heldt und Armin Veh, welches Abkommen haben Sie am Anfang Ihrer Zusammenarbeit beim VfB untereinander getroffen?

Heldt: Das erste halbe Jahr war sehr schwierig. Aber egal in welcher Situation wir waren, wir sind stets ehrlich miteinander umgegangen. Wir haben kritische Dinge direkt angesprochen.

Veh: Ganz ehrlich, das sind keine Phrasen. Horst wurde Sportdirektor, als es nicht gut lief, und dann kam auch ich noch dazu (lacht). Wir haben versucht, die Gegenwart zu bewältigen. Auch wenn zu Beginn nicht sicher war, wie lange ich im Amt sein würde, hatten wir von Anfang an einen Plan, mit welcher Strategie es in der neuen Saison weiter gehen sollte.

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Ehrlichkeit im Fußballgeschäft gibt es also doch noch.

H: Wenn mir etwas auffällt, versuche ich mit dem Trainer darüber zu sprechen. Ich weiß, dass er Wert auf meine Meinung legt. Und wenn ich es mit Einwänden übertreibe, gibt er mir deutlich zu verstehen, dass ich sowieso keine Ahnung von Fußball habe.

V: So kommt er immer um die Ecke: »Eigentlich bin ich kein Trainer, aber...« (lacht).

H: Mit ihm kann ich über Taktik und meine Perspektive auf das Spiel reden. Ich finde es gut, dass er mir zuhört, auch wenn er natürlich nicht alles berücksichtigt. Das spricht für unser Verhältnis.

Meinen Sie, Armin Veh, dass dieses gute Verhältnis auch andauert, wenn der VfB in eine Krise gerät?

V: Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Horst versucht, stets fair und ehrlich zu sein. Ich glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit.

Wie sehr hat es Ihre Zusammenarbeit belastet, als VfB-Aufsichtsrat Dieter Hundt nach Vehs Verpflichtung sagte, der Trainer sei nur eine Übergangslösung?

V: Wenn so was verkündet wird, stürzt sich die Presse drauf. Keine Frage. Aber wenn ein Trainer gegen solche Dinge nicht resistent ist, kann er seinen Job nicht verrichten.

Wie blenden Sie solche Dinge und die Berichterstattung denn aus – mit Yoga?

V: Ach was. Nach meinem Abgang bei Hansa Rostock habe ich mir viel Zeit genommen, die Situation nicht nur als Trainer, sondern auch mal aus der Perspektive der Medien zu betrachten. Seitdem bin ich viel gelassener gegenüber der Berichterstattung als früher.

Hat sich auch ihr Umgang mit den Spielern verändert?

V: Wie ich mit den Spielern spreche, geht niemanden etwas an. Ich bin mit 29 Coach geworden und schon damals gab es stets eine gesunde Distanz zwischen der Mannschaft und mir. Ich denke, das entspricht einfach meinem Naturell.

H: Armin ist ein Mensch, der einem Spieler klar sagt, wenn er Mist gemacht hat, aber er lobt auch, wenn er eine Leistung schätzt. Er hält, was er sagt, und steht dazu – völlig unabhängig von der Popularität des Spielers.

Was unterscheidet die neue Spielergeneration von Ihnen zu Ihrer Profizeit?

V: Ich habe als Spieler gekuscht, wenn ein Trainer etwas anordnete. Heute wissen die Jungs viel genauer, wenn etwas am Training nicht stimmt, weil viele die wichtigsten wissenschaftlichen Lehrbücher lesen. Wenn ein Trainer schlecht trainieren lässt, merken die das sofort.

Horst Heldt, warum haben Sie Armin Veh als Trainer verpflichtet?

H: Als Spieler lernte ich ihn kennen, als er bei 1860 ein Praktikum gemacht hat. 2003 rief er mich dann in Stuttgart an und fragte, ob ich zu ihm nach Augsburg wechseln wolle.

V: Wir konnten ihn aber nicht bezahlen.

H: Richtig, ich war dem FC Augsburg zu teuer. Letztes Jahr fragte mich in meiner Funktion als Vertreter des Spielerrats plötzlich mein Vorgänger Herbert Briem, ob ich mir vorstellen könnte, dass Armin Veh unser Trainer wird.

Was sprach denn für ihn?

H: Zum einen die Art, wie er mit Spielern umgeht, und zum anderen, wie er mit seinen Teams bis dato Fußball gespielt hatte: In Rostock gelang es ihm zum Beispiel, mit einem dürftigen Etat frischen Offensivfußball spielen zu lassen.

Dass sie inzwischen als eingespieltes Duo gelten, hat sich also erst durch die Zusammenarbeit ergeben.

V: Eine Frau, die man heiratet, muss man schließlich auch erst einmal näher kennen lernen.

Interessanter Vergleich.


V: (lacht) Im Ernst: Wir verstehen uns schon sehr gut und mögen uns. Es kommt auch vor, dass wir nach der Arbeit mal schnell was zusammen essen, wenn es die Zeit erlaubt.

H: Aber gemeinsam im Kino waren wir noch nicht.

Armin Veh, was muss Horst Heldt als Manager noch lernen?

V: Ich bin überzeugt, dass er ein Guter ist. Er ist stressresistent, sonst hätte er das erste halbe Jahr gar nicht gepackt, und er ist unglaublich lernwillig. Und als Ex-Profi hat er Anlagen, die ihn zu einem Top-Manager machen können.

Wie gehen Sie miteinander um, wenn es nicht läuft?

H: Wenn ich mit ihm nicht streiten könnte, würde ich den Respekt verlieren. Ein Trainer, der sich gegen jede Diskussion sträubt, macht meines Erachtens einen schlechten Job.

Sie pflegen also eine gesunde Konfliktkultur.

V: Natürlich, wir müssen schließlich jeden Tag miteinander arbeiten. Das funktioniert nur, wenn man sich gegenseitig respektiert.

Und dabei wird es mitunter auch laut.

V: Bei manchen Einwänden merkt man deutlich, dass in seiner Brust noch das Spielerherz schlägt. Dann gebe ich ihm schon zu verstehen, dass er die Finger von der Taktiktafel nehmen soll (lacht).

H: Mit seiner Tafel ist er ganz eigen.

V: Anderes Beispiel: Im Vorbereitungsspiel gegen einen Oberligisten spielten wir nur 1:1. Horst kam in die Kabine und schlug vor, ich solle das Team zur Strafe noch bei Flutlicht trainieren lassen. Da flogen dann natürlich die Fetzen.

H: Allerdings würde ich in so einer Situation nie auf meiner Meinung beharren.

V: Ich finde es aber gut, dass du es ehrlich sagst. Ich will ja ein Feedback. Schließlich ist klar: In letzter Konsequenz hat der Trainer die Verantwortung für die Mannschaft und muss entscheiden.



Ist es ein Vorteil, dass Horst Heldt den Verein noch bis vor kurzem als Spieler erlebt hat?

V: Auch wenn er nicht der beste Spieler war (Heldt winkt ab), hat er doch als Führungsspieler viel Einfluss auf das Team gehabt. Er kennt die Stuttgarter Mannschaft in- und auswendig. Gerade am Anfang war er für mich deshalb eine große Hilfestellung im Umgang mit der Mannschaft. Inzwischen brauche ich ihn dafür weniger, denn das Team ist auf vielen Positionen neu besetzt.

Kommt es Ihnen bei der Arbeit entgegen, mit einem Manager auf Augenhöhe zu arbeiten, der noch jung im Amt ist?

V: Auf Augenhöhe? Horst ist doch deutlich kleiner als ich (lacht).

War es für Sie, Horst Heldt, von Vorteil, nicht gleich mit einem prominenten Übertrainer zusammen arbeiten zu müssen?

H: Wieso? Den hatte ich doch gleich am Anfang meiner Tätigkeit: Giovanni Trapattoni, der auf dem Papier der erfolgreichste Vereinstrainer aller Zeiten ist. Der große Name hat mir aber auch nicht geholfen. Entscheidend ist die Idee, die ein Trainer hat, nicht sei Name.

Lässt sich diese Philosophie auf die Zusammensetzung der Mannschaft übertragen, die ebenfalls ohne große Namen auskommt?

V: Was ein großer Name ist, lese ich an den fußballerischen Fähigkeiten ab. Ich wusste relativ schnell, wen wir verpflichten wollen und welche Spieler, die noch unter Vertrag standen, nicht in meine Strategie passen. Und dann kam das Glück hinzu, dass Horst viele Profis verkaufen konnte, die nicht richtig in unser Konzept gepasst haben.

Sie haben gesagt, dass ab dieser Saison »keine politischen Entscheidungen« mehr gemacht werden. Was meinten Sie damit?

V: Die Arbeit eines Fußballtrainers ist sehr komplex geworden. Wenn ich eine Mannschaft übernehme, werde ich mit langjährigen Hierarchien konfrontiert, die ich nicht von heute auf morgen aufbrechen kann – selbst, wenn die Leistung bei einigen Ranghöheren nicht stimmt.

Was heißt das im Klartext?


V: Letzte Saison musste ich manchmal eine schwächere Leistung des Einzelnen in Kauf nehmen, um die Mannschaft als Ganzes zu stärken.

H: Wir haben im ersten halben Jahr Entscheidungen getroffen,...

V: ...die ich in der Form noch nie treffen musste.

H: Ich habe ihn mitunter von Dingen überzeugt, bei denen er sich nur noch an den Kopf getippt hat.

Sie sprechen in Rätseln.

H: Wir können das nicht öffentlich machen.

V: Wenn wir es täten, würden uns einige im Nachhinein noch für verrückt erklären.

Sie meinen, dass Sie bestimmte Spieler nicht wegen guter Leistungen eingesetzt haben, sondern lediglich sie zu präsentieren, damit sie sich hinterher leichter verkaufen ließen?

H: Vor der neuen Saison haben wir uns überlegt, dass wir ein 4-4-2-System mit Raute spielen wollen. Dementsprechend haben wir dann Spieler verpflichtet. Alle Neuzugänge waren konkret auf unseren Plan zugeschnitten.

Ist es gut, dass die Niederlage beim FC Bayern den VfB wieder in die Realität zurückgeholt hat?

V: Als Trainer will ich immer gewinnen. Und Ruhe habe ich in meinem Job ohnehin nie. Deshalb ziehe ich den positiven Druck, Tabellenführer zu sein, allemal der Unruhe vor, wenn es nicht läuft.

H: Die gute Laune schwindet schneller als man denkt. Durch eine Niederlage kommt nämlich wieder das Gefühl auf, die nächsten Spiele gewinnen zu müssen, und nicht ins Mittelmaß abzurutschen.

Aber ist es bei einer jungen Mannschaft nicht besser, wenn das Umfeld nicht gleich die Meisterschaft erwartet?

V: Keine Sorge, wir wissen, wie wir mit den Jungs umgehen müssen.

H: Jeder Sieg ist wichtig. Je früher in der Saison, desto besser.

Sie haben mit Ricardo Osorio und Pavel Pardo zwei Mexikaner, die vorher noch nie in Europa gespielt hatten, als zentrale Säulen verpflichtet. Auf so eine Idee muss man auch erst einmal kommen...

V: Mir sind die beiden schon beim Confed-Cup aufgefallen.

H: Mir nicht, weil ich mich damals noch nicht um sowas gekümmert habe. Aber, sei’s drum, der Verein hat sich schon früh um die beiden bemüht. Als klar war, dass wir Soldo als Sechser abgeben, stellten wir fest, dass sich Pardo auf dieser Position sehr gut eignen würde. Osorio kann sowohl Innen- als auch Außenverteidiger spielen – eine perfekte Konstellation, denn bald darauf stellte sich heraus, dass auch Andreas Hinkel gehen würde.

V: Wie in einem Puzzlespiel lief plötzlich die gesamte Planung auf die beiden zu. Ihre Leistungen bei der WM waren dann so gut,...

H: ...dass wir die beiden direkt nach dem Turnier auf Herz und Nieren geprüft haben.

Wie läuft so ein Rundumcheck ab?

H: Wir treffen uns mit den Spielern, einem Dolmetscher und den Frauen und versuchen, alles abzufragen, was uns wichtig erscheint.

V: Ich habe sie zum Beispiel gefragt, wo sie gerne in der Mittelfeld-Raute spielen wollen.

H: Dann haben wir uns angesehen, wo sie ihre Kreuze auf dem Spielfeld machen. Auf di Idee wäre ich nie gekommen.

V: Womit wieder bewiesen wäre, wie wenig er sich mit Fußball auskennt (lacht).

H: Mich interessieren auch die sozialen Begleitumstände: Wie groß ist die Gefahr, dass sie sich nicht integrieren? Wie stehen sie zur Nationalelf? Uns war wichtig, dass beide selbständig genug sind, sich im täglichen Leben in Deutschland zurecht zu finden.

V: Man konnte schon an der Gestik ablesen, dass es gute Typen sind.

Welche Mannschaft besitzt für Ihre Spielphilosophie Vorbildfunktion? Angeblich waren Sie, Armin Veh, ein großer Fan von Borussia Mönchengladbach in den 70ern.

V: Gladbach und Barcelona in den 70ern – das war Traumfußball. Barca mit Johan Cruyff als Spielmacher hat zwar keinen Europapokal geholt, aber es war ein wunderbares Spiel.



Gibt es ein aktuelles Team, das sich als Vorbild eignet? Etwa der S Werder Bremen, der von seinen Bedingungen und dem Umfeld mit dem VfB Stuttgart durchaus vergleichbar ist.

H: Dort wird sehr gut gearbeitet, aber wir haben genug Erfolge zu verbuchen, um ohne Vorbild auszukommen. Außerdem haben wir mehr Mitglieder und ein größeres Stadion als Werder. Und denken Sie daran, dass Werder nach Otto Rehhagel drei, vier Trainer verschlissen hat, bis dort mit Thomas Schaaf und Klaus Allofs wieder Kontinuität einkehrte.

Spielt Werder den aufregendsten Fußball in Deutschland seit Borussia M’Gladbach in den 70ern?

H: Die spielen ohne Frage einen schneidigen Ball. Aber wir spielen auch attraktiven Fußball. Und, Moment, wer hat in dieser Saison in Bremen gewonnen? Ach ja, der VfB Stuttgart! (lacht)

Ist Ihre Auffassung von Fußball deckungsgleich?

V: Sie ist ähnlich. Horst liebt auch den attraktiven Fußball mit schnellem Kurzpassspiel und er mag hohe Bälle nur in Ausnahmefällen. Schließlich wollen wir die Mannschaft sein, die agiert und in Ballbesitz ist.

H: Von mir aus kann ein Team auch auf hohe Bälle zurückgreifen, beispielsweise wenn sich ein Gegner hinten reinstellt. Mich faszinieren Mannschaften, die in jeder Situation neue Ideen entwickeln.

V: Wenn ein Team aber irgendwann jede Idee selbst entwickelt, bin ich überflüssig.

H: Aber Du bist doch der Typ, der denen das intelligente Spiel beibringt (beide lachen).

Der VfB Stuttgart hat unter Giovanni Trapattoni nicht unbedingt Angriffsfußball gespielt.

H: Damit ist auch das Umfeld nicht klar gekommen. Wir haben in seiner Amtszeit einen Unentschieden-Rekord aufgestellt und allmählich die Zuschauer aus dem Stadion gespielt. Zugegeben, das war kein erfrischender Fußball.

Wie sehen Sie die mittelfristige Perspektive der Mannschaft? Werden die »Jungen Wilden 2« in absehbarer Zeit genauso ausverkauft wie die »Jungen Wilden 1«?

H: Natürlich kann man beim gegenwärtigen Erfolg nicht ausschließen, dass einer der Spieler in absehbarer Zeit ein gutes Angebot bekommt. Aber wir haben mit den meisten längerfristige Verträge, so dass es eine Basis gibt, um eine gute Mannschaft aufzubauen. Die Qualität soll im Verein bleiben und nur noch punktuell verstärkt werden. Ob es klappt, wird sich zeigen.

Warum nicht? Mit 36 Millionen Euro liegt der VfB doch zumindest, was die Gehälter anbetrifft, ganz vorne.

V: Da irren Sie sich,...

H: ...denn in dem Betrag ist sogar die Nachwuchsarbeit enthalten. Außerdem ist die Zahl auch etwas zu hoch angesetzt. Aber wahrscheinlich liegen wir unter den Top 5 bei den Spielergehältern.

Wagen Sie doch einen kleinen Ausblick: Wird Jon Dahl Tomasson am Ende der Saison gehen müssen?

V: Wenn er Leistung zeigt, spricht nichts dagegen, dass er wieder Stammspieler wird.

Zeigt das Beispiel Thomas Hitzlsperger, wie sich ein Spieler zurück ins Team manövrieren kann?

V: Es gibt doch keinen Trainer auf der Welt, der nicht versucht, die beste Mannschaft aufzustellen. An ihm hat mich geärgert, dass er im Training nichts angeboten hat und dann anfing, in der Presse über seine Mitspieler zu reden. Jetzt trainiert er wie- der konstant – und prompt ist der wieder erfolgreich.

Marco Streller hat gesagt, im Winter müssten neue Ziele definiert werden. Also, meine Herren, ist der VfB auf Meisterkurs?

V: Der Marco Streller soll erst einmal sehen, dass er wieder richtig fit wird, dann darf er auch mal nach neuen Zielen fragen (lacht).

Letzte Frage: Wird Armin Vehs Vertrag wirklich nur verlängert, wenn der VfB Stuttgart einen UEFA-Cup-Platz erreicht?

H: Wir haben eine klare Absprache, wann und unter welchen Voraussetzungen wir über eine Verlängerung des Vertrages reden. Und dabei bleiben wir.

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Hier www.11freunde.de/bundesligen/19345 gibt's einen Hintergrundbericht zum Interview.

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