Antiheld Pat Nevin über Fußball und Kultur

»Nachtklubs? Ich ging lieber ins Theater!«

Als Antiheld gefeiert, spielte Pat Nevin in den Achtziger-Jahren für den FC Chelsea und FC Everton. Für unsere Spezialausgabe »Die Rebellen des Fußballs« sprachen wir mit ihm über Konzerte der Cocteau Twins, Eric Cantona und die Kommerzialisierung des geliebten Sports.

Bulls Press
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Spezial-Nr. 3

Antiheld Pat Nevin über Kunst und Fußball
»Nachtklubs? Ich ging lieber ins Theater!«

Pat Nevin, auf den Fotos hier von Ihnen aus den achtziger Jahren ...
... sehe ich nicht wie die anderen Fußballspieler von damals aus.

Man würde eher denken, dass sie bei »Echo & The Bunnymen« oder »Joy Divison« spielen als bei Chelsea auf Rechtsaußen. Wollten Sie sich von Ihren Kollegen abgrenzen?
Nein, ich habe so ausgesehen, weil mir das entsprach. Ich mochte diese Bands damals sehr, und Musik war sowieso immer meine erste Liebe.

In den ganzen fast 20 Jahren Ihrer Karriere als Fußballprofi?
Ja, bis heute. Für mich kam zuerst die Musik und dann Fußball. Ich habe sogar mal bei einer Vertragsunterzeichnung noch einen Konzertbesuch ausgehandelt. Der Manager von Chelsea hatte fallengelassen, dass es ein paar Tage später ein Testspiel geben sollte. Da habe ich gesagt, ich würde nur unterschreiben, wenn ich nach der ersten Halbzeit gehen könnte. Er hat gefragt, warum. Als ich ihm erklärt habe, dass ich unbedingt das Konzert der »Cocteau Twins« sehen wollte, hat er gesagt: »Du hast echt ’ne Macke, unterschreib da!« Beim Konzert hatte ich noch mein Trikot unterm Mantel an. Ich bin auch freitagsabends vor Spielen zu Konzerten gegangen, obwohl das nicht erlaubt war. Aber mir ging’s nicht ums Trinken, ich wollte die Bands sehen.

Ist das nie rausgekommen?
Nein, weil ich ein Leben geführt habe, in dem es keine Überschneidungen zum Fußball gab. Wenn ich ins Theater, ins Kino oder zu Konzerten gegangen bin, hat mich kaum jemand erkannt. Man darf nicht vergessen, dass damals nur wenige Fußballspieler große Stars waren und viel Geld hatten.

Öffentlich bekannt waren Ihre Vorlieben für Indiebands, Theater und Literatur aber schon. Sie waren der Liebling der Fanzine-Kultur.
Aber das ist doch ganz einfach zu verstehen: Ich war einer von ihnen, nur, dass ich noch professionell Fußball gespielt habe. Viele Fanzine-Macher kamen wie ich von der Musik, und ich habe selbst für Musik-Fanzines geschrieben und unter anderem Namen Konzertberichte für den »New Musical Express«.

Woher kamen die für einen Fußballprofi ungewöhnlichen Interessen?
Ich bin in Easterhouse aufgewachsen, der damals härtesten Gegend in Glasgow und vermutlich in ganz Europa. Mein Vater war Arbeiter bei der Bahn, aber von uns sechs Geschwistern bin ich der einzige, der keinen ordentlichen Studienabschluss hat. Meine Eltern haben auf unsere Ausbildung sehr viel Wert gelegt. Deshalb wurde es auch unterstützt, dass ich viel gelesen und mich für Musik und Filme interessiert habe. Außerdem hatte ich einen unüblichen Karriereverlauf. Ich hatte zwar mit 13 angefangen, bei Celtic zu spielen, aber mit 16 wurde ich wieder weggeschickt, weil ich ihnen zu klein war.

Was wahrscheinlich ein Schock war.
Nein, das war schon in Ordnung. Ich bin als Fan weiter ins Stadion gegangen, vor allem aber zum College. Fußball habe ich nebenbei in einer Jugendmannschaft gespielt, wo etliche Spieler waren, die bei den großen Klubs aussortiert worden waren. Deshalb wurde oft bei uns gescoutet. Irgendwann wollte mich der FC Clyde, aber ich wollte nicht.

Warum?
Ich hatte nicht diesen verzweifelten Drang, Profi zu werden, sondern wollte meine Abschlüsse machen. Ich habe mich mit Kunst beschäftigt, viel gelesen, Musik gehört und samstags Celtic geschaut. Alles passte.

Angenommen haben Sie dann aber doch.
Aber nur, weil ich weiter zum College gehen dufte. Deshalb habe ich nach einem Jahr auch das erste Angebot von Chelsea abgelehnt. Ein Jahr später kamen sie noch mal, und dann habe ich zugesagt. Ich habe mir quasi ein Sabbatical vom Studium gegeben und wollte das Profileben einfach ausprobieren.

Sie waren damals 19, welche Rolle haben Sie bei Chelsea gespielt?
Ich war immer totaler Außenseiter. Meine Mitspieler waren nur am Fußball interessiert und haben keine meiner Interessen geteilt. Ich habe mir im Theater Tschechow angeschaut, meine Kollegen sind in Nachtklubs gegangen.

Klingt wie die Begegnung fremder Welten.
Absolut, ich bin zwischen der Fußballwelt und der richtigen gependelt. Ich wollte Fußball spielen, weil ich das wirklich aus ganzem Herzen liebte, und danach das machen, wofür ich mich sonst interessierte.

Und Ihre Kollegen haben Sie Weirdo genannt, Spinner.
Das war nett gemeint. Geholfen hat mir wahrscheinlich, dass es sportlich gut lief. Ich war gleich Stammspieler und im zweiten Jahr »Spieler des Jahres«. Außerdem hatte ich kein Problem damit, Außenseiter zu sein. Mein Vater war auch anders als alle anderen Väter in Easterhouse. Von ihm habe ich gelernt, dass man seine Überzeugungen verteidigen muss.

War das nötig?
Wir hatten in meiner ersten Saison, im Frühjahr 1984, ein Spiel bei Crystal Palace, bei dem mein Mitspieler Paul Canoville von unseren Fans ausgebuht wurde, weil er schwarz war. Ich hatte damals das einzige Tor geschossen, und als die Journalisten zu mir kamen, habe ich gesagt: »Ich habe keine Lust, etwas zum Spiel zu sagen, weil ich das Verhalten unserer Fans so widerlich finde.« Damals hatte im Fußball noch niemand das Problem öffentlich angesprochen. Daher wusste ich, dass meine Äußerungen in den Schlagzeilen sein würden.

Waren Sie mutig?
Das war nicht die Frage. Ich war überzeugter Sozialist, ich war auf Protestmärschen gegen die Apartheid in Südafrika gewesen. Ich konnte gar nicht anders.

Wie fielen die Reaktionen aus?
Unser Trainer John Neal war besorgt, weil er mich schützen wollte. Unser Vorsitzender Ken Bates war wütend, weil so ein kleiner Schnösel in der Presse für Wirbel sorgte.

Und die Fans?
Im nächsten Heimspiel sind Kerry Dixon, der andere Publikumsliebling, und ich zusammen mit Paul auf den Platz gelaufen. Ich bin kein sonderlich emotionaler Typ, aber als die Zuschauer dann Pauls Namen gerufen haben, standen mir Tränen in den Augen. Ich hatte das Gefühl: Man kann doch etwas ändern!

War es für einen Außenseiter wie Sie schwer, Freunde im Fußball zu finden?
Damit wir uns nicht missverstehen: Ich habe viele meiner ehemaligen Mannschaftskameraden gemocht und freue mich heute noch, wenn ich sie treffe. Aber es verbindet mich mit wenigen wirklich etwas. Einer ist Brian McClair, der lange bei Manchester United war. Als wir uns das erste Mal beim schottischen Juniorenteam trafen, steckte uns der Trainer ins gleiche Zimmer. Anfangs haben wir nicht miteinander gesprochen. Ich dachte, dass er halt einer dieser Fußballer ist, und er hat vermutlich dasselbe gedacht. Dann habe ich den »New Musical Express« ausgepackt und er den »Melody Maker«, da war das Eis gebrochen.

Sie sind auch mit dem ehemaligen englischen Nationalspieler Graeme Le Saux befreundet, der sich ebenfalls für Kunst und Literatur interessiert, aber dafür von Fans und Gegenspielern oft als Schwuchtel beschimpft worden ist. Warum er und Sie nicht?
Graeme und ich haben viel darüber geredet. Einer der Gründe ist wohl, dass er auf diese Provokationen allzu oft reagiert hat. Wenn mich Fans von West Ham als Zwerg beschimpft haben oder wegen meiner großen Nase als Juden, habe ich hingegen nur gelächelt. Vielleicht hatte ich den Vorteil, in einer ziemlich harten Gegend aufgewachsen zu sein, während Graeme einen behüteten Mittelklassehintergrund hat.

Gibt es heute Spieler, von denen Sie glauben, dass sie Ihre Interessen teilen?
Ich halte immer danach Ausschau, auch weil ich gerade an einer Dokumentation über Musiker arbeite, die Fußballfans sind, und Fußballer mit einem besonderen Musikgeschmack. Juan Mata von Chelsea gehört dazu, und der englische Nationalspier Leighton Baines vom FC Everton ist ein großer Fan von »Velvet Underground« und »Mercury Rev«.

Und wenn man von Musik absieht?
Natürlich finde ich interessant, wenn Spieler offensichtlich anders sind.
   
Wie Mario Balotelli?
Interessante Frage. Ich habe eine Radio-Dokumentation über ihn gemacht. Was dabei herauskam, passt nicht zum Medienbild des verwöhnten Kindes, das sich schlecht benimmt. Seine ehemalige Lehrerin in Mailand hat mir erzählt, dass er mit 14 zum ersten Mal in den Schulferien nach Brasilien gefahren ist, um benachteiligten Kindern zu helfen. Welcher 14-Jährige kommt auf so eine Idee? Für mich ist Balotelli auf eine Weise ganz anders, die ich nicht kenne. Es geht ihm bestimmt nicht allein um Geld und Ruhm.

Sind viele Spieler, die wir als »Rebellen« bezeichnen, eher radikale Hedonisten?
Ja, deshalb konnte ich auch nie Cantona lieben.

Aber teilt er nicht Ihre kulturellen Vorlieben?
Mag sein, aber ich weiß nicht, wie tief seine Interessen wirklich sind.

Vielleicht ist er einfach ein Exzentriker.
Ich glaube, das trifft es.

War es nicht auch exzentrisch von Ihnen, dass Sie als Fan von Celtic Glasgow zu Hibernian Edinburgh konvertiert sind?
Überhaupt nicht, das hatte politische Gründe. Ich konnte diese widerlichen Sprechchöre gegen Protestanten nicht mehr hören. Weil das bei Celtic vor zehn, elf Jahren nicht richtig angegangen wurde, habe ich mich abgewandt.

Und dann haben Sie sich die Hibs ausgesucht?
Mein Sohn wollte damals zum Fußball, der Klub ist bei uns in der Nähe, sie haben auch grün-weiße Trikots und der erste Besuch war toll. Als die ersten Fans kamen, führten sie sofort eine aufgeregte Debatte über die Stärken und Schwächen von David Bowie, Lou Reed und Iggy Pop. Da dachte ich: Hier bin ich zu Hause. Seitdem habe ich eine Jahreskarte.

Hört sich einfach an.
Es ist tatsächlich einfach. Ich habe auch eine vielleicht etwas ungewöhnliche Meinung zur Kommerzialisierung des Fußballs. Wenn du die Nase von deinem Klub voll hast, weil es nur noch ums Geschäft geht, wenn du die Liebe nicht mehr spürst und auch nicht glaubst, dass sie jemals zurückkommen wird, musst du deinen Verein nicht dafür hassen. Such dir eine neue Liebe, es gibt bestimmt einen netten Fußballklub in deiner Nähe! Bei mir hat es auch geklappt.

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