07.07.2013

Antiheld Pat Nevin über Fußball und Kultur

»Nachtklubs? Ich ging lieber ins Theater!«

Als Antiheld gefeiert, spielte Pat Nevin in den Achtziger-Jahren für den FC Chelsea und FC Everton. Für unsere Spezialausgabe »Die Rebellen des Fußballs« sprachen wir mit ihm über Konzerte der Cocteau Twins, Eric Cantona und die Kommerzialisierung des geliebten Sports.

Interview: Christoph Biermann Bild: Bulls Press

Woher kamen die für einen Fußballprofi ungewöhnlichen Interessen?
Ich bin in Easterhouse aufgewachsen, der damals härtesten Gegend in Glasgow und vermutlich in ganz Europa. Mein Vater war Arbeiter bei der Bahn, aber von uns sechs Geschwistern bin ich der einzige, der keinen ordentlichen Studienabschluss hat. Meine Eltern haben auf unsere Ausbildung sehr viel Wert gelegt. Deshalb wurde es auch unterstützt, dass ich viel gelesen und mich für Musik und Filme interessiert habe. Außerdem hatte ich einen unüblichen Karriereverlauf. Ich hatte zwar mit 13 angefangen, bei Celtic zu spielen, aber mit 16 wurde ich wieder weggeschickt, weil ich ihnen zu klein war.

Was wahrscheinlich ein Schock war.
Nein, das war schon in Ordnung. Ich bin als Fan weiter ins Stadion gegangen, vor allem aber zum College. Fußball habe ich nebenbei in einer Jugendmannschaft gespielt, wo etliche Spieler waren, die bei den großen Klubs aussortiert worden waren. Deshalb wurde oft bei uns gescoutet. Irgendwann wollte mich der FC Clyde, aber ich wollte nicht.

Warum?
Ich hatte nicht diesen verzweifelten Drang, Profi zu werden, sondern wollte meine Abschlüsse machen. Ich habe mich mit Kunst beschäftigt, viel gelesen, Musik gehört und samstags Celtic geschaut. Alles passte.

Angenommen haben Sie dann aber doch.
Aber nur, weil ich weiter zum College gehen dufte. Deshalb habe ich nach einem Jahr auch das erste Angebot von Chelsea abgelehnt. Ein Jahr später kamen sie noch mal, und dann habe ich zugesagt. Ich habe mir quasi ein Sabbatical vom Studium gegeben und wollte das Profileben einfach ausprobieren.

Sie waren damals 19, welche Rolle haben Sie bei Chelsea gespielt?
Ich war immer totaler Außenseiter. Meine Mitspieler waren nur am Fußball interessiert und haben keine meiner Interessen geteilt. Ich habe mir im Theater Tschechow angeschaut, meine Kollegen sind in Nachtklubs gegangen.

Klingt wie die Begegnung fremder Welten.
Absolut, ich bin zwischen der Fußballwelt und der richtigen gependelt. Ich wollte Fußball spielen, weil ich das wirklich aus ganzem Herzen liebte, und danach das machen, wofür ich mich sonst interessierte.

Und Ihre Kollegen haben Sie Weirdo genannt, Spinner.
Das war nett gemeint. Geholfen hat mir wahrscheinlich, dass es sportlich gut lief. Ich war gleich Stammspieler und im zweiten Jahr »Spieler des Jahres«. Außerdem hatte ich kein Problem damit, Außenseiter zu sein. Mein Vater war auch anders als alle anderen Väter in Easterhouse. Von ihm habe ich gelernt, dass man seine Überzeugungen verteidigen muss.

War das nötig?
Wir hatten in meiner ersten Saison, im Frühjahr 1984, ein Spiel bei Crystal Palace, bei dem mein Mitspieler Paul Canoville von unseren Fans ausgebuht wurde, weil er schwarz war. Ich hatte damals das einzige Tor geschossen, und als die Journalisten zu mir kamen, habe ich gesagt: »Ich habe keine Lust, etwas zum Spiel zu sagen, weil ich das Verhalten unserer Fans so widerlich finde.« Damals hatte im Fußball noch niemand das Problem öffentlich angesprochen. Daher wusste ich, dass meine Äußerungen in den Schlagzeilen sein würden.

Waren Sie mutig?
Das war nicht die Frage. Ich war überzeugter Sozialist, ich war auf Protestmärschen gegen die Apartheid in Südafrika gewesen. Ich konnte gar nicht anders.

Wie fielen die Reaktionen aus?
Unser Trainer John Neal war besorgt, weil er mich schützen wollte. Unser Vorsitzender Ken Bates war wütend, weil so ein kleiner Schnösel in der Presse für Wirbel sorgte.

Und die Fans?
Im nächsten Heimspiel sind Kerry Dixon, der andere Publikumsliebling, und ich zusammen mit Paul auf den Platz gelaufen. Ich bin kein sonderlich emotionaler Typ, aber als die Zuschauer dann Pauls Namen gerufen haben, standen mir Tränen in den Augen. Ich hatte das Gefühl: Man kann doch etwas ändern!

War es für einen Außenseiter wie Sie schwer, Freunde im Fußball zu finden?
Damit wir uns nicht missverstehen: Ich habe viele meiner ehemaligen Mannschaftskameraden gemocht und freue mich heute noch, wenn ich sie treffe. Aber es verbindet mich mit wenigen wirklich etwas. Einer ist Brian McClair, der lange bei Manchester United war. Als wir uns das erste Mal beim schottischen Juniorenteam trafen, steckte uns der Trainer ins gleiche Zimmer. Anfangs haben wir nicht miteinander gesprochen. Ich dachte, dass er halt einer dieser Fußballer ist, und er hat vermutlich dasselbe gedacht. Dann habe ich den »New Musical Express« ausgepackt und er den »Melody Maker«, da war das Eis gebrochen.
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