Anti-Doping-Forscher Perikles Simon über Doping im Fußball

Messi an der Grenze zum Doping?

Die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) beging jüngst ihr zehnjähriges Jubiläum. Doch ist das wirklich ein Anlass zum Feiern? Wir sprachen mit dem unabhängigen Anti-Doping-Forscher Prof. Dr. Dr.

Perikles Simon, die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) beging jüngst ihr zehnjähriges Jubiläum. Hatte sie denn wirklich etwas zu feiern?
Die NADA ist eine notwendige Institution, aber eine Gratulation würde ich von erfolgreicher Arbeit abhängig machen – da habe ich jedoch so meine Bedenken.

Erfolgreiche Arbeit kann bei einer Anti-Doping-Agentur nur genügend nachgewiesene Doping-Fälle bedeuten. Hat die NADA zu wenig Sünder erwischt?
Vielleicht hat die NADA auch eine ganz andere Zielsetzung. Die ehemalige kommissarische Geschäftsführerin Anja Berninger sagte im Sportausschuss des Bundestages sinngemäß einmal: »Wir müssen auch darauf achten, dass es im internationalen Vergleich fair zugeht!«

Also ist die Bekämpfung von Doping gar nicht das Primärziel der NADA?
Nach derartigen Aussagen scheint das jedenfalls fragwürdig. Wenn Chancengleichheit deutscher Athleten und weltweit faire Verteilung von Doping tatsächlich ein Ziel der NADA ist, dann hat sie ihre Arbeit exzellent gemacht: Deutsche Sportler werden von der NADA so gut wie überhaupt nicht des Dopings überführt.

Wie ist es um Doping-Bekämpfung im Fußball bestellt? Ist das Anti-Doping-Mantra »Erwischt werden nur die Dummen!« auch im Fußball gültig?
Unbedingt, im Fußball gilt das eigentlich erst recht. Bundesligaspieler wissen, wann und wie häufig Kontrollen stattfinden. Außerdem ist es unrealistisch, während einer Verletzung oder im Urlaub kontrolliert zu werden. Wenn man genügend Informationen hat, dürfte es sogar ziemlich leicht sein, in der Bundesliga zu dopen.

Das klingt nicht gerade so, als wäre der Fußball der saubere Sport, zu dem er oft stilisiert wird.
Trotz der gegebenen Doping-Möglichkeiten ist die Bundesliga kein Hochrisikobereich. Der befindet sich meistens in der Weltspitze. In der Bundesliga sprechen wir von bis zu 600 Spielern, die auf einem hohen nationalen Niveau spielen – der Weg zur Weltspitze ist weit. Der überwiegende Teil dieser Spieler dopt meines Erachtens nach nicht.

Welche Substanzen würden sich für einen Fußballspieler überhaupt für Doping anbieten?
Für Fußballer kämen wahrscheinlich Doping mit Cortison, Testosteron, Insulin und Wachstumshormonen in Frage. Vor allem in englischen Wochen könnte man sich so Wettbewerbsvorteile verschaffen.

Lionel Messi, der beste Fußballer der Welt, hatte in der Jugend ein Problem mit Kleinwüchsigkeit. Dem wurde mit dem Wachstumshormon Somatropin Abhilfe geschaffen. Ist das nicht auch Doping?
Dieses Wachstumshormon steht tatsächlich auf der Liste der im Sport verbotenen Substanzen. Allerdings handelte es sich hier wahrscheinlich um eine medizinische Verabreichung. Dafür braucht man im Leistungssport eine Ausnahmegenehmigung.

Öffnen solche Ausnahmeregelungen nicht Missbräuchen Tür und Tor?
Ginge es nach mir, würden Ausnahmeregelungen komplett verboten. Chronische Behandlungen verändern einfach die körperlichen Voraussetzungen für den Leistungssport. Wenn jemand nicht groß genug ist, spielt er nie in der NBA – Ein Talent für eine Sportart sollte nicht auf der Basis einer medizinischen Behandlung entstehen. Im Prinzip ist das eine Wettbewerbsverzerrung, die bei immer besseren Medizinischen Behandlungsoptionen auch immer extremer wird. Ich akzeptiere generell keine Sportler, die für Leistungssport chronische Einnahmen von Testosteron, Cortison und Wachstumshormonen brauchen. Diese Personen haben in vielen Disziplinen und vor allem auch im Training einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber Gesunden.

Das heißt, Sie würden sagen, dass der mehrfache Weltfußballer Messi wegen chronischen Dopings gesperrt werden müsste.
Ja, vielleicht. Allerdings ist das meine persönliche Extremposition. Natürlich ist Messi auch ein Ausnahmefall, weil er derartige Mittel für sein Körperwachstum benötigte und die Behandlung in der Vergangenheit liegt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist natürlich etwas komplett anderes als Doping im laufenden Wettbewerb mit Hilfe von Ausnahmegenehmigungen. Die Statuten sind da milder als ich und erlauben Ausnahmen, die zudem anonym sind.
Aber ist medizinisches Doping nicht in Ordnung angesichts eines genetischen Defektes wie der Kleinwüchsigkeit?
Lassen Sie mich an einem Beispiel erklären, warum das nicht so einfach ist: Jemand, der sich wegen Hodenkrebs einen Hoden amputieren lassen musste, kann mit einer Ausnahmeregelung dazu befugt sein, sich Testosteron zu spritzen. Ein Spieler mit einer solchen Ausnahmeregelung hat in englischen Wochen klare Vorteile. Für mich ist das Wettbewerbsverzerrung. Nach Aussagen einiger Beobachter der Szene ist die Anzahl der beantragten Ausnamegenehmigungen für Testosteron in den letzten Jahren stark angestiegen.

In der Historie der deutschen Nationalmannschaft kam es mehrfach zum Doping-Verdacht. Der prominenteste Fall rankt sich um die Weltmeister von 1954. Wie sehen Sie das?
Beim »Wunder von Bern« kann man vor allem den DFB wegen der mangelnden Aufarbeitung der Dopingvorwürfe kritisieren. Viele Spieler haben sich damals vermutlich durch die Benutzung derselben Spritze mit einem Hepatitis-Virus infiziert. Dass dort Mittel verabreicht wurden, ist mehr als wahrscheinlich.

Einzelne Nationalspieler der WM-Mannschaft von 1966 sollen Ephedrin-Doping betrieben haben. Auch in diesem Fall stach der DFB nicht gerade durch Offenheit im Umgang mit den Vorfällen hervor.
Der DFB sollte eher auf Transparenz setzen, anstatt Fakten zurück zu halten, weil man der Meinung ist, man könne diese nicht adäquat vermitteln. Dieser Kurs ist ein Armutszeugnis des DFB und funktioniert auf lange Sicht ohnehin nicht. Offen mit derartigen Problemen umzugehen, würde im Kampf gegen Doping helfen, die Spieler schützen und den Verband vor einem Ende mit Schrecken bewahren.

Sporthistoriker forderten eine Öffnung der DFB-Archive. Der DFB verlangte im Gegenzug Verschwiegenheitserklärungen. Diese verweigerten die Forscher. Gibt es etwas zu verbergen?
Gerade dann sollte das Archiv geöffnet werden. Man kann die Vorfälle von der WM 1954 und der WM 1966 vor dem historischen Kontext ein Stück weit relativieren: In den sechziger und siebziger Jahren benutzten viele Sportler anabole Steroide wie Nahrungsergänzungsmittel. Sie taten das ohne jegliches Unrechtsbewusstsein. Bis Mitte der siebziger Jahre gab es nicht einmal Kontrollen und 1954 kamen viele Mittel noch aus der Militärmedizin.

Aus der Militärmedizin?
Im Zweiten Weltkrieg wurden bestimmte Substanzen verabreicht, um die Soldaten über ihre körperlichen Grenzen hinaus belasten zu können. Piloten, mussten für ihre Bombeneinsätze mit Aufputschmittel wach gehalten werden. Ausgezehrte Soldaten wurden mit Testosteron wieder aufgepäppelt. Mediziner hatten vor allem in der Endphase des Krieges wenig Hemmungen, Dopingmittel zu verabreichen. Dieses Wissen ist ohne jegliches Schuldbewusstsein in den Nachkriegssport geschwappt. (Pervitin oder auch N-Methamphetamin, dessen Verwendung bei der Nationalmannschaft von 1954 vermutet wird, ist heute besser bekannt als »Crystal Meth« und wurde von großen Teilen der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg zur Leistungssteigerung und Dämpfung des Angstgefühls unter den Spitznamen »Panzerschokolade« oder »Hermann-Göring-Tabletten« eingenommen, d. Red.)

Warum sind die Mediziner nach dem Krieg zum Fußball gegangen?
Diese Mediziner sind in Friedenszeiten unter anderem dahin gegangen, wo auch weiterhin Menschen körperlichen Extrembedingungen ausgesetzt waren: Im Spitzensport. Rücksicht auf mögliche Spätfolgen bei Sportlern nahmen diese ehemaligen Militärmediziner dabei nicht.

Nehmen Spieler Gesundheitsschädigungen nicht billigend in Kauf?
Spitzensport ist kein Kinderfasching: Es gibt soziologische Studien, die tatsächlich belegen, dass 30 Prozent aller Sportler bereit wären, für einen WM-Titel zu dopen. Der Anti-Doping-Kampf im Fußball sollte vor allem Spieler vor den gesundheitlichen Folgen schützen.

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Erklärung zur neuen Fassung des Interviews: Wir legen unseren Interviewpartnern die geführten Interviews jedes Mal zur Autorisierung vor. Leider ergaben sich dieses Mal technische Probleme, so dass für uns Änderungen oder Streichungen, die Herr Perikles vorgenommen hat, nicht ersichtlich waren.
Wir möchten allerdings darauf hinweisen, dass unser Redakteur sich keine Passagen oder Aussagen ausgedacht hat. Bei der Überschrift kann man indes drüber streiten, ob man die so hätte veröffentlichen müssen. Wir haben uns mit Herrn Perikles auf diese zweite Fassung und eine neue Überschrift geeinigt.

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