06.12.2010

Anti-Doping-Forscher Perikles Simon über Doping im Fußball

Messi an der Grenze zum Doping?

Die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) beging jüngst ihr zehnjähriges Jubiläum. Doch ist das wirklich ein Anlass zum Feiern? Wir sprachen mit dem unabhängigen Anti-Doping-Forscher Prof. Dr. Dr. Perikles Simon über unerlaubte Mittel im Fußball, Fehlverhalten des DFB und die historischen Wurzeln des Dopings.

Interview: Gareth Joswig Bild: Imago

Perikles Simon, die Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) beging jüngst ihr zehnjähriges Jubiläum. Hatte sie denn wirklich etwas zu feiern?
Die NADA ist eine notwendige Institution, aber eine Gratulation würde ich von erfolgreicher Arbeit abhängig machen – da habe ich jedoch so meine Bedenken.

Erfolgreiche Arbeit kann bei einer Anti-Doping-Agentur nur genügend nachgewiesene Doping-Fälle bedeuten. Hat die NADA zu wenig Sünder erwischt?
Vielleicht hat die NADA auch eine ganz andere Zielsetzung. Die ehemalige kommissarische Geschäftsführerin Anja Berninger sagte im Sportausschuss des Bundestages sinngemäß einmal: »Wir müssen auch darauf achten, dass es im internationalen Vergleich fair zugeht!«

Also ist die Bekämpfung von Doping gar nicht das Primärziel der NADA?
Nach derartigen Aussagen scheint das jedenfalls fragwürdig. Wenn Chancengleichheit deutscher Athleten und weltweit faire Verteilung von Doping tatsächlich ein Ziel der NADA ist, dann hat sie ihre Arbeit exzellent gemacht: Deutsche Sportler werden von der NADA so gut wie überhaupt nicht des Dopings überführt.

Wie ist es um Doping-Bekämpfung im Fußball bestellt? Ist das Anti-Doping-Mantra »Erwischt werden nur die Dummen!« auch im Fußball gültig?
Unbedingt, im Fußball gilt das eigentlich erst recht. Bundesligaspieler wissen, wann und wie häufig Kontrollen stattfinden. Außerdem ist es unrealistisch, während einer Verletzung oder im Urlaub kontrolliert zu werden. Wenn man genügend Informationen hat, dürfte es sogar ziemlich leicht sein, in der Bundesliga zu dopen.

Das klingt nicht gerade so, als wäre der Fußball der saubere Sport, zu dem er oft stilisiert wird.
Trotz der gegebenen Doping-Möglichkeiten ist die Bundesliga kein Hochrisikobereich. Der befindet sich meistens in der Weltspitze. In der Bundesliga sprechen wir von bis zu 600 Spielern, die auf einem hohen nationalen Niveau spielen – der Weg zur Weltspitze ist weit. Der überwiegende Teil dieser Spieler dopt meines Erachtens nach nicht.

Welche Substanzen würden sich für einen Fußballspieler überhaupt für Doping anbieten?
Für Fußballer kämen wahrscheinlich Doping mit Cortison, Testosteron, Insulin und Wachstumshormonen in Frage. Vor allem in englischen Wochen könnte man sich so Wettbewerbsvorteile verschaffen.

Lionel Messi, der beste Fußballer der Welt, hatte in der Jugend ein Problem mit Kleinwüchsigkeit. Dem wurde mit dem Wachstumshormon Somatropin Abhilfe geschaffen. Ist das nicht auch Doping?
Dieses Wachstumshormon steht tatsächlich auf der Liste der im Sport verbotenen Substanzen. Allerdings handelte es sich hier wahrscheinlich um eine medizinische Verabreichung. Dafür braucht man im Leistungssport eine Ausnahmegenehmigung.

Öffnen solche Ausnahmeregelungen nicht Missbräuchen Tür und Tor?
Ginge es nach mir, würden Ausnahmeregelungen komplett verboten. Chronische Behandlungen verändern einfach die körperlichen Voraussetzungen für den Leistungssport. Wenn jemand nicht groß genug ist, spielt er nie in der NBA – Ein Talent für eine Sportart sollte nicht auf der Basis einer medizinischen Behandlung entstehen. Im Prinzip ist das eine Wettbewerbsverzerrung, die bei immer besseren Medizinischen Behandlungsoptionen auch immer extremer wird. Ich akzeptiere generell keine Sportler, die für Leistungssport chronische Einnahmen von Testosteron, Cortison und Wachstumshormonen brauchen. Diese Personen haben in vielen Disziplinen und vor allem auch im Training einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber Gesunden.

Das heißt, Sie würden sagen, dass der mehrfache Weltfußballer Messi wegen chronischen Dopings gesperrt werden müsste.
Ja, vielleicht. Allerdings ist das meine persönliche Extremposition. Natürlich ist Messi auch ein Ausnahmefall, weil er derartige Mittel für sein Körperwachstum benötigte und die Behandlung in der Vergangenheit liegt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist natürlich etwas komplett anderes als Doping im laufenden Wettbewerb mit Hilfe von Ausnahmegenehmigungen. Die Statuten sind da milder als ich und erlauben Ausnahmen, die zudem anonym sind.

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