30.01.2010

Anthony Baffoe über Ghana

»Die Jungs glauben an sich«

Ghana steht im Finale des Afrika-Cups- Wir sprachen mit Teammanager Anthony Baffoe über die Chancen gegen die starken Ägypter, die Sicherheitslage in Angola und die Erkenntnisse für DFB-Scout Urs Siegenthaler. 

Interview: Moses März Bild: Imago
Anthony Baffoe über Ghana
Kein Michael Essien, kein Suley Muntari, kein John Mensah und doch steht die ghanaische Mannschaft heute im Finale gegen Ägypten. Was macht ihre Stärke aus, Herr Baffoe?

Bei der Niederlage gegen die Elfenbeinküste standen wir meiner Meinung nach viel zu offen. Der Trainer hat dann die Taktik geändert und auf Spieler gesetzt, die eine gewisse Erfahrung von der Weltmeisterschaft oder dem Afrika-Cup haben. Wie Hans Sarpei, Asamoah Gyan (24, Stades Rennes) und Eric Addo (31, Roda Kerkrade). Er hat auf ein 4-2-3-1 umgestellt mit Kwadwo Asamoah (21, Udinese) in der Kreativabteilung und Asamoah Gyan im Sturm, der zur Zeit in einer super Verfassung ist.



Zwei entscheidende Tore im Viertel- und im Halbfinale, woher kommt die plötzliche Leistungssteigerung von Asamoah Gyan? In Ghana wollte er 2008 noch während des Turniers seine Koffer packen und nach Hause fliegen, weil ihn die eigenen Fans beleidigten

Asamoah Gyan ist durch eine schwierige Phase gegangen, und er ist da gut durchgekommen. Jeder Fußballspieler erlebt so etwas, ich hab das selbst oft erlebt. Von der Qualität her ist er ein sehr guter Spieler, das hat er auch schon bei der WM in Deutschland gezeigt. Es war sehr wichtig für uns, dass er in Form gekommen ist.

Trotzdem: Hätte sich Nationalmannschafts-Scout Urs Siegenthaler die Anreise sparen können, weil in fünf Monaten eine ganz andere Mannschaft auf dem Platz steht?

(lacht) Ich glaube, es hat sich gelohnt, die Jungs spielen zu sehen. Der Großteil der Mannschaft wird auch in Südafrika dabei sein. Wer dann spielt kann man noch nicht voraussehen, aber wir haben junge, talentierte Spieler mit dem Potential es in die internationale Klasse zu schaffen. Beispielsweise Jonathan Mensah (19 Jahre, Grenada), einer der Innenverteidiger der Zukunft, und Dominic Adiyiah (20, AC Mailand) hat hier auch noch nicht alles gezeigt. Wir müssen jetzt darauf warten, wie die Weiterentwicklung dieser Spieler verläuft. Isaac Vorsah steht bei uns mittlerweile wie ein Fels in der Verteidigung. Wenn die ganzen Spieler wie er jetzt mehr internationale Erfahrung sammeln hilft uns das als Ghana, und es tut dem ganzen Kontinent gut. Das Turnier hier war ein Worst Case Scenario für uns, und ich glaube, dass wir gestärkt aus der ganzen Sache heraus kommen. Wir freuen uns auf das Spiel gegen Deutschland, aber Angst haben wir keine. Auch wenn sich Urs Siegenthaler viele Notizen gemacht hat.

Welchen Einfluss hat der Ausfall von Superstar Michael Essien im zweiten Vorrundenspiel gegen Burkina Faso auf die Stimmung in der Mannschaft gehabt?

Michael Essien ist ein Weltklassespieler. Er gehört für mich zu den besten zehn Spieler der Welt, ganz klar. Aber wie haben natürlich auch andere Spieler, die auf einem sehr hohen Niveau spielen und ausgefallen sind. Suley Muntari, Steven Appiah, John Mensah etc. Aber ich glaube schon, dass ein Ruck durch die Mannschaft gegangen ist, als Michael nach London zurückfliegen musste. Jetzt wollen sie es allen zeigen. Als ich aus Lubango ins Mannschaftshotel gereist bin und mit den Spielern gesprochen habe, habe ich gemerkt, dass sie nicht übertrieben selbstbewusst waren, aber an sich glauben. 

Von der Tribüne haben die Spieler gegen Angola teilweise einen sehr abgeklärten Eindruck gemacht. Woher kommt die Ruhe, etwa von dem Titelgewinn bei der U-20 WM?

Die jungen Spieler wissen, wie es geht, ins Finale zu kommen. Und diese aufreizende Lässigkeit, das liegt im Naturell. Es ist nicht immer so lässig wie es ausschaut, aber man braucht diese Lässigkeit um sich zu konzentrieren. Das fängt ja schon damit an, dass die Spieler zusammen im Bus singen – was sie in Deutschland nie machen würden. Asamoah Gyan ist dann der Leader. Der fängt an, Instrumente zu spielen, zu singen, das liegt einfach in unserem Naturell, und das kann uns auch keiner nehmen.

Für welchen Stil steht Ihr Trainer serbischer Milovan Rajevac?

Für mich ist ein Trainer immer gut, wenn er erstmal die Schwachstellen des Gegners erkennt. Und dann dementsprechend reagiert, ob das nun offensiv ist oder defensiv. Für mich heißt es nicht, dass wenn du mit einer Spitze zwangsläufig defensiv spielst, es gibt ja auch offensive Mittelfeldspieler, die torgefährlich sind. Aber darauf kommt es mir an, dass er überhaupt eine Taktik hat 

Was macht er besser als sein Vorgänger Claude Le Roy?

Ich mache eigentlich keine Vergleiche. Aber der Unterschied ist zunächst, dass Claude Le Roy zu Hause im Halbfinale ausgeschieden ist und Milovan in Angola im Finale steht. Claude Le Roy ist ein Afrika-Kenner, was mir an Milovan Racevanec gefällt ist seine Ruhe. Er kommt gut mit den Spielern klar und tauscht sich mit den erfahrenen Spielern aus. Ich habe persönlich einen sehr guten Kontakt zu ihm.

Waren Sie an seiner Verpflichtung beteiligt?

Nein, ich sag es ganz ehrlich, ich bin für afrikanische Trainer. Ich finde, dass es Zeit ist, dass mehr Ex-Spieler ins Geschehen eingreifen, die auch eine Internationale Erfahrung haben. Ich bin wirklich froh, dass Otto Addo Assistenztrainer der U-19 war und jetzt die U-17 übernimmt beim HSV, dass Ibrahim Tanko Assistenztrainer von Volker Finke ist, dass Charles Akonor eine Mannschaft in Ghana trainiert und wir einige von der 90er-Generation haben, die ins Trainergeschäft einsteigen. Ich bin einer der Gründer der Professional Footballers Association of Ghana und einer, der voll hinter dieser Vision für Afrika steht. Da ist es für mich sehr wichtig, dass mehr afrikanische Trainer mehr afrikanische Mannschaften trainieren. Außer Milovan Rajovac sind im Halbfinale nur afrikanische Trainer gewesen. Das ist ein positiver Trend, denn wir unterstützen müssen.

[page]In Europa sind die Spieler aus Ländern südlich der Sahara die Stars – wie kommt es, dass sich beim Afrika-Cup trotzdem regelmäßig die nordafrikanischen Teams durchsetzen? Drogba und Eto’o waren schon lange zu Hause, als Ägypten im Halbfinale auf Algerien traf.

Ich glaube, dass ist nur in den letzten Jahren so gewesen. Vor allem durch die starken Ägypter. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kamerun zwischenzeitlich eine starke Dominanz hatte, auch Ghana und Nigeria hatten sehr starke Zeiten. Ich glaube das wechselt immer wieder. Wo wir im südlichen Afrika, glaube ich, stärker sind, ist, dass Nordafrikaner nicht so gerne den Kontinent verlassen. 

Hat es evtl. etwas damit zu tun, dass die ägyptische Liga besser bezahlt?

Ich glaube die Spieler in den südlicheren Ländern wollen sich einfach mehr mit den Besten messen. Michael Essien sagt sich »I want to play where Kanouté is, I want to be where Drogba is and where Adebayor is«, das ist halt so, das kannst du nicht ändern.

Den Nordafrikanern ist es nicht so wichtig, sich regelmäßig mit den Besten zu messen?

Aboutrika von Ägypten ist ein Superspieler, eine lebende Legende in Afrika. Aber er scheint kulturelle Gründe zu haben, nicht nach Europa zu wechseln. Auch, wenn ich Tunesien und Marokko sehe, schielen die eher nach Frankreich als nach England, weil ihnen das Umfeld näher ist. 

Urs Siegenthaler bemerkte jüngst, in Angola werde nun »wieder sehr afrikanisch gespielt«. Die Mannschaften agierten »mit viel Wucht, mit enorm großer Verbissenheit, mit beeindruckender Hingabe und Dynamik«. Wie sind Ihre Beobachtungen?

Ich kann damit nichts anfangen. Für mich ist das ein sinnloses Generalisieren, das besonders Europäer gerne machen. Was ist afrikanisch? Ich glaube, für Europäer ist das, wenn jemand den Ball nimmt drei, vier Spieler umdribbelt, dann vor der Torlinie anhält, eine Pirouette dreht, sich auf den Ball stellt und dann einen Beinschuss macht, um das Ding rein zu machen. Man muss doch generell umdenken, dass der afrikanische Kontinent nicht nur in Sachen Sport auf dem Weg nach vorne ist. Jeder hat eine andere Lebensweise, einen anderen Flair. Wenn ich jetzt Köln mit anderen Städten in Deutschland vergleiche, da hat man auch eine Lässigkeit: Leben und Leben lassen »et het noch imma jut jejange«. Aber ich glaube, bei uns sind wir jetzt strukturell besser aufgestellt. Wir wollen uns auch mit Deutschland messen, mit Brasilien und Spanien.

Was antworten sie den ewigen Kritikern, die alle zwei Jahre Verletzungen und überspielte Stars beim Afrika-Cup bemängeln. Sollte man in WM-Jahren künftig auf den Afrika-Cup verzichten und ihn nur noch im selben Jahr wie die EM austragen? 

Den Afrika Cup gibt es seit eh und je. Ich glaube nicht, dass man daran irgendetwas ändern kann und wird. Das ist unsere interne Weltmeisterschaft für Afrika. Lasst uns doch entscheiden, was wir machen wollen!

Welche Bedeutung hat der Afrika-Cup für die beteiligten Spiele
r?

Es ist für alle Spieler eine große Ehre, für Afrika zu spielen. Wir müssen auch daran denken, dass es viele Spieler gibt, die in ihren Vereinen nicht immer erste Wahl sind und durch ihre Teilnahme beim Afrika-Cup bessere Clubs bekommen. Darum geht es auch. Wir haben ja nicht nur den Afrika-Cup sondern auch den CHAN (ein Afrika-Cup, an dem nur Spieler aus afrikanischen Ligen für ihre Länder spielen, d. Red.) seit diesem Jahr. Da gab es viele Spieler, die Probleme in ihren Clubs hatten und nach Afrika zurückkamen, um sich über die lokalen Nationalteams profilieren zu können. Zusätzlich ist es für die Spieler in den lokalen Ligen auch wichtig, ihre Nationalhymne zu hören, zu wissen: »Ich repräsentiere mein Land«. 

Der Afrika-Cup 2010 im Vergleich zu Ghana 2008. Was ist gut, schlecht gelaufen?

Da gibt es eine Regelung zwischen CAF und mir. Wir haben ein Organisationskomitee, das über Organisatorisches sprechen darf, ich nicht. Ich spreche nicht über Schiedsrichter und ich spreche nicht über die Organisation. Kann ich nicht machen. Es geht für mich nur um Fußball, um das Spielerische. Dafür bin ich hier.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von der Tragödie in Cabinda erfahren haben?

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich sehr traurig darüber bin. Vor allem für die Spieler. Aber ich kann absolut nicht verstehen, wie die Welt reagiert hat. Als ob sie alle nicht wollen, dass die WM in Afrika stattfindet. Ich fand die Intervention von Danny Jordan gerade sehr sehr wichtig ([Der Präsident des südafrikanischen WM-Organisationskomitees hatte gerade davon gesprochen, dass die Vorbereitungen vor allem ein Kampf zwischen Wahrnehmung und Realität sei, d. Red.) und auch wie der CAF-Präsident Issa Hayatou reagiert hat. Als in Spanien eine Bombe hochging, gab es in Athen trotzdem die Olympischen Spiele, 1972 wurden sie trotz des Terroranschlags fortgesetzt und ähnlich 1996 in Atlanta. In London ist auch eine Bombe hochgegangen, aber man spricht nicht darüber, dass sie sich nicht um die Weltmeisterschaft bewerben dürfen. Angola hat überhaupt keine Grenze mit Südafrika. Und ich finde es wirklich schlimm, dass die Menschen immer alles negativ in Afrika sehen wollen. Für
mich sind die Worte von Sepp Blatter einfach fantastisch. Als man ihn gefragt hat, ob es einen Plan B für Südafrika gebe, hat er einfach geantwortet »Plan A ist Südafrika, Plan B ist Südafrika und Plan C ist Südafrika«.

Angola und Südafrika in einen Topf zu stecken, grenzt das an Rassismus?

Für mich ist Rassismus an letzter Stelle, ich musste das am eigenen Leib erfahren. Für mich ist Rassismus auch das Vorurteil, immer noch nicht an Afrika zu glauben können. Und irgendwie denkt man immer noch, dass wir primitiv sind.


Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden