11.06.2012

Andrij Schewtschenko über Ukraines EM-Chancen

»Mit Ordnung und Disziplin geht alles«

Andrij Schewtschenko ist 35 Jahre alt und noch immer der Star der ukrainischen Nationalelf. Bei seinem letzten großen Turnier vertraut er auf den Ehrgeiz seiner jungen Kollegen und die Weisheiten von Trainerfuchs Waleri Lobanowski

Interview: Jonathan Wilson

Andrij Schewtschenko, Sie sind 35 Jahre alt und spielen immer noch, wie viel hat das mit der Europameisterschaft im eigenen Land zu tun?

Die Vergabe des Turniers an die Ukraine hat meine Karriere auf jeden Fall verlängert. Ich freue mich seit fünf Jahren darauf und habe mich entsprechend vorbereitet. Immerhin ist es meine erste EM und wohl auch das letzte große Highlight meiner Karriere.


War es auch richtig, dass Sie im September 2009 zu Dynamo Kiew zurückgekehrt sind?

Ich denke, ja. Mir war immer klar, dass ich irgendwann zurückkehren würde, wo für mich alles angefangen hat. Die Zeit, in der ich Balljunge bei den Spielen von Dynamo war und die Tore meines Idols und unseres heutigen Nationaltrainers Oleg Blochin bejubelt habe, werde ich nie vergessen.


Haben Sie als Jugendlicher auch mal mit dem Gedanken gespielt, später zur Armee zu gehen, immerhin war Ihr Vater Offizier in einem Panzerregiment?

Wäre es nach ihm gegangen, hätte ich Karriere in der Armee gemacht. Und nachdem ich die Aufnahmeprüfung der Sportuniversität nicht geschafft hatte...


...wie bitte, Sie sind an der Sportuniversität nicht zugelassen worden, das ist doch wohl ein Witz?

Nein, das ist wirklich wahr. Ich bin in der Aufnahmeprüfung sogar an den Fußballübungen gescheitert. Bei einigen habe ich mich ganz gut geschlagen, bei anderen eher weniger, doch insgesamt hat es nicht gereicht. Trotzdem habe ich zwei Monate später einen Vertrag bei Dynamo bekommen. Und nachdem ich ein Jahr später den Sprung in die erste Mannschaft geschafft hatte, wurde ich sogar ohne Prüfungen zur Universität zugelassen.


Aber zwischendurch stand eine Armeekarriere im Raum?

Ja, nach der verpatzten Prüfung habe ich mich mit meinem Vater über meine Zukunft unterhalten und ihn gebeten, mir Zeit zu geben, mich selber für einen Beruf zu entscheiden. Wäre abzusehen gewesen, dass es für eine Profikarriere nicht reicht, dann würde ich heute wohl Uniform tragen.


Als Sie zehn Jahre alt waren, hatte es so ausgesehen, dass Sie vielleicht nie mehrFußball spielen würden. Denn 1986 mussten Sie nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl Ihre Familie verlassen.

Das stimmt, obwohl wir in Kiew davon nicht direkt betroffen waren. Überhaupt wusste niemand so recht, was vorgefallen war, weil sich die Behörden bedeckt hielten. Aber für mich und für Tausende anderer Kinder aus der Region um Kiew bedeutete es, sofort an die Schwarzmeerküste verfrachtet zu werden. Ich war damals erst kurz zuvor in die Jugendakademie von Dynamo aufgenommen worden und musste meine Ausbildung für drei Monate unterbrechen. Aber ehrlich gesagt, zu diesem Zeitpunkt hat sowieso niemand in meiner Familie an Fußball gedacht. Als ich dann nach Kiew zurückkam, hat mich mein erster Trainer bei Dynamo, Olexander Schpakow, ausfindig gemacht und meine Eltern dazu überredet, dass ich meine Ausbildung fortsetze. Für diese Hartnäckigkeit und Fürsorge bin ich ihm heute noch dankbar.


Hatten Sie mal daran gedacht, sich einem anderen Sport zuzuwenden?

Als Kind habe ich alle möglichen Sportarten betrieben, darunter Boxen, Ringen und Eishockey. Aufgrund dessen war ich schon immer sehr athletisch. Ich denke überhaupt, dass es sinnvoll ist, sich als Kind nicht auf einen einzigen Sport zu konzentrieren, sondern sich vielfältig zu betätigen und etwa auch Turnen oder Kraftsport auszuüben. Dadurch wird eine harmonische Entwicklung gefördert.


Als 14-Jähriger waren Sie bester Torschütze bei einem Jugendturnier in Wales und haben dafür ein Paar Fußballschuhe bekommen. Es heißt, Sie bewahren die immer noch auf.

Nein, ich selber nicht. Aber meine Mutter hütet sie zu Hause wie einen Schatz. Das macht sie übrigens mit allen Trophäen, die ich gewonnen habe. Die Dinger sind inzwischen ziemlich abgenutzt. Das Turnier trug übrigens den Namen von Ian Rush, der während seiner Zeit beim FC Liverpool ein beliebter Spieler bei uns in der Ukraine war. Mein Idol war aber ohne jeden Zweifel Oleg Blochin. Außerdem mochte ich Johan Cruyff, Franz Beckenbauer, Diego Maradona und Marco van Basten.


Drei Jahre nach diesem Jugendturnier haben Sie bereits für Dynamos erste Mannschaft gespielt. Wie schwierig war es, schon als 17-Jähriger für den größten Klub des Landes zu spielen?

Am schwierigsten waren für mich die langwierigen Trainingslager. Körperlich war ich zwar wie gesagt bestens entwickelt, aber das harte Training unter Lobanowski hat mir schon einiges abverlangt. Nach und nach habe ich mach aber daran gewöhnt, Lobanowski wusste immer genau, was er tat. Bei Dynamo habe ich so auch acht Kilo Muskelmasse zugelegt.


Mussten Sie für Ihre Karriere viel Verzicht leisten?

Überhaupt nicht. Wie fast jeder Teenager habe ich hin und wieder eine geraucht. Aber als ich in die erste Mannschaft berufen wurde, habe ich umgehend damit aufgehört. Ich wurde bei Dynamo körperlich dermaßen beansprucht, dass an Zigaretten und Alkohol überhaupt nicht zu denken war.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden