Andreas Wolf im Interview

„Es klemmt irgendwo“

Für die Nürnberger ist es ein Gewaltmarsch bis zur Form der letzten Saison. Mit weiten Wegen kennt sich Andreas Wolf aus: Er kam einst aus Tadschikistan nach Deutschland. Wir sprachen mit ihm über Aufbrüche, Erfolge, Krisen und die Wege hinaus. Imago

Herr Wolf, nach einer fulminanten letzten Saison rangiert der Club derzeit nur auf dem 17. Platz. Was ist passiert?

Wenn wir das wüssten... Wir haben die Spiele ja angenommen, oft auch dominiert und teilweise große Chancen heraus gespielt.

[ad]

War die Euphorie vor der Saison vielleicht zu groß?


Das glaube ich nicht. Wir haben uns ganz realistisch eingeschätzt und haben nie gesagt, dass wir oben mitspielen wollen. Momentan haben wir mit Javier Pinola und Robert Vittek zwei verletzte Spieler, die großen Anteil an der guten letzten Saison hatten. Außerdem müssen sich unsere Neuverpflichtungen auch erstmal mit dem System und der Spielart des Clubs arrangieren.

Läuft auswärts wenig, geht zu Hause momentan gar nichts. Das letzte Bundesliga-Heimspiel gewannen Sie am 14. April 2007 gegen Alemannia Aachen.

Das stimmt, in einer solchen Situation befanden wir uns unter Hans Meyer noch nie. Die Fans wurden in der letzten Saison ja richtiggehend verwöhnt von uns. Wir verloren nur zwei Heimspiele, eines gegen Werder und eines gegen den HSV, als längst klar war, dass wir im UEFA-Cup spielen. Doch gab es damals schon Anzeichen, dass es irgendwo klemmt. Im Pokalfinale gegen Stuttgart konnten wir die Probleme noch kompensieren. Aber seitdem ziehen sich die Fehler wie ein roter Faden durch unsere Spiele. Vielleicht fehlt es auch ein wenig am Glück, so wie im letzten Heimspiel gegen Leverkusen. Und das Glück, das müssen wir uns zurück erkämpfen.

Bräuchte der FCN in der jetzigen Situation also zehn kämpfende Typen der Marke Andreas Wolf?

Ich glaube kaum. Es ist sicherlich richtig, dass wir gerade jetzt über den Kampf ins Spiel finden müssen, so wie wir es letztes Jahr gemacht haben. Da ist jeder für den anderen gerannt. Doch braucht es in einer Mannschaft immer auch Spieler wie Tomas Galasek oder Zvjezdan Misimovic. Spieler, die die Bälle verteilen, die das Auge für den tödlichen Pass haben.

Dennoch vertreten Sie die Meinung, dass Fußball vor allem eines ist: Kampf. Sie haben mittlerweile eine eigene T-Shirt-Kollektion, deren Slogan „Blut und Schweiß“ eine bestimmte Spielweise impliziert.

Fußball ist nun mal kein Schachspiel. Fußball ist ein Körperkontaktspiel. Und deshalb muss man auch mal dahin gehen, wo es wehtut. Man muss austeilen können, genauso wie man einstecken muss.

Der Slogan kann aber auch andere Assoziationen wecken...

Richtig, und deswegen verkaufe ich die Shirts nicht mehr. Oftmals wurde der Spruch falsch ausgelegt, viele meinten, er wäre zu „deutsch“. Und damit will ich nichts zu tun haben. Der Slogan sollte eigentlich verdeutlichen, dass man durch harte und ehrliche Arbeit zum Erfolg kommen kann.

Sie genießen bei den Clubfans fast Kultstatus. Denken Sie, dass die plötzliche Popularität mit Ihrer kompromisslosen Spielweise – viele nennen Sie einen Spieler der alten Schule – zusammenhängt?

Bin ich etwa der letzte Straßenfußballer? Nun, es gab ja stets die Kritiker, die meinten, dass ich keinen geraden Ball spielen könne, doch die sind seit der letzten Saison verstummt. Ich habe ja auch Spiele, in denen ich durchs Mittelfeld gehe und den entscheidenden Pass spiele. Und wenn im Spiel mal nichts klappt, dann versuche ich wenigstens zu kämpfen.

Und das mögen die Fans...

Auch. Sicher, solche Spieler sind sehr beliebt. Man braucht in der Mannschaft immer Spieler, die dazwischen hauen, die die anderen mitziehen. Aber es muss immer auch welche geben, die das Spiel gestalten. Ich denke aber, die Fans honorieren vor allem meinen Werdegang. Ich komme aus der eigenen Jugend und habe mich nach oben gearbeitet. Zudem hatte ich schon vor meiner Profizeit viel Kontakt zu den Fans, einige kenne ich seit vielen Jahren persönlich. Und dann kommt natürlich noch die gesamte letzte Saison dazu, mit dem Pokalsieg und dem 6. Platz in der Bundesliga.

Standen Sie denn früher selbst in der Kurve?


Nein, in der Fankurve stand ich nicht. Ich bin aber gelegentlich ins Stadion gegangen und war immer schon Clubfan. Die Fans kenne ich auch aus Schulzeiten, vom Weggehen und aus den Jugendmannschaften.

Oftmals stehen Sie schon nach wenigen Minuten an der Schwelle zu Rot. Ermahnt Hans Meyer Sie gelegentlich, Ihr Spiel umzustellen?

Nein, niemals. Mich zeichnet ja gerade dieses kompromisslose Spiel aus. Ich gehe halt dazwischen und bin in der letzten Saison immer durchgekommen. Ich habe 14 gelbe Karten bekommen, glaube aber, dass ich nie wirklich rot-gefährdet gewesen bin. Ich denke auch, dass heute viel zu schnell die gelbe Karte gezückt wird. Natürlich müssen Fouls, bei denen Verletzungsgefahr besteht, hart bestraft werden - da diskutiere ich gar nicht drüber. Aber man muss auch mal Fingerspitzengefühl zeigen. Von den 14 Karten hätte ich mir selbst nur sechs oder sieben gegeben.

Nehmen Sie es überhaupt wahr, wenn Hans Meyer Ihnen etwas während des Spiels zuruft?

Selten, es ist natürlich sehr laut, und man konzentriert sich sehr auf das eigene Spiel. Wenn ich nicht gerade an der Linie vorbeilaufe...

...sehen Sie Hans Meyer nur wild mit den Händen herumfuchteln?


Genau, und dann weiß ich, dass ich was falsch gemacht habe (lacht).

Gibt es denn eine Seite, die die Bundesliga bisher von Andreas Wolf nicht kennt und die Hans Meyer unterbindet? Wie sieht es denn mit einem Übersteiger aus?

Einen Übersteiger bekomme ich wohl auch noch hin (lacht). Aber wenn man als letzter Mann so etwas macht, ist man lebensmüde.

Blicken Sie dennoch mitunter etwas neidisch auf Abwehrspieler wie Lucio oder Kompany, die etliche Freiheiten im Spiel nach vorne genießen?

Jeder Spieler hat seinen eigenen Stil. Meiner ist es, im Kampf den Ball zu erobern, Lucios ist es, das Spiel anzutreiben. In der jetzigen Situation wären solche Vorstöße im Spiel eh absurd.

Wird die Situation in der Mannschaft auch nach den Spielen, etwa abends in der Kneipe, diskutiert?

Ja klar, man trifft sich auch mal privat und diskutiert Fehler und Probleme. Momentan ist es etwas schwierig, da wir noch in allen drei Wettbewerben spielen. Gedanken machen wir uns natürlich immer noch, beim Auslaufen oder nach dem Spiel in der Kabine.

Wird der Trainer dann richtig laut?


Natürlich ärgert er sich. Und im ersten Moment wird er dann vielleicht auch etwas lauter. Doch er bleibt eigentlich stets sachlich und analysiert. Er weiß genauso wie wir, dass es keinen Sinn macht, auf den Spieler, der am Boden liegt, noch einmal drauf zu treten.

Verstehen Sie Hans Meyer?

Ja, natürlich. Zu Journalisten ist er doch ein bisschen anders als zu uns. Im Gespräch mit den Spielern bringt er die Sachen auf den Punkt. Und er nimmt sich auch mal den einen oder anderen Spieler zur Seite und fragt, wenn es nicht läuft, nach privaten Problemen,

In der letzten Saison war die Sportpresse vollen Lobes für Sie. Nach dem Spiel gegen den FC Bayern gab es im „kicker“ die Note 5. Machen Sie sich eigentlich Gedanken, wenn die Presse negativ über Sie schreibt?

Überhaupt nicht. Ich lese kaum Zeitungen, weder Sport- noch Tageszeitungen. Da steht eh selten etwas Gescheites drin. Ich kann mich außerdem ganz gut selbst einschätzen. Die Journalisten, die Noten vergeben, haben ja stets eine radikal subjektive Sichtweise.

Sprechen Sie denn nach den Spielen auch mit Leuten, die nichts mit dem FCN zu tun haben?

Ja, ich rede mit meiner Freundin oder auch mit meinem Vater, der mir stets gute Tipps geben kann. Aber oft habe ich nicht mehr die Kraft, mich nur über Fußball unterhalten. So bin ich froh, dass ich auch viele Freunde habe, mit denen ich mich über andere Dinge unterhalten kann.

Sie sind also nicht der Typ, bei dem täglich die Premiere-Box läuft?

Nein, absolut nicht. Natürlich interessiert es mich, wer bei Real Madrid gegen Werder Bremen gewinnt oder wie sich Stuttgart gegen Barcelona schlägt. Aber ich schaue mir nicht alle Spiele eines jeden Bundesligaspieltags an, allerhöchstens mal unseren nächsten Gegner.

Dann gucken Sie ein Spiel wie Real Madrid gegen Werder Bremen eher aus einer Art Fanperspektive?

Ja, bei solchen Spielen bin ich Fan. Und wenn eine deutsche Mannschaft spielt, drücke ich immer der die Daumen. Da ist es vollkommen egal, wer gerade spielt. Aber wahrscheinlich habe ich zuletzt die Daumen nicht stark genug gedrückt (lacht).

Sie spielen nun auch erstmals international. Was denken Sie über die Gruppe des 1. FC Nürnberg?

Ich finde die Gruppe sehr interessant. Und ich denke, dass wir nicht ganz chancenlos sind. Der einzige Wermutstropfen ist das Spiel gegen den FC Everton...

Weil Sie nicht auswärts im Goodison Park spielen?


Ja, es ist seit jeher ein Traum von mir, mal in England zu spielen.

Mit dem FCN oder als Spieler in der Premier League?

Beides. Wenn es mit dem FCN so weitergeht wie bisher, kann ich mir vorstellen, noch viele Jahre hier zu bleiben. Ich bin ja auch ein recht heimatverbundener Typ und sehe daher momentan keine Gründe zu wechseln. Doch irgendwann, wer weiß... Ich würde schon gerne mal in der Premier League spielen, für längere Zeit nach England gehen, eine neue Kultur kennen lernen. Außerdem glaube ich, dass meine Spielweise der englischen recht ähnlich ist.

Apropos Heimatverbundenheit: Sie spielten in Ihrer Jugend in Ansbach, seit 1997 beim 1. FC Nürnberg und haben dort einen Vertrag bis 2011. Zudem haben Sie den Spitznamen „Seidla“, fränkisch für den halben Liter Bier. Was hat es denn damit auf sich?


Der Name wurde mir am Anfang meiner Karriere gegeben. Wegen so ein paar dummer Zwischenfälle. Wegen meiner Lebensart damals... Den habe ich nun, das macht mir nichts.

Ihre Lebensart war nicht bundesligakompatibel?

Nein. Ich habe seinerzeit noch bei den Amateuren gespielt und wurde aufgrund einiger Ausfälle unverhofft in den Profikader berufen. Ich saß dann bei dem Bundesligaspiel 90 Minuten auf der Bank, und wir verloren auch noch. Doch ich war überglücklich, einzig, weil ich mal dabei war. So habe ich abends ordentlich gefeiert, ein paar Bier haben wir natürlich auch getrunken – zum absolut falschesten Zeitpunkt. Tja, und am nächsten Tag habe ich nicht so trainiert, wie ich sollte. Alle wussten Bescheid, ich bekam Ärger mit Klaus Augenthaler – und der Zeugwart verpasste mir den Namen „Seidla“.

Ihre Kindheit verbrachten Sie aber nicht in Franken, sondern in Tadschikistan. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Es war immer schön warm.

Und sonst?

Ich habe dort sehr viele Freiheiten gehabt. Wir lebten in Palas, einem sehr kleinen Dorf, dort hat sich jeder gekannt. Der Zusammenhalt war viel größer als hier.

Haben Sie damals schon Fußball gespielt?

Ja, auf der Straße, mit Verwandten. Da haben wir fast jeden Tag gespielt. Und mein Vater spielte damals in der zweiten sowjetischen Liga.

Es gibt also eine Fußballtradition in Ihrer Familie.

Ja. Auch mein Onkel hat ziemlich gut gespielt, mein Cousin ebenfalls. Wir sind gewissermaßen eine Fußballfamilie. Und ich hatte bislang das meiste Glück. (lacht)

Im Alter von acht Jahren kamen Sie nach Deutschland und lernten eine komplett neue Kultur kennen. Wie waren die ersten Jahre für Sie?

Meine Vorfahren sind ja alle aus Deutschland. Von daher war es wie die Rückkehr in eine alte Heimat. Und ich denke eh, dass man eine solche Umstellung als Kind etwas schneller verarbeitet. Ich habe zwar viele Freunde zurückgelassen, und im ersten Moment war das natürlich nicht einfach. Aber meine Eltern mussten viel mehr aufgeben als ich. In Deutschland hatte ich dann keinerlei Probleme, mich zu integrieren. Fußball hat mir dabei sehr geholfen, um Kontakte zu knüpfen.

Hatten Sie in Deutschland zunächst andere Pläne, oder war da immer der Traum, eines Tages als Fußballprofi ins Frankenstadion einzulaufen?


Nein, für mich gab es immer nur Fußball. Zwischendurch habe ich zwar auch andere Sportarten ausprobiert, zum Beispiel Tennis. Aber ich bin am Fußball hängen geblieben.

In Tadschikistan wären Sie mit großer Wahrscheinlichkeit Nationalspieler, wenn nicht gar der Star der Mannschaft. Sie haben sich dennoch entschieden, für Deutschland zu spielen. Warum?

Ich bin nun seit siebzehn Jahren in Deutschland. Ich bin hier groß geworden und fühle mich als Deutscher. Es stand daher nie zur Debatte, dass ich für Russland oder Tadschikistan spiele.

Der tadschikische Verband ist nie auf Sie zugetreten?

Nein. Ehrlich gesagt, habe ich bis vor kurzem gar nicht gewusst, dass es dort eine Nationalmannschaft gibt.

Sie haben in verschiedenen Jugendnationalmannschaften für Deutschland gespielt. Bis heute warten Sie dennoch auf eine Nominierung für den A-Kader.


Oh, das ist ein brisantes Thema. Na klar, wenn man über eine gewisse Zeit seine Leistung bringt, dann wünscht man sich nichts sehnlicher, als für die Nationalmannschaft zu spielen. Es wäre jedenfalls eine sehr große Ehre für mich. Doch kann ich mich auch weiterhin nur über meine Leistungen und nicht durchs Quatschen empfehlen.

Denken Sie, dass Sie eine realere Chance auf eine Nominierung hätten, wenn Sie bei einem anderen Verein spielten?

Natürlich ist es einfacher, wenn man als Stammspieler von Schalke 04, Bayer Leverkusen oder Bayern München wöchentlich im Mittelpunkt des Interesses steht. Man hat aber in der Vergangenheit auch gesehen, dass Spieler von kleineren Vereinen nominiert wurden, etwa ein Manuel Friedrich von Mainz 05.

Gab es denn überhaupt mal Kontakt zu Jogi Löw?

Ja, beim Pokalfinale – als er mir bei der Siegerehrung die Hand gereicht hat.

------------

„Meyer, du wirst sterben!“ – Nürnbergs Coach im Interview www.11freunde.de/bundesligen/104420 .

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!