08.11.2009

Andreas Thom über Ost und West

»Besondere Voraussetzungen«

Andreas Thom wechselte als erster DDR-Star nach dem Mauerfall in den Westen und trat damit eine Transferwelle auf dem Fußball-Markt los. Der Angreifer über geflüchtete Mitspieler, Erich Mielke und Spielzeugeisenbahnen.

Interview: Alex Raack Bild: Imago
Andreas Thom über Ost und West
Erich Mielke hatte Sie, Torjäger und außergewöhnlich talentierten Jungfußballer, als seinen »Ziehsohn« adaptiert. Standen Sie dadurch unter besonderem Druck?

Ach, das hat mich doch nicht interessiert, ob ich als »Ziehsohn« von Mielke dargestellt wurde, oder nicht. Ich habe versucht guten Fußball zu spielen. Das war mir viel wichtiger, als irgendwelche Dinge, die da hinein interpretiert worden.

War das nicht schwierig Politik und Fußball zu trennen?


Ich habe beim BFC Fußball gespielt und nichts anderes. Logisch wussten wir, wusste ich von den Randerscheinungen in der DDR, aber ich sag Ihnen ganz ehrlich: Ich habe mich nicht dafür interessiert. Man könnte meine Zeit beim BFC auch so zusammenfassen: Fußball spielen unter besonderen Voraussetzungen.

Bereits 1988 sollen Sie gesagt haben: »Ein Wechsel in die Bundesliga würde mich reizen.« Gab es dafür denn keinen Maulkorb?


Sicherlich werden sich einige deswegen geschüttelt haben. Sie wissen ja wo ich damals gespielt habe. Nach dieser Aussage stand ich mit Sicherheit »unter besonderer Beobachtung«.

Haben Sie eigentlich jemals Einsicht in Ihre Stasi-Akten verlangt?


Nein. Weil ich glaube, dass da sicherlich nicht wenig drin stehen würde. Wer weiß, was ich darin alles lesen muss. (zögert) Das Ganze ist jetzt 20 Jahre her und weiß nicht, ob das noch notwendig ist, wenn ich mir das antue.

Ihr Wechsel nach Leverkusen soll auch deshalb so zügig geklappt haben, weil Reiner Calmund Ihnen eine Spielzeugeisenbahn für die Kinder geschickt haben soll…

Haben sie das Buch von Reiner Calmund („fußballbekloppt!“, d. Red.) gelesen?

Nein.


Er sucht die Eisenbahn und ich suche sie heute auch noch! (lacht) Vielleicht kommt sie ja irgendwann noch mal.

Sie waren der erste namhafte Fußballer, der nach der Wende in den Westen gewechselt ist. Für die Presse waren Sie ein begehrtes Thema, Ihr Transfer hat Wellen geschlagen. Wie haben Sie das damals verarbeitet?


Für mich war das alles ja auch ein Abenteuer. Ein wenig ungewohnt war das schon, aber in Leverkusen bin ich sehr gut aufgenommen worden. Ein halbes Jahr später kam Ulf Kirsten, später noch einige andere ehemalige Kollegen aus der ehemaligen DDR. Zusammen haben wir eine gute Mischung abgegeben. Eine erfolgreiche Mischung. Siehe Pokalsieg 1993. Einfach war es am Anfang nicht, aber ich hatte nicht wirkliche Anlaufschwierigkeiten. Auf und neben dem Platz hatte ich mich bald zu Recht gefunden.

Bei Ihrem Debüt im ersten Spiel einer gesamtdeutschen Mannschaft gegen die Schweiz gelang Ihnen kurz nach der Einwechslung für Matthias Sammer in der 75. Minute das 3:0. Ein historisches Tor. Später machten Sie nur noch neun Spiele und erzielten ein weiteres Tor. Was lief schief in der DFB-Karriere?

Das müssen mir andere sagen. Sicherlich hätten es ein paar mehr Spiele sein können, aber hätte, wenn und aber: Es war nicht so.

Wurmt es Sie nicht trotzdem niemals an einer Weltmeisterschaft teilgenommen zu haben?


Sie sprechen die WM 1994 an. Im Vorfeld war es ja so, dass man mal versucht hat Ulf und mich zusammen in der Nationalmannschaft stürmen zu lassen. Gegen die Vereinigten Arabischen Emirate. Wir haben auch 2:0 gewonnen, aber es war nicht unbedingt mein bestes Spiel. (Thom wurde nach 59 Minuten ausgewechselt, d. Red.) Den Sprung in den 94er-Kader habe ich damit verpasst. Dafür war ich 1992 im EM-Kader und bin Vize-Europameister geworden.

Mit immerhin einem Einsatz.


Ganz genau. Im Finale gegen Dänemark. Da war das Spiel allerdings schon gelaufen. (Thom kam in der 81. Minute beim Stand von 0:2 für Stefan Effenberg, d. Red.).

1994/95 gab es unter Dragoslav Stepanovic den großen Bruch bei Bayer. Kirsten ist geblieben. Sie sind zu Celtic Glasgow gewechselt. Was waren die Gründe für die Trennung?


Dass ich eine neue Herausforderung gesucht habe. Ich wollte nach meiner Karriere immer mal sagen können, bei verschiedenen interessanten Vereinen gespielt zu haben. Dann kam das Angebot von Celtic und ich bin nach Glasgow gegangen.

Vor dem Wechsel hat man Sie folgendermaßen zitiert: »In Glasgow bin ich ein Mann ohne Vergangenheit.« Hatte der Wechsel nicht auch mehr Gründe als nur eine neue Herausforderung?


Als ich ging, war Stepanovic ja schon weg, und Erich Ribbeck da. Es war ungewiss, ob ich unter Ribbeck dauerhaft bei Bayer zum Einsatz würde kommen. In der Zeitung las ich, dass Celtic angeblich an mir interessiert sei. Zu diesem Zeitpunkt war ich 29 und war bereit den Schritt ins Auslang wagen.

Im »Old Firm Derby« gegen die Rangers, gelang Ihnen dann wunderschönes Fernschusstor erzielen. Können Sie sich daran noch erinnern?

Aber sicher! 3:3 ist das Spiel damals ausgegangen. Eine Woche vor dem Derby wird im Training nur noch darüber gesprochen, dann gibt es kein anderes Thema mehr. Die Rangers waren uns damals individuell überlegen, und ausgerechnet in diesem Spiel zu treffen war einfach eine geile Sache! Das war kein alltägliches Tor. 30 Meter und der Ball rauschte wie ein Strich durch die Luft. Zu dem Zeitpunkt habe ich gar nicht gewusst, dass ich so hart schießen konnte. So ein Tor vergisst man nicht.

20 Jahre nach der Wende – Ihr persönliches Karriere-Fazit?

Ich würde alles wieder genau so machen.
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