Andreas Thom über Ost und West

»Besondere Voraussetzungen«

Andreas Thom wechselte als erster DDR-Star nach dem Mauerfall in den Westen und trat damit eine Transferwelle auf dem Fußball-Markt los. Der Angreifer über geflüchtete Mitspieler, Erich Mielke und Spielzeugeisenbahnen. Andreas Thom über Ost und West
Heft#96 11/2009
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96

Andreas Thom, Franz Beckenbauer behauptet: Andreas Thom war das größte deutsche Fußballtalent der neunziger Jahre…

(unterbricht)
Tatsächlich?

Tatsächlich. Wie gut waren Sie denn nun wirklich?

Wie gut ich wirklich war? Das vermögen andere besser zu beurteilen, aber ich denke, ich war ein ganz ordentlicher Fußballer.

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1974 sollen Sie bei einem Hallenturnier entdeckt worden sein…


Richtig, in Ostberlin. Damals habe ich noch für meinen Heimatverein, die TSG Herzfelde gespielt. Der Kontakt zum BFC Dynamo kam über den Vater eines Mitspielers, Frank Rohde, zu Stande. Der hatte mich spielen sehen, wollte mich haben und mit neun Jahren war ich dann beim BFC in Berlin.

Wie muss man sich das vorstellen?

Zunächst habe ich ja weiter in Herzfelde gewohnt. Zwei-, dreimal die Woche bin ich unter großen Entbehrungen – gerade was meine Eltern betraf - zum Training nach Berlin gefahren. Mit Bus und Bahn. Zwei Stunden Fahrt. Spätabends nach Hause, ab in die Kiste und am nächsten morgen in die Schule.

Unter welchen Bedingungen haben Sie in Berlin trainiert?


Zunächst noch ganz normal in Jugend-Mannschaften, wo man uns das Fußball-ABC beigebracht hat. Mit zwölf Jahren war ich bei einem zentralen Sichtungslehrgang. Damals war es üblich, dass alle talentierten Spieler dieses Jahrgangs aus dem Einzugsgebiet nach Berlin eingeladen worden. Quasi zum Probetraining. Als einer der wenigen wurde ich da ausgesucht und bin schließlich auf die Kinder- und Jugendsportschule gekommen. Schule und Fußball kombiniert, so wie es heute auch wieder üblich ist. Von da an habe ich in Berlin gewohnt.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit?

Wir hatten eine sehr gute Ausbildung mit hoch qualifizierten Trainern. Nach der zehnten Klasse wurde erneut sondiert. Je nach Talent wurde man dann zu den Vereinen delegiert. In der DDR wurde ja nicht transferiert, sondern delegiert. Wer nicht den Ansprüchen der Trainer gewachsen war, ist zu seinem Heimatverein zurückgekehrt. Ich bin nicht durchs Raster gefallen und spielte weiter für den BFC.

Und Ihr Debüt im Seniorenbereich…


…habe ich mit 18 gegeben. Oberliga-Spiel Carl Zeiss Jena gegen BFC Dynamo Berlin und Andreas Thom mit auf dem Platz.

Wenig später durften Sie Ihr erstes Europacup-Spiel machen. Das internationale Debüt 1983 hatte allerdings einen pikanten Hintergrund.


Kurz vor dem Auswärtsspiel gegen Partizan Belgrad haben sich Falko Götz und Dirk Schlegel abgesetzt. Das ergab dann eine neue Konstellation. Auf der Bank saßen nur noch drei Ersatzspieler plus Torwart, der sich dann auch noch als Feldspieler umziehen musste. Kurz vor dem Anpfiff kam der Trainer zu mir und sagte: ´Thom, du spielst!´ Mensch, ich war ein junger Kerl, 18 Jahre alt mit gerade einmal fünf Minuten Oberliga-Erfahrung! Das war ja keine einfache Kiste, auswärts in Belgrad vor 55.000 Zuschauern. Das Hinspiel in Berlin hatten wir mit 2:0 gewonnen. Logisch war ich aufgeregt, aber es hat schließlich geklappt. Wir kamen eine Runde weiter, aber alles drehte sich natürlich nur um die beiden, die auf dem Rückflug nicht mehr mit in der Maschine saßen.

Wie sehr wurde dieses Thema innerhalb der Mannschaft diskutiert?


Kar wurden ein paar Äußerungen dazu gemacht, warum die beiden nicht mehr da waren. Die sind ja mittags, wenige Stunden vor dem Spiel, verschwunden, in jeder Hinsicht eine heikle Sache. Aber wir wussten, dass die nicht mehr wieder kommen und haben versucht uns auf den Gegner zu konzentrieren.

Schon ein Jahr später waren Sie Nationalspieler und als Nachwuchsstar in der DDR gefeiert. Wie sehr hat sich Ihr Leben damals verändert?


Erheblich. Fußball war ja auch in der DDR die Sportart Nummer eins. Ich konnte mit Fußball mein Geld verdienen, habe nebenbei noch das Abitur gemacht und im Sommer 1989 angefangen Sportpädagogik zu studieren. Mein Leben hatte sich geändert. Als die Mauer gefallen war, musste ich mich entscheiden: Bleibe ich beim BFC in Berlin oder gehe ich zu Bayer Leverkusen. Ich habe mich dann für Leverkusen entschieden. Wäre die Mauer nicht gefallen: Ich hätte mein Studium beendet und wäre irgendwann auch in die Trainerschiene gerutscht. Das war immer mein Ziel.

Zwei Pokalsiege, fünf Meistertitel: Mit dem BFC haben Sie in der DDR alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Und trotzdem das Siege, ohne Popularität. Auf den Rängen sang man »Schiebermeister BFC«. Wie haben Sie das auf dem Platz mitbekommen?

Sehr intensiv. So etwas geht ja nicht spurlos an dir vorbei, zumal ich auch noch ein sehr junger Spieler war. Aufgrund dieser Antipathie dem Verein gegenüber durfte bei uns nie Stillstand sein, wir konnten es uns nicht erlauben auch mal nur mit halber Kraft zu spielen. Der BFC war in der DDR verhasst ohne Ende. Wir hatten dadurch auch den Anspruch immer etwas Besonderes auf dem Platz zu zeigen, wollten guten und gleichzeitig erfolgreichen Fußball spielen.  

Dem BFC, Lieblingsklub von Stasi-Chef Mielke, wurde vorgeworfen, jahrelang Schiedsrichter bestochen und Spiele verschoben zu haben, um die Meisterschaft zu gewinnen…


Sicherlich waren einige Schiedsrichter-Entscheidungen dabei, die nicht sauber waren. Aber: man doch nicht fünfmal hintereinander Meister durch Fehlentscheidungen der Schiedsrichter! Ein bisschen Arbeit und ein bisschen Klasse steckt dann auch dahinter…

Erich Mielke hatte Sie, Torjäger und außergewöhnlich talentierten Jungfußballer, als seinen »Ziehsohn« adaptiert. Standen Sie dadurch unter besonderem Druck?

Ach, das hat mich doch nicht interessiert, ob ich als »Ziehsohn« von Mielke dargestellt wurde, oder nicht. Ich habe versucht guten Fußball zu spielen. Das war mir viel wichtiger, als irgendwelche Dinge, die da hinein interpretiert worden.

War das nicht schwierig Politik und Fußball zu trennen?


Ich habe beim BFC Fußball gespielt und nichts anderes. Logisch wussten wir, wusste ich von den Randerscheinungen in der DDR, aber ich sag Ihnen ganz ehrlich: Ich habe mich nicht dafür interessiert. Man könnte meine Zeit beim BFC auch so zusammenfassen: Fußball spielen unter besonderen Voraussetzungen.

Bereits 1988 sollen Sie gesagt haben: »Ein Wechsel in die Bundesliga würde mich reizen.« Gab es dafür denn keinen Maulkorb?


Sicherlich werden sich einige deswegen geschüttelt haben. Sie wissen ja wo ich damals gespielt habe. Nach dieser Aussage stand ich mit Sicherheit »unter besonderer Beobachtung«.

Haben Sie eigentlich jemals Einsicht in Ihre Stasi-Akten verlangt?


Nein. Weil ich glaube, dass da sicherlich nicht wenig drin stehen würde. Wer weiß, was ich darin alles lesen muss. (zögert) Das Ganze ist jetzt 20 Jahre her und weiß nicht, ob das noch notwendig ist, wenn ich mir das antue.

Ihr Wechsel nach Leverkusen soll auch deshalb so zügig geklappt haben, weil Reiner Calmund Ihnen eine Spielzeugeisenbahn für die Kinder geschickt haben soll…

Haben sie das Buch von Reiner Calmund („fußballbekloppt!“, d. Red.) gelesen?

Nein.


Er sucht die Eisenbahn und ich suche sie heute auch noch! (lacht) Vielleicht kommt sie ja irgendwann noch mal.

Sie waren der erste namhafte Fußballer, der nach der Wende in den Westen gewechselt ist. Für die Presse waren Sie ein begehrtes Thema, Ihr Transfer hat Wellen geschlagen. Wie haben Sie das damals verarbeitet?


Für mich war das alles ja auch ein Abenteuer. Ein wenig ungewohnt war das schon, aber in Leverkusen bin ich sehr gut aufgenommen worden. Ein halbes Jahr später kam Ulf Kirsten, später noch einige andere ehemalige Kollegen aus der ehemaligen DDR. Zusammen haben wir eine gute Mischung abgegeben. Eine erfolgreiche Mischung. Siehe Pokalsieg 1993. Einfach war es am Anfang nicht, aber ich hatte nicht wirkliche Anlaufschwierigkeiten. Auf und neben dem Platz hatte ich mich bald zu Recht gefunden.

Bei Ihrem Debüt im ersten Spiel einer gesamtdeutschen Mannschaft gegen die Schweiz gelang Ihnen kurz nach der Einwechslung für Matthias Sammer in der 75. Minute das 3:0. Ein historisches Tor. Später machten Sie nur noch neun Spiele und erzielten ein weiteres Tor. Was lief schief in der DFB-Karriere?

Das müssen mir andere sagen. Sicherlich hätten es ein paar mehr Spiele sein können, aber hätte, wenn und aber: Es war nicht so.

Wurmt es Sie nicht trotzdem niemals an einer Weltmeisterschaft teilgenommen zu haben?


Sie sprechen die WM 1994 an. Im Vorfeld war es ja so, dass man mal versucht hat Ulf und mich zusammen in der Nationalmannschaft stürmen zu lassen. Gegen die Vereinigten Arabischen Emirate. Wir haben auch 2:0 gewonnen, aber es war nicht unbedingt mein bestes Spiel. (Thom wurde nach 59 Minuten ausgewechselt, d. Red.) Den Sprung in den 94er-Kader habe ich damit verpasst. Dafür war ich 1992 im EM-Kader und bin Vize-Europameister geworden.

Mit immerhin einem Einsatz.


Ganz genau. Im Finale gegen Dänemark. Da war das Spiel allerdings schon gelaufen. (Thom kam in der 81. Minute beim Stand von 0:2 für Stefan Effenberg, d. Red.).

1994/95 gab es unter Dragoslav Stepanovic den großen Bruch bei Bayer. Kirsten ist geblieben. Sie sind zu Celtic Glasgow gewechselt. Was waren die Gründe für die Trennung?


Dass ich eine neue Herausforderung gesucht habe. Ich wollte nach meiner Karriere immer mal sagen können, bei verschiedenen interessanten Vereinen gespielt zu haben. Dann kam das Angebot von Celtic und ich bin nach Glasgow gegangen.

Vor dem Wechsel hat man Sie folgendermaßen zitiert: »In Glasgow bin ich ein Mann ohne Vergangenheit.« Hatte der Wechsel nicht auch mehr Gründe als nur eine neue Herausforderung?


Als ich ging, war Stepanovic ja schon weg, und Erich Ribbeck da. Es war ungewiss, ob ich unter Ribbeck dauerhaft bei Bayer zum Einsatz würde kommen. In der Zeitung las ich, dass Celtic angeblich an mir interessiert sei. Zu diesem Zeitpunkt war ich 29 und war bereit den Schritt ins Auslang wagen.

Im »Old Firm Derby« gegen die Rangers, gelang Ihnen dann wunderschönes Fernschusstor erzielen. Können Sie sich daran noch erinnern?

Aber sicher! 3:3 ist das Spiel damals ausgegangen. Eine Woche vor dem Derby wird im Training nur noch darüber gesprochen, dann gibt es kein anderes Thema mehr. Die Rangers waren uns damals individuell überlegen, und ausgerechnet in diesem Spiel zu treffen war einfach eine geile Sache! Das war kein alltägliches Tor. 30 Meter und der Ball rauschte wie ein Strich durch die Luft. Zu dem Zeitpunkt habe ich gar nicht gewusst, dass ich so hart schießen konnte. So ein Tor vergisst man nicht.

20 Jahre nach der Wende – Ihr persönliches Karriere-Fazit?

Ich würde alles wieder genau so machen.

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