Andreas Rettig über die richtige Mischung

»Wir halten uns an Dr. Oetker«

Der Erfolg von Relegationsteilnehmer FC Augsburg hat viele Väter. Einer heißt Andreas Rettig. Wir sprachen mit dem Manager der Zweitliga-Überraschung über Schneebesen aus Holland, Elektroautos und zehn Millionen Euro Gewinn. Andreas Rettig über die richtige Mischung

Andreas Rettig, schon aufgeregt?

Meine Füße liegen auf dem Tisch und ich freue mich über Ihren Anruf. Im Ernst: Je näher das Anpfiff rückt, desto höher wird mein Blutdruck.

In Augsburg erzählt man sich, Sie würden sich wie ein kleines Kind über wach geküsste Leidenschaft der Stadt mit dem FCA freuen. Ist das die schönste Entwicklung der Saison 2009/10?

Mit Sicherheit. Aber die Identifikation der Augsburger mit Ihrem Verein ist ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Sie können Fansein nicht per Knopfdruck verordnen. Zur Erinnerung: Wir sind erst seit vier Jahren wieder im Profifußball, davor war der Klub 23 Jahre lang in der Versenkung verschwunden. Uns ist also eine ganze Generation an Fans weggebrochen. Die wieder nach und nach in unser Stadion zu locken, ist unsere Aufgabe. Aber es stimmt schon: Was hier in den vergangenen Monaten passiert ist, ist überragend.

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Woran merken Sie das konkret? An den vielen Schulterklopfern?

Das mit dem Schulter klopfen ist schwierig – die meiste Zeit des Tages sitze ich in meinem Büro und ich bekomme selten Besuch. Aber es gibt ein deutliches Zeichen für die neue Liebe zum FCA: Auf den Bolzplätzen hier in der Gegend laufen plötzlich kleine Jungs mit Augsburg-Trikots durch die Gegend. Das hat es vor vier Jahren noch nicht gegeben. Da bolzte Real Madrid gegen Bayern München.

Wie wichtig ist für diesen Aufschwung die Figur Michael Thurk?

Er hat zwar eine überragende Saison gespielt, aber wir sind in Augsburg immer ganz gut damit gefahren keinen Personenkult auszuüben. Das wird auch so bleiben. Michael ist auch deshalb so in den Fokus gerückt, weil er viele Tore geschossen hat und die Torschützenliste nun einmal abgedruckt wird. Warum gibt es keine Liste der wertvollsten Mannschaftsspieler und der emsigsten Arbeitsbienen?

Es heißt, die richtige Mischung mache eine erfolgreiche Mannschaft. Wie ist das in Augsburg?

Auch wir halten uns strikt an Dr. Oetker.

Und Trainer Jos Luhukay ist der passende Schneebesen?

Ganz genau, Jos Luhukay rührt den Teig nach eigenem Rezept an. Es nützt ja nichts, wenn man alle Zutaten auf dem Tisch liegen hat, aber keiner in der Lage ist, sie richtig miteinander zu vermengen.

Die breite Öffentlichkeit weiß eigentlich nicht viel über Ihren Trainer. Was ist er für ein Typ?

Noch ist er gut gelaunt und äußerst umgänglich. Aber das wird sich bald ändern.

Wenn Augsburg gegen Nürnberg verliert?

Wenn Holland vorzeitig die WM beenden muss.


Wieso?


Unser Trainer, ein überzeugter Holländer, hat sich zu einer schlimmen Wette verleiten lassen: Fliegt Holland vor Deutschland raus, wird sein Büro komplett in schwarz-rot-gold erstrahlen und die ein oder andere Trainingseinheit darf der gute Mann dann in Holzschuhen absolvieren.

Und wenn er die Wette gewinnt?

Dann werde ich mein Büro in oranje streichen lassen und die Mannschaft wird eine Woche lang nur Käse essen. Ich bin aber recht zuversichtlich, diese Farbe nicht einkaufen zu müssen. Aber um ihre Frage anständig zu beantworten: Er ist ein Mensch, der klar in der Sache und vor allem kompetent ist. Und er besitzt das Aufstiegsgen, wenn es so etwas überhaupt gibt.

Zurück zur anstehenden Relegation: Haben Sie schon große Pläne, wenn der Aufstieg gelingen sollte? Immerhin winken mindestens zehn Millionen Euro Mehreinnahmen...

Wer die bayrischen Schwaben kennt, weiß, dass das Geld bei uns gut angelegt wäre. Zumal wir eine ziemlich heftige Allergie gegen hohe Transfersummen haben. Deshalb hat es mich auch besonders geärgert, als kolportiert wurde, wir hätten für Dominik Reinhardt 400.000 Euro gezahlt. Die richtige Summe liegt deutlich darunter. (Reinhardt war vom 1. FC Nürnberg ausgeliehen, jetzt hat er einen Drei-Jahres-Vertrag in Augsburg unterschrieben, d. Red.)

Stichwort Reinhardt: Dem dürfte als Ur-Nürnberger doch am Donnerstag und Sonntag das Herz bluten? Immerhin spielte er zehn Jahre beim Club, sein Vater ist eine Vereinslegende...

Wer mit blutendem Herzen spielt, kann keine Leistung bringen. Bei Dominik bin ich mir allerdings sicher, dass er seine Pumpe auch gegen den Ex-Verein im Griff hat. Für den Jungen möchte ich eh eine Lanze brechen: Der hat erhebliche Gehaltseinbußen hingenommen und sich in den vergangenen Wochen mit vollem Einsatz in jedes Spiel geschmissen. Dafür haben wir ihn mit dem Drei-Jahres-Vertrag belohnt.

Die beiden Partien gegen Nürnberg werden richtige Endspiele. Haben Sie Angst, dass Ihre Mannschaft ohne die nötige Final-Routine dem Druck nicht gewachsen ist?

Wer sagt denn, dass wir keine Erfahrungen mit Endspielen haben? Letztes Jahr haben wir bis kurz vor Saisonende um den Klassenerhalt gekämpft ­– und das ist erheblich existentieller als eine Relegation für die 1. Bundesliga. Der Abstieg von der zweiten in die dritte Liga ist der Schlimmste. Dann kannst du gleich Insolvenz anmelden. Und vergessen Sie nicht die Pokal-Spiele in der abgelaufenen Saison! Da hat die Mannschaft gleich mehrfach bewiesen, wie stark sie in den Entscheidungsspielen auftreten kann.

Damit dürften Sie eigentlich klarer Favorit in den Spielen gegen Nürnberg sein.

Gott bewahre, wir wollen uns nicht dicker machen, als wir sind. Der Club ist klarer Favorit, die stehen da, wo wir erst hinwollen.

Käme es zu einer Aufstiegsfeier, dürften Sie der erste Verein der Welt sein, der einen Jubelkorso mit Elektroautos starten würde. Einem Sponsor sei Dank...

Wenn ich mir über irgendetwas momentan keine Gedanken mache, dann über die Planungen für eine Aufstiegsfeier. Aber wer uns kennt, weiß, dass wir in Augsburg Meister der Improvisation sind. Wir brauchen keine Vorbereitung.

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