01.03.2010

Andreas Reinke über sein Karriereende

»Alles war gebrochen«

Als am 6. Februar 2006 Martin Stranzls Knie das Gesicht von Andreas Reinke zerschmettert, entgeht der Torhüter von Werder Bremen nur knapp dem Tod. Noch heute hat Reinke mit den Folgeschäden seiner Verletzung zu kämpfen.

Interview: Alex Raack Bild: imago
Sie sollen vor der Operation so etwas wie ein Testament geschrieben haben.

Man hat mir einen Zettel in die Hand gedrückt und ich habe irgendetwas da drauf gekritzelt. Das, was mir einfiel in meinem Schmerzwahn. Man war sich nicht ganz sicher, ob ich nach der OP jemals wieder würde schreiben können.

Stattdessen standen Sie nach nicht einmal drei Monaten wieder auf dem Platz.

In meinem damaligen Wahn dachte ich, dass ich so schnell wie möglich wieder spielen muss. Das war ein Fehler. Ich hatte Schmerzen und spürte die Nachwirkungen. Die Form, die ich vor der Verletzung hatte, habe ich nie mehr erreichen können. Ich war nicht mehr der Alte.

Was meinen Sie mit Wahn?

Ich habe in meiner gesamten Karriere nie lange gefehlt. Egal ob es Bänderrisse, Knochenbrüche oder Zerrungen waren, ich wollte immer wieder so schnell wie möglich auf den Platz zurück. Der Mannschaft helfen.

Wirklich Fuß gefasst haben Sie später in Bremen nicht mehr. Nach dem Ende bei Werder gab es einige Angebote, warum hat das nicht geklappt?

Stimmt, es gab Anfragen. Ich hatte auch ernsthaft überlegt weiter Fußball zu spielen, aber das Risiko wollte ich nicht noch einmal eingehen. Ich bin mit einem Augenzwinkern bei diesem Unfall davon gekommen, danach sieht man einige Dinge anders. Ich bin froh, dass ich noch lebe. Dazu kamen die Schmerzen und meine Form. Fast 15 Jahre war ich Profifußballer, bin dauernd durch die Gegend gereist. Irgendwann musste mal Schluss sein mit dem Zigeunerleben.

Wie schwer fiel es Ihnen, die aktive Karriere einfach so zu beenden?

Gar nicht. Ich habe unter die Sache einen Schlussstrich gezogen und aus.

Kein Fernweh?

(energisch) Ne! Sicherlich fiel es mir deswegen leichter, weil ich ohnehin auf das Ende meiner Karriere zusteuerte. Selbst wenn ich mich nicht verletzt hätte – so konnte ich selbst entscheiden.

Welche Auswirkungen hatte Ihr Fall auf die Bundesliga?


2006 passierte ja auch das Ding mit Petr Cech und die Diskussion kam auf, ob man Torhüter mehr schützen müsse.

Sollte man das?

Auf jeden Fall! Nur hat sich seitdem überhaupt nichts getan. Stürmer gehen im Luftduell mit den Ellenbogen gegen den Torhüter oder grätschen frontal rein. Bei mir war es ein Unfall, aber die Verletzungsgefahr besteht für Torhüter jeden Tag. Es geht mir ja nicht um harte Zweikämpfe. Körper an Körper, das gehört dazu. Aber diese ganzen unfairen Aktionen, sei es Nachtreten, auf die Füße steigen, mit den Ellenbogen arbeiten. Da müssen erst wieder Knochen brechen, bis vielleicht mal wieder eine Diskussion über die Sicherheit von Torhütern aufkommt.

Sie haben Petr Cech erwähnt. Der trägt seit seiner Schädelverletzung einen Rubgy-Helm. Hätten Sie den auch getragen?

Ich glaube nicht. Ich habe ja nach meiner Rückkehr zunächst eine Gesichtsmaske getragen, die aber nach zwei Wochen wieder abgelegt, weil es mich gestört hat. Der Helm von Cech ist wohl eher eine Maßnahme für die Psyche, damit fühlt er sich sicherer. Ich brauche das nicht. Wenn alle ein bisschen aufpassen, dass so schwere Verletzungen nicht mehr passieren, reicht das vollkommen.

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