Andreas Köpke über modernes Torwartspiel und die EM

»Bayern im CL-Finale ist ein Nachteil«

Deutschland ist Torhüterland. Doch so viele Talente wie jetzt gab es noch nie. DFB-Torwarttrainer Andreas Köpke hat bei der Kader-Benennung für die EM 2012 am Montag die Qual der Wahl. Wir sprachen mit ihm über junge Torhüter und modernes Torwartspiel.

Andreas Köpke, was ist für Sie als Torwarttrainer der Deutschen Nationalmannschaft ein moderner Torhüter?
Andreas Köpke: Das Grundsätzliche war und ist das Halten der Bälle. Daneben sind es das Stellungsspiel, die Strafraumbeherrschung und das Mitspielen. Ein Torwart muss heute nicht mehr nur den Fünf-Meterraum beherrschen sondern eher eine 20 Meter-Zone, da die Abwehrreihen oft wesentlich höher stehen als früher. Man muss viel mehr antizipieren, Bälle ablaufen. Ganz entscheidend ist das Umschaltspiel. Ein Torwart muss genau wissen, wann er das Spiel schnell oder langsam macht. Wie Manuel Neuer gegen Real Madrid. Das war perfekt.

Der Torwart ist also auch aus taktischer Sicht ein viel größerer Faktor als früher?
Andreas Köpke: Absolut. Wenn ich einen mitspielenden Torhüter habe, kann ich die Abwehr weiter vorne positionieren. Habe ich einen Torhüter, der nur auf der Linie steht, wäre eine hochstehende Abwehr fatal. Das Gesamtpaket aus Mannschaft und Torwart muss stimmen.

Orientiert sich auch Joachim Löw mit seiner Spielweise an den Torhütern?
Andreas Köpke: Auf jeden Fall. Ohne einen mitspielenden Torwart wie Manuel Neuer könnten wir nicht so offensiv spielen. Inzwischen haben wir ein klares Anforderungsprofil für Torhüter, das sie erfüllen müssen, um bei uns zu spielen.

Erfüllen die vielen Torhütertalente in der Bundesliga dieses Anforderungsprofil? Oder werden sie zu sehr gehypt?
Andreas Köpke: Spieler wie Bernd Leno oder Marc-Andre ter Stegen spielen ja nicht, weil sie jung sind, sondern weil sie wirklich so gut sind. Und die Entwicklung ist ja noch lange nicht zu Ende bei den jungen Torhütern. Es wird Rückschläge für sie geben, doch diese Generation macht nicht den Eindruck, dass sie so was aus der Bahn werfen wird. Sie haben gute Perspektiven.

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Warum haben wir aktuell eine so talentierte Generation?
Andreas Köpke: Das hat viel mit den Nachwuchs-Leistungszentren der Bundesliga-Vereine zu tun, die nach der katastrophalen EM 2000 gegründet wurden. Dort werden die jungen Torhüter frühzeitig auf den Profisport vorbereitet, durch Leistungsanalysen wird zielgerichtet mit ihnen gearbeitet. Druck sind sie schon frühzeitig gewohnt aus den Jugend-Bundesligen, deren Qualität sehr hoch ist. Außerdem haben sie dort bereits sehr gute Torwarttrainer, die die Jungs fördern und formen. Von der Talentdichte sind wir in Europa derzeit am stärksten.

Sie sind seit 2004 Torwarttrainer der Nationalmannschaft. Mussten Sie sich erstmal daran gewöhnen, nun Torhüter zu trainieren statt einer zu sein?
Andreas Köpke: Nein, das nicht, ich hatte von Anfang klare Vorstellungen von meinem Training. Die einzige Umstellung war, dass ich mit Oliver Kahn und Jens Lehmann nun zwei Torhüter hatte, mit denen ich vorher noch selbst zusammengespielt und trainiert habe. Und jetzt war ich ihr Trainer. Im Übrigen habe ich auch nicht alles Vorherige über den Haufen geworfen und alles anders gemacht. Es war ein Miteinander.

Inwiefern hat sich das Torwarttraining denn seit Ihrer aktiven Zeit verändert?
Andreas Köpke: Es ist wesentlich komplexer geworden, weil inzwischen so viele Komponenten wie Technik, Taktik, Konzentration, Kraft, Ausdauer und Koordination dazugehören. Die größte Veränderung ergab sich durch die Anforderung an den modernen Torwart, mehr mitzuspielen.

Das heißt?
Andreas Köpke: Früher gab es vorzugsweise das starre Torwarttraining, bei dem der Torwarttrainer alleine seine Torhüter trainierte. Das ist auch heute noch ein Bestandteil, jedoch werden die Torhüter vielmehr am normalen Training beteiligt. Damit meine ich nicht Torschüsse, sondern taktische Einheiten. Die Torhüter spielen etwa mal im Feld oder machen bei Passübungen mit.

Da mussten Sie sich wahrscheinlich auch umgewöhnen, weil Sie ja noch die alten Trainingsformen kennen.
Andreas Köpke: Das kam nicht von heute auf morgen, das ist richtig. Man lernt ja auch als Trainer ständig dazu. In den Jahren habe ich Übungen und Vermittlungsformen entwickelt, die den Anforderungen des modernen Torwartspiels entsprechen. Aber es gibt auch Übungen, welche ich selbst noch absolviert habe, beispielsweise im Bereich der Sprungkraft und Explosivität. Nur weil sie alt sind, sind sie ja nicht schlecht oder unzeitgemäß.

Sprechen Sie regelmäßig mit den Torwarttrainern der Bundesligisten?
Andreas Köpke: Das mache ich über das Jahr verteilt und das ist auch wichtig, weil ich die Torhüter bei normalen Länderspielen nur sehr kurz bei mir habe. Gegen Frankreich zuletzt waren es ganze eineinhalb Tage. Da können sie sich ausrechnen, wie viel Trainingszeit wir hatten.

Sie haben die Spieler bei einer EM mal eine längere Zeit zusammen. Was trainieren Sie dann mit den Torhütern?
Andreas Köpke: Im Prinzip machen wir eine normale Vorbereitung. Deshalb ist der Einzug der Bayern in das Champions League Finale für uns nicht so vorteilhaft, obwohl es eine tolle Sache für den deutschen Fußball ist. Manuel Neuer kommt zwar mit breiter Brust, steigt aber sehr spät in unser Training ein und wir müssen insgesamt auf die Belastung aufpassen.

Was bedeutet das konkret für Ihre Trainingsplanung?
Andreas Köpke: Wir trainieren kürzer, aber intensiver, arbeiten viel an der Explosivität, Reaktionsfähigkeit und fußballspezifische Sachen. Wir bauen keine Kondition auf, sondern sorgen dafür, dass die Spieler ihre Form halten. Man darf nicht vergessen, dass die Spieler eine sehr lange Saison hinter sich haben. Die nichteingesetzten Torhüter trainieren insgesamt natürlich mehr, weil sie das aufholen müssen, was sie durch das Fehlen im Spiel verpasst haben. Das ist genauso wie bei den Feldspielern.

Ist es schwierig Torhüter aus verschiedenen Vereinen zu trainieren? Jeder hat seinen Stil und kennt ein anderes Training aus dem Verein.
Andreas Köpke: Nur am Anfang. Das kenne ich aus eigener Erfahrung. Nach meinem ersten Training mit Sepp Maier habe ich Muskeln gespürt, die ich vorher gar nicht kannte. Doch daran gewöhnt man sich dann schnell.

Wie viel Entscheidungsgewalt haben Sie bei der Auswahl der drei Torhüter?
Andreas Köpke: Die Auswahl passiert im Trainerteam. Wir sind die ganze Saison über im ständigen Austausch und diskutieren die Thematik dann. Die letzte Entscheidung obliegt natürlich dem Bundestrainer. Auseinandergelegen haben wir bei der Entscheidungsfindung aber noch nie.

Aber Sie rufen die Torhüter dann an, ob sie bei einem Turnier dabei sind oder nicht?
Andreas Köpke: Ja, das ist meine Aufgabe. Was nicht immer leicht ist. 2008 Timo Hildebrand mitzuteilen, dass er nicht mitkommt, war das schlimmste Gespräch, was ich je geführt habe. Diese Entscheidung fiel auch im Trainerteam. Timo ist ein fantastischer Torhüter und ein Supertyp. Umso brutaler war es dann.

Ist es dann nicht belastend, im Moment so viele gute Torhüter zur Auswahl zur haben?
Andreas Köpke: (lacht) Wenn, dann ist es für die Torhüter belastend, weil es so einen großen Konkurrenzkampf gibt. Ich bin eigentlich ganz froh über die Qual der Wahl.

Die aktuelle Nummer Eins, Manuel Neuer, ist mit 26 Jahren auch noch recht jung. Ist es möglich, dass einige hervorragende Torhüter keine oder zumindest kaum Länderspiele in ihrer Karriere machen werden?
Andreas Köpke: Die Gefahr besteht. Die jungen Talente üben einen enormen Druck auf die Etablierten aus, doch Manuel Neuer ist unsere klare Nummer Eins. An ihm gibt es derzeit nichts zu rütteln. Die Jungen müssen lernen zu warten. Wie schnell es gehen kann hat das traurige Beispiel Rene Adler gezeigt. Eigentlich sollte er die Nummer Eins bei der WM 2010 sein, doch dann kamen die Verletzungen dazwischen. Und jetzt muss er sich in der Bundesliga wieder herankämpfen.

Sie haben die Position des Torwarttrainers sehr kurzfristig übernommen, nachdem sich Ihr Vorgänger Sepp Maier mit dem damaligen Teamchef Jürgen Klinsmann überworfen hatte und gehen musste. Wie lief ihre Verpflichtung genau ab?
Andreas Köpke: Jürgen rief mich an und fragte: »Andi, willst du es machen?« Wir haben ja 1988 zusammen in der Olympiaauswahl gespielt, sind 1990 Welt- und 1996 Europameister geworden und haben die Fußballlehrer-Prüfung gemeinsam absolviert.  Der Kontakt ist nie abgerissen.

Hatten Sie Bedenken, die Nachfolge von Sepp Maier anzutreten? Unter ihm haben Sie selber in der Nationalmannschaft trainiert.
Andreas Köpke: Grundsätzlich ist mir die Entscheidung nicht schwer gefallen, aber ich hätte es nicht gemacht, wenn die Frage gewesen wäre »Sepp Maier oder Andi Köpke?« Schließlich hatte ich Sepp viel zu verdanken und wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Das hat sich bis heute auch nicht geändert. Doch es stand vor Klinsmanns Kontaktaufnahme ja schon fest, dass die Ära Maier zu Ende war und es ging darum, einen Nachfolger zu finden.

Hat man nach acht Jahren nicht das Bedürfnis, etwas anderes zu machen? Eventuell bei einem Verein zu arbeiten, wo Sie täglich mit Torhütern trainieren könnten?
Andreas Köpke: Nein, ich habe ja auch nicht umsonst bis 2014 den Vertrag verlängert. Es macht immer noch riesigen Spaß. Vor allem in der Konstellation mit Joachim Löw, Hansi Flick und Oliver Bierhoff. Einen solchen Zusammenhalt in einem Trainerteam habe ich noch nie erlebt. Diese Vertrauensbasis macht Freude und natürlich auch der große Erfolg in den vergangenen Jahren. Wir haben eine hervorragende Mannschaft, fantastische Torhüter und noch einige große Ziele.

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