Andreas Hinkel über sein frühes Karriereende

»Mit 29 Jahren bereits alte Garde«

Andreas Hinkel ist erst 30 Jahre alt. Eigentlich das perfekte Fußballalter, mag man meinen – doch nun beendet er seine Karriere. Ein Gespräch über das Altwerden, den Jugendtrend in der Bundesliga und die Zeit nach der Karriere.

Andreas Hinkel, gestern wurde bekannt, dass Sie Ihre Karriere beenden werden. Haben Sie bereits Pläne für die Zeit nach Ihrer Profikarriere? 
Wie genau mein nächster Lebensabschnitt aussehen wird, weiß ich noch nicht. In den nächsten Monaten werde ich überall reinschnuppern. Ich mache den Trainerschein, will aber auch noch andere Bereiche kennenlernen. Aber: ich gehöre nicht zu den Protagonisten, die nach Ihrer Profikarriere sagen: »Egal wo und wie, hauptsache ich bekomme einen Job als Trainer oder Sportdirektor.« Der Klub müsste schon zu mir passen, ich müsste mich mit ihm identifizieren können.

Der Trainerberuf ist also eine Option?
Auf jeden Fall. Ich stecke schon mitten im Lehrgang, hatte aber auch in den vergangenen Jahren erstklassigen Unterricht. Ich habe in meiner Karriere so viele verschiedene Trainertypen gehabt, da schaut man sich natürlich auch einiges ab. Ich erlebte hautnah, welcher Trainer mit welchen Methoden Erfolg oder auch Misserfolg hatte. Mit Ralf Rangnick fing alles an, er holte mich zu den Profis. Ob Felix Magath, Matthias Sammer, Giovanni Trapattoni, Armin Veh, Juande Ramos, Gordon Strachan, Rudi Völler, Jürgen Klinsmann oder Joachim Löw  – mir fehlt es eindeutig nicht an Vergleichen. Mal schauen, was sich ergibt.

Sie sind erst 30 Jahre alt.
Früher hieß es noch, mit 29 sei man im besten Fußballalter, solche Sätze höre ich heutzutage eher selten. Derlei gilt heute eher für die 25-Jährigen, ab 29 gehört man bereits zur alten Garde. Es hat sich in den vergangenen Jahren einiges verschoben.

Was genau meinen Sie damit?
Jene Spieler, die jetzt jung sind und gerade ihren Durchbruch geschafft haben, werden in wenigen Jahren bereits wieder Druck von unten bekommen. Die Soldos oder Balakovs, die bis 37 oder 38 Bundesliga spielen, wird es in Zukunft nicht mehr geben, davon bin ich überzeugt. Es kommen extrem viele exzellent ausgebildete Spieler hinzu. Die Vereine stecken ja auch viel Geld in die Jugendförderung. Sie wären schön blöd, würden sie dieses Riesenpotenzial nicht nutzten. Ältere Spieler, die relativ viel Geld verdienen, müssen mittlerweile früher damit rechnen, plötzlich ausgemustert zu werden. Ihre Konkurrenten, die jungen Spieler, sind formbar, verdienen zunächst weniger und sind zudem körperlich belastbarer. Hinzu kommt, dass das Spiel in den vergangenen Jahren schneller geworden ist.

Vor zwei Jahren riss Ihr Kreuzband - war jene Phase die schwierigste Ihrer Karriere?
Es war belastend, keine Frage. Ich denke, so etwas können nur Leistungssportler nachempfinden. Man wird von einem Tag auf den anderen aus dem normalen Trainingsbetrieb herausgenommen – dein Alltag sieht plötzlich komplett anders aus. Man hat in diesen Zeiten auch immer wieder mit den eigenen Ansprüchen zu kämpfen. Man möchte so schnell wie möglich wieder fit werden und läuft daher Gefahr, sich zu übernehmen.

Reha-Arbeit kann eintönig und frustrierend sein.
Stets die gleichen Abläufe: Leichter Muskelaufbau, aber bitteschön auf keinen Fall zu viel! Dann darf man irgendwann endlich normal gehen, später laufen, aber auch hier: bitteschön erstmal nur Geradeaus! So geht es Schritt für Schritt weiter, Tag für Tag. Das höchste der Gefühle, das Highlight, ist, wenn dann nach Monaten endlich der Ball ins Spiel kommt – nach einer gefühlten Ewigkeit. Man muss einfach geduldig sein.

Zieht man in den ersten Trainingseineiten nach der Pause in den Zweikämpfen nicht automatisch den Fuß zurück oder weicht in bestimmten Szenen aus?
Das dauert vielleicht eine Woche. Auf dem Platz fehlt einem zunächst die Schnellkraft. In den ersten Trainingseinheiten hatte ich beim Laufen den Eindruck, ich würde stehen - der Kontrast zum Tempo der Mitspieler war enorm. Ich war eigentlich fit, hatte keinerlei körperliche Beschwerden mehr, fühlte mich aber dennoch ein wenig gehandicapt. Ob Antritt, schnelle Richtungsänderung oder Robustheit im Zweikampf – all das braucht seine Zeit

In ihrer Zeit beim VfB Stuttgart wurden Sie regelmäßig für Ihre Dynamik und Ihren Offensivdrang gelobt – wie hat sich Ihre im Laufe der Jahre Spielweise verändert?
Als junger Kerl habe ich unbekümmerter gespielt, nach dem Motto „Einfach drauflos“. Zuletzt habe ich das Spiel anders gelesen. Die Erfahrung macht sich naturgemäß auch im eigenen Spiel bemerkbar. Außerdem habe ich die Ansprachen der Trainer zuletzt anders wahrgenommen, bin anders damit umgegangen. Ich verstehe nun relativ schnell, was der Trainer mit der jeweiligen Trainingsmethode, Trainingseinheit oder Ansprache bewirken will; in welche Richtung es gehen soll. Das war früher nicht so. Als junger Profi macht man sich darüber kaum Gedanken, man tut das, was einem gesagt wird und sieht selten die Zusammenhänge.

Apropos formbar: Wie bewerten Sie Ihre sportliche Entwicklung nach Ihrem ersten Länderspiel im Jahr 2003?
Es hat schon immer Wellenbewegungen gegeben. Alle sprachen damals von den „Jungen Wilden“ des VfB; wir wurden Vizemeister und spielten Champions League. Mein Länderspieldebüt war die Krönung und zudem eine große Ehre. Kurz danach hatte ich leider einen kleinen Hänger. In der Zeit unter Giovanni Trapattoni als VfB-Trainer ging es leider weiter bergab. Das war damals keine gute Saison für uns.

Später zog es Sie zu Celtic Glasgow, Sie gewannen prompt einen Titel, die schottische Meisterschaft. Wie groß war der Kontrast zu Ihren vorherigen Stationen?
Celtic ist immer Favorit, zumindest national. Die Spieler brauchen, ähnlich wie beim FC Bayern, eine Winner-Mentalität. Da kannst du dich als Spieler nicht verstecken. Ein Unentschieden wird aufgefasst wie eine Niederlage. Mit dieser Erwartungshaltung müssen die Spieler umgehen. Im Rückblick war genau dieser Aspekt für mich eine Riesenerfahrung.

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