Andreas Hinkel über Löw und Celtic

»Ich lebe auf einem anderen Planeten«

Andreas Hinkel gehörte zu den potentiellen Überraschungsgästen in Joachim Löws WM-Kader. Im Interview mit 11FREUNDE spricht der ehemalige Stuttgarter über seine Nicht-Nominierung und die Magie von Celtic Glasgow. Andreas Hinkel über Löw und Celtic

Andreas Hinkel, haben Sie die Pressekonferenz vom DFB gestern gesehen?

Nicht im Fernsehen, aber per Internet war ich schon auf dem Laufenden.

Sie dürften jetzt ziemlich enttäuscht sein, immerhin wurden Sie vor einigen Tagen noch mit den Worten zitiert: »Mein Ziel ist die WM, auch wenn die Chance klein sein wird.«

Richtig enttäuscht bin ich nicht, zumal ich diesen Satz auch mit einem heftigen Augenzwinkern gesagt habe. Der Journalist, mit dem ich gesprochen habe, hätte das auch eigentlich merken sollen. Realistische Hoffnungen auf eine überraschende Nominierung hatte ich nicht.

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Warum eigentlich nicht? Sie sind Stammspieler bei Celtic Glasgow...

...aber lebe für die deutsche Öffentlichkeit auf einem anderen Planeten. Schottland ist eben nicht das Land, das einem sofort einfällt, wenn man nach potentiellen deutschen Nationalspielern sucht.

Wie kann das sein, in einer Welt, wo in Sekundenbruchteilen Informationen ausgetauscht werden?

Beim Fußball kommt es aber immer noch auf die visuelle Wahrnehmung an. Wenn der deutsche Bezahlsender für Fußball noch nicht einmal mehr die spanische Liga überträgt, wird es sicherlich auch kaum Bilder aus Schottland geben. Nur das Old Firm wird noch in Deutschland gezeigt.

Wie gut ist denn die schottische Liga wirklich?

Die Statistik lügt ja bekanntlich nicht, also ist die Fünf-Jahres-Wertung schon ein ganz guter Gradmesser für die Qualität der Liga. Und in der Liste pendelt Schottland immer zwischen Platz 15 und Platz 9. Allerdings: Celtic und die Rangers muss man hier ausklammern, die Klubs passen eigentlich nicht in die schottische Liga.

Die Diskussion, die beiden großen Klubs auszugliedern und in der englischen Premier League mitmischen zu lassen ist ja nicht neu...

Das Thema wird hier regelmäßig neu aufgekocht und an sich befürworte ich die Idee. Nur: Wer soll dann in der Premier League mitspielen dürfen? Celtic und die Rangers? Celtic, Rangers, Aberdeen? Außerdem dürfte es äußerst schwierig werden englische Mannschaften davon zu überzeugen abzusteigen, um schottischen Teams Platz zu machen...

Für Sie dürfte diese Dauerdiskussion vielleicht schon bald beendet sein. Schalke 04 soll Interesse bekundet haben. Wie sieht es da aktuell aus?

Ganz einfach: Mit mir hat noch niemand aus Gelsenkirchen gesprochen, ich fühle mich trotzdem geehrt, dass mein Name mit so einem großen Klub in Verbindung gebracht wird. Und die Bundesliga ist immer interessant. Ich habe allerdings noch ein Jahr Vertrag in Glasgow. Aber wenn dein Vertragsende näher rückt, ist es im internationalen Profi-Fußball völlig normal, dass Gerüchte entstehen, dass über deine Zukunft gesprochen wird. Ich bin mir auch durchaus darüber bewusst, dass selbst die schottischen Groß-Vereine finanzielle Probleme wegen der Wirtschaftskrise haben. Neues Geld kann da jeder gebrauchen.

Zurück zur gestrigen Nominierung: Ihr Name ist nicht gefallen, dafür aber die der ehemaligen Kollegen aus Stuttgarter Zeiten: Khedira, Träsch, Beck. Was halten Sie von diesen Spielern?

Zunächst: Ich freue mich riesig für die Stuttgarter. Wie Sie sich in dieser Saison geschlagen haben, kann ich allerdings schlecht sagen, ich habe Sie nur selten spielen gesehen. Aber dass die Jungs alle sehr gut Fußball spielen können, ist ja kein Geheimnis. Ich muss mich allerdings auch nicht  verstecken.

Löw hat man in der Vergangenheit häufiger vorgeworfen, er würde eine Vorliebe für Fußballer aus dem Süden haben. Berechtigt?

Glaube ich nicht. Er hat einen äußerst schwierigen Job, denn das, was er entscheidet, diskutieren gleich 80 Millionen Menschen. Als Fußball-Trainer stehst du auch vor dem Problem, keine wirklichen Maßeinheiten für deine Entscheidungen zu haben. In der Leichtathletik ist das relativ einfach: Wer springt höher, wer läuft schneller, wer wirft weiter? Im Fußball gibt es diese einfachen Kriterien nicht.


Sie scheinen für die Löwschen Kriterien jedenfalls nicht in Frage gekommen zu sein. Bereuen Sie eigentlich manchmal den Wechsel ins Ausland, weit entfernt von der öffentlichen deutschen Wahrnehmung?

Nicht eine Minute. Aber vielleicht wissen einige deutsche Fußball-Fans einfach zu wenig über die Größe und die Bedeutung von  Celtic Glasgow.

Klären Sie uns auf!

Das bringt mich wieder auf das Thema mit einer möglichen Eingliederung in die Premier League zurück: Wenn Celtic in der englischen Liga spielen würde, würde sich die Ausgangsposition total verändern. Celtic hätte eines der größten Stadien der Liga und eine Fanbasis, die einfach unglaublich ist. Ich bin mir sicher, dass wir dann dank der anderen finanziellen Voraussetzungen ganz oben mitmischen würden. Die Größe dieses Klubs zu fassen, ist eigentlich nicht möglich, denn überall auf der Welt gibt es Menschen, die Celtic lieben. Wir waren mit Celtic außerhalb Schottlands in Gegenden, wo Fußball den Leuten eigentlich nichts bedeutet und plötzlich sind bei einem Freundschaftsspiel 30.000 Menschen da, alle in grün und weiß. Mir haben schon einige Spieler, die in der Champions League im Celtic Park zu Gast waren, anschließend gesagt: »Wenn dieser Klub nicht in Schottland spielen würde, würde ich hier sofort unterschreiben.« Mir fällt noch etwas ein.

Bitte.

Wissen Sie, welcher Klub nach Barcelona weltweit die meisten Fußball-Trikots verkauft?

Nein.

Celtic Glasgow!

11FREUNDE kürte das Old Firm-Derby vor kurzem zum »Härtesten Derby der Welt«. Sie haben erst vor einigen Tagen mit Celtic 2:1 gegen die Rangers gewonnen. Was macht dieses Spiel so besonders?

Aus sportlicher Sicht gibt es sicherlich bessere Derby, aber was die Emotionalität anbelangt, gibt es kein Spiel der Welt, dass sich mit dem Old Firm messen kann. Ich habe in meiner Karriere schon in so vielen großen Stadien gespielt, aber nichts ist vergleichbar mit der Atmosphäre beim Derby. Man muss es in seinem Leben mindestens einmal erlebt haben – wenn man denn eine Karte bekommt. Das Old Firm ist brutal.

Brutale Stimmung oder brutal im eigentlichen Sinne?

Von beidem etwas. Bei diesem Spiel gelten andere Gesetze, da werden schon nach 10, 15 Minuten Grätschen ausgepackt, die anderswo sofort mit einer roten Karte bestraft worden wären...

Sie sollen beim 2:1-Sieg am Dienstag auch ganz gut hingelangt haben...

Na klar, das gehört hier eben dazu. Wenn du in Schottland spielst, wirst du automatisch etwas härter. Sollte ich tatsächlich irgendwann mal wieder in der Bundesliga spielen, müsste ich mir ein paar Grätschen erstmal wieder abgewöhnen.

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