Andreas Hinkel über Celtic-HSV

»Wir müssen gewinnen«

Andreas Hinkel über Celtic-HSV

Herr Hinkel, am vergangenen Wochenende ist eigens ein Spezialist aus Deutschland nach Glasgow eingeflogen worden. Sie wollen unbedingt gegen den HSV spielen?

Ein Freund, der ist Osteopath, hat seine Hilfe angeboten. Ich musste drei Wochen pausieren. Es war nicht wirklich klar zu sagen, was mir gefehlt hat. Es zog im Oberschenkel, vor allem beim Dehnen. Aber jetzt ist die Sache fast überstanden. Ich habe am Montag erstmals wieder mit der Mannschaft trainiert, und es hat sich gut angefühlt. Also freue ich mich sehr darauf, endlich mal gegen eine deutsche Mannschaft spielen zu können. Weder mit Sevilla noch mit Celtic bin ich bisher in einem internationalen Wettbewerb auf ein Bundesliga-Team gestoßen.

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Nach einer Niederlage und einem Unentschieden braucht Celtic in der Europa League gegen den HSV unbedingt einen Sieg.

Wenn wir in die Zwischenrunde kommen wollen, müssen wir gewinnen. Nach der Niederlage in Tel Aviv war ich sehr enttäuscht darüber, dass wir das Spiel noch hergegeben haben. Beim 1:1 gegen Rapid hatten wir Riesenchancen. Aber ich glaube in unserer Gruppe ist noch alles drin. Das wird bis zum letzten Spieltag spannend bleiben.

Sie zogen im Januar 2008 vom sonnigen Sevilla ins graue Glasgow um. Fiel die Umstellung schwer?

Zuerst war es nicht ganz einfach. Meine Frau und ich hatten uns in Sevilla einen Freundeskreis aufgebaut. In Glasgow mussten wir wieder vorne anfangen. Die Menschen und die Kultur sind ganz anders hier. Und dazu noch die klimatischen Unterschiede. Der Sprung von Sevilla nach Glasgow ist im Winter besonders schwierig. Dort den ganzen Tag Sonne mit 20 Grad, hier wird es um vier Uhr dunkel und es regnet sehr viel. Wir mussten eineinhalb Monate warten, bis wir in Glasgow überhaupt das erste Mal die Sonne gesehen haben. Aber inzwischen haben wir uns gut eingelebt. Man darf Glasgow nicht unterschätzen. Die Stadt war europäische Kulturhauptstadt und besitzt eine hohe Lebensqualität.

Es heißt, Celtic Glasgow ist ein ganz besonderer Verein.

Absolut. Der Klub lebt seine Geschichte und hält an Traditionen fest. Celtic wurde ja von einem irischen Priester gegründet, und der hat dabei weiß Gott nicht an professionellen Fußball gedacht. Celtic ist heute noch der irische Klub in Schottland und engagiert sich sozial sehr stark. Es geht hier bei aller Professionalität sehr familiär und menschlich zu. Die Identifikation der Fans mit dem Verein ist gigantisch. Im Celtic-Park zu spielen, ist ein echtes Highlight. Das Stadion hat mit 60.000 Sitzplätzen die optimale Größe. Es ist eines der lautesten Stadien, in denen ich gespielt habe. In den Bundesligastadien sorgen die Leute in den Fankurven für die Stimmung. Im Celtic-Park singen alle, auch die Zuschauer auf der Haupttribüne.

Die schottische Premier League ist eine Zweiklassengesellschaft. Celtic und die Rangers kämpfen Jahr für Jahr um den Titel und der Rest um die Plätze dahinter.

Mal abgesehen von der Bundesliga, die wirklich sehr ausgeglichen ist, ist das doch in den anderen Ligen nicht anders. Weil ich das mit der schottischen Zweiklassen-Gesellschaft im Fußball sehr oft höre, habe ich mir mal die Mühe gemacht, mir die Abschlusstabellen in anderen Ländern über die letzten zehn Jahre hinweg genauer anzuschauen. Egal ob in England, Spanien, Italien, Frankreich oder Portugal – es sind immer die gleichen Klubs, die am Ende vorne stehen. Mit der Einführung der Champions League und der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs hat sich viel verändert. Die Einnahmen aus den Champions League- und Uefa-Cup-Spielen helfen den Spitzenklubs, den Vereinen dahinter deren besten Spieler wegzukaufen, sie zu schwächen und die eigene Position zu stärken. Das ist auch in Schottland so.

Mit dem Ergebnis, dass für Celtic oder die Rangers jedes Unentschieden in der Liga einer Niederlage gleicht kommt.

Das ist so. Ein 1:1 ist gar nichts wert. Aber es ist trotzdem sehr schwer beim Tabellenletzten zu gewinnen. Für jede Mannschaft sind die Partien gegen Celtic oder die Rangers die Spiele des Jahres. Du musst dir jeden Sieg sehr hart erarbeiten. Doch dieser Zwang, immer gewinnen zu müssen, bringt dich als Spieler weiter.

Wie lautet denn ihre sportliche Zwischenbilanz nach knapp zwei Jahren bei Celtic Glasgow?

Ich habe mich hier zu einem Führungsspieler entwickelt. Ich war nach dem Wechsel im Januar 2008 am Endspurt beteiligt, der uns noch zum Meistertitel geführt hat. Danach habe ich ebenfalls eine solide Saison gespielt. Und auch in die neue Saison bin ich sehr gut gestartet. Leider kam dann die Verletzung dazwischen.

Sie feierten im September 2008 Ihr Comeback in der Nationalmannschaft.

Die Nominierung hat mich selbst überrascht. Bevor ich nach Schottland kam, war ich ja längere Zeit nicht mehr dabei gewesen.

Inzwischen scheinen Sie wieder in Vergessenheit geraten zu sein, wenn es um die Besetzung der rechten Verteidigerposition in der Nationalmannschaft geht. Ist Glasgow ein Standortnachteil im Kampf um einen Platz im DFB-Team?

Ich bin davon überzeugt, dass der Bundestrainer sehr wohl registriert, was für Leistungen ich bei Celtic bringe. Ich zähle hier zu den Leistungsträgern und kann mich auf internationaler Ebene präsentieren. Letzteres ist bei vielen Bundesligaklubs nicht möglich. Von dem her sehe ich es nicht als Nachteil an, in Schottland zu spielen.

Werden Sie bei der WM dabei sein?

Ich werde auf jeden Fall alles dafür geben und versuchen, durch gute Leistungen auf mich aufmerksam zu machen. Ich denke, die Chancen stehen nicht so schlecht. Jogi Löw ist sich auf einigen Positionen noch nicht ganz sicher, wen er mitnimmt. Bis zur WM kann noch einiges passieren.

Was sagen Sie zur Entwicklung beim VfB Stuttgart, Ihrem alten Klub?

Der VfB steckt in einer wirklich sehr schwierigen Situation. Und das tut mir sehr weh. Der VfB Stuttgart ist immer noch mein Verein, ich bin Schwabe, bin beim VfB groß geworden, bin dort auch ich immer noch Mitglied.

So eine enge Bindung ist im modernen Profifußball nicht mehr oft zu finden.

In meinem Fall hat das sicher damit zu tun, dass ich schon als 10-Jähriger zum VfB kam. Ich war von kleinauf VfB-Fan. Einem Sami Khedira wird es ähnlich gehen. Der kickt schon seit der E-Jugend für den VfB. Kommst du aber erst als B-Jugendspieler zu einem Klub, ist das sicher eine andere Beziehung.

Wird man Andreas Hinkel irgendwann wieder in der Bundesliga spielen sehen?

Eine Rückkehr in die Bundesliga ist immer ein Thema für mich. Aber momentan fühle ich mich in Glasgow sehr wohl.

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