Andreas Hinkel im Interview

»Die Bundesliga ist einfach geil«

Der frühere Nationalspieler Andreas Hinkel bleibt der Pechvogel der Liga: Seit er sich vor zwei Jahren das Kreuzband riss, kämpft Hinkel regelmäßig um neue Arbeitgeber und gegen Vorurteile. Im Interview spricht der derzeit vereinslose Hinkel über das Ende beim SC Freiburg und den Wert eines Ersatzspielers.

Andreas Hinkel, vor zwei Jahren verletzten Sie sich schwer, Diagnose: Kreuzbandriss. Was sagen Sie jenen Leuten, die behaupten,  Sie hätten sich von dieser Verletzung noch immer nicht erholt?
Dass sie sich irren. Ich bin schon lange wieder fit. Aber es war ein weiter Weg dahin. Eine solche Verletzung hatte ich vorher noch nie – die steckt man nicht einfach so weg. Besonders bitter war der Zeitpunkt, es passierte nämlich direkt nach dem Saisonstart im Training. Ich konnte erst sechs Monate später, im März, wieder mit der Mannschaft trainieren. Die Saison mit Celtic war für mich somit gelaufen.

Wenige Monate nach Ihrer Verletzungspause lief Ihr Vertrag aus…
…Richtig. Und die Ausgangslage war entsprechend schwierig, mir fehlte schließlich die Spielpraxis. In derartigen Fällen sind die meisten Vereine zurückhaltend. Jeder kennt den Satz: Die Zeit, die ein Profi wegen seiner Verletzung aussetzen musste, braucht er auch wieder, um seine alte Leistungsstärke zu erreichen. Vielleicht habe ich mir nicht die nötige Zeit genommen, um wieder so richtig in die Spur zu kommen. Auf der Insel spielt die Fitness eh eine andere Rolle.

Inwiefern?
Die lassen dich erst wieder ins Mannschaftstraining, wenn du körperlich topfit bist. In der Bundesliga heißt es dagegen oft: »So, du bist jetzt wieder einigermaßen auf der Höhe, die Restfitness holst du dir im Mannschaftstraining.«  In Schottland wird so etwas vorausgesetzt. Steigst du nach einer Verletzung wieder ins Teamtraining ein, fehlen dir normalerweise lediglich Spritzigkeit und Automatismen, mehr nicht.

2006 wagten Sie den Schritt in die Primera Division. Mit dem FC Sevilla gewannen Sie gleich in Ihrer ersten Saison den Uefa-Cup und den spanischen Pokal.
Das war die beste Mannschaft, in der ich jemals gespielt habe. Zwar durfte ich nicht in jedem Spiel auflaufen, doch insgesamt bin ich immer auf meine Spiele gekommen. Die Konkurrenz im Team war gigantisch, die Stimmung aber trotzdem großartig. Wir waren schon eine geile Truppe! Man braucht sich nur die Namen anschauen: Wo spielen zurzeit meine ehemaligen Mitspieler Adriano, Keita und Alves? Beim FC Barcelona! Kanoutè wurde 2007 zu »Afrikas Fußballer des Jahres« gewählt. Und das sind nur vier Beispiele.

Nach Ihren Stationen FC Sevilla und Celtic Glasgow wollten Sie unbedingt zurück in die Bundesliga – worin liegt für Sie der Reiz?
Der Wechsel hatte sowohl sportliche als auch familiäre Gründe. Die Bundesliga ist einfach geil – tolle Stadien, viele Zuschauer und eine hohe Qualität. Da wollte ich schon gern wieder mitmischen. Und: Ich bin in Glasgow Vater geworden, da schätzt man es schon sehr, wenn die Familie in der Nähe ist. Nach der Geburt unserer Kinder hat sich für mich der Stellenwert einiger Dinge verschoben. Ich kann nicht wie mit 22 nur auf die Karriere gucken, sondern muss auch Rücksicht nehmen auf die Wünsche meiner Familie. Ich bin kein Egoist, der seine Familie lediglich als Anhang betrachtet. Wir wollen alle Schritte miteinander abstimmen.

Im Oktober 2011 unterschrieben Sie zur Überraschung vieler einen Vertrag beim SC Freiburg. Sie standen in der Rückrunde allerdings nur einmal auf dem Platz. Würden Sie den Wechsel als Fehler bezeichnen?
Keinesfalls! Ich bin involviert gewesen in eine Mannschaft, die einen großen Charakter besitzt. Ich habe mich in Freiburg sehr wohl gefühlt. Der Klassenerhalt ist ein riesiger Erfolg, zu dem auch ich meinen Teil beitragen konnte – das freut mich ungemein. 



Das klingt zwar ehrenwert, aber Sie haben sich Ihre Rückkehr doch bestimmt anders vorgestellt?
Klar ist: Ich stand nicht oft auf dem Platz. Dennoch hatte ich eine Rolle im Team. Beim SC sind zuletzt viele junge Spieler hochgezogen worden, Spieler, die Anleitung brauchen, denen ich etwas von meiner Erfahrung weitergeben konnte. Ich bin schon immer ein Mannschaftsspieler gewesen.

Aber jeder Profi will doch spielen, oder nicht?
Natürlich hätte ich gern häufiger gespielt, klar. Und ich war auch sauer und enttäuscht, dass ich es nicht durfte. Trotzdem: Zu einem Team gehören mehr als elf Spieler – das ist keine Floskel! Leider sehen viele Kritiker stets die Stammspieler, kurz: wer auf der Bank sitzt, hat in ihren Augen verloren. Das stört mich immens. Wir Spieler und Trainer sehen uns beinahe jeden Tag,  wir trainieren gemeinsam, wir tauschen uns aus und wir motivieren uns gegenseitig. Es geht um mehr als um die 90 Minuten am Wochenende. Und in Freiburg stand der Teamgedanke schon immer im Vordergrund.

Glauben Sie, Ihr Stellenwert ist aufgrund des Kurzengagements in Freiburg gesunken?
Das kann ich nicht beurteilen.

Zuletzt war die Rede von Angeboten aus den USA, England und der Schweiz – gibt es bereits eine Tendenz?
Ich könnte noch heute einen Vertrag unterschreiben, das wäre kein Problem. Darum geht es mir aber nicht. Das Gesamtpaket muss einfach passen, die Laufzeit des Vertrags ist hierbei nicht unwichtig. Es ergibt aus familiärer Sicht keinen Sinn, irgendwo für ein Jahr zu unterschreiben. Derartiges käme für uns definitiv nicht in Frage. Es gibt einige Angebote, wir haben uns aber noch nicht entschieden.

Wann wollen Sie sich denn entscheiden?
Ich habe zwölf Jahre auf Topniveau gespielt und muss daher jetzt keine verrückten Sachen machen. Wäre ich 25, würde ich wahrscheinlich mit aller Macht versuchen, bei einem Topklub unterzukommen. Diesen Druck habe ich derzeit aber nicht.

Reizt es Sie, irgendwann noch einmal für den VfB aufzulaufen?
Ich habe mich im vergangenen Jahr für zwei Monate beim VfB fit gehalten, ich komme aus der Region und bin dem Klub eng verbunden. Ich habe dort sechs Jahre im Profibereich gespielt und war zuvor in diversen Jugendmannschaften - der VfB ist mein Verein. Das wird auch immer so bleiben. Aber nochmal ganz deutlich: Es gibt weder eine Anfrage des VfB noch habe ich die Absicht, mich dort zu bewerben.

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