Andreas Hinkel im Interview

„Ein komisches Spiel“

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Herr Hinkel, der FC Sevilla liegt mit 1:0 gegen Real Betis Pokal-Viertelfinale vorne. Und es sind nicht 90, sondern nur noch 33 Minuten zu spielen. Ihr Team wird wohl heute mit einem Torwart und zehn Abwehrspielern auflaufen?

Keine Ahnung, die Taktik mache ich ja nicht. Da müssen Sie schon meinen Trainer fragen, was er sich für dieses komische Spiel hat einfallen lassen.

Was dachten Sie, als vor drei Wochen Ihr Trainer von einer Plastikflasche im Nacken getroffen wurde, bewusstlos am Boden lag und der Schiedsrichter daraufhin die Partie in der 57. Minute abbrach?

Dass wir zum Sieger erklärt werden und im Halbfinale stehen. Aber dann hat mir unser Torwart Andrés Palop noch in der Kabine von einer vergleichbaren Situation erzählt. Als er noch bei Valencia spielte, hat der Schiri vier Minuten vor Schluss mal eine Pokalpartie abbrechen müssen. Kaum zu glauben, aber die vier Minuten wurden zwei Wochen später nachgeholt. Hier in Spanien ist alles möglich, dachte ich mir, als ich das von Andrés hörte.

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Sevilla ist aufgrund der Rivalität zwischen dem FC und Real Betis eine geteilte Fußballstadt. Vieles muss für Sie als braven Schwaben doch befremdlich wirken?

Es spielen sich wirklich unglaubliche Dinge ab. Vor dem Pokalspiel hat jemand unsere Kabine mit Natronlauge und Ammoniak behandelt. Das hat wahnsinnig gestunken. Unseren Zeugwart, der als erster reingehen wollte, hat es fast umgehauen. Aber so etwas passiert hier eben. Damit muss man leben. Ein paar von meinen Mitspielern sind überzeugt davon, dass die Betis-Fans es eher verkraften würden, wenn ihr Verein absteigt, als wenn wir Meister werden. Keine Ahnung, ob das wirklich so ist. Auf jeden Fall hat es den Betis-Anhängern nicht gepasst, dass wir im Uefa-Cup gegen Donezk doch noch weitergekommen sind.

Auch das war ein verrücktes Spiel, mit einem Kopfballtor von Torhüter Palop in der Nachspielzeit. Sie mussten das glückliche Ende von der Bank aus verfolgen.

Ich habe eine Stunde lang auf der rechten Seite hinter Daniel Alves meinen Part erledigt und ein ordentliches Spiel gemacht. Wir mussten mehr Druck nach vorne machen, um weiter zu kommen. Daher brachte der Trainer einen offensiven Mann für mich.



Tatsächlich scheinen Sie endlich beim FC Sevilla als Absicherung hinter dem überragenden Daniel Alves Ihren Platz gefunden zu haben. Jener Alves, als dessen Ersatz Sie eigentlich engagiert worden waren. Muss für Sie ein Schock gewesen sein, als der Wechsel des brasilianischen Nationalspielers zum FC Liverpool platzte.

Das hat die Sache für mich natürlich sehr viel schwerer gemacht. Aber ich wäre auch zum FC Sevilla gegangen, wenn ich gewusst hätte, dass Daniel bleibt.

Ehrlich?

Ganz ehrlich. Ich wollte mal in ein anderes Land gehen und eine neue Sprache lernen.

Das ist eine häufig von Fußballprofis verwendete Floskel.

Ich kann nur für meine Person sagen, dass das so ist. Ich liebe das Leben in Sevilla, habe neue Freunde gefunden und kann mich inzwischen ganz gut auf Spanisch unterhalten. Ich habe hier einen Reifeprozess durchgemacht.

Aber sportlich lief es nicht wie gewünscht. Sie saßen lange Zeit meist nur auf der Bank.

Wenn man ins Ausland geht, braucht man eine gewisse Anlaufphase. Ich bekam zwischendurch meine Einsätze und brachte dann auch jedes Mal meine Leistung. Ich war mir sicher, dass irgendwann meine Zeit kommt, auch wenn es sehr schwer ist, sich bei einem europäischen Spitzenteam wie Sevilla durchzusetzen. Ein Spanier hätte in dieser Situation vielleicht aufgegeben. Aber ich habe im Training immer weiter Druck gemacht.

Was offensichtlich den Augen von Juande Ramos nicht entgangen ist.

Stimmt. Eines Tages kam er zu mir her und sagte mir, dass es ihm sehr imponiere, wie ich mich Tag für Tag reinhänge und nicht aufstecke. Das hat sehr gut getan, vor allem wenn man bedenkt, dass Ramos nicht gerade ein Mann ist, der viel mit seinen Spielern spricht.

Zuletzt standen Sie öfter in der Startformation, aber am Sonntag beim 2:0-Sieg gegen Vigo mussten Sie wieder auf der Bank Platz nehmen. Wie weit sind Sie auf dem Weg zum Stammspieler?

Hier in Spanien läuft das anders. Es gibt nicht so den Stammspieler wie in Deutschland. Die Kader sind groß. Die Trainer lassen unwahrscheinlich viel rotieren und probieren ständig neue Sachen aus. Giovanni Trapattoni wollte das beim VfB auch so machen und ist vielleicht daran in Stuttgart gescheitert. Der FC Sevilla spielt noch in drei Wettbewerben. Da kann es auch mal vorkommen, dass ein Nationalspieler zu Hause bleibt und geschont wird. Da meckert keiner. Auch die spanischen Journalisten gehen damit ganz anders als die deutschen Kollegen um.

Hat Jogi Löw schon mal bei Ihnen angerufen?

Nein. Aber ich hoffe, dass der Bundestrainer meine Entwicklung hier in Sevilla verfolgt. Nachdem ich die WM im eigenen Land verpasst habe, möchte ich unbedingt bei der EM 2008 dabei sein.

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