Andreas Herzog im Interview

„Man schießt sich selbst ins Knie“

Als Assistent von Hickersberger bereitet Andreas Herzog die österreichische Nationalelf auf die EM vor. Der Rekordnationalspieler über Wiener Techniker, Naturburschen aus der Steiermark und einen fassungslosen Emanuel Pogatetz. Jaqueline Godany
Heft #58 09 / 2006
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Andreas Herzog, als Jürgen Klinsmann 2004 seinen Job als deutscher Bundestrainer antrat, verkündete er forsch, Weltmeister werden zu wollen. Will Österreich bei der EM im eigenen Land auch den Titel holen?

(lacht) Schön wär’s. Nein, wir wollen die Gruppenphase überstehen. Schließlich spielst du bei einer EM gleich gegen große Nationen. Wenn du Pech hast, bekommst du Teams vom Kaliber Spanien, England, Italien zugelost. Dann kommt es darauf an, dass du einen guten Start erwischst.

Um sich dann von der Euphorie tragen zu lassen?

In Österreich läuft das so. Wenn wir verlieren, sagen die meisten: Wir haben es eh gewusst. Wenn wir aber gewinnen, steht das ganze Land hinter dir. Das ist das Schöne an diesem Land: Du kannst irrsinnig schnell eine Begeisterung entfachen.

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Allzu große Euphorie scheint aber noch nicht zu herrschen. Gerade vermeldet die ÖFB-Homepage, für das nächste Länderspiel gegen Ungarn seien „schon“ 6000 Karten abgesetzt.

Noch einmal, der Österreicher will sich begeistern lassen. Nehmt nur die letzte WM-Qualifikation. Zum ersten Spiel kommen höchstens 20 000 Leute, weil jeder denkt, dass wir uns eh nicht qualifizieren. Für das letzte Spiel gegen Weißrussland, als wir nur noch einen Sieg gebraucht hätten, hätte man auch 200 000 Karten verkaufen können. Plötzlich will jeder dabei sein.

Die Entwicklung der österreichischen Nationalelf in den letzten Jahren wirkt, von außen betrachtet, wie ein hilfloses Herumwerkeln. Häufige Trainerwechsel, kein klares Konzept. Woran leidet die Nationalelf?

Die Mischung hat schon seit Jahren nicht mehr gestimmt. Es hört sich vielleicht ein bisschen brutal an, aber es verhält sich ja so: Seit zehn Jahren hat Wien keinen guten Fußballer mehr herausgebracht.

Das war früher anders.

Die Wiener waren immer die großen Techniker, der Prohaska, der Peter Stöger, auch meine Wenigkeit, wir waren keine Kampfmaschinen, wir haben die Kombinationen, das Scheiberlspiel, gepflegt. Wir waren Städter und auf dem Platz eher gemütlich. Die Salzburger, die Steirer waren dagegen eher Naturburschen. Die haben auch ganz gut Fußball spielen können, aber waren noch viel härter. Wenn wir zusammen gespielt haben, hat die Mischung gepasst.

Und nun fehlt die Wiener Inspiration?

Seit den 80er Jahren ist nicht nur in Wien in der Nachwuchsarbeit herumgeschludert worden. Keine konsequente Sichtung und Förderung. Wir haben uns lange damit herausgeredet, dass wir weniger Einwohner haben als England oder Deutschland. Aber das Argument zieht nicht mehr, schaut euch nur die Holländer an, die haben noch weniger Einwohner.
Was muss sich ändern?

Es gibt seit ein paar Jahren das Challenge Projekt. Ein Trainer bei jedem Bundesliga-Verein wird vom ÖFB bezahlt, damit der Coach mit den größten Talenten individuell trainiert und gezielt an den Schwächen arbeiten kann.

Ein Ausweis des Erfolgs wäre ja, wenn die geförderten Talente dann auch den Sprung in den Profifußball und in die Nationalelf schaffen.

Das tun sie ja. Wir hatten neulich vor einem Länderspiel einen Kader, in dem zehn Spieler entweder kein oder ein Länderspiel vorzuweisen hatten. Es ist uns also ernst mit dem Neuaufbau.

Keine verdienstvollen Routiniers, die den Jungen Halt geben?

Wir können jetzt nicht nur bis 2008 denken. Was bringt es uns, jetzt auf lauter 34-Jährige zu setzen, um dann nach dem Turnier einen Neuaufbau wagen zu müssen. Da setzen wir doch lieber gleich auf die Nachwuchsleute. Unter denen ist dann auch endlich wieder ein Wiener?


Hoffen wir es. Den Veli Kavlak haben wir zum Beispiel im Auge. Ein junger Mittelfeldmann mit türkischen Wurzeln, sehr talentiert, ist Jahrgang 1988 und spielt bei Rapid Wien. Leider hat der türkische Verband auch mitbekommen, dass der Junge was kann. Wir hoffen, er entscheidet sich für Österreich.

In Deutschland gab es vor und während der WM immer mal wieder Spannungen zwischen der Nationalelf und der Bundesliga, rund um die müßige Frage, wer nun von wem was lernen kann. Gibt es ähnliche Konflikte in Österreich?

Nein, wir gehen vernünftig miteinander um. Weder der ÖFB noch die Vereine haben den Fußball erfunden. Und eines müssen die Vereine wissen: Wenn die EM 2008 für Österreich, was ich natürlich nicht hoffe und nicht glaube, ein vollkommenes Desaster wird, wird die Bundesliga darunter leiden. Dann hat sich das Thema Fußball hierzulande erst einmal erledigt.

Manche Klubs scheinen sich der historischen Mission allerdings noch nicht bewusst zu sein. Bisweilen steht etwa in der Salzburger Startaufstellung kein einziger Österreicher.

Für die Bundesliga ist das Salzburger Experiment, wenn es langfristig angelegt ist, vielleicht ganz interessant, für die Nationalmannschaft weniger. Weil bei Salzburg tatsächlich nur Legionäre spielen.

Die alte Klage also: Legionäre behindern Talente?

Nein, nicht nur. Es ist doch so: Wenn gute Ausländer in der Bundesliga spielen, nützt uns das, weil die jungen Spieler sich an deren Leistung orientieren können und sich selbst verbessern. Aber oft wird wahllos auf dem internationalen Markt eingekauft, und die einheimischen Talente bekommen keine Chance. Das ist eine Katastrophe. Denn wir haben in Österreich nur etwa zehn richtig gute Talente von 18 bis 22 Jahren. Wenn von denen fünf auf der Bank sitzen, zwei sich verletzten und nur drei den Sprung schaffen, dann kannst du den Laden zusperren.

Ein Beispiel?

Nimm nur den Marc Janko von Salzburg. Der hat in der letzten Saison für Mödling 13 Tore gemacht, ist dann gewechselt und sitzt jetzt die ganze Zeit auf der Bank. Man schießt sich in Österreich gern selbst ins Knie.

Wie belastbar ist das Verhältnis zu Red Bull Salzburg? Ihre Beziehung zu Co-Trainer Lothar Matthäus gilt als dezent gestört.

Ich hab’ keine Probleme mit dem Lothar, er vielleicht mit mir. Ich habe unter ihm ja noch bei Rapid Wien gespielt, und seither denkt er, ich hätte absichtlich schlecht gespielt, damit er als Trainer rausfliegt. So ein Unfug. Hätte ich Probleme mit ihm gehabt, hätte ich ihm das ins Gesicht gesagt.

Zurück zu den Talenten: Setzt sich Qualität nicht am Ende doch durch?

Da kommen wir gleich zur nächsten Katastrophe. Die jungen österreichischen Spieler sind teilweise teurer als die Legionäre. Es kann doch nicht sein, dass sich ein 18-Jähriger, der gerade dreimal unfallfrei aufs Tor geschossen hat, gleich für Samuel Eto’o hält. Da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht.

Welchen Wert haben österreichische Talente denn auf dem internationalen Markt?

Eine ganz einfache Rechnung: Wenn ein Land bei keiner WM und keiner EM dabei ist, sinkt der Marktwert. Wir haben ein paar richtige Talente in Österreich. Hätten die einen tschechischen Pass, wären sie längst ein paar Millionen Euro wert.

Sie arbeiten als Josef Hickersbergers Assistent, waren für zwei Spiele selbst Aushilfstrainer. Ein Job, der Sie reizt?

Natürlich ist mein Fernziel, einmal als Nationaltrainer zu arbeiten. Aber nicht jetzt, der Job käme für mich zu früh. Ich bin auch noch viel zu nahe an der Mannschaft dran. Ich bin froh, dass ich als Hickersbergers Assistent arbeiten und nebenher ohne große Hatz den Trainerkurs machen kann.

Mit den meisten aktuellen Nationalspielern haben Sie noch zusammengespielt, wie schwierig war der Perspektivenwechsel?

Eine Frage der Gewöhnung. Ich kann jetzt nicht den unnahbaren Trainer mimen, das würde nicht funktionieren. Obwohl ich mir den Spaß mit Emanuel Pogatetz erlaubt habe. Der hat mit 18, 19 Jahren das erste Mal in der Nationalelf gespielt und war immer mit mir zusammen. Ich kann ihn irrsinnig gut leiden und war so eine Art großer Bruder für ihn. Beim letzten Spiel war ich dann plötzlich Trainer, der Pogatetz kommt und fängt gleich an zu reden „Du, Andi“, da hab’ ich ihn beiseite genommen und mit ganz ernster Stimme gesagt: „Pogerl, ab heute sind wir per Sie!“ Dem sind beinahe die Augen herausgefallen, ich habe ihn dann aber erlöst.

Sie haben in Ihrer Karriere viele Trainer gehabt. Wer hat Sie besonders geprägt?

Otto Rehhagel bei Werder Bremen. Die große Mannschaft um Dieter Eilts, Thomas Schaaf und Wynton Rufer hat er geformt und geprägt. Von seiner Art, mit Spielern umzugehen, sie zu motivieren, kann man sich viel abschauen. Und dann ist da natürlich noch Arsène Wenger…

…der Coach des FC Arsenal.

Ich saß neulich neben Wenger im Fernsehstudio und hab’ die ganze Zeit nur gedacht, welch ein Wahnsinn. Ich hab’ noch nie einen Menschen erlebt, der so klug, so reflektiert, so gentleman-like über Fußball redet. Dagegen wirkt alles, was du selbst sagst, auch wenn es klug ist, wie der reine Blödsinn.

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