23.09.2006

Andreas Herzog im Interview

„Man schießt sich selbst ins Knie“

Als Assistent von Hickersberger bereitet Andreas Herzog die österreichische Nationalelf auf die EM vor. Der Rekordnationalspieler über Wiener Techniker, Naturburschen aus der Steiermark und einen fassungslosen Emanuel Pogatetz.

Interview: Philipp Köster und Tim Jürgens Bild: Jaqueline Godany
Es gibt seit ein paar Jahren das Challenge Projekt. Ein Trainer bei jedem Bundesliga-Verein wird vom ÖFB bezahlt, damit der Coach mit den größten Talenten individuell trainiert und gezielt an den Schwächen arbeiten kann.

Ein Ausweis des Erfolgs wäre ja, wenn die geförderten Talente dann auch den Sprung in den Profifußball und in die Nationalelf schaffen.

Das tun sie ja. Wir hatten neulich vor einem Länderspiel einen Kader, in dem zehn Spieler entweder kein oder ein Länderspiel vorzuweisen hatten. Es ist uns also ernst mit dem Neuaufbau.

Keine verdienstvollen Routiniers, die den Jungen Halt geben?

Wir können jetzt nicht nur bis 2008 denken. Was bringt es uns, jetzt auf lauter 34-Jährige zu setzen, um dann nach dem Turnier einen Neuaufbau wagen zu müssen. Da setzen wir doch lieber gleich auf die Nachwuchsleute. Unter denen ist dann auch endlich wieder ein Wiener?


Hoffen wir es. Den Veli Kavlak haben wir zum Beispiel im Auge. Ein junger Mittelfeldmann mit türkischen Wurzeln, sehr talentiert, ist Jahrgang 1988 und spielt bei Rapid Wien. Leider hat der türkische Verband auch mitbekommen, dass der Junge was kann. Wir hoffen, er entscheidet sich für Österreich.

In Deutschland gab es vor und während der WM immer mal wieder Spannungen zwischen der Nationalelf und der Bundesliga, rund um die müßige Frage, wer nun von wem was lernen kann. Gibt es ähnliche Konflikte in Österreich?

Nein, wir gehen vernünftig miteinander um. Weder der ÖFB noch die Vereine haben den Fußball erfunden. Und eines müssen die Vereine wissen: Wenn die EM 2008 für Österreich, was ich natürlich nicht hoffe und nicht glaube, ein vollkommenes Desaster wird, wird die Bundesliga darunter leiden. Dann hat sich das Thema Fußball hierzulande erst einmal erledigt.

Manche Klubs scheinen sich der historischen Mission allerdings noch nicht bewusst zu sein. Bisweilen steht etwa in der Salzburger Startaufstellung kein einziger Österreicher.

Für die Bundesliga ist das Salzburger Experiment, wenn es langfristig angelegt ist, vielleicht ganz interessant, für die Nationalmannschaft weniger. Weil bei Salzburg tatsächlich nur Legionäre spielen.

Die alte Klage also: Legionäre behindern Talente?

Nein, nicht nur. Es ist doch so: Wenn gute Ausländer in der Bundesliga spielen, nützt uns das, weil die jungen Spieler sich an deren Leistung orientieren können und sich selbst verbessern. Aber oft wird wahllos auf dem internationalen Markt eingekauft, und die einheimischen Talente bekommen keine Chance. Das ist eine Katastrophe. Denn wir haben in Österreich nur etwa zehn richtig gute Talente von 18 bis 22 Jahren. Wenn von denen fünf auf der Bank sitzen, zwei sich verletzten und nur drei den Sprung schaffen, dann kannst du den Laden zusperren.

Ein Beispiel?

Nimm nur den Marc Janko von Salzburg. Der hat in der letzten Saison für Mödling 13 Tore gemacht, ist dann gewechselt und sitzt jetzt die ganze Zeit auf der Bank. Man schießt sich in Österreich gern selbst ins Knie.

Wie belastbar ist das Verhältnis zu Red Bull Salzburg? Ihre Beziehung zu Co-Trainer Lothar Matthäus gilt als dezent gestört.

Ich hab’ keine Probleme mit dem Lothar, er vielleicht mit mir. Ich habe unter ihm ja noch bei Rapid Wien gespielt, und seither denkt er, ich hätte absichtlich schlecht gespielt, damit er als Trainer rausfliegt. So ein Unfug. Hätte ich Probleme mit ihm gehabt, hätte ich ihm das ins Gesicht gesagt.

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